1857


Home Nach oben 1851 1852 1854/55 1855 1855/56 1857 1858/59 1859

Den Höhepunkt unseres Eupener Lebens bildete zweifellos die Goldene Hochzeit der Großeltern, die beide in großer Rüstigkeit erleben durften am 18. Juni 1857, Großvater an seinem 74. Geburtstag, Großmutter 67 Jahre alt. Als junger Mann war Großvater rasch sehr lang aufgeschossen - hieß bei seinen Schwestern und Cousinen die Hopfenstange -, da bekam er Blutspeien und wurde als Todeskandidat nach Ägypten geschickt. Nach vierjährigem Aufenthalt in Kairo kam er gesund zurück.. und durfte die goldene Hochzeit feiern.

So groß das Ereignis war, so lange die Vorbereitungen dazu gewesen, so zahlreich die Verwandten, die sich einfanden, so habe ich merkwürdigerweise von den einzelnen Momenten der Feier keine Erinnerungen. Nur eines hat sich mir eingeprägt, lebende Bilder aus dem Leben des Jubelpaares und zum Schluss eine Huldigung mit Weihegedicht, und hinter dem Jubelpaar zwei Engel, die den Kranz über sie hielten: Lili und ich - das einzige Mal im Leben, dass ich ein Engel war - öfter ein Engel mit dem B davor, wie uns oft gesagt wurde. Die Engelflügel haben wir noch lange aufbewahrt, sie haben mir die Erinnerung wachgehalten.

Von der Goldenen Hochzeit der Großeltern stammt der silberne Tafelaufsatz mit (leider zerbrochener) Kristallschale, Geschenk der drei Schwestern des Großvaters, und die große goldene Tasse mit dem Goldlöffel, letzterer oft der Zankapfel meiner Kinder, der nun alles Gold verloren hat - und 12 goldene Löffel, vor allem aber das Album mit dem geschnitzten Wappen und den Glückwünschen aller Familienmitglieder. Endlich das kunstvoll von Tante Pauline ausgeführte Gedenkblatt mit den vier Scheiblerschen Häusern, das in meiner Stube hängt. Auch die Gedichte dazu sind von ihr. Auch das Kaffeegeschirr mit dem Scheiblerschen Wappen stammt von der Goldenen Hochzeit. Am 27. Oktober bekam Großmutter in der Nacht einen Schlaganfall, sie starb nach drei Tagen am 30. Oktober 1857. Wir drei Kinder wurden sofort nach ihrer Erkrankung aus dem Hause gebracht zu Großmutters Schwägerin, der Tante Lenchen von Scheibler unter der Haas, wo wir wahrscheinlich bis nach dem Begräbnis blieben. Ich erinnere mich wenigstens nicht, dass ich bei dem Begräbnis gewesen bin. In meiner Erinnerung ist mir nur der Eindruck der Bestürzung im Hause am Morgen des 27. und dass wir bei der Tante prachtvoll saftige Birnen mit frischem Weißbrot zum zweiten Frühstück bekamen. Sooft ich später solche Birnen gegessen, ist mir jedes Mal wieder die Erinnerung an Großmutters Tod aufgewacht. An solchen Nichtigkeiten haftet die kindliche Erinnerung. Großvater war von der Zeit an ein gebrochener Mann, nicht zu verwundern nach 50jähriger glücklicher Ehe. Mutter übernahm nun den Haushalt, und wir lebten ganz mit Großvater. Er behielt aber seine Tätigkeit im Geschäft bei, wohl bis zu seinem Tode im Jahre 1860.

Nun aus der Eupener Zeit noch einige Reiseerinnerungen:
Mehrmals waren wir mit Mutter in Bonn bei Onkel und Tante Monard. Er war Schweizer, in den religiösen Kämpfen in Waatland war er nach Deutschland gekommen. Er war in Bonn Professor der franz. Sprache und hat als solcher Kaiser Friedrich III., als er Student in Bonn war, im Französischen unterrichtet. Seine Frau, Großvaters jüngste Schwester, war damals, als wir Kinder waren und sie besuchten, blind. Sie wohnten im Hotel Bellevue an der Koblenzer Straße, hatten eine Reihe Stuben in der ersten Etage, keine eigene Wirtschaft, aßen mittags an der Table d'Hôte, sonst in ihren Räumen. Onkel stand jeden Morgen um 4 Uhr auf, arbeitete dann bis 9 Uhr, um hernach sich seiner blinden Frau möglichst viel zu widmen. Er las ihr vor, ging mit ihr aus. Wir waren sehr gern bei ihnen, beide immer sehr lieb gegen uns. Dann waren wir einmal (oder öfter?) bei Tante Mumm auf dem Johannisberg, wo sie ihr Weingut und Landhaus hatten.

Und endlich erinnere ich mich an die Besuche bei Prof. Plitt in Heidelberg. Sie war eine Kusine von Großvater und Großmutter, aber sehr viel jünger als beide und mit Mutter eng befreundet. Sie wohnten in Heidelberg unter dem Schlossberg. Sehr imponierte mir das riesige Heidelberger Fass im Keller des Schlosses, für dessen architektonische Schönheit ich damals noch keinen Blick hatte. Und neben dem Fass der Fuchsschwanz in einem Kasten eingeschlossen. Zog man an einer Schnur, so öffnete sich die Vorderseite des Kastens, und der Fuchsschwanz fuhr dem erschreckten Kind durchs Gesicht, für Kinder doch eine bleibende Erinnerung. Prof. Plitt hatte nur eine Tochter, mit der er nach dem Tode seiner Frau in Rom war, er, der ev. Theologe, ließ sich mit seiner Tochter dem Papst vorstellen, und der imponierte ihr so, dass sie katholisch wurde. Die Befürchtung, dass auch der Vater ihr folgen werde, hat sich glücklicherweise nicht erfüllt.

Home Nach oben 1851 1852 1854/55 1855 1855/56 1857 1858/59 1859

 


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04