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Meine frühesten Erinnerungen verknüpfen sich mit dem großelterlichen Haus
in Eupen. Von dem Elternhaus, wo ich geboren bin, habe ich nie eine Anschauung
bekommen.
Als ich am 27. November 1849 in Saarlouis auf dieser Welt ankam, war mein
Vater dort Civil- und Garnisonsprediger. Er war noch nicht lange dort, meine
ältere Schwester ist in Malmedy auf dem Hohen Venn nicht weit von Eupen am 3.
Mai 1848 geboren, wohin die Eltern sich verheiratet hatten im Jahre 1847 am 21.
Juli.
Zunächst einiges über die Eltern und ihre Familien:
Mein Vater, Johann Friedrich Höhndorf ist geboren zu Helbra am 26.
Februar 1815. Sein Vater war der Anspänner Johann Friedrich Höhndorf, die
Mutter Johanna Elisabeth geb. Pasemann. Durch die Kriegsjahre und
Familienunglück waren sie sehr bedrängter Lage. Gegen Französisch hatte mein
Vater stets einen gewissen Widerwillen, der ihm zu Hause eingeflößt worden
war.. Er war der Älteste von 7 Geschwistern. Durch die große Kinderzahl wurden
die Verhältnisse der Großeltern noch schwieriger. Vater war ein sehr
schwächliches Kind, die ersten 5 Jahre fast immer krank. Als er zur Schule kam,
wurde er kräftiger, wurde aber oft durch "Kopfgicht" geplagt und am
Lernen gehindert.
In seinem 11. Jahre wurde er durch eine Unvorsichtigkeit mit einer Heugabel
an der linken Hand verwundet. Die kleine Wunde wurde sehr schmerzhaft, der Arm
schwoll unmäßig an, die Schmerzen im Kopf aber waren von da an verschwunden.
Der Knabe musste 1/4 Jahr lang das Bett hüten; als er genas, war die linke Hand
ganz gelähmt und der kleine Finger verkrümmt. Er war dadurch zum Bauer
verdorben. Er besuchte wieder die Schule bis zum 14. Jahre. Durch die Hilfe des
Pastor Uhle in Helbra gelang es ihm, auf das Dom-Gymnasium in Magdeburg zu
kommen. Er rechnete auf Unterstützung seitens seiner Verwandten. Ein Bruder
seines Vaters war dort Sattlermeister. Durch die unteren Klassen der Schule kam
er schnell hindurch, schon als Tertianer gab er Rechenstunden, aber er konnte
sich nur kümmerlich erhalten, oft nicht die nötigsten Bücher beschaffen. In
Tertia fasste er den Entschluss zu studieren. Der Plan Lehrer zu werden, musste
der steifen Hand wegen aufgegeben werden, da er keine Musik treiben konnte.
Seine Lage wurde wieder drückender, als der Vater an der Schwindsucht
erkrankte, und er von zu Hause keinerlei Unterstützung mehr erhalten konnte.
Aber von anderer Seite wurde ihm eine Hilfe zuteil. Er wurde von einer Familie
Peters aufgefordert, zu ihnen zu ziehen, um ihren Sohn, einen Mitschüler, zu beaufsichtigen
und ihn bei seinen Arbeiten zu unterstützen. Dafür hatte er freie Wohnung und
andere kleine Vorteile. Der Mitschüler wurde Vaters Freund, und nach 20 Jahren
ist er in seines Freundes Pflege und Wohnung gestorben.
Als er in der Prima war, starb sein Vater, und er war nun ganz und gar auf
sich angewiesen. Aber mit viel Entbehrungen und Fleiß setzte er es durch, die
Schule durchzumachen. Von Berlin bekam er "von einem mir nur sehr entfernt
bekannten Manne" die Aufforderung, in Berlin zu studieren; er erhielt bei
demselben freie Wohnung und das Versprechen, für ihn zu tun, was er vermöge.
Wer der Mann war, weiß ich nicht. Mutter hat mir erzählt, dass er während der
Universitätszeit bei einem Schüler eine Mentorstelle gehabt habe; von dem
Vater des Schülers habe Vater die goldene Uhr als Andenken erhalten, die ich
lange Zeit getragen habe.
