Bonn


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Bald nach meinem Examen siedelten wir nach Bonn über. Wie der Umzug sich vollzog, weiß ich nicht mehr. Die Einrichtung der engen Wohnung in Webers Garten hatte Schwierigkeiten, und da Handwerker für Geld und gute Worte schwer zu haben waren, musste ich Schreiner, Schmied und Tapezierer spielen, wie ich in einem Brief schreibe. Endlich aber war nach langer Unruhe alles in Ordnung, die Wohnung hatte von der einen Seite einen schönen Blick auf die Stadt, das Münster, von der anderen Seite auf Godesberg, das Siebengebirge und die Berge hinter Bonn, Kreuzberg etc. Unten im Haus wohnte Prof. Köhler mit seiner Mutter, der bald darauf als Prof. des Alten Testaments nach Erlangen kam.

Ich machte dann mit Paul, Arnoldi und Heinr. von Eiken, einem Gütersloher Mitschüler, später Schwager von Arnoldi, eine kleine Fußreise den Rhein hinaus bis nach St. Goar. Hier trennten wir uns von den anderen und kehrten für zwei Tage im Pfarrhause in Boppard ein bei Bungeroths. Da waren acht Jungen in jedem Alter, mein Konabiturient der älteste, sein jüngerer Bruder Joh. der dritte oder vierte, ist der jetzige Superintendent in Gladbach, bei dem Fritz als Vikar war. In dem lieben Pfarrhause war uns bald wohl. Beide Eltern, einfache köstliche Leute, behandelten uns nicht wie Fremde, sondern wie gute alte Bekannte, machten keine Umstände um uns und konnten es auch nicht bei der großen Kinderschar. Ich bin noch mehrmals dort eingekehrt, Paul Bungeroth starb leider sehr früh, seine Witwe zog dann mit ihren Kindern nach Gütersloh. Mehrere der Brüder wanderten aus, der zweite nach Italien, zwei andere als Gärtner glaube ich nach Belgien, weil ihnen zum einjährigen Dienst nach des Vaters Tode die Mittel fehlten.

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Friedrich B.W. Höhndorf als Student 1867 in Bonn

Nach der Rückkehr nach Bonn ließ ich mich immatrikulieren. In Bonn war Prof. Krafft Kirchenhistoriker, ein Verwandter von uns durch seine Frau, eine geb. von Scheibler. Ihr Vater Friedrich von Scheibler war ein Vetter von Großvater und Großmutter, starb aber schon 1828. Nach seinem Tode wurde seiner Frau, einer geb. Pastor aus Aachen, eine Tochter geboren, Frieda, die Frau von Prof. Krafft. (Schwestern ihres Vaters waren die früher erwähnten Prof. Plitt und die alte Frau von Elverfeld im Hause Villigst). Er und sie haben uns viel Liebe und Freundschaft erwiesen. Ihre Mutter war sehr reich, hatte ein prachtvolles Haus in der Weberstraße. Oben wohnte die Mutter, Frau von Scheibler, unten Kraffts. Sie hatten drei Kinder, Maria, Friedrich und Emil, später wurde ihnen noch ein Nachkömmling geboren, am 2. Juni 1869, bei dessen Taufe ich als Student war.

Friedrich Krafft, 1852 geboren, ist Professor der Chemie in Heidelberg, Emit Krafft, 1854 geboren, ist Arzt in Stuttgart, und Maria Krafft, geboren 1861, blieb unverheiratet. Willi Krafft ist glaube ich Arzt in Zürich. Professor Krafft war damals Rektor bis 18. 10 1867. Er freute sich, dass ein Verwandter Theologe wurde, und legte Wert darauf, mich noch zu immatrikulieren. So wurde ich von ihm immatrikuliert und reiste dann, da die Collegia noch nicht anfingen, mit Mutter noch auf einige Tage zum Ausruhen nach Eupen.

