1855/56


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Dass Mutter wiederholt länger in Wiesbaden war, 1855 und 1857 im Anfang des Jahres, weist darauf hin, dass sie von Rheumatismus geplagt war, Tölz auf Herzleiden, - von beidem war Mutter später in Gütersloh viel geplagt.

Vom 1. Januar 1855 ist mein erster Neujahrsbrief an Mutter, der wenig fremde Hilfe zeigt, wenn ich ihr "vil Klik" wünsche. Dass ich aber schon damals, 5 Jahre und 1 Mon. alt, solch Elaborat verfasste, zeigt mir, dass ich ungebührlich früh mit Lernen geplagt wurde. Die nächsten Briefe vom 22. August 1855 und 1. 1. 1856 sind schon viel manierlicher. (Im August 55 war Mutter in Ostende ebenso wie 1852 und 1854).

Das führt mich zu dem Kapitel "Kirche und Schule".
Eupen, eine Stadt von 13 - 14000 Seelen, hatte sehr viel Fabrikbevölkerung, die fast ganz katholisch war, daneben viele evang. Fabrikanten und nur wenig Mittelstand. Mit Läden und Handwerkern war nicht viel los, alles Gute kam von Aachen. Die evangelische Gemeinde, früher als der Ort noch niederländisch war zu Vaals gehörend, war dann, als Eupen Anfang vorigen Jahrhunderts preußisch wurde, selbständig geworden. Sie hatte aber keine Kirche, sondern einen Betsaal, unter dem die Pfarrerwohnung war, auf dem "Hoog" gelegen, einer am Ende der Stadt nach Aachen zu gelegenen ziemlich steil ansteigenden Straße. Hinter dem Hause lag ein in Terrassen angelegter großer Garten. Pastor war Herr Michels, der Mann von Mutters Cousine. Er war, soviel ich weiß, ein alter Rationalist, ein freundlicher dicker Herr mit großen Vatermördern. Noch ziemlich klein wurden wir von Mutter mit zur Kirche genommen und mussten da mit den Schulkindern, die wir aber meist nicht kannten, vorne in der ersten Bank unmittelbar vor Altartisch und Kanzel sitzen. Es haben aber diese Gottesdienste keinen Eindruck auf mich gemacht. Ich habe außer dem Bild von Pastor Michels nichts behalten, als dass er statt "und" immer "hooond" (sehr lang gedehnt) sagte, was natürlich in einer Predigt sich öfter ereignete.

Wir waren auch öfter bei Onkel und Tante Michels zu Besuch. Diese Besuche sind mir in besserer Erinnerung als die Kirchenbesuche eine Treppe höher. Während des Aufenthalts in Eupen wurde dann die hübsche kleine Kirche gebaut "auf der Klötzerbahn", mitten im Ort. Zu ihrer Einweihung oder wahrscheinlich bald nachher kam Friedr. Wilh. IV. nach Eupen und besah die Kirche. Da war ich mit Mutter in der Kirche und durfte auf der Bank stehen, um den König zu sehen. Das war das einzige Mal, soviel ich weiß, dass ich ihn gesehen habe.

Und nun die Schule. In die Schule gingen wir leider nicht. Eupen hatte keinerlei höhere Schule. Außer den katholischen Schulen war eine evang. Elementarschule, - soviel ich mich erinnere mit nur einem Lehrer, - da. Der hieß lange Zeit Kleinjung. Der muss aber wenig Vertrauen genossen haben. Jedenfalls war in vielen Häusern als Privatlehrer Herr Götte tätig. Er war katholisch und hinkte stark durch ein sehr verkürztes Bein. Er war ein sehr tüchtiger Lehrer und bei seinen Schülern sehr beliebt. Ob er mir schon vor 1855 Unterricht gegeben und mein erster Brief vom 1. 1. 1855 auf seinen Unterricht zu schieben ist, weiß ich nicht. Möglich, dass ich mit der 1 1/2 Jahre älteren Lili schon an ihrem Unterricht teilnahm. Im Oktober 1856 ist er jedenfalls mein Lehrer gewesen. Da er Katholik war, lehrte Mutter selbst uns biblische Geschichte, Lieder und Psalmen. Da habe ich früh einen reichen Schatz an Liedern und Psalmen mir angeeignet. Ich habe noch mein Neues Testament aus der Zeit. Hinten drin hat sie 150 quadratische Kästchen gemacht. Wenn ein Psalm gelernt war, wurde die Nummer in das betreffende Kästchen eingetragen. Ich war immer stolz, wenn sich wieder ein Quadrat füllte. Solche Mittel als Anreiz zum Lernen erscheinen vielleicht heute nicht pädagogisch, ich bin aber meiner Mutter heute noch dankbar, dass ich damals so viele Kirchenlieder und Psalmen lernte. Und was ich damals noch nicht verstand, habe ich später rechtzeitig verstehen gelernt. Hätte ich aber die Lieder und Psalmen erst später gelernt, als ich sie besser verstehen konnte, so hätte ich sie nie gelernt, denn dann wäre keine Zeit dafür übrig gewesen.