Von Vaters Studentenzeit ist mir nichts bekannt, aus seinen Exmatrikeln habe
ich nur ersehen, dass er z.T. dieselben Professoren als Lehrer hatte, die ich
hernach in den Jahren 1868/69 hörte, so Hengstenberg, Trendelenburg. Er hat von
1837 bis 1840 studiert. Am 23. März 1841 machte er das erste Examen, am
21.Oktober 1842 das zweite theol. Examen. Am 8. März 1843 machte er das Examen
pro rectorate. Im Januar 1843 bewarb er sich um eine Predigerstelle in
Konstantinopel, die er aber nicht erhielt. Er wurde dann Hilfsprediger bei
Pastor Döring an der lutherischen Gemeinde in Elberfeld und stand dort
noch in gutem Andenken, als ich später in Elberfeld war. Er scheint im Dezember
1843 nach Elberfeld gekommen zu sein.
Am 1. Dezember 1843 hat ihm der Staatsminister und General-Postmeister Nagler
einen "Postfrei"-Pass von Berlin nach Elberfeld ausgestellt. Ich fand
zwei Reisepässe, charakteristisch für die damalige Zeit, die ein genaues
Signalement Vaters enthalten. Der erste ist aus dem Jahre 1839, also seiner
Studienzeit, er wird aber Predigtamtskandidat tituliert. Er reist mit seinem
Schüler (cf. oben) Ernst Schmidt 15 J. alt, aus Paris gebürtig, zum Vergnügen
über Frankfurt/ Oder nach Liegnitz, Görlitz, Dresden, Leipzig. Der andere Pass
ist aus dem Mai 1844 zu einer Reise über Magdeburg nach Berlin, er ist da vom
22. - 30. Mai in Helbra gewesen und über Erfurt nach Frankfurt gegangen. Nach
dem Signalement war er 5 Fuß 9 oder 10 Zoll groß, Haare braun, Augen blau, und
trug einen Bart, braun oder blond.
In Elberfeld war Vater mit einem Pastor Krummacher zusammen (wohl an d. ref.
Kirche?), der im Jahre 1850 in Berlin an der Dreifaltigkeitskirche war und Vater
beerdigt hat.
Als ich einmal in Wupperfeld predigte, kam ein alter Mann aus Elberfeld nach
dem Gottesdienst zu mir in die Sakristei: er habe in der Zeitung meinen Namen
gelesen, war dann nach Wupperfeld gekommen um zu sehen, ob ich der Sohn des
früheren Hilfspredigers Höhndorf sei, den er immer noch sehr verehrte.
Wann Vater von Elberfeld nach Malmedy gekommen ist, habe ich nicht
feststellen können. Jedenfalls war er 1847 schon längere Zeit dort. Er war
Pfarrer an der Diasporagemeinde Malmedy mit dem Filial in St. Vith - beide Orte
südlich von Eupen an der belgischen Grenze auf dem Ausläufer der Eifel, damals
von allem Verkehr weit abgelegen, heute durch verschiedene Eisenbahnen dem
Verkehr erschlossen. In St. Vith hat Vater ein Kirchlein gebaut, wozu er
das Geld zusammenkollektierte, auch nach seiner Verheiratung im Jahre 1847 hat
er noch eine Kollektenreise gemacht.
1847 lernte er in Eupen Mutter im Hause des Dr. von Velsen
kennen. Dieser und seine Frau waren ernste Christen, mit denen Vater
geistesverwandt verkehrte; ebenso Mutter, die in ihrer Umgebung im Elternhaus
und bei ihrem Pfarrer Michels wenig Verständnis für ihren Standpunkt fand. Ehe
ich aber von der Verlobung und Verheiratung der Eltern berichte, noch einige
Notizen über Vaters Familie. Vater war der Älteste von 7 Geschwistern.
