Berlin


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Am 19. Oktober 68 fuhr ich von Eupen über Bonn nach Gütersloh und dann am 23. nach Magdeburg, wo ich bei Tante Roecke herzlichst aufgenommen wurde. Onkel war meist dienstlich abwesend, Tante lernte ich erst hier in ihrer ganzen Herzlichkeit und Liebe kennen. Sie freute sich über die Maßen, den Sohn ihres Lieblingsbruders bei sich zu haben. Sie hatte das Haus voll Pensionäre, um sich dadurch zu ermöglichen, ihren Sohn Julius auf eine höhere Schule zu schicken, er ist hernach Chemiker und Zuckerdirektor geworden. Pauline war damals Braut des Herrn Ferdinand, der Kammerdiener bei dem Prinzen Albrecht von Preußen war. Von Tante Roecke erfuhr ich auch von ihren Brüdern, der Bruder August in Ungarn hatte sein einziges Kind verloren, Ferdinand, Bäcker in Hebra, hatte sich überarbeitet und war unheilbar geisteskrank in einer Anstalt in Halle, auch die alte Tante Höhndorf, Witwe des Sattlermeisters, besuchte ich, ebenso Herrn und Frau Generalsup. Möller, die kurz vorher ihren ältesten Sohn Carl an Schwindsucht verloren hatten. Als ich am anderen Tage früh von Magdeburg abreisen wollte, musste mein Zug eine Stunde lang liegen bleiben, weil der Extrazug des Königs durchgelassen werden musste, für mich von ärgerlichen Folgen. So hatte ich Zeit genug, mir das unglaubliche Bild des Magdeburger Bahnhofs einzuprägen, unten an der Elbe in die Kasematten eingebaut, welcher Unterschied gegen heute. Als ich in Berlin am Sonnabend ankam, 24. Okt., fand ich zu meinem Schrecken Herrn Gröber, der mich abholen wollte, nicht am Bahnhof. Er hatte lange auf die Ankunft des Zuges gewartet, schließlich fortgemusst zur Immatrikulation in die Universität. So stand ich ratlos auf dem Potsdamer Bahnhof, die einzige bekannte Adresse war die des Herrn Hebbinghans am Leipziger Platz. Herr H. war früher als Kommis bei Großvater in Eupen gewesen, lebte nun als Wollagent in Berlin, verheiratet aber ohne Kinder. Beide waren Rheinländer, liebe gemütliche Menschen, aber ohne tiefere Interessen, bei denen man nach rheinischer Art in ungenierter Weise verkehren konnte und gut aß und trank. Ich habe bei ihnen sehr viel Freundlichkeit erfahren, war an vielen Sonntagen ihr Gast. Ich suchte sie also auf, fand aber niemanden zu Hause, so war ich ratlos. Wohin nun? Planlos die Leipziger Straße hinunter schlendernd, katzenjämmerlich zumute, sah ich plötzlich auf der anderen Seite der Straße eine Wingolfitenmütze. Von dem Mann unter derselben erfuhr ich die Kneipe und hoffte, dort H. Gröber beim Mittagessen zu finden. Wieder getäuschte Hoffnung. So saß ich allein zu Mittag, ging zurück zu Hebbinghansens, die ich nun antraf. Herr H. machte sich mit mir auf die Wohnungssuche, und nach vielem treppauf und treppab mietete ich eine Stube Mauerstraße 26 4 Tr. Wie sich bald herausstellte, eine für mich sehr ungeeignete Wohnung, weitab von allen Bekannten, dazu wenig saubere Verhältnisse. Mein Stubennachbar war der Leibmohr des Prinzen Carl, der unsauberen Verkehr hatte. So kündigte ich nach kurzer Zeit und zog am 1. Dezember wieder aus. Den ersten Abend verbrachte ich bei Hebbinghans, nachdem ich mich ein wenig eingerichtet hatte. Das war mein erster Tag in Berlin. Am anderen, Sonntagmorgen, hörte ich im Dom Generalsup. Möller aus Magdeburg predigen, nach der Kirche traf ich Richard Möller und Bangerotte und andere Bekannte, suchte und fand H. Gröber in seiner Wohnung in der Sophienstraße. Mittags war ich wieder bei Hebbinghans eingeladen, machte mit ihm einen Spaziergang im Tiergarten und war abends mit H. Gröber und E. Pönsgen auf meiner Stube zusammen. Pönsgen war der intime Freund von H. Gröber von der Schulzeit her. Er hatte glaube ich zwei Semester in Göttingen zugebracht, während H. Gröber in Bonn durch die freie Wohnung im Stift festgehalten war. Wir verkehrten in Berlin viel zusammen, und Pönsgen ist auch mir seit der Zeit ein lieber und treuer Freund geworden. Die Sonntagabende verbrachten wir abwechselnd bald auf der Stube des einen, bald des anderen. Als weiterer gesellte sich später Maulshagen zu uns. Er war wie H. Gröber ein Leibfuchs von Ernst Trommershausen und hatte dadurch Beziehungen zu H. Gröber. Wir lasen manches