1855


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Und dann sehe ich mich mit Großmama durch die Küche über den Gang im Hinterhaus zu der Vorratskammer (s) gehen, wo allerhand Vorräte aufbewahrt waren, die die gewissenhafte Hausfrau selbst herausgab. Uns Kinder aber interessierte am meisten die Kiste mit getrockneten Pflaumen, von denen wir gerne naschten.
Großvater und Großmutter: Ihr Bild ist mir durch die guten Ölbilder, die der Karlsruher Maler Krewell gemalt hat, deutlicher erhalten geblieben als es sonst der Fall gewesen sein würde. Aber das Bild der herzlichen Güte gegen ihre verwaisten Enkel würde auch ohne Bilder nicht verwischt worden sein.

Großvater, ein behäbiger, dicker alter Herr, aber doch noch sehr rüstig bei seinen 70 Jahren und mehr. Er ging täglich zu der mehr als 1/2 Std. entfernten Fabrik, einer Streichgarnspinnerei, "unter der Haas", und nur bei schlechtem Wetter fuhr er mit einem Hauderer in einem wenig eleganten Wagen mit einem Pferde. Und Großmutter, zart und fein, waltete im Hause. - Wir aßen mit den Großeltern zu Mittag, während wir früh und abends oben in unseren Räumen Frühstück und Abendbrot bekamen. Mutter war wohl auch abends mit den Großeltern zusammen, vor dem Abendessen, welches in Eupen herkömmlich sehr spät genommen wurde, wenn die Herren aus dem Casino kamen, wurde oft von den Großeltern und Mutter Whist gespielt oder Großvater legte mit unermüdlicher Geduld Patiencen. Ich habe es auch gekonnt, aber lange wieder verlernt.

Großvater war ein großer Gartenfreund, hatte viel Freude an seinen Blumen und seinem Obst. Wehe, wenn von seinen Spalieren eine besonders schöne Birne oder ein Apfel verschwand. Uns waren, als wir größer wurden, die Mirabellenbäume ganz besonders lieb. Eine Reihe stand an der hinteren Mauer des Zollamts (durch Punkte auf der Skizze gezeichnet). Wenn die gelben Früchte reif waren, kletterten wir auf den ersten Baum, von da, wenn er abgegrast war, auf die Mauer und von da auf den zweiten usw. Oft genug saßen auf den Bäumen wir beiden Buben mit unseren Freunden wie die Spatzen. Und ich glaube, dass mir die Erinnerung die Mirabellenbäume in Edersleben besonders lieb machte. Von Blumen liebte Großvater besonders die Dahlien oder Georginen, von denen er die neuesten und schönsten Sorten hatte. Und dann der "Berg" im Garten in der hinteren Ecke an der Herbestaler Chaussee, den Mirabellen gegenüber, eine künstliche Erhöhung, von einer Esche überschattet, von wo man auf die Chaussee über die Mauer sehen konnte. Wie oft haben wir da oben auf die Post von Herbestal gewartet, wenn Gäste oder eins aus dem Hause erwartet wurden, um zu sehen, ob "sie" mitgekommen - und dann stürmten wir ins Haus: Sie kommen! Später haben wir auch oft da oben gesessen und in oder über unser Buch weggesehen und gelernt. - Und dann die Remise mit dem alten Reisewagen, in C-Federn hängend -. Die Pferde fehlten, der Pferdestall war wohl zur Waschküche umgebaut. . Ob die Großeltern früher welche gehabt, weiß ich nicht. Sie pflegten - wie damals üblich - mit eigenem Wagen und Extrapostpferden zu reisen. In den 50er Jahren aber ging die Eisenbahn schon von Herbestal nach Köln und weiter. Wir haben oft im alten Wagen gesessen und darin Reisen gemacht. Uns Knaben aber war es betrübend, dass unsere Nachbarn The Losen Wagen und stattliche Pferde hatten, wir aber nicht. Für die Fahrten nach Aachen zu Einkäufen und Besuchen wurde meist der Hauderer benutzt, und zuweilen wurden auch wir Kinder mitgenommen und konnten dann über die Herrlichkeiten der großen Stadt staunen. Da habe ich auch zum ersten Mal an einer Table d'hôte gesessen und erinnere, wie der Wirt an der Tafel präsidierte und das Geflügel kunstgerecht zerlegte.

Zu den Hausgenossen gehörte auch die Dienerschaft. Wir hatten für uns ein Mädchen, Karoline, die lange bei uns war. Nachher wurde sie durch eine französische Bonne ersetzt aus der französischen Schweiz, ich glaube sie hieß Lucie. Ich erinnere mich ihrer aber sonst gar nicht mehr. Von ihr habe ich französisch plappern gelernt, aber solide gramm. Kenntnisse fehlten mir gänzlich, was sich später bitter rächte.