Um die Krafftschen Familienerinnerungen gleich hier anzuschließen: Prof. Krafft gab seinen Söhnen, auch als sie Studenten waren, keinen Hausschlüssel, und so traten sie in keine Verbindung ein, wurden nach meinen Erinnerungen ziemlich philiströs. Die alte Frau von Scheibler setzte ihren Enkeln ein beträchtliches Kapital aus, wenn sie früh bis zu einem gewissen Alter heirateten, um sie vor sittlichen Gefahren zu bewahren. Die beiden älteren Söhne haben dann auch recht früh geheiratet. Frau Prof. Krafft wünschte, dass ich mich mit ihr duzte, was mir manchmal genierlich war. Ich habe in ihrem Hause manche angenehme Stunde verlebt. Ich belegte im ersten Semester Encyclopedie bei Prof. Lange, Leben Jesu bei Krafft, Kirchengeschichte bei Hundeshagen, Kunstgeschichte vom 15. Jahrh. an und Kunstgeschichte der neueren Zeit bei Prof. Springer und Geschichte Europas von 1787 - 1815 bei Prof. Sybel.

Im zweiten Semester: Apostelgeschichte, Kirchengeschichte II. Teil und Philipperbrief bei Hundeshagen, Psychologie und Kants Philosophie bei Jürgen Bona Meyer und Geschichte der röm. kath. Kirche seit 1648 bei Krafft. Prof. Köhler konnte ich nicht hören, da sein Kolleg im 1. Semester kollidierte, dann war er weg.

Prof. Krafft war ein guter Mensch, vielleicht, aber ein sehr mäßiger Dozent, langweilig und unbedeutend, er hat auch literarisch nichts geleistet. - Prof. Hundeshagen, ein Badenser, war der bedeutendste der damaligen Bonner Theologen, eine ... (unleserlich) Natur, seine Kollegs anregend und fördernd. Er hat kirchenpolitisch eine einflussreiche Stellung gehabt. Prof. Peter Lange, früher Fuhrmann, dann durch ein günstiges Geschick zum Studium gekommen, ein kleiner, beweglicher Mann mit kahlem Kopf, Polyhistoriker, gelehrt, geistsprühend, aber wenig tief. Ich habe es ihm hoch angerechnet, dass er mich nicht in den beiden theol. Examina entgelten ließ, dass ich bei ihm nur ein zweistündiges Kolleg gehört hatte und seine übrige Weisheit verschmähte. Sein Bibelwerk, eine compilatorische Arbeit mit geistreichen Bemerkungen, habe ich mehrfach gebraucht. Am meisten fesselten mich Prof. Springer und Prof. Sybel, beide hervorragende Männer. Springer war ein sehr lebhafter Mann, ich glaube Böhme von Geburt, sprach ganz frei, illustrierte seinen Vortrag durch reiches Bildmaterial. - Prof. Sybel wurde später Direktor der Staatsarchive in Berlin. Seine Geschichte der Französischen Revolution ist allgemein anerkannt. . Er hat auch im politischen Leben eine Rolle gespielt. Endlich Jürgen Bona Meyer, ein Hamburger Popularphilosoph, wenig bedeutend, aber stark hervorgetreten in der Zeit des Kulturkampfes. Ich habe ihn später bei meinem philosophischen Examen als Examinator gehabt, wo er anständig war. Theologisch habe ich in Bonn nicht viel profitiert. Hundeshagens Einfluss, nicht von ihm beabsichtigt, ist es zu danken, dass ich nach einem Jahr nicht nach Erlangen ging, wie ich es in Gütersloh ins Auge gefasst hatte, sondern nach Berlin. Dadurch ist meine theologische Stellung für mein ganzes Leben beeinflusst worden. Ich wäre sonst wohl ein strammer Lutheraner geworden, wie es die Erlanger Theologie leicht bewirkte.