- Vaters ältester Bruder war Wilhelm, der den väterlichen Hof
erbte, blieb in Helbra. Seine Kinder sind:
a) Tochter Wilhelmine Weitzel in Thondorf bei Mansfeld.
b) Fritz, gest. als Lehrer in Naumburg. Er hinterließ 2 Söhne und 2
Töchter.
c) Anna Grosse, Frau eines Kaufmanns in Thale/Harz.
d) Wilhelm, früher Kaufmann in Eisleben, dann in Jena.
e) Ferdinand, Gärtner in Helbra.
f) Emilie Böhme, Frau des Gastwirts Böhme in Helbra.
g) Johanna Enke, Frau des Steigers Enke in Eisleben.
- Vaters Schwester Friederike (Riekchen), der Vater am nächsten
stand, heiratete den Postschaffner Roecke, sie wohnten in Magdeburg,
wo ich als Student sie öfter aufsuchte. Später wohnten sie in Halle und
Braunschweig. Sie hatten 3 Kinder:
a) Pauline, verheiratet mit dem Kammerdiener des Prinzen
Albrecht-J.-Ferdinand, erst in Berlin, wo ich als Student viel bei ihnen
verkehrte, dann in Hannover, zuletzt in Braunschweig.
b) ? , heiratete den Tischlermeister Pohley in Berlin, ist früh verstorben.
c) Julius, wurde Chemiker, war Zuckerdirektor in der Nähe von
Teutschenthal, dann in Grevenbroich im Rheinland und zog dann nach
Braunschweig.
- Johanna, heiratete den Buchbinder Krause in Halle. Sie hatten 3 Kinder:
a) Wilhelmine, heiratete den Lehrer Müller in Berlin, zog nach seinem Tode nach
Halle zurück und nährte sich von dem Vermieten von Stuben.
b) Eduard, Buchbinder und Papierhändler in Halle in der Geiststraße.
c) Auguste, verheiratet an einen Bäckermeister.
- Ferdinand, Bäcker in Nebra, hatte 2 Töchter:
a) Franziska, verheiratet mit Glasermeister Wille in Halle, ohne Kinder, jetzt
in Quetz bei Bitterfeld.
b) Marie, verheiratet mit dem Fleischermeister Fr. Kuhnt aus
Wiehe, verwitwet in Wiehe, Tochter Marie.
- August, ging nach Ungarn - ich glaube er war Stellmacher -, kinderlos.
- Karl, war Lehrer in Radewell bei Ammendorf ,stand Vater nahe, hat ihn auch in
Magdeburg und Saarlouis besucht, lebte damals als Emeritus in Delitzsch. Seine
Kinder:
a) Anna, Frau des Kaufmanns Gebhard in Weissenfels.
b) Karl, verst. Lehrer in Halle.
c) Emma, verw. Hoppe in Naumburg/Saale.
d) Paul, Gastwirt in Berlin.
e) Hugo, Koch in Amerika.
f) Fritz, Rektor in Dölau bei Halle/Saale.
g) Herrmann, Koch in Amerika.
h) Martha, verheiratet an Bäcker und Konditor Deutschmann in Erfurt. Dieser
hatte 14 Kinder, von denen 6 ganz klein starben.
Von Mutters Jugend weiß ich wenig. Ihre Eltern waren Bernhard Georg
von Scheibler, Spinnereibesitzer in Eupen, und Maria Amalie von
Scheibler, geb. von Scheibler.
Mutter ist geboren am 22. August 1819, sieben Jahre nach ihrem einzigen Bruder
Bernhard Christian von Scheibler in Eupen.
Zunächst einige Notizen über das Scheiblersche Geschlecht nach dem Stammbaum
der Scheiblerschen Familie, 1791 in Mülheim bei I.C. Eyrich.:
- Der Stammvater ist Johannes Scheibler, Kaufmann und Bürgermeister zu
Gemünden in Niederhessen in der Grafschaft Ziegenhain, geboren 1529. Gemünden
liegt an der Wohra, westlich von Treysa, nord-östlich von Marburg.
- Sein Sohn Johannes Scheibler, Magister zu Arnsfeld im Waldeckschen, geb.