Die Großeltern hatten eine alte Köchin Katherine, die mir noch im Gedächtnis ist. Sie war lange Jahre im Hause, länger noch der alte Fischer, der bei Tisch aufwartete, den Garten besorgte und unser guter Freund war. Er war bei Großvaters Tod 30 Jahre im Haus gewesen. Er heiratete dann noch und kam schließlich auf tragische Weise ums Leben. Er bekam die Cholera, seine Frau hatte gehört, man müsse gegen die Krämpfe den Kranken recht heiß zu trinken geben. Da sie nichts anderes hatte als heiße Pflaumenbrühe, die im Ofen stand, gab sie diese dem Kranken, der natürlich nun umso rascher starb. Zu dem Hausinventar gehörten auch zwei alte Jungfern Steffens, die alle Mittwoch zum Flicken kamen, zwei stille Wesen, die uns wohl oft auch ausgeflickt haben. Und dann die Cilja (Cecilie), eine Fabrikarbeiterin, die täglich früh mit der Posttasche kam, ehe die Herren zum Geschäft gingen, und die dann Botengänge in die Stadt machte. Sie hieß Cec. Fey, ihr Bruder war Tischler in der Fabrik, bei dem wir oft Zuflucht suchten, wenn es an dem Bockwagen oder sonst zu flicken gab. Wenn wir dann in die Fabrik kamen, wurden wir als die präsumtiven späteren Fabrikherren angesehen. Dass das anders werden würde, ahnte damals niemand.

Ich erwähnte den Bockwagen: Wir hatten zuerst Kaninchen, über die wir uns besonders freuten, wenn sie Junge hatten. Dann wurde das Wachstum der Kleinen aufmerksam verfolgt. Später bekamen wir einen Ziegenbock. Der Wagen, sehr primitiv, grün gestrichen, war wenig elegant, und wir beneideten unsere Vettern Fremerey, die zwei Böcke und ein feines kleines Break hatten. Aber dann brachte das Christkindchen einen feinen Schlitten mit Schellen vorne darauf, der uns wohl mit dem weniger schönen Wagen aussöhnen mochte. Der Bock hat es oft wohl nicht allzu leicht gehabt. Als Vater Wiebel, der geschäftlich mit der Eupener Spinnnerei zu tun hatte, als Agent einmal bei Onkel in seiner Stube war, waren wir Jungen auf dem Hofe mit dem Bock zugange. Die Herren sprachen über den schlechten Geschäftsgang. Da, so erzählte Vater Wiebel mir später, sagte Onkel Bernhard: Da will ich doch noch lieber Spinner sein als den Jungen ihr Ziegenbock. Und Natalie von der Becke berichtet, dass Paul im Übermut dem Cousinchen Pauline in die Kapuze ihres Mäntelchens heimlich Gras gesteckt habe; natürlich war nun der Bock hinter dem Kind her, das sich des Tieres nicht erwehren konnte. Ob es dafür die verdiente Wichse gegeben hat, weiß ich nicht.

Wir hatten allerlei Freunde in Eupen, mit denen wir spielten. Unsere Nachbarn The Losen hatten zwei Söhne in unserem Alter: Jules und Robert. Wir waren viel zusammen hüben und drüben. Der Ältere war schon als Kind arg von Asthma geplagt und ist früh gestorben, - in meiner Erinnerung ein stiller freundlicher Junge.

Dann verkehrten wir viel mit den Vettern Gustav und Edmund Fremerey; Gustav vier Wochen jünger als ich und Edmund 8 Tage jünger als Paul. Ihre Mutter, geborene Schmidtborn aus Saarbrücken, war unserer Mutter Cousine. Sie wohnten weit von uns "Unter der Haas" im unteren Stadtteil, nahe bei unserer Fabrik. Das hinderte aber nicht häufigen Verkehr, bei dem es nicht immer ganz friedlich abging. Gustav hat später, als Herr Zander als unser Hauslehrer nach Eupen kam, mit uns bei ihm Stunde gehabt. Er kam dazu zu uns hinauf. So bin ich ihm näher gekommen, und wir haben auch später, als wir erwachsen waren, gerne miteinander verkehrt, wenn sich die Gelegenheit bot.

Zuweilen verkehrten wir auch mit einem Arthur Gülcher, der aber wohl früh von Eupen fortkam. Sein Vater hatte eine große Fabrik. Er wurde aber Jurist. Als ich in Bonn war, war er auch dort, im Corps der Rhenanen aktiv; trotzdem haben wir freundschaftlich miteinander verkehrt, obschon ich Wingolfit war, - selten. Er war später lange Landrat in Eupen. Endlich Fritz Meyer, auch ein Fabrikantensohn, der Vater Onkel Bernhards intimster Freund, beide Eltern liebe Leute, zu denen wir gerne gingen. Fritz jun. war der einzige Sohn unter einer großen Zahl von Schwestern und wurde immer nur "Fritzchen" genannt, was dem armen, wohl von 5 Schwestern bemutterten anhing, bis er erwachsen war. Er ist hernach Fabrikant geworden im väterlichen Geschäft. Eine Anzahl Jungen aus anderen angesehenen Familien haben wir kaum kennengelernt, weil wir evangelisch und sie katholisch waren. Das war wohl eine Schranke zwischen uns. Die einzigen Katholischen, mit denen wir verkehrten, waren unsere Nachbarn The Losen.