Dass ich nach Berlin ging, dazu hat aber auch mein Eintritt in den Wingolf gewirkt. Schon in den letzten Semestern in Gütersloh habe ich die Frage nach dem Aktivwerden in einer Verbindung oft ventiliert. Von den Gütersloher Bekannten waren viele Wingolfiten geworden, so Fritz Fliedner, Traugott Hahn u.a. Auch Bungeroth war schon damals fest entschlossen, in Bonn im Wingolf aktiv zu werden. Karafiat aber suchte, das zu hintertreiben. Er fürchtete, mich dadurch zu verlieren, wollte mich in seiner törichten Eifersucht allein zum Freunde haben. Dass das, zumal bei seinem exklusiven nationalen und politischen Standpunkte, auf die Dauer nicht möglich sein würde, sah er nicht ein. Er bemühte sich, mir das Verbindungsleben als kindliche und kindische Spielerei hinzustellen, konnte sich kein anderes Motiv zum Eintritt denken als das Verlangen, sich mit buntem Band und Mütze zu schmücken. So hat er mir manche schwere Stunde gemacht, da ich ihn wirklich liebhatte und es mir sehr weh tat, ihn zu kränken. Aber ich bin heute noch froh, dass ich mir meine Freiheit und Selbständigkeit wahrte und nicht in alleinigem Umgang mit ihm in seine etwas einseitige Richtung hineingeraten bin. Er war bis Herbst 1867 in Berlin gewesen, seine theol. Studien leitete in gewisser Weise Pastor Braun, d.h. er war damit einverstanden, dass er Herbst 1867 auch nach Bonn übersiedelte. So war für mich die Lage ihm gegenüber noch schwieriger. Ich trat bald nach Semesterbeginn in die Verbindung ein, wie viele bittere Stunden mir das aber im Verkehr mit Karafiat brachte, zeigt mir ein Brief aus den Weihnachtsferien 67 an ihn. Die Verbindung hatte damals ein eigentümliches Gepräge dadurch, dass fast nur ältere und jüngere Semester vertreten waren, während die mittleren fast ganz fehlten. Mit mir zusammen wurden Wilhelm Gräber aus Essen, Heinrich Bungeroth und Hechtenberg aktiv. Gräber, heute Geh. Konsist. Rat in Stettin, stammt aus dem alten rheinischen Pastorengeschlecht. Er war ein grundehrlicher, reich angelegter Mensch, äußerlich etwas unbeholfen, aber grundtreu und wahr, bis heute mir ein lieber Freund. Schade, dass er nicht Professor geworden ist, er hatte das Zeug dazu.

Von Bungeroth war schon oben die Rede und wird es noch mehrfach sein. Hechtenberg war Elementarlehrer gewesen, zuletzt an einem Gymnasium in Köln, hatte sich dort privatim zum Abitur vorgebildet, ein tüchtiger Mensch. Er war ziemlich viel älter als wir drei anderen, aber es fehlte ihm nicht die studentische Fröhlichkeit. Er studierte, um einmal als Seminardirektor reformierend auf die Seminarien, deren Schäden er aus eigener Erfahrung kannte, zu wirken. Das ist ihm wenig gelungen. Er wurde Rektor in Werden, blieb das länger als er wünschte, wurde dann Seminarlehrer in Neuwied und Neustettin, aber erst sehr spät Seminardirektor, blieb das ganz kurz und wurde dann Schulrat in Minden. Dort ist er leider 1896 allzu früh gestorben. Ich habe auch nach der Universitätszeit öfter mit ihm verkehrt, auch brieflich, bis ich in die Prov. Sachsen kam. Im zweiten Semester war damals ein Pommer, Franz Ideler, ein fröhliches Menschenkind wie Bungeroth. Aber beide sind hernach so schwere Wege geführt worden wie wenige. Ideler sah ich später mehrmals wieder, früh ganz weiß geworden in viel häuslichem Leid durch Krankheit und Sterben der Seinen. Wie gnädig hat mich Gott demgegenüber geführt! Ein Vetter Wilh. Gräbers, Hermann Gräber aus Meiderich bei Duisburg, war im dritten Semester. Ich kam ihm bald durch seinen Vetter näher und wählte ihn mir zum Leibbursch. Das war für mich eine glückliche Wahl. Ich habe an ihm einen treuen Freund gehabt, dem ich viel verdanke. Er hatte das treue, zuverlässige Wesen der Gräbers, ein begabter Mensch, wenn auch wissenschaftlich nicht so hervorragend wie sein Vetter. Ich verdanke ihm viel auch für meine innerliche wie theologische Entwicklung. Wir haben auch nach der Universitätszeit viel sowohl persönlich wie brieflich verkehrt. Sein Bild an der Seite meines Schreibtisches ist mir immer eine liebe Erinnerung. In das Kommersbuch, das er mir bei meiner Rezeption schenkte, schrieb er den Vers: 

Die Treue steht zuerst zuletzt im Himmel und auf Erden. 
Wer ganz die Seele drein gesetzt, dem mag die Krone werden. 
Drum mutig drauf und nimmer bleich, denn Gott ist allenthalben. 
Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben. 

