1859


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Mutter war in der Zeit viel bettlägerig, und wir fühlten uns wenig wohl dort. So hofften wir, Onkel Gustav Fremerey, der geschäftlich in Berlin war und uns besuchte, würde uns nach Eupen mitnehmen. Aber das ging natürlich nicht. Ich habe noch vier Briefchen des lieben Großvaters an uns Kinder aus dem Jahre 1858/59. In einem sucht er uns klar zu machen, dass es nicht ginge, dass wir ohne Mutter zurückkämen, Tante Pauline habe schon für Natalie und Pauline zu sorgen. Die Briefe sind in kindlichem, z.T. humorvollem Tone gehalten, wenn er von "Herrn Bock" und seinem Wohlsein berichtet.

In Berlin studierte damals Paul Josephson Theologie. Er war der älteste Sohn von Pastor J. in Wupperfeld, den Mutter glaube ich von einem Aufenthalt in Ostende kannte. Paul J. nahm sich unser treulich an. Jeden Mittwoch und Sonnabendnachmittag durften wir zu ihm gehen. Er hatte eine Studentenbude in der Lindenstraße, in einem einstöckigen Haus unten rechts neben dem Torweg. Im Hofe war ein Holzlager und eine Sägerei, da gab es für uns viel Interessantes zu sehen. Paul J. ging oft mit uns in die Hasenheide spazieren, die damals noch unmittelbar am Halleschen Tor anfing, oder auf den Kreuzberg an der Ulanenkaserne vorbei. 

Es hat sich gleich damals ein Freundschaftsband zwischen ihm und mir gebildet, das bis zu seinem Tode gehalten hat. Wir sind uns im späteren Leben öfter begegnet, er hat uns mehrfach besucht. In der Gütersloher Zeit war er einmal bei uns, hatte mit Mutter sehr ernste Gespräche, wie ich später erfuhr. Er sollte sondieren, ob Mutter nicht seines Vaters dritte oder vierte Frau werden wollte. Sie konnte sich aber nicht dazu entschließen. Paul J. kam nach seinem Studium als Hauslehrer nach Hermsdorf und dann als junger Geistlicher nach Engelskirchen und nach Schwelm, wo ich oft bei ihm war von Bonn aus. Er heiratete eine Fabrikantentochter aus Gera, Weber, eine liebe Frau. Ihr Sohn war der Patenjunge meiner Mutter. Er ist jetzt Professor in Jena und hat den Namen seiner Mutter angenommen, wohl weil Josephson zu jüdisch klingt. Paul J. ist früh gestorben. Er und seine Frau litten gleichzeitig an Schwindsucht. Als ich sie zuletzt besuchte, lag er in einer, sie in der anderen Stube, todkrank, sie starben beide bald nachher. Die beiden Kinder sind in Gera bei den Großeltern aufgewachsen.

In Berlin befreundete sich Mutter sehr mit den Vorsteherinnen der Schule, die Lili besuchte, Frl. von Zülow und der jüngeren Frl. von Wedel. Sie boten Mutter eine Wohnung bei sich an, und so siedelten wir von der Charlottenstraße zur Kochstr. 73 über, wohl noch vor Weihnachten. Die Damen nahmen sich auch der Jungen freundlich an, wenn Mutter krank war. Ich bin mit ihnen in Charlottenburg im Park und Mausoleum und im Zoologischen Garten gewesen.

Während unseres Aufenthaltes in Berlin besuchte uns im November 1858 Onkel Wilhelm Höhndorf, Vaters Bruder. Doch ich habe keine Erinnerung an ihn behalten. Am 3. Mai 1859 feierten wir Lilis Geburtstag, und gleich darauf wurde sie krank, von einem typhösen Fieber befallen. Sie lag vier Wochen, welche Sorgenzeit wohl für die arme Mutter, endlich am 5. Juni starb sie. Sie hatte schon mehrere Tage vorher oft von ihrem Sterben geredet, sie starb morgens um halb fünf mit den Worten "Jesus, meine Zuversicht, Mutter, bete mit mir!"

Mutters Schmerz über den Verlust der einzigen Tochter war sehr groß und spricht sich in einer Aufzeichnung über Lilis Sterben aus. Sie ließ die kleine Leiche fotografieren, ein Bild sanften Schlafes. Mutter wollte die Leiche nicht in Berlin lassen, obwohl Vaters Grab dort war. Doch in der Nähe seines Grabes ihr die letzte Ruhestätte zu geben, war nicht möglich. So ließ sie die kleine Leiche nach Eupen überführen, und sie ruht dort in dem Scheiblerschen Begräbnis zwischen Mutter und Onkel Bernhard.

Auf der Rückreise von Berlin, die Mutter gleich darauf mit uns antrat, machten wir in Elberfeld bei Mutters Freundin, Frau Pastor Newiandt auf der Hofaue Station. Man reiste damals nicht so schnell und bequem wie heute. Damals war es, dass Vater Wiebel uns Jungen abholte und uns die großen Stallungen des Hauderers Klophaus zeigte, für uns eine Freude, all die schönen Pferde zu sehen. Ich ahnte damals nicht, dass Vater Wiebel mir später ein zweiter Vater werden sollte, habe aber deutliche Erinnerungen an die Begegnung mit ihm, während ich mich seiner Eupener Besuche nicht mehr erinnere.