zusammen, damals Riehl's bürgerliche Gesellschaft, später die Vorträge von Thiersch. Wenn wir nach einem oft weiten Spaziergang am Nachmittag beim eintönigen Vorlesen schläfrig wurden, hatte H. Gröber öfter eine diebische Freude, zwei Seiten zu überschlagen, ohne dass es einer merkte. Da Gröber und Pönsgen nicht aktiv wurden, ließ ich es auch, zumal ich durch vielen Privatverkehr in Berlin mannigfach in Anspruch genommen wurde, mir auch die Zeit für Konzerte u.a. freihalten wollte. Vor allem aber sagte uns Rheinländern der Ton in der Verbindung nicht zu. Viele Kneipen und Kneipzwang, Wertlegen auf Komment und Tradition, dabei bei Vielen ein sklavisches Nachbeten der Meinungen ihrer Professoren, bei nicht wenigen derselbe Eindruck, den in Bonn die katholischen Theologen auf uns gemacht hatten. Ab und zu verkehrten wir als Gäste in der Verbindung, was wahrscheinlich nicht gerne gesehen wurde. Von Berliner Wingolfiten habe ich später nur zu Zweien dauernd Verbindung gehabt: zu Lenz (Harras), der später in der Prov. Sachsen angestellt war, und vor allem zu Aug. Schmitz, der mit Paul das Abiturientenexamen machte und nun in den Berliner Wingolf als Fuchs eintrat. Wir sind uns damals aber noch nicht nähergetreten, erst im Sommer 70 in Tübingen. Viel verkehrte ich auch in Berlin mit Heinrich Bangerotte, er wohnte soviel ich mich erinnere bei seinem Onkel, Geh. Rat Bartels in Bethanien, führte mich in die Familie ein. Ich habe da sehr viel und angenehm verkehrt, besonders auch mit dem Sohne, dem Assistenzarzt seines Vaters. Auch Paul Liebold war damals in Berlin und wohnte im Domkandidatenstift, Oranienburgerstraße. Dort waren außer 8 Domkandidaten, zu denen derzeit Hermens gehörte, auch 8 -10 Studenten, die unter Leitung des ältesten Domkandidaten ihre Studien betrieben. Sie hatten freie Wohnung und andere Benefizien. Zu diesem gehörte Paul Liebold, später auch H. Gröber. Dadurch bin ich, besonders seitdem ich in der Nähe des Stiftes wohnte, viel in dasselbe gekommen.

Am 31. Oktober war ich in der Berliner Universität immatrikuliert worden. Ich belegte Joh. Evangelium bei Professor Dorner, bei Hengstenberg Einleitung ins alte Testament, Seminar, bei Prof. Weingarten Reformationsgeschichte und bei Historiker Prof. Droysen Geschichte der neuesten Zeit von 1815 an. Prof. Weingarten war sehr lebendig und anregend, doch habe ich keine tieferen Eindrücke von ihm empfangen. An Hengstenberg trat ich mit großen Erwartungen heran, seine Bedeutung für die Bekämpfung des alten Rationalismus und die Heranbildung einer neuen, positiven Theologie war von Vielen anerkannt, seine Kirchenzeitung in kirchenpolitischer Beziehung nicht ohne Einfluss, auf mich aber hat seine Persönlichkeit kaum nachhaltigen Einfluss ausgeübt, er machte im Kolleg einen zu selbstbewussten Eindruck, redete oft sehr heftig und geringschätzig von seinen Gegnern, seine Beweisführungen waren durchaus nicht immer stichhaltig. Er suchte vieles zu beweisen, was nicht zu beweisen ist, trieb viel Unfug mit Zahlensymbolik. Wenn mich seine Beweisführungen meist nicht überzeugten, so sagte H. Gröber oft in seiner derben Weise leise zu mir: Er lügt. Jedenfalls hat Hengstenberg mich und wohl auch manche andere der kritischen Theologie eher nähergebracht als von ihr abgehalten. Wenn mich sein oft liebloses Urteil über seine wissenschaftlichen Gegner abstieß, so zog mich umso mehr Prof. Dorner vom ersten Augenblick an. Sein mildes, ironisches Wesen war wohltuend, so habe ich auch in den nächsten Semesterreihen ihn, soviel ich konnte, gehört, Römerbrief, Dogmatismus 2 Teile und vor allen Dingen seine Societät haben wesentlichen Einfluss auf meine theologische Entwicklung gehabt. Seine Dogmatik war zu sehr von Hegel'schem Formalismus beeinflusst, er glaubte viele religiöse Wahrheiten beweisen zu können, die nicht zu beweisen sind, auch war die Anlage seiner Dogmatik nach dem trinitarischen Prinzip weniger fruchtbar als die Kählers, dessen Theologie ganz von der Lehre von der Erlösung beherrscht ist. Im Einzelnen aber boten Dorners Vorlesungen eine Fülle von Anregung, nicht nur für den Verstand, sondern auch für Herz und Gewissen, und die sanfte, freundliche Persönlichkeit machte sie noch eindrücklicher.