Das war ganz der Ausdruck seiner Gesinnung. Er war mit mir oft nicht zufrieden, weil ich mich nicht mehr dem Verbindungsleben widmete. Das lag aber an meinem Zusammenleben mit der Mutter, mancherlei gesellschaftlichen Verpflichtungen und meinem Verhältnis zu Karafiat.

Umso mehr freute er sich, dass Mutter mir erlaubte, mit ihm zum Erlanger Stiftungsfest im Dezember zu reisen. Die Erlanger theol. Fakultät und infolgedessen auch der Erlanger Wingolf standen damals in ihrer höchsten Blüte. Der Wingolf zählte über 60 Mitglieder. Die üblichen Festlichkeiten machten auf mich einen tiefen Eindruck, manche Bekanntschaft wurde geschlossen. Erinnerlich ist mir auch mein Staunen über mein vieles Biertrinken, ohne dass mir dies schadete, während ich in Bonn nichts vertragen konnte. Das lag an dem elenden Bonner und dem vorzüglichen Erlanger Stoff. Die Erlanger Fakultät hatte damals hervorragende tüchtige Theologen, für das Neue Testament: Hoffmann, für Dogmatik: Thomasius und für praktische Theologie: Zetzvitz. Die beiden ersteren besuchte ich in Koblenz, an letzteren hatte ich eine Empfehlung und suchte ihn in seinem Hause auf, wo er mich sehr liebenswürdig empfing. Seine überlutherische Einstellung stieß mich innerlich ab, ich hörte von ihm, dass er seinen Studenten beim Auszug in den Krieg im Jahre 66 die Weisung mitgegeben habe, lieber auf dem Schlachtfeld ohne das heil. Abendmahl zu sterben als es sich von einem in der Union stehenden preußischen Geistlichen reichen zu lassen. Das hat wohl wesentlich dazu beigetragen, dass ich nicht nach Erlangen zum Studium ging. Doch habe ich seine Katechetik sowie die Dogmatik von Thomasius und die neutestamentlichen Kommentare von Hoffmann später sehr gründlich und mit großem Nutzen studiert. Von Erlangen machten wir einen Ausflug nach Nürnberg. Die Lorenzer- und Sebalduskirche mit ihren herrlichen Bildwerken von P: Vischer habe ich sehr bewundert, und sie standen mir noch lebendig vor Augen, als ich sie nach vielen Jahren wiedersah. Natürlich wurde auch das Bratwurstglöckle an der Sebalduskirche gebührend besucht. Kurz vor oder nach der Erlanger Reise fand das 11. Bonner Stiftungsfest statt, zu dem viele liebe Gießener Brüder gekommen waren. Bei demselben fand die Rezeption der vier Füchse statt, unser Präses war Thönes, früher Schullehrer wie Hechtenberg und mit diesem eng befreundet. Er war schon damals vollbeleibt, ein gemütlicher Herr, wissenschaftlich hervorragend, der später in der rheinischen Kirche in der Mittelpartei eine führende Rolle hatte. Er ist früh als Superintendent in Lennep 1895 gestorben. Er stand damals im 6. Semester. Zu den älteren Semestern in der Verbindung gehörte auch Lappe, mit dem ich später im Leben noch oft verkehrt habe. Als ich 1871 - 73 als Kandidat in Bonn weilte, war er dort Lehrer an der Klostermannschen Schule, und wir haben viel miteinander verkehrt. Er kam dann in die Pfarre zu Oberkassel bei Bonn, wo ich oft in seinem gemütlichen Pfarrhaus, leider nur mit einer Haushälterin und einem Spitz ausgestattet, einkehrte. Erst in seiner Lüdenscheider Zeit hat ihm, wie man sagt, sein Freund Dryander zu einer Frau verholfen. Im Jahre 1905 trafen wir ihn unversehens in Bockswiese wieder, er war zu der Zeit Pastor in Bielefeld. Er zeigte sich in Bockswiese als der liebenswürdige Gesellschafter und gute Erzähler, der Vieles gesehen und Viele kannte. Wir haben ihn später nochmal in Bielefeld besucht, als wir bei Fritz und Ria waren. Ein anderer der Bonner Freunde war Hermens aus Aachen, ich traf ihn später in Berlin wieder als