1852


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Ich finde die Aufzeichnungen Mutters über ihre drei Kinder vom 12. Januar 1852. Da heißt es: Elisabeth ist am schwersten zu lenken. Sie hat ein liebendes Gemüt mit Verstand geeinigt, indessen auch einen grenzenlosen Leichtsinn und einen großen Hang zum Ungehorsam. Strafen nützen bei ihr wenig, da sie sie leicht vergisst; überhaupt ist sie schnell verdrießlich und weint und schreit bei jeder Kleinigkeit. Was mich aber freut ist, dass sie sehr nachgiebig und selten eigensinnig ist, bei fester ruhiger Vorstellung gewinnt man sie gleich. Ich suche sie, sooft ich kann, zum Herrn hinzuweisen und ihr ihr Vergehen als strafbar vor ihm begreiflich zu machen. Ihr Gedächtnis ist gut, denkt sie nach, so lernt sie leicht auswendig, am Französischen hat sie aber wenig Freude (3 Jahr 8 Monate alt!). Ihres guten Vaters erinnert sie sich nicht mehr, rührt mich aber oft durch ihr kindliches Fragen. So sagte sie mir heute: "Mama, hat Papa auch eine Frau im Himmel? Ich glaube, Tante Natalie ist jetzt dort die Frau von Papa." (Frau Natalie Karcher, Schwester von Tante Pauline, Mutter von Natalie und Pauline von der Becke, die bei Paulines Geburt gestorben war). Als ich sie vorhin fragte, warum sie heute so unartig sei, erwiderte sie: "Weil ich nicht genug an den lieben Gott gedacht habe." O Herr, segne und pflege diese schwachen Keime.
Fritz (2 Jahre, 1 1/2 Monate alt) ist ein liebes, interessantes Kind, ein kleiner Herzensdieb, der alle für sich gewinnt, voller Leben und Lust. Er hat ein äußerst liebendes, zärtliches Gemüt, viel Verstand und ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis. Kaum zwei Jahre alt kann er schon eine Menge kleiner Gedichte, die er spielend gelernt hat, auswendig. Ist er allein, so spielt er ganz nett, indessen hat der kleine Kerl eine Willenskraft und eine Heftigkeit manchmal, dass man zittern möchte und ich meinen lieben Mann dann doppelt schmerzlich vermisse. Seit einiger Zeit gibt er indessen leichter nach, einige strenge Strafen haben bei ihm genützt. Gegen Elisabeth ist er herrschsüchtig und nimmt ihr alles ab, wo diese dann schreit, ohne sich zu wehren, so dass ich oft einschreiten muss. Er klettert wie ein Eichhörnchen, so dass er sehr oft fällt und meist blaue Flecken hat. Der Herr behüte ihn nur vor Unglück. Gegen andere Kinder seines Alters ist er sehr vorgerückt. Welche Freude würde sein Vater an dem kräftigen, lieben kleinen Kerl jetzt haben!

Paul (9 Monate alt), mein kleines Herzblättchen, mein kleiner Benjamin, ist meines Herzens Freude, ein schönes, kräftiges Kind. Seine kleinen funkelnden Augen verkünden schon Geist und Leben. Er hat schon 5 Zähne und ist, obgleich nicht dick, so kräftig, dass er - noch nicht 9 Monate alt - allein am Stuhl steht. Sein Gesichtchen ist rund, leider nicht mehr seinem Vater ähnlich. - Später am 1. Februar: Mehr als alles andere wünsche ich, dass er (Fritz) recht fromm und brav werde; kennt und liebt er den Herrn, so ist er geborgen. Herr, mache die lieben Kinder nur recht früh zu Deinem Eigentum! - Am 17. April: Elisabeths Hang zu Ungehorsam und flüchtigem unsteten Wesen nimmt immer nicht ab; sie ist schwer zu leiten; da sie sehr gutmütig ist, muss man sie doch liebhaben, meinem Mutterherzen ist sie natürlich unendlich teuer. .....Fritz ist ein köstliches Kind, ein solch liebendes Gemüt und schon ein so reges Bedürfnis nach dem Himmlischen, dass es mir oft unheimlich dabei wird und ich immer den Herrn bitten muss, diese herrliche Pflanze zu erhalten. Mit einem freundlichen bestimmten Zureden kann man alles von ihm erlangen, und seine frühere Heftigkeit zeigt sich auch nicht mehr. Ist er einmal unartig und man droht ihm nur, so ruft er gleich: "Ich will lieb sein!" Er spricht gerne vom Himmel und hat mich schon oft gefragt: "Mutter, wann holt mich denn der liebe Heiland zu sich in den Himmel?" Abends schläft er nicht eher ein, bis ich mit ihm gebetet habe. Heute Abend, als ich ihn frug: "Um was willst du denn bitten?", sagte er: "Um ein frommes Herz, mein Herz ist schmutzig." Eine unendliche Freude hatten die beiden Kinder beim Suchen der Ostereier, doch zeigte sich dabei so recht ihr Charakter. Fritz langsam suchend fand seine Eier, die er dann selbst mit sich herumtrug und keinem zum Verwahren abgeben wollte. Lilli flatterte wie ein kleiner Schmetterling im Garten herum, fand die Eier; in ihrem Jubel brachte sie sie mir, die ich dann immer wieder versteckte, was sie gar nicht bemerkte. Sie sah auch gar nicht nach, wie viele Eier sie hatte. - An seinem Geburtstag (14. 4.) habe ich Paul mit schwerem Herzen zum letzten Mal die Brust gegeben; es hat mich unendlich viel gekostet, das Kind entwöhnen zu müssen; ach, es war ja das letzte ....

Hier brechen die Aufzeichnungen aus der Kinderstube schon ab. Sie sind am bezeichnendsten für Mutters Sinn und Stimmung. Bei dem, was sie über uns Kinder schreibt, muss ich denken: Wie viele Blüten sind als taube abgefallen. Die gute liebe arme Mutter, gut, dass sie Trost und Freude an ihren Kindern damals hatte.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04