Am meisten habe ich von seiner theol. Societät gehabt, die ich Sommer und Winter 1869 besuchte. Er hielt sie in seinem Hause ab, wo des Raumes wegen etwa 20 - 25 Studenten zugelassen waren. Im Sommer wurde Origenes de principiis, im Winter Schleyermachers Glaubenslehre gründlich durchgearbeitet. Er bestimmte einen Abschnitt, der das nächste Mal durchgenommen werden sollte, darauf musste jeder sich vorbereiten, um gerüstet zu sein, wenn er am nächsten Donnerstagabend zu irgendeinem sagte: Wollen Sie, Herr Studiosus, über den Abschnitt referieren! In der Vorbereitung auf diese Abende und an den Abenden in der Diskussion habe ich zuerst gründlich wissenschaftlich arbeiten gelernt. Außerdem gab er bei Beginn des Semesters eine große Anzahl von Themen zur Bearbeitung, von denen jeder sich eins wählte und schriftlich bearbeitete. Die Arbeit wurde von Prof. Dorner einem Mitglied der Societät zur Kritik übergeben und an einem der nächsten Abende sehr gründlich besprochen, wobei man durch Dorners klares Urteil viel lernen konnte. Ich erinnere mich, in einem Semester eine 40 Seiten lange Arbeit über den Eid abgeliefert zu haben, die Prof. Dorner sehr scharfsinnig fand, ohne meinen Resultaten zuzustimmen. In der Societät waren auch H. Gröber und Aug. Schmitz, letzterer erst im 2. Semester, in dem man sich gewöhnlich auf schwierige, dogmatische Fragen noch nicht einzulassen pflegt. Alle aber staunten, mit welcher Schärfe der Fuchs im zweiten Semester sein Urteil in den schwierigsten dogmatischen Fragen abgab. Zu Gemütlichkeit bei der Societät trug bei, dass Tee und Zwieback gereicht wurden. - Die Vorträge von Droysen waren besonders interessant, nur umso mehr, da wir im Gymnasium nie über 1815 hinausgekommen waren. In den beiden nächsten Semestern hörte ich auch Steinmeyer und besuchte seine praktisch homiletischen Übungen. Er hat auf mich nicht so großen Eindruck gemacht wie auf manche andere. Die praktische Theologie war mir zu theoretisch und zu abstrakt, aber eins danke ich ihm ganz besonders: er legte besonderen Wert darauf, dass die Predigt textgemäß sei, und stellte die Behauptung auf, dass über jeden Text nur eine dem Text entsprechende Predigt gehalten werden könne, da er nur einen Grundgedanken habe. So ist es mir bei meinen Predigtausarbeitungen später immer die erste Sorge gewesen, die Grundgedanken der Texte gründlich zu verstehen und wirklich textgemäß zu predigen. Und ich habe die Predigten nicht leiden mögen, die den Text nur als Ausgangspunkt benutzten, um die eigenen, wenn auch guten Gedanken daran zu knüpfen. Das hat vielleicht bei mir sehr seine zwei Seiten gehabt. Ich habe wohl meine Hörer in das Verständnis des biblischen Textes tiefer hineingeführt, aber es ist mir auch schwerer als anderen geworden, manche Fragen des praktischen Lebens zu erörtern, weil sie nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Text standen. Von Theologen hörte ich noch ein Kolleg von Twesten über Symbolik und von Friedr. Straush über biblische Geografie. Beide haben auf mich keinen Eindruck gemacht. Im letzten Semester in Berlin hörte ich ein Kolleg von Dillman über Hosea und Amos und belegte sein alttestamentliches Seminar, in dem fleißig Hebräisch getrieben wurde. Das Kolleg aber, zweistündiger publicum, sonnabends 9 - 11 Uhr, welches er ohne Pause las, war so ermüdend und langweilig, dass ich es oft vorzog, mit Wilhelm Gröber stattdessen ins Museum zu gehen. Ich habe sonst nicht viele Kollegs geschwänzt, die ich belegt hatte, habe aber auch nie um der Professoren oder Examinatoren willen welche belegt. Endlich hörte ich in Berlin noch die sehr interessanten Vorlesungen von Prof. Trendlenburg. Die "Sommerlogik" früh um 7 Uhr brachte mich früh aus den Federn und hat mir manchen schönen Morgenspaziergang verschafft.

Sehr fleißig habe ich in der Berliner Zeit die dortigen Museen besucht, lange bin ich täglich eine Stunde durch dieselben gewandert, und viele der Kunstschätze sind mir damals lieb und vertraut geworden. Auch viel Musik habe ich gehört, die vorzüglichen Konzerte der Bilse'schen Kapelle, die man für 33 Pf im Abonnement genießen konnte, oft auch Generalproben in der Singakademie, Paulus, Elias, Matthäuspassion u.a.m. Ins Theater bin ich selten gegangen, was mich zurückhielt, waren Bedenken über die Gefährlichkeit des Schauspielerstandes für die Schauspieler. Ich glaube, dass die meisten Schauspieler in sittlicher Beziehung wenig festen Halt haben, weil sie durch ihren Beruf gezwungen sind, sich immer in andere Charaktere hineinzuleben und dabei den eigenen verderben.