1553, heiratet Elisabeth Schmandt aus Gemünden, beide an der Pest gestorben
1597.
- Christoph Scheibler, geboren 7. Dez. 1589 zu Arnsfeld, früh verwaist, auf
Pädagogium zu Marburg, mit 14 Jahren auf Universität Giessen, mit 18 Jahren
Magister. mit 21 Jahren Professor der griech. Sprache; 1625 Superintendent und
Gymnasialdirektor in Dortmund, gest. 1653, in der St. Reinoldikirche begraben.
Sein Bild hängt in meiner Stube in dem schön geschnitzten Rahmen (jetzt bei
Erich in Berlin). Von ihm ist verfasst:
Aurifodina Theologica od. Theolog. Goldgrube, die in meinem Besitz,
Schweinslederband in Großfolio. In diesem Werke Seite 1765 ff seine
Lebensbeschreibung.
Er war verheiratet mit Ursula Rosbecker aus Speyer, hatte 6 Söhne und 3
Töchter. Von seinen Nach-kommen waren viele Geistliche und Juristen, ein Enkel
verpflanzte die Familie nach Pommern.
Das 8. Kind des Christoph Scheibler ist:
- Magister Johannes Scheibler, geb. am 17. März 1628, war Professor zu
Giessen, nachher Pastor in Lennep, war Generalinspektor im Jülisch-Bergischen
Ministerio (Generalsuperintendent). Er heiratet 1651 in Giessen Catharina
Haberkorn. Hernach war er Pastor an St. Marien in Dortmund, gest. 1689. Er hatte
Söhne und 6 Töchter. Vier Söhne waren Theologen. Das 11. Kind war
- Magister Bernhard Georg Scheibler, geb. 1674, gest. 1743. Er war Pastor in
Volberg 1701, 1730 auch Superintendent im Oberbergischen, verheiratet mit Joh.
Cath. Wittenius. Er hatte 9 Kinder, das 3. ist:
- Johann Heinrich Scheibler, geb. 1705, gest. 1765. Sein ältester Bruder sowie
dessen Sohn waren Pastoren in Volberg - er aber widmete sich der
"Handlung", wurde Tuchfabrikant in Montjoie (Monschau), verheiratet
mit Agnes Offermann. Sein Sohn, der Älteste von 11 Geschwistern, ist:
- Bernhard Georg Scheibler, geb. 1724, gest. 1786, verheiratet mit Clara Maria
Moll aus Hagen. Er war Fabrikant in Montjoie, gründete auch Tuchfabriken in
Hagen und Herdecke. Friedrich der Große, der schon einen jüngeren Bruder
seines Vaters als Werkmeister an die Königl. Tuchfabrik nach Berlin gerufen hatte, stellte ihm 1752 einen Freibrief aus, wonach er und seine Arbeiter nicht
als Soldaten eingezogen werden sollten. Am 15. März 1782 wurde er von seinem
Landesherren, dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, geadelt. Abschrift der
Urkunde in dem Wappenkasten (jetzt bei Erich in Berlin). Sein Sohn ist:
- Johann Christian, geb. zu Hagen 1754, gest. am 20. Januar 1787. Heiratet 1782
Anna Elisabeth Hezler aus Frankfurt. Ihre Bilder (in den ovalen Rahmen) sind in
Erichs Besitz. Er wurde am 4. April 1783 von Kaiser Josef II. in den österr.
Adelsstand erhoben. Aus der Ehe sind 4 Kinder geboren:
a) Bernhard Georg, geb. zu Montjoie 18. Juni 1783, mein Großvater. Er hatte 3
Schwestern:
b) Clara, geb. 1784, verheiratet mit Kaufmann Du Mont in Frankfurt
c) Elise, geboren 1786, verheiratet mit Weingroßhändler Mumm in Frankfurt. Sie
war die Patin meiner Mutter, die von ihr einige Silbersachen erbte, so die Tee-,
Milch- und Kaffeekanne, die wir gebrauchen.
d) Caroline, geboren 1787 nach dem Tode ihres Vaters, verheiratet mit Prof.