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"Vater Wiebel", Ferdinand Wiebel

In Berlin hatte Mutter einen Hauslehrer für uns engagiert. Sie war mit Frau Prof. Hengstenberg in Berlin befreundet und war öfters in dem Hengstenbergschen Hause. Herr Prof. H. empfahl ihr einen seiner Schüler, den cand. Zander aus Pommern. Sie engagierte ihn, und im Herbst 1859 kam er zu uns nach Eupen. Sein und unser Leben ist seitdem verflochten geblieben; für ihn nicht minder wichtig wie für uns, denn er kam durch uns nach Gütersloh, wo er eine Lebensarbeit gefunden hat. Ob Mutters Wahl eine glückliche gewesen ist? Herr cand. Zander hatte jedenfalls den besten Willen, uns in jeder Beziehung zu helfen und Mutter in der nicht leichten Aufgabe der Erziehung ihrer Söhne treu zur Seite zu stehen. Er hat auch später in Gütersloh vielen seiner Schüler in der selbstlosesten Weise gedient, hat als ihr Freund manchem auch über die Schulzeit hinaus mit Rat und Tat geholfen. Aber er ist nie ein Menschenkenner gewesen und hat für Kindesart und die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen kein Verständnis gehabt. Er hatte etwas Steifes, zu wenig Bewegliches, Anpassungsfähiges, um einer Natur wie der meines Bruders Paul gerecht zu werden. Er verfuhr nur nach seinen Prinzipien und Anschauungen, ohne nachzugeben, wenn es nötig war. Ich habe auch oft Konflikte mit ihm gehabt, das zeigen mir manche Briefe meiner Mutter, in denen sie zu vermitteln suchte, mehr noch als meine Erinnerung, aber ich habe doch immer wieder Anerkennung für seine guten Absichten gefunden, und wir sind bis heute, wenn auch nicht in nahem, so doch in freundschaftlichem Verhältnis geblieben. Aber er und Paul verstanden sich absolut gegenseitig nicht. Cand. Zander sah in Paul nur den trotzigen, widerstrebenden, ungehorsamen Jungen, dessen harter Kopf mit der äußersten Strenge gebrochen werden müsse, und Paul sah in ihm seinen Peiniger und verschloss sich mehr und mehr gegen seinen guten Einfluss. Er verlor darüber die Freude am Lernen und der Schule, so dass der hochbegabte Junge, der in späterer Zeit in seinem Fachstudium Glänzendes leistete, in der Schulzeit nie über die Mittelmäßigkeit hinauskam - immer zu schlecht, um versetzt zu werden, zu gut, um sitzen zu bleiben.

Doch ich eile der Zeitfolge in meinem Berichte voraus. In Eupen fingen wir bei Herrn Zander an, Latein zu lernen, und er hat uns darin sowie in allen anderen Fächern so gut unterrichtet und gefördert, dass wir hernach auf dem Gymnasium in Quarta - ich mit 11 Jahren, Paul mit gerade 10 Jahren - gut mit fortkamen.

In der Religion brauchten wir Löhe's Haus-, Schul- und Kirchenbuch, das hernach wieder Meta jr. in Marienberg als Lehr- und Lernbuch hatte. In Latein war wohl der alte dicke Zumpt mit seinen berühmten Genusregeln das Lehrbuch in der Grammatik.

Mit Paul und mir wurde, wie ich wohl schon erwähnte, unser Vetter Gustav Fremerey mitunterrichtet. Er trat später in das Geschäft seines Vaters, war ein tüchtiger Mensch, auf den seine Familie große Hoffnung setzte - seine Brüder waren weniger hoffnungsvoll. Er verlobte sich früh mit einer Tochter von Fritz Meyer, bekam aber in der Brautzeit die galoppierende Schwindsucht und starb. Wenige Tage nach seinem Tod aß seine Braut einen Krammetsvogel, dessen Kopf mit Strychnin vergiftet war (um Füchse zu vergiften) und starb nach kurzen, qualvollen Stunden. Sie wurde acht Tage nach ihrem Bräutigam an seiner Seite, gerade vor dem Scheiblerschen Erbbegräbnis bestattet. Tragisches Geschick!

Am 24. November 1859 starb meine Großmutter Höhndorf in Helbra, an demselben Tage, an dem im Jahre 1836 ihr Mann gestorben war. Sie war am 17. Dezember 1792 geboren. Und am 10. Juni 1860 starb Großvater Scheibler ohne lange Krankheit, wie seine Frau an einem Schlaganfall. Sein Tod brachte für uns bald große Veränderungen. Zunächst zogen wir in Großvaters Wohnung, seine Schlafstube neben dem Saal wurde unsere Lernstube. Mutter aber entschloss sich - ob auf Herrn Zanders Rat oder durch wen beraten, ich weiß es nicht - mit uns nach Gütersloh zu ziehen, um uns auf das dortige Gymnasium zu bringen. Ob sie es damals in Widerspruch zu oder in Übereinstimmung mit ihrem Bruder getan hat, weiß ich nicht, jedenfalls hat Onkel Bernhard es später oft bedauert, dass wir durch die Gymnasialbildung immer mehr dem Gedanken, in die großväterliche Fabrik einzutreten, entfremdet wurden. Er hatte gehofft, einmal in einem seiner Neffen eine Stütze und Hilfe zu bekommen. Dass wir andere Wege gingen, war ihm besonders schwer in der Zeit seiner Krankheit von 1870 - 1880. Doch hat er stets in großer Liebe für seine Schwester und uns gesorgt.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04