Am 26. November 1868 kamen Onkel und Tante nach Berlin, sie wohnten Unter den Linden Hotel du Nord, dicht neben dem Palais des alten Kaiser Wilhelm. Das große Hotel ist niedergelegt und zur Vergrößerung eines Bankhauses genutzt worden. Damals erschien es mir gewaltig in seiner Größe und Pracht. Tagsüber war ich viel mit der Tante zusammen, während Onkel seinen Geschäften nachging. Abends waren wir öfter im Theater, einmal auch im Zirkus Renz. Die Hauptsache war mir natürlich, Onkel und Tante da zu haben, in ihnen ein Stück Heimat. Ich war mit Onkel und Tante bei Generalmajor Marschall v. Lulicki, dessen Frau entfernte Verwandte von Mutter war, und wurde in der Folgezeit öfter da eingeladen. Sie hatten drei Söhne, besonders mit dem mittleren, Gardeleutnant, habe ich verkehrt. Ebenso war ich oft bei Frl. von Zülow und Frl. von Wedel in der Kochstraße. Wir hatten 1859 bei ihnen gewohnt. Auch bei Frau von Zülow, deren Schwägerin. Die Geselligkeit in den Berliner Kreisen sagte mir nicht sehr zu, war zu förmlich und steif. Durch Prof. Krafft hatte ich Empfehlung an Generalsup. Hoffmann im Domkandidatenstift. Dort war der Verkehr viel anregender, ebenso bei Garnisonprediger Friedr. Straush und dessen Bruder Sup. Otto Straush an der Sophienkirche. Bei Gen. Sup. Hoffmann, einem liebenswürdigen Schwaben, hatte ich mal ein komisches Erlebnis. Es kam die Rede auf das damals viel besprochene Buch des P. Stephan "Le ocadie", in dem dieser die Berliner Verhältnisse ind taktloser Weise schilderte. Gen. Sup. Hoffmann erzählte von diesem und jenem, der unter anderem Namen in dem Buch geschildert war, da fragte ich ihn ganz harmlos, ob P. St. ihn nicht auch darin abgezeichnet habe. Er machte eine ausweichende Bemerkung, und ich hörte von Hermes, der dabei war, dass ich mit meiner Frage eine Dummheit begangen hatte, da Hoffmann in dem Buch geschildert wurde, wie er seine 2. oder 3. Frau suchte. Sie saß neben mir am Tisch.

Von Garnisonprediger F. Straush erinnere ich mich einer Bemerkung. Er gab mir mal den Rat, Singstunde zu nehmen, wenn ich Pastor werden wolle, das würde mir für mein Sprechen gut sein. Ich habe derzeit darüber gelacht, doch glaube ich er hatte recht. Bei ihm ging es in Gesellschaften sehr fein, militärisch zu. Viel gemütlicher war es bei seinem Bruder Otto. Viel habe ich auch bei meiner Cousine Pauline Ferdinand, geb. Roecke, verkehrt. Sie bewohnten eine nette Wohnung im Palais des Prinzen Albrecht, Wilhelmstraße. Ebenso habe ich oft eine andere Cousine, Frau M. Müller, die Frau eines Lehrers, Tochter der Tante Krause in Halle, besucht. Sie war wohl wenig glücklich verheiratet. Ihr Mann, viel älter als sie, war wohl ein Tyrann, der ihr das Leben schwer machte. Sie freute sich, wenn ich sie in ihrem Stübchen im großen Hinterhaus aufsuchte. Ihr Mann ist später gestorben, sie zog nach Halle zurück, hat sich dort durch Vermietung von Stuben erhalten.

Ende November zog ich aus der Mauerstraße zur Oranienburger Straße 78. Da standen neben dem Domkandidatenstift zwei kleine, einstöckige Häuschen, das erste eine Restauration, im zweiten wohnte der Obermeister der Fischerinnung Voigt mit seiner alten Frau, biedere, fromme Leute, die - wie ich hernach erfuhr - auch der Superint. Straush, zu dessen Gemeinde sie gehörten, sehr schätzte. Ich bewohnte eine kleine Stube nach vorne, hinten wohnten die beiden Alten. Da war ich gut versorgt in jeder Beziehung. Im Sommer 69 habe ich bei meinen Hausleuten und mit ihnen zu Mittag gegessen. Ich hatte nur frühmorgens und dann erst um 4 Uhr nachm. Kolleg, so konnte ich den Tag über ruhig arbeiten. Dies gemütliche Mittagessen mit den beiden Alten hat damals sehr zu meinem Wohlsein beigetragen. Leider konnte ich nach den Herbstferien 69 die Wohnung nicht wieder bekommen und habe dann noch das letzte Semester in der großen Hamburger und Sophienstraße gewohnt. Nach Neujahr 69 habe ich mit H. Gröber zusammen im Kindergottesdienst der Petrikirche bei Probst Köllner geholfen. Anfangs wurde mir die Aufgabe schwer, machte mir aber mehr und mehr Freude.