Monard in Bonn, dessen Bild (mit der Feder in der Hand) in meiner Stube hängt.
Wann Großvater nach Eupen gekommen ist und dort die Streichgarnspinnerei
angefangen hat, weiß ich nicht. Er heiratete seine Cousine Amalie von Scheibler
(Tochter des Bernhard Paulus von Sch., geb. am 8. Nov. 1789, jüngerer Bruder
von Joh. Christian von Sch. (Nr. 8) am 18. Juni 1807. - Ein dritter Sohn von Nr.
7, Bruder von Joh. Christian und Bernhard Paulus ist Karl Wilhelm, der 12. von
13 Geschwistern, geboren 1772, gest. 1843, war österr. General und hat die
Feldzüge 1792 - 1814 mitgemacht. Meine Großmutter war die 5. von 9
Geschwistern:
- Der Älteste war Bernhard, geb. 1785, war Landrat in Eupen, heiratete
Magdalene Paulus, die katholisch war. Er starb früh, und die Mutter machte die
drei Kinder katholisch. Der Älteste war Landrat in Montjoye, hieß Bernhard und
heiratete Henriette Nettessen aus Aachen. Er wird am 12. Februar 1870 in den Freiherrenstand
erhoben durch König Wilh. I.. Ein jüngerer Bruder starb als
Referendar, eine Schwester Bernhardine blieb unverheiratet, uns eine liebe
Tante.
- Gust. Adolph von Scheibler, geb. 1787, heiratete Helene Pastor, sie wohnten
in dem Haus mit dem Türmchen auf dem Goldnen Hochzeitsbild, das Tante Pauline
gezeichnet hat und das in meiner Stube hängt. Bei der Tante Lenche bin ich als
Kind viel gewesen. Sie hatten drei Kinder, eine Tochter, die Frau des Pastors
Michels in Eupen, einen Sohn Gustav, der unverheiratet in Wiesbaden 1895
gestorben ist, und eine Tochter Lenchen, in der Familie als "LenchenFisch"
bekannt, weil sie bei allem, was ihr unsympathisch war, "Fisch"(pfui)
sagte.
- Sophie Luise, verheiratet mit Weinhändler Mauskopf in Frankfurt.
- Amalie, meine Großmutter, geb. 8. Nov. 1789.
- Elise, verheiratet mit Kaufmann Korn in Saarbrücken, Mutter von Onkel
Bernhards Frau Pauline und ihrer Schwester Natalie, der Frau Karcher, Mutter von
Natalie und Pauline von der Becke. Tante Elise Korn war meine Patentante. Von
ihr hatte ich die goldene Uhrkette, die Fritz bekam.
- Karoline Therese, verheiratet in erster Ehe mit Karl Schmidtborn in
Saarbrücken, in zweiter Ehe mit Kaufmann J.H. Schneider in Saarbrücken, die
Mutter von Frau Fremerey in Eupen und der Frau Dr. Schmidtborn in Saarbrücken.
Eine Tochter aus erster Ehe war Frl. Emilie Schmidtborn, Mutters intimste
Freundin, die viel bei uns in Eupen war. (Sie hatte noch zwei Schwestern, - eine
Julie Frau von Woyna und Henriette Frau Cockeville, von denen ich nur den Namen
kenne).
Mutter ist in frühen Jahren nach Neuwied in eine Pension der Herrenhuter
Gemeinde gekommen, ist dort auch am 26. März 1834 konfirmiert, vor ihrem
Austritt aus der Anstalt. Sie hat dort ernstchristliche Eindrücke empfangen,
die ihr für ihr ganzes Leben blieben. Sie war längere Zeit im Haus ihrer
Patentante Frau Mumm in Frankfurt, die sie sehr liebte. Dort trat sie dem
Pfarrer Bonetom der franz. Gemeinde, einem Schweizer, näher, der die in Neuwied
empfangenen Eindrücke vertiefte undmit dem sie bis zu seinem Tode verbunden
blieb. Auch ihren Onkel und Tante Monard in Bonn liebte und schätzte sie sehr.