Dass Herr Götte katholisch war, hinderte ihn aber nicht, uns, wenn Mutter verreist war, biblische Geschichte zu lehren und die wohl von Mutter angegebenen Sprüche und Liedverse lernen zu lassen. So berichte ich in einem Brief vom 14. Nov. 1856. In den Briefen tituliere ich ihn meist als "den guten Herrn Götte", was auf mein gutes Verhältnis schließen lässt. Wir haben ihm auch später lange unsere Hochachtung und Liebe bewahrt. Er hing hernach den Lehrer an den Nagel und wurde Buchhalter und dann Prokurist in der Fabrik Gülcher. Da wohnte er weit draußen vor der Stadt in einem zu der Fabrik gehörigen Hause, wo wir ihn als Gymnasiasten und wohl noch später öfter besucht haben. Er endete als Handelskammersekretär. Er war auch dichterisch veranlagt. Die drei kleinen Glückwünsche zur Goldenen Hochzeit der Großeltern hat er für uns Kinder gedichtet und selbst ein langes Gedicht hinzugefügt. Sie sind in dem Goldenen Hochzeits-Album zu lesen, letzteres zeigt auch seine tadellose Handschrift. Er verfasste auch im Interesse der damaligen Mäßigkeitsbewegung ein launiges Gedicht "Der Teufel hat den Branntwein entdeckt und ihn zuerst auf die Welt gebracht". Es war als Flugblatt gedruckt. Leider besitze ich es nicht mehr.

In derselben Zeit hatten wir Klavierstunde bei einem Herrn Rutte (oder Ruthe). Ich weiß nicht, was er sonst war. Ich meine, er hätte mit dem Eupener Kreisblatt in Verbindung gestanden, das damals dreimal wöchentlich erschien. Ich erinnere mich wenigstens, dass wir mit ihm in der Druckerei waren, die mein Interesse erregte. Er hat mit seinem musikalischen Talent unseren Mangel an Talent nicht ersetzen können, und so habe ich wenigstens trotz Übens nicht viel profitiert. Aber mit ihm verknüpft sich noch eine Erinnerung. Er zeigte uns eines Tages mit großer Befriedigung als Errungenschaft der Neuzeit einen abknöpfbaren Hemdenkragen. Bis dahin waren sie wie die Manschetten am Hemd angenäht.

Und noch ein Lehrer, wahrscheinlich aus späterer Zeit: Der Buchbindermeister Walter, der unten in dem Hause wohnte, in dem die Fräulein Mühlens oben (als seine Mieter) ihre Wohnung hatten. Wir lernten bei ihm Buchbinden, Papparbeiten und Hefte und Bücherbinden, hatten dann auch selbst alle dazu erforderlichen Maschinen, Pressen und Hobel etc. Noch in Gütersloh haben wir die edle Kunst der Buchbinderei mehrfach geübt.
Eine Eupener Figur, die sich meinem Gedächtnis besonders eingeprägt hat, war Dr. Alt, der Arzt der Großeltern, ein Mann aus der alten Schule, sein Fuhrwerk wenig modern, der Peitschenstiel krumm wie ein Fidelbogen. Er hatte gewisse typische Fragen: "Nicht pappig, nicht klebrig, nicht schleimig (im Mund)? Kein Brennen, kein Reissen, kein Stechen, kein Nichts (im Leib)? u.ä. Dazu passte die ganze Figur: klein, dick, Vatermörder und Zylinder. - Der Arzt erinnert mich an Pauls Gesundheit. Er war zart und bedurfte besonderer Schonung. Durch schwache Knochenentwicklung hatte er eine Rückratverkrümmung. Als Bett wurde ihm daher ein schmaler Korb eingerichtet, hoch - mit Matratze -, in dem der Junge gestreckt liegen musste und sich nicht aufrollen konnte. Später trug er eine Maschine, Gradhalter, mit metallenen Stützen und Schulterplatten, für ihn in Gütersloh ein Panzer bei seinen Keilereien.

Noch ein paar Erinnerungen aus dieser Zeit seien angereiht, die eine angenehm, die andere schauerlich: Uns schräg gegenüber war eine Gastwirtschaft und Bäckerei von Brandenburg (s. Plan). Die waren evangelisch und die alte Frau und ihre Söhne uns sehr zugetan. Gern steckten wir in der Backstube und sahen zu, wie der Schwarzbrotteig mit den Füßen in einem Troge gestampft wurde. Großes Ereignis war die Aufstellung einer Teigknetmaschine, deren Einrichtung ich noch deutlich vor Augen habe. Aber das Angenehmste waren die "Kolle Molle". Wenn im Herbst der große Apfelbaum in unserem Garten abgeerntet war, bekamen wir oft einen großen Apfel. Mit dem gingen wir zu Hermann Brandenburg. Der wickelte ihn in Brotteig und backte ihn. Das hieß "Kolle Molle" und schmeckte herrlich.
Die schauerliche und gruselige Erinnerung aber war das "Narrenhaus". Wenn wir durch die Wiesen statt durch die Stadt unter die Haas gingen, kamen wir daran vorbei. Ein finsteres Haus, an ein Frauenkloster angebaut, mit kleinen Fenstern, stark vergittert. Und hinter den vergitterten Fenstern hörte man oft schauerliche Töne, sah zuweilen auch die Gesichter der armen Kranken. Wie mögen die wohl in dem schauerlichen Verlies behandelt worden sein? Gott sei Dank, dass auch darin in den letzten 50 Jahren andere Verhältnisse eingetreten sind und man keine "Narrenhäuser" mehr kennt.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04