In Berlin habe ich auch, wie ich es von Hause gewohnt war, sonntäglich die Kirche besucht. Bei meiner Mutter war es stets die Regel, dass, wenn sie nicht krank war, sie mit uns Kindern und beiden Mädchen sonntäglich zur Kirche ging. So war es mir immer eine heilige Gewohnheit, auch als Student und auf Reisen, soweit ich es eben konnte, sonntäglich den Gottesdienst zu besuchen. Und ich möchte, dass es auch allen meinen Kindern eine heilige Gewohnheit wäre und bliebe. Ich habe in Berlin viel gute Prediger gehört, Generalsuperintendent Büchsel an St. Matthäi, P. Müllensiefen an St. Marien, Kögel am Dom und den jungen P. Pank an der Golgathakapelle im Norden Berlins. Letzterer, später an der Dreifaltigkeitskirche auf Schleiermachers Kanzel, wo jetzt Lahusen steht, und dann als Stadtsuperintendent von Leipzig berühmt geworden, hat mir eigentlich in seiner schlichten und doch tiefen evangelischen Predigt am meisten gegeben. Zum Abendmahl bin ich meistens bei Müllensiefen gegangen. Schwer war mir in der ersten Berliner Zeit Mutters leidender Zustand. Sie hatte sich an den Genuss von Morphium gewöhnt, um ihre Nerven zu beruhigen, konnte dann nicht davon loskommen, was ihr und mir viel Schmerz bereitet hat. Dazu konnte sie sich schwer in Pauls Art finden, und ihre Briefe machten mir oft das Herz schwer. So freute ich mich besonders, als ich Weihnachten wieder zu ihr und mit ihr und Paul zum Fest nach Eupen reisen konnte. Am 26. Februar besuchte ich meines Vaters Grab, an seinem Geburtstag, oft auch vorher und nachher, und manche stille Stunde der Erinnerung habe ich dort verbracht. Das Grab liegt, wie ich früher schon sagte, gleich vor dem Helleschen Tore auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhof. In den Osterferien war ich bei Mutter in Bonn, die recht leidend war. Auf der Rückreise nach Berlin war ich in Magdeburg und Halle. In Halle war damals zwischen dem alten Bahnhof und dem Leipziger Turm nur vereinzelt ein Haus, meist Gärten. Ich logierte auf dem Jägerplatz, ich glaube bei W. Gröber. Die Wingolfkneipe war in einem großen Haus am Eingang des Harzes, schräg gegenüber von Harz Nr. 7, der Wohnung von Frau Prof. Schmitz. Ich ahnte bei meinem ersten Aufenthalt in Halle nicht, wie viele spätere ihm folgen würden. Über meine Kollegien im Sommersemester habe ich schon berichtet. Hengstenberg war schwer krank und las nicht mehr. Pfingsten wanderte ich mit Halleschen Freunden nach der Wartburg zum Wartburgfest. Donnerstagabend, nach der Dornerschen Societät, fuhr ich die Nacht durch nach Halle, 6 Stunden damals! Auf dem Bahnhof traf ich meine Reisegefährten, Wilh. und Martin Gröber, Plaskuda, Noel und Denkhans. Wilhelm Gröber war damals Präses des Wingolf in Halle, Martin lernte ich zuerst kennen in seiner heiteren, fröhlichen Art, Plaskuda, ein Schlesier, ein stiller, einfacher, zuweilen sehr witziger Mensch, hat mich damals besonders angezogen. Noel, ein Duisburger, war später Pastor in Huchting bei Bremen, ich habe ihn im Jahre 70 vor dem Krieg in Duisburg wiedergetroffen. Der dicke Denkhans zeichnete sich durch Gemütlichkeit besonders aus, er blieb meist hinter der übrigen Schar zurück, tat sich nicht wenig darauf zugut, unser Hemmschuh zu sein. Wäre er nicht bei uns gewesen, so sagte er, so wären wir wohl bald durch zu rasches Laufen marode geworden und nicht so weit gekommen wie mit ihm. Wir fuhren bis Weimar, besahen dort das Schiller- und Goethedenkmal von Rietschel und die Häuser der beiden großen Dichter. Von Weimer, damals eine kleine, einfache Stadt, wanderten wir über Belvedere mit seinem schönen Park mit dem Blick auf Weimar nach Berka. Hier nahmen wir einen Wagen nach Rudolstadt, das Bild einer recht kleinstädtischen und gemütlichen Residenz. Von da ging es über Ruine Greifenstein mit herrlichem Blick in das Saaletal nach Blankenburg, wo wir übernachteten. Wir trafen dort zwölf Berliner, unter ihnen Schmitz, die über Jena gereist waren. Samstag früh um sechs brachen wir auf und wanderten so froh und glücklich wie Burschen nur sein können durch das herrliche Schwarzatal nach Schwarzburg. Ich staunte über den herrlichen Tannenwald, hatte solchen noch nie gesehen. Das Tal mit seinen schroffen Felsen und dunklen Tannen, im Grunde die klare Schwarza, war für uns alle so überwältigend schön, dass wir singend und jubelnd in der Morgenfrühe dahinzogen. Kurz vor Schwarzburg kam uns eine gleichfrohe Schar entgegen, Erlanger Brüder, unter ihnen mein Konabiturient Aug. Weihe und mein lieber Gießener Vogel. Nach kurzer Begrüßung geht es weiter auf baldiges Wiedersehen auf der Wartburg, und wie wir noch ein Stückchen weiter sind, ertönt hinter uns ein Posthorn, der Schwager bläst mit dem Kondukteur zusammen allerlei Volkslieder. Wie poetisch war das in dem einsamen Waldtal im Vergleich zu den langweiligen Eisenbahnfahrten von heute. Den