Die erste Berührung zwischen Vater und Mutter scheint in dem Jahre 1846/47 im
Winter stattgefunden zu haben, sie haben dann einige Briefe gewechselt und sich
am 6. April 1847 verlobt. Ihr Brautstand währte nur kurze Zeit, am 21. Juli
1847 fand die Hochzeit statt. In der Brautzeit haben sie je 62 Briefe
geschrieben. Einige Blicke hinein zeigen großes Glück und viel Zärtlichkeit.
Mitteilungen von Tatsächlichem habe ich wenig darin gefunden. Am 18. Juni ist
ihr gemeinsamer Freund Dr. v. Velsen schon tot, seine Frau zieht nach Schwelm zu
einer Tochter.
In der Brautzeit hat Vater den weiten, beschwerlichen Weg von Malmedy nach Eupen
öfter gemacht, teils zu Fuß, teils zu Pferd, das er sich wohl von einem
Freunde lieh. Öfter wird der Adjudant (ohne Namen) und der Zollinspektor
Krüger Velthusen erwähnt, - mit letzterem haben wir in Düsseldorf, wo er
Vorsteher des Hauptzollamtes war, oft verkehrt. Sein Sohn war ein bekannter
extrem liberaler Pfarrer der Rheinprovinz.
In der Zeit des Brautstandes schwebten Verhandlungen über eine Versetzung
Vaters nach Köln, die aber nicht zu dem erwünschten Ziele führten. Ebenso war
eine Probepredigt in Bonn im Jahre 1848 nicht von dem erwünschten Erfolg. Im
September 1848 schreibt der Militäroberpfarrer Thielen aus Koblenz an Vater
über die vakant werdende Stelle in Saarlouis - am 24. Februar 1849 ist Vater in
Saarlouis - ob zu einer Probepredigt? - und im Juni 1849 fand wohl die
Übersiedlung statt, wobei Mutter Vater nicht zur Seite war, da sie in Eupen
durch Krankheit ihres Vaters festgehalten wurde. Überhaupt waren die Ehegatten
während ihrer kurzen Ehe oft und lange getrennt. 1847 im Dezember ist Vater in
Düren, Köln, Bonn, Frankfurt, wohl auf Kollektenreise, Mutter war bis Mitte
Februar 1848 in Eupen wegen Krankheit ihrer Mutter - also selbst über Weihnachten
- ebenso vom 21. August bis 30. September 1848 und wieder im Sommer
1849 von April bis Juni. Im Jahre 1850 war Mutter vom 5. Juni bis 3. Juli mit
ihren beiden Kindern in Saarbrücken, weil meine Schwester und ich den
Keuchhusten hatten und der Arzt Luftveränderung empfohlen hatte. Meine
Schwester war am 3. Mai 1848 in Malmedy geboren, ich am 27. November 1849. So
waren wir beide noch sehr klein und zart, scheinen uns aber dort sehr gut erholt
zu haben.
Im September 1850 reiste Vater mit Mutter und uns beiden Kindern über Bonn nach
Eupen. Sie fanden in Bonn Monards nicht, wie sie gehofft, - sie waren verreist.
Von dort schrieb Vater seinen letzten Brief an seine Schwiegereltern. In Eupen
hat er dann den letzten Abschied von seiner Frau und Kindern genommen. Sein
letztes Wort, als er in die Post stieg, sei gewesen, so hat Mutter uns oft
erzählt: "Maria, sei nicht schwach gegen die Kinder." Ahnungsvoll,
obschon er ganz gesund bald zurückzukehren hoffte.
Er reiste über Köln nach Magdeburg zu seiner Schwester Roecke, ging von dort
nach Halle und Helbra zu seinem Bruder Wilhelm und seiner Mutter, die er dann
mit nach Magdeburg nahm. Von dort aus besuchte er die luth. Konferenz in Gnadau,
worüber er sehr befriedigt ausführlich seiner Frau berichtete. Er fuhr dann am
28. September von Magdeburg nach Berlin. Zweck seiner Reise sei gewesen, hat
Mutter erzählt, Verhandlungen mit dem Feldprobst wegen Versetzung nach Berlin.