Oft waren Tantes Nichten Natalie und Pauline Karcher in Eupen, die eine oder andere wohl oft für längere Zeit, seltener soweit ich mich erinnere ihr älterer Bruder Paul. Dadurch bin ich beiden Cousinen von früh auf näher getreten und in dauerndem freundschaftlichen Verhältnis zu ihnen geblieben. Das verbindende Glied war die gemeinsame Tante Pauline. Bei ihr waren wir oft unten, soviel ich mich erinnere waren wir Kinder zeitweise alle Mittwochmittag bei ihr zu Gast. Sie war künstlerisch veranlagt, kopierte manche Ölbilder (so die kleine Spinnerin und das große Ölbild: Auszug der Geusen aus Antwerpen - beide jetzt in Erichs Besitz in Berlin) und malte viel auf Porzellan. Einige von ihr gemalte Tassen sind in meinem Besitz. Wir Kinder sahen damals oft ihrer Malerarbeit mit Interesse zu.

Sehr interessant waren auch Großmutters Damenkaffees, Gesellschaften haben - soweit meine Erinnerung reicht - in jenen Jahren die Großeltern wohl nicht gegeben. Großvater und Onkel Bernhard gingen abends zuweilen in das Casino, nicht weit von der Großeltern Wohnhaus, oder auch nach Fabrikschluss in eine Gesellschaft "unter der Haas", wo die meisten Fabrikanten abends verkehrten, da die Fabriken des Wassers wegen fast alle in dem unteren Stadtteil lagen, der "unter der Haas" hieß. Großmutter aber gab zuweilen Damenkaffees, und da wurden wir Enkelkinder auch produziert. Da saßen dann im Saal die alten Dämchen an der Wand im großen Kreis, jede ihre Tasse in der Hand und parlierten französisch miteinander. Das war in den älteren Kreisen noch sehr gebräuchlich, ist aber dann nach 66 und 70 wohl ganz abgekommen. Die Beziehungen zu Belgien (die Grenze war kaum 1/4 Stunde vom großelterlichen Hause) machte das französisch Sprechen in geschäftlichen Kreisen oft auch zur Notwendigkeit. Onkel Gustav Fremerey sagte einmal: Wenn einer kommt und will etwas kaufen - er produzierte Bukskinstoffe - dann verstehe ich Französisch. Will er mir aber etwas verkaufen, dann verstehe ich nur Deutsch.

Noch lieber ist mir die Erinnerung an den Saal durch die Weihnachtsbescherungen. Wir drei Kinder waren die einzigen Enkel und wurden von den Großeltern und Onkel und Tante reichlich verwöhnt. Einmal strahlten uns, als wir in die Weihnachtsstube aus der roten Stube hineinströmten, 3 Weihnachtsbäume statt eines an - für jedes Kind einen - und was alles darunter! Auch war es ein besonderer Festtag, wenn die Großeltern oder die Mutter von einer Reise heimkamen. Da litt die Freude über die Heimkehr der abwesend Gewesenen unter der Frage (oder wenigstens dem Gedanken): Was hast du mitgebracht? Und die Hoffnung darauf war nie vergebens. Später habe ich bei dem Pastor Bungeroth in Boppard, dem Vater meines langjährigen Freundes Heinrich gehört, dass er nie seinen Kindern etwas von der Reise mitbrachte, damit sie sich über seine Rückkehr und nicht über das Mitgebrachte freuten. Er schenkte ihnen lieber einmal ohne besondere Gelegenheit etwas, was sie besonders wünschten. - Welcher Standpunkt hat Recht?

Besonders festliche Tage waren auch der Jahrmarkt im Juni und die Fronleichnamsprozession im Herbst. An etwas Besonderes von dem Jahrmarkt erinnere ich mich nicht. Es gab auf demselben Reis- und Musfladen oder weiße und schwarze Fladen von der Größe eines großen Tellers. Später haben wir sie bei Onkel und Tante auch zu anderen Gelegenheiten bekommen und Kindererinnerungen daran aufgefrischt. Ich habe aber diese kleinen Kuchen sonst nirgends gefunden. - Bei der Fronleichnamsprozession gingen wir zu den Damen Mühlens, zwei alte Fräulein, Bekannte von Großmutter, die an der Hauptstraße wohnten und die wir öfter besuchten. Von ihren Fenstern konnten wir alle den Pomp und Spektakel der Prozession mit unzähligen Fahnen und Musik und Böllerschießen beobachten. Wie in Sachsen bei der Kirmes so bekam dort bei der Prozession jedes Kind und Mädchen ein neues Kleid, in dem sie dann aufzogen. Und dann die "Engelchen", Scharen weißgekleideter Kinder, die vor dem Thronhimmel hergingen, unter dem der Pfarrer, geleitet von vielen Kaplanen, die Monstranz trug.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04