Höhepunkt bildete Schwarzburg selbst. Wir standen auf einer Brücke, unter uns die Schwarza, vor uns im Talgrund zwischen frischem Grün von Eichen und Buchen das Dorf Schwarzburg, darüber auf einem Bergvorsprung das Schloss, das ganze Bild eingerahmt durch Berge mit Tannenwäldern. Nach einem Frühschoppen mit gutem Schleusingerbier, dem besten der ganzen Reise, stiegen wir auf den Wippstein oberhalb des Schlosses, von wo wir den bekannten Blick auf Schloss und Tal genossen. Wir sahen im Walde eine Herde Rehe und Hirsche, die uns zutraulich ansahen. Nun ging es weiter nach Paulinselle. Ganz im Grünen gelegen erinnert es in mancher Beziehung an die Ruine von Heisterbach. Als wir aufbrachen, kamen die Erlanger Freunde, um hier zu übernachten. Wir gingen noch zwei Stunden weiter nach Augstedt, wo wir im "Wilden Mann", einer gemütlichen Bauernkneipe, einkehrten, Der Wirt, kein wilder Mann, sondern gemütlicher Thüringer, der uns gut verpflegte und nicht übervorteilte. Am Abend hatten wir Gelegenheit, im Dorfe mit den Thüringer Bauern zu verkehren, freundliche, aufgeweckte Leute. Am anderen Morgen früh zogen wir nach Ilmenau, wo wir den Pfingstgottesdienst besuchten. Wir trafen hier eine Menge Leipziger, auch Baselmann. Leider bot die Predigt nicht viel, wässerig. Mittags wanderten wir auf den Kickelhahn, oben trafen wir 30 oder mehr Wingolfiten, in größeren oder kleineren Gruppen wanderten wir über die Schmücke auf den Schneekopf, den höchsten Punkt des Thüringer Waldes, doch war die Aussicht leider nicht klar. Am Abend ging es noch nach Oberhof, wie ich Mutter schrieb, einem kleinen Dorf, wo das damals einzige Wirtshaus, der Domänengasthof, so überfüllt war, dass wir im Saal auf Stroh schliefen. Was ist heute aus dem kleinen Dorf geworden! Am zweiten Pfingsttag erreichten wir nach vierstündigem Marsch durch den Dietharzergrund Tambach. Von Tambach fuhren wir nach Friedrichsroda, wo es leider anfing zu regnen. Trotz Regen wanderten wir über Reinhardbrunn nach Tabarz, und da es heller wurde, entschlossen wir uns noch, mit einem Führer auf den Inselsberg zu wandern. Der Führer, ein früherer Bergmann, erzählte viel von seinen Schicksalen und von Land und Leuten. Kaum eine Viertelstunde unterwegs, fing der Regen wieder an, aber der Spott der Zurückgebliebenen ließ uns nicht umdrehen, auf den gradesten Wegen brachte uns der Führer im strömenden Regen nach 5/4-stündigem Marsch, bis auf die Haut durchnässt, auf den Inselsberg. Glücklich bekamen wir zu 18 die 6 letzten Matratzen und hatten mit 5 Wingolfiten, die schon dort waren, einen gemütlichen Abend, nachdem wir uns getrocknet hatten. Am anderen Morgen hellte es gegen 9 Uhr etwas auf, und wir hatten eine ziemlich günstige Aussicht. Dann ging es über Brotterode, Liebenstein, Altenstein, Lutherbuche, von wo Luther nach der Wartburg entführt wurde, nach Ruhla. In jedem Ort trafen wir liebe Brüder, den Abend waren etwa 100 Wingolfbrüder zu einer Vorkneipe versammelt. Die Bevölkerung lebte damals fast nur von der Fabrikation von Meerschaumpfeifen. Alle Gasthäuser waren überfüllt. Ich fand bei einem Fabrikanten, der zu den Honoratioren gehörte, mit einigen ersten Brüdern freundliche Unterkunft. Sie hatten sichtlich ihre Freude an den frohen, frischen Studenten und bewirteten uns aufs Beste. Am Abend gab es ein fröhlich Wiedersehen mit vielen Bekannten, für mich besonders erfreulich das Wiedersehen mit Hechtenberg, dem damaligen Bonner Präses, mit dem ich die folgenden Tage immer zusammen war. Am anderen Morgen wanderten wir über die Hohe Sonne nach Eisenach mit all seinen Luthererinnerungen, die uns dort auf Schritt und Tritt umgaben. Abends war die Vorkneipe auf der "Phantasie", einem Lokal im Mariental. Hechtenberg als Präses des nächsten Bundesvororts; präsidierte. Am folgenden Morgen war ein Erbauungskränzchen im Walde, wo ein Gießener Philister uns eine stille Andacht über den guten Hirten hielt. Der Convent am Vormittag und die Feier auf der Wartburg am Nachmittag verliefen in üblicher Weise. Bei dem Festzug auf die Wartburg schloss ich mich natürlich den Bauern an. Das "Ein feste Burg", auf der Wartburg gesungen, wirkte besonders eindrucksvoll. Der große Kommers am Abend in der "Phantasie" war von ca. 170 Wingolfiten besucht. Am anderen Morgen stieg ich noch einmal mit anderen Brüdern auf die Wartburg, um sie näher zu besehen, kehrte Freitagabend nach Halle und Samstagmittag nach Berlin zurück, froh und dankbar für alles Genossene, aber auch voll neuer Begeisterung für die große Sache und Aufgabe unseres Wingolf. Bei dem Festkommers auf der Wartburg war auch ein Gruß des von vielen verehrten Prof. Hengstenberg eingetroffen, von seinem Sterbebett aus. In Berlin musste ich den Zurückgebliebenen, besonders Pönsgen und Gröber, viel von meiner Reise erzählen, dann ging ich wieder frisch und fröhlich an meine Arbeit.