In den Briefen findet sich darüber nichts.
In Berlin stieg er in der Wohnung seines Freundes H. Peters, Cand. Theol. und
Lehrer in der Artilleriestr. 15 ab. Beide waren seit der Magdeburger Schulzeit
20 Jahre lang befreundet, hatten auch in Berlin zusammen studiert. Sie hatten
sich viele Jahre nicht gesehen, und so war die Freude des Wiedersehens groß.
Die Wirtin des Herrn Peters richtete für ihn eine kleine Stube ein, wo er
logieren wollte. Am Sonnabendabend, 28.9., machte er mit seinem Freunde noch
einige Besuche, so bei einem Vater befreundeten Maler Hartmann, der aber
verreist war. Er hat nachher das Bild von Vater in Aquarell gemalt.
Zuletzt suchte er den Königl. Stallmeister A. Fürstenberg auf. Er hatte von
dem ihm befreundeten Herrn Galhault in Wallerfangen bei Saarlouis den Auftrag,
den Ankauf von 2 Pferden zu besorgen. Der Kauf wurde verhandelt, und Vater
schrieb darüber am Sonntag an Herrn Galhault seinen letzten Brief auf Erden.
Den hat Mutter aufgewahrt. Die Pferde aber hat Herr G. im Andenken an Vater
lange gepflegt. Als ich im Jahre 1874 durch Wallerfangen (auf einer Reise an die
Mosel und in die Pfalz) kam, habe ich sie noch im Stalle des Herrn G. gesehen,
wo sie das Gnadenbrot erhielten.

Johann Friedrich Höhndorf, starb an der Cholera
Am Sonntagmorgen ist Vater zu Pastor Krummacher in die Dreifaltigkeitskirche
gegangen, ging dann wieder zu Herrn Fürstenberg und mit diesem zu verschiedenen
Leuten wegen des Pferdehandels. Er besuchte dann Professor Petermann und kehrte
nachmittags zu seinem Freunde zurück. Er ging dann in die Garnisonkirche, wo
der Missionar Gützlaff aus China predigte. Hier sprach er nach dem Gottesdienst
noch Herrn Hofprediger Strauss und seinen Sohn, Prediger Strauss, , beide auch
später mit Mutter befreundet. Bei dem Sohn, später Garnisonprediger in Berlin,
habe ich als Student viel verkehrt. Um 8 Uhr ist er von dort zu dem Grafen
Lüttichau, dem Kommandant von Saarlouis ins Hotel de Prusse gegangen. Er hatte
ihn auf der Reise schon in Köln getroffen und war mit ihm von Köln bis Minden
gereist, hatte ihn Sonnabend besucht, aber nicht getroffen. Er blieb bei ihm
bis 10 Uhr, er hat dort schon über Schmerzen im Leib geklagt. Er bekam zu Hause
heftigen Durchfall, sein Freund kochte ihm Tee, er schwitzte, als der schnell
herbeigeholte Arzt, San.Rat Batz, kam, traten Symptome der Cholera ein,
Krämpfe, Erbrechen. Die Krämpfe nahmen zu, bald im ganzen Körper, doch lag
er still, Senfpflaster auf Magen und Brust linderten die Beklemmungen. Um 4 Uhr
schlief er ein, atmete ruhig, so dass sein Freund hoffte, die Gefahr sei
vorüber. Um 5 Uhr stand der Atem plötzlich still - am 30. 9. 1850. Ohne eine
Zuckung, ohne Schmerz war er hinübergeschlummert. Seit 2 Uhr nachts hatte Vater
das Bewusstsein, dass es zum Sterben kommen könne. Er klagte über seine arme
Frau und seine armen Kinder, die so weit weg seien. "O Gott, erbarme dich
meines armen Weibes!" seufzte er. Aber er hatte, wie sein Freund schreibt,
den Trost im Glauben an seinen Heiland, die Gewissheit seiner Gnade.
Der Onkel aus Magdeburg, Sattlermeister Höhndorf, kam am nächsten Tage nach
Berlin. In seiner Gegenwart wurde die Leiche in den Sarg gelegt und in eine
Kapelle der Dreifaltigkeitskirche überführt. Hier blieb sie bis zum 16.