Den Sommer über habe ich fleißig gearbeitet, fühlte mich aber in Berlin sehr wenig wohl, die große Stadt behagte mir immer weniger, und ich fühlte mich vereinsamt. Der Verkehr mit den Freunden war durch allerlei Verhältnisse mehr als im Winter erschwert, und als nun die Reisezeit in Berlin kam, kam für mich die Zeit schlimmen Heimwehs. Ich sehnte mich nach Bonn zurück, und einzelne Ausflüge nach Potsdam und dessen schöner Umgebung konnten das Gefühl des In-der-Großstadt-gefangen Seins nicht überwinden. Dazu kam, dass ich gerade in dieser Zeit mit allerlei kritischen Bedenken und inneren Zweifeln zu tun hatte, die mich nicht zu innerer Ruhe kommen ließen. In Berlin hatte ich unter den Bekannten keinen, dem ich mich damals ganz erschließen konnte. H. Gröber, der mir am nächsten stand, war durch seinen nahen Verkehr mit Pönsgen mir ferner gerückt. Umso mehr war mir in jener Zeit der briefliche Verkehr mit meiner Mutter und mit Karafiat, dessen Briefen ich viel verdankte. Außer meinen laufenden Arbeiten nahm mich die Arbeit über den "Eid" für Dorners Societät sehr in Anspruch, und so gingen die Wochen bis zum Beginn der Herbstferien hin, bis ich endlich Berlin und seiner Hitze und seinem Staub entfliehen konnte. Mutter war im Juni lange in Westfalen gewesen, in Gütersloh, dann in Schwelm bei Josephson und in Elberfeld. Sie sollte im Herbst auf Rat des Arztes in ein Seebad gehen. Sie entschied sich für Norderney, und dadurch reifte für mich der Plan, dort mit ihr zusammenzutreffen. Am 1. August musste ich meine Wohnung verlassen, kampierte noch 8 Tage nachts auf W. Gröbers Sofa, hielt mich bei Tage bei Bekannten auf, weil ich die Kollegien noch bis zum 7. besuchen wollte. Lange hatte ich alle, die abreisen konnten, beneidet , endlich kam für mich die Stunde der Abreise. Ich freute mich, Berlin hinter mir zu haben, als ich Samstag, 7. Aug., früh um 5 Uhr mit Bangerotte nach Greifswald fuhr. Von da ging es per Dampfer nach Lauterbach, Hafenstadt von Putbus. Wir wanderten nach Putbus und am Abend noch zu dem Jagdschloss des Fürsten Putbus, wo wir übernachten wollten. Samstagfrüh bestiegen wir den Turm des Jagdsschlosses und hatten von da einen schönen Blick über das Meer. Aber schon nahte das Missgeschick. Bangerotte hatte sich tags zuvor erkältet, und sein altes Übel, das er durch das Wandern zu bessern hoffte, trat mit erneuter Heftigkeit auf. Durch starken Durchfall geschwächt, schleppte er sich nur mühsam weiter, und oft musste ich sein Gepäck noch tragen, um ihn zu erleichtern. Von Putbus wanderten wir über Neu- Meckrahn an d. See entlang nach Sassnitz, damals noch ein ganz kleines Ostseebad, von Sassnitz durch die Stubnitz, dem prachtvollen Buchenwald über der See, nach Stubbenkammer. Aber nun begann es zu regnen, so dass wir nur hie und da einen Lichtblick auf das Meer und die Kreidefelsen hatten. Wir übernachteten in Stubbenkammer und mussten die Wanderung nach Arcona aufgeben. Am folgenden Tag wanderte ich über Sagard, Bergen, Putbus nach Stralsund, während Bangerotte die Post benutzte. Er verließ mich dann und fuhr nach Berlin zurück. Ich entschloss mich noch, Kopenhagen zu besuchen, musste deshalb den Dienstag in Stralsund bleiben und das Schiff abwarten, das nur alle zwei tage fuhr. Hier hatte ich Gelegenheit, in dem schönen Rathaus und der Marienkirche köstliche Proben der nordischen Backsteinbauten zu sehen, bestieg auch den Turm der Marienkirche, 368 Stufen, und freute mich der schonen Aussicht über die Stadt, die Insel Rügen und die mecklenburgische Küste, besuchte auf dem Friedhof Schills Grab. Den Abend ging ich auf das Dampfschiff, das früh 4 Uhr auslaufen sollte und schlief gut in meiner Koje. Als ich um 5 Uhr aufs Verdeck kam, hatten wir eine herrliche Fahrt, zur Linken die Küste von Rügen. Nachdem wir die nördliche Spitze passiert hatten, machte sich ein heftiger Weststurm auf, warf das Schiff hin und her, die Wellen über das Verdeck, und dann fing es auch noch an zu regnen. Bald waren alle seekrank, und zuletzt musste auch ich dem Gott Neptun mein Opfer bringen. So hat er mich für meine Missachtung der Ostsee, die ich als stilles Binnenwasser ansah, bestraft. Gegen 1 Uhr landeten wir in Malmö an der schwedischen Küste und ließen uns ein gutes Mittagessen trefflich schmecken. Nach zwei Stunden waren wir dann in Kopenhagen, wo ich von Mittwoch bis Freitag blieb. Ich hatte auf dem Schiff einen netten Herrn gefunden, Direktor einer chemischen Fabrik in Warschau, Hannoveraner und guter Preuße, in dessen Gesellschaft ich die Tage verlebte. Kopenhagen machte mir keinen sonderlichen Eindruck, die schöne Umgebung lernte ich leider nicht kennen. Das Thorwaldsen Museum machte mir tiefen Eindruck, besonders der sog. "segnende Christus". Freitagabend fuhr ich per Bahn nach Korsör, nach Kiel mit dem Dampfschiff, das ich in strömendem Regen erreichte. Unsere Panzerflotte war leider gerade ausgelaufen. Die Universität machte mir den Eindruck eines alten Pferdestalles. Samstagabend kam ich nach Hamburg, das schon damals tiefen Eindruck auf mich machte. Ich logierte in einem kleinen Hotel in St. Pauli über dem Hafen, fuhr durch den Hafen hin und her und sah mit Staunen die gewaltigen Überseedampfer. Anderentags besah ich die gotische Nicolaikirche, das "Rauhe Haus" in Horn, wo ich den Gottesdienst besuchte und die Anstalten besah, schließlich noch einen amerikanischen Postdampfer. Damals war ein solches Schiff, das 800 Menschen befördern konnte, von staunenswerter Größe, heute gegenüber den Riesendampfern ein Zwerg. Abstoßend war mir der Luxus der 1. Kajüte gegenüber dem Elend des Zwischendecks. Das ist wohl glücklicherweise jetzt anders geworden. Abends fuhr ich mit dem vierspännigen Eilwagen nach Bremen, durch die Lüneburger Heide, um von da anderen Morgens mit dem Schiff nach Norderney zu fahren. . Aber Pech, zwei Stunden vor Bremen fuhren wir durch plötzlichen Stoß aus dem Schlaf auf, ein Rad war gebrochen. Mühsam wurde der leere Wagen in die nächste Dorf- schmiede geschleppt, das Rad geflickt und dann im Schritt nach Bremen gefahren, wo wir mit mehrstündiger Verspätung ankamen. Das Schiff war fort, und so musste ich bis zum anderen Tag in Bremen bleiben, um dann über Emden, Norddeich Norderney zu erreichen. In Norderney traf ich Mutter wohl an. Norderney war derzeit noch sehr primitiv, eben durch die jährlichen Besuche des Kronprinzen mit Familie im Aufblühen begriffen. Wir lebten dort sehr still und zurückgezogen, verkehrten fast nur mit einer Familie v. Göhler aus Baden, die wir später in Bad Boll wiedertrafen. Wir blieben bis Mitte September in Norderney, dann setzten die Herbststürme ein, sodass drei Tage kein Dampfschiff fuhr. Mit dem ersten reisten alle ab. Damals musste man in Norderney noch mit dem Wagen an ein Boot und mit diesem an das Dampfschiff fahren, und die meisten wurden schon auf diesen Fahrten seekrank, so war es auf dem überfüllten kleinen Dampfer eine entsetzliche Überfahrt nach Emden. Als sich die Reisegesellschaft aber dann in Emden fröhlich beim Mittagessen zusammenfand, sah ich staunend ein, eine wie gesunde Krankheit die Seekrankheit sei. Wir fuhren nach kurzem Aufenthalt in Bonn nach Eupen, wo wir Paul trafen. Karafiat hatte damals in Köln eine Hauslehrerstelle bei Kaufmann Langer angetreten, so hatte ich mit ihm ein frohes Wiedersehen und eine gewisse Beruhigung in Blick auf Mutter, da ich ihn in ihrer Nähe wusste. Von Eupen aus machte ich Mitte Oktober mit Paul und K. Arnold eine kleine Fußtour ins Hohe Venn. Wir wanderten über Montjoie, der Heimat der Scheiblerschen Familie, nach Malmedy, wo wir nach zehnstündigem Marsch abends ankamen. Malmedy liegt in einem weiten Talkessel, die Stadt sauber und freundlich. Wir suchten das Haus auf, in dem die Eltern gewohnt, und den Betsaal, darin Vater gepredigt, fanden auch einen alten Beamten, der die Eltern gekannt hatte und mit herzlicher Liebe von Vater sprach. Dann wanderten wir nach Spaa, wo die Spielhölle nur abstoßenden Eindruck machte, fuhren nach Verviers und wanderten von da wieder nach Eupen.

Ich fuhr von Eupen direkt nach Berlin zurück. Das Wintersemester 69/70 verlief ohne besondere Ereignisse. Mutter war ziemlich wohl, so dass die Sorge um sie mich nicht so störte. Prof. Dorners Einfluss wurde für mich immer entscheidender, während das unruhige Berlin mir immer weniger behagte. Ich habe viel gearbeitet, und dadurch verfloss die Zeit rasch. Von alten Freunden war Wilh. Graeber nach Berlin gekommen und bereicherte unsere Sonntagabendzusammenkünfte. Ich wohnte zuerst in der Großen Hamburger Straße, wo ich einen angenehmen Stubennachbarn in einem Wingolfiten hatte, A. Buchhold, später wohnte ich in der Sophienstraße in der Nähe von Graeber und Poensgen. In diesem Winter lernte ich auch einen Jugendfreund und Studiengenossen meines Vaters in dem Inspektor der Goshnerischen Mission, Ansorge, kennen. Er war lange in Indien als Missionar gewesen, ich habe gerne und oft bei ihm verkehrt. Von ihm stammt der kleine Pfeifenkopf, den er meinem Vater als Student dediziert hatte und den ich als Reliquie verwahre. Weihnachten war ich wiederum zuerst in Bonn, dann in Eupen. Grausame Reisen in ungeheizten Bummelzügen. Ostern entschloss ich mich, Berlin mit Tübingen zu vertauschen. So schwer es mir auch wurde, Dorner zu verlassen, so wenig hatte ich Lust, noch einen zweiten Sommer in Berlin zuzubringen. Ich sehnte mich, einmal wieder in schöner Natur zu leben, vor allem zog mich Becks Ruf nach Tübingen.

Noch zwei Bekannte aus dem damaligen Berliner Wingolf, denen ich später öfter begegnete: Kattenbusch, jetzt Professor in Halle, und Felix Mühlmann, Schulrat a.D. in Wilhelmshöhe.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04