Oktober, da über die Überführung der Leiche nach Eupen verhandelt wurde. Als
diese aus sanitären Gründen abgelehnt worden war, wurde die Beerdigung am 16.
Oktober 3 Uhr nachmittags auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof (vor dem Halleschen
Tor ganz hinten in der Ecke rechts) gehalten. Pastor Krummacher hielt ihm die
Leichenrede.
Über den Eindruck, den die Trauerbotschaft auf Mutter machte, habe ich keine
Nachricht, aber ihr ganzes Leben seitdem stand unter dem Eindruck dieses
größten Verlustes ihres Lebens. Sie hat nie die Trauerkleidung ganz abgelegt,
ganz fröhlich habe ich sie nie gesehen.
Mutter erfuhr viele Beweise herzlicher Teilnahme. In Malmedy wurde ein
Trauergottesdienst der Gemeinde veranstaltet, aus Saarlouis erhielt sie
Trauerkundgebungen der Gemeinde. Eine Rede des Herrn von Egidy (wohl des
Schulleiters) bei Eröffnung der Schule am 8. Oktober schickte dieser an Mutter.
In ihr wird Vaters Arbeit in der Gemeinde den Kindern vor Augen gestellt:
"Mit frommer Andacht erfüllte seine Predigt die Ge-meinde. Die armen
Gefangenen sahen einen treuen christlichen Freund in ihm, den seine reine
Menschen-liebe sonntäglich in ihre traurigen Zellen führte, wo er Erleuchtung
und Freude verbreitete. Den Leidenden im Krankenhaus und in den Hütten der
Armut war er mit geistigem und leiblichem Trost nahe. In seinen Bibel-stunden
verbreitete er Licht und Erbauung. Doch vor allem andern hing an euch, liebe
Kinder, hing an der Schule sein Herz mit Vorliebe und Freude" etc....
Rührend sind mir vor anderen zwei Trostschreiben der Militärstrafabteilung mit
37 Unterschriften, die ihre Verehrung und Liebe für ihren verstorbenen
Seelsorger aussprechen.
Mutter war nun wieder äußerlich ganz von ihren Eltern abhängig. Sie erhielt
nur eine jährliche Witwenpension von 40 r.Gold = 136 Mark. Vater hatte den
Einkauf in die Kgl. Preuß. Allgemeine Witwenverpflegungsanstalt aus
Sparsamkeitsrücksichten 1/2 Jahr hinausgeschoben. Da die Kasse im ersten Jahr
nach Einkauf nichts, im zweiten Jahr die Hälfte und im dritten Jahr erst den
vollen versicherten Beitrag zahlte, erhielt Mutter über 30 Jahre nur die
Hälfte, statt 272 nur 136 Mark Außerdem erhielt sie durch allerhöchste Order
vom 13. Mai 1852 zur Erziehung ihrer Kinder für jeden Knaben 30, für die
Tochter 24. r.G., zusammen 84 = 252 Mark bis zum vollendeten 17. Lebensjahr der
Kinder. Da Mutter mit diesen Mitteln nicht leben konnte, nahmen die Großeltern
sie wieder bei sich auf.

Marie Luise Höhndorf, geb. von Scheibler
Diese bewohnten das Haus in Eupen, welches auf dem Goldenen Hochzeitsbild unten
rechts abgebildet ist. Im Erdgeschoss wohnten Onkel Bernhard und Tante Pauline,
in der ersten Etage die Großeltern. In der zweiten Etage erhielt Mutter
vorneheraus drei Stuben, eine Schlafstube für sich, eine für uns Kinder und
eine Wohnstube - das letzte Fenster über dem Torweg war das Fremdenzimmer der
Großeltern. Unsere Stuben hatten Gitter von Holz, um uns Kinder vor dem
Herausfallen zu bewahren. An denen haben wir als kleine Kinder oft gestanden und
auf die Straße hinuntergesehen. (s. Ende von Eupen 1861).
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