Domkandidat und war dort Zeuge seiner Ordination 1869, als er vom Oberkirchenrat als Pastor nach Sigmaringen geschickt wurde. Wir haben uns erst im Alter wiedergesehen, als er als Militäroberpfarrer nach Magdeburg kam. Er hat mir immer die alte Freundschaft bewahrt, seine konsistoriale und mitlitäroberpfarrliche Würde war mir aber wenig sympatisch. Er ist jetzt Superintendent in Krakau bei Magdeburg, starb 1917. Ebenso war G. Berg damals in Bonn, ein milder, freundlicher Mensch. Wir haben uns erst in der Prov. Sachsen wiedergefunden. Er war Pastor in Hinternach bei Schleusingen, wo ich ihn auf einer Fußreise besuchte. Später kam er als Superintendent nach Langensalza und als Pastor nach Stendal. Wir haben uns öfter auf der Halleschen Missionskonferenz getroffen und gerne miteinander verkehrt. Seine Frau war eine geb. Müller aus Mettmann, deren Vater P. Müller eure Mutter getauft hat. Seine Tochter war die Frau des früh verstorbenen Missionars Haun in China. Frau und Tochter lebten später als Witwen in Gütersloh, wo Kurt sie wohl gekannt hat. Noch erwähne ich einen Bonner, der mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben ist: Emil Alwin Besserer. Seinen guten Geist nannte er Emil, seinen schlechten Alwin, und es war oft sehr humoristisch, wenn der Emil dem Alwin eine Standrede hielt, weil der Alwin zuviel trank oder zuwenig studierte. Besserer war aber ein treuer, fleißiger Mensch, später Pastor am Niederrhein, wohl in Kleve, ist schon lange tot. Die Verbindung zählte damals 22 Mann, es wurde fleißig gearbeitet, und es galt als zur guten Tradition gehörend, dass die Wingolfiten in Koblenz die besten Examina machten. Das soll später leider anders geworden sein, als man anfing, mehr Gewicht auf das äußere Auftreten zu legen, als es zu unserer Zeit geschah. Doch fehlte es auch uns nicht an studentischer Fröhlichkeit; manchen schönen Bummel haben wir gemacht. Samstags nach Tisch ging's nach Endenich (oder war es Kessenich?), wo Schokolade getrunken und Domino gespielt wurde bei dem "Peter". Einen Fuchsbummel machten wir auf den Oelberg, um die Sonne aufgehen zu sehen. Oft auch am Sonntagnachmittag ging es nach Heisterbach, wo im Angesicht der herrlichen Klosterruine unter den grünen Bäumen eine köstliche Bowle getrunken wurde, nachdem die Füchse durch das Fuchsloch gekrochen waren. Besonders lieb war mir ein Gang über Godesberg nach der Ruine Rolandseck, der dann gewöhnlich auf der Terrasse des Bahnhofs Rolandseck endete. Der Blick von da auf den Rhein und das Siebengebirge ist mir immer als einer der schönsten am Rhein erschienen. Auch später habe ich noch oft da gesessen.

In den Osterferien 1868 war ich längere Zeit in Gütersloh bei Zander. Sein Verhältnis zu Paul hatte sich freundlicher gestaltet als wir gefürchtet hatten, und er fühlte sich, namentlich durch Frau Rassfelds mütterliche Pflege, ganz wohl. Ich besuchte meine alten Lehrer, besonders Pastor Braun, wieder, war viel mit meinen Mitabiturienten Arnoldi und Greve zusammen, arbeitete mit Karafiat und Zander und besuchte auch in Schildesche das liebe Sieboldsche Pfarrhaus.

Während meines Bonner Aufenthaltes habe ich zuerst viel Musik gehört. Es bestand dort ein Beethovenverein, hauptsächlich Dilettanten, die jeden Mittwochabend zusammenkamen und im Orchester spielten. Es wurde gute klassische Musik gespielt, man konnte in einfacher Toilette hingehen und zuhören.

Pfingsten 68 war ich mit Karafiat an der Ahr und im Brohltal. Im Sommer nahm ich Reitstunden und hatte bald Gelegenheit, meine Reitkunst bei dem großen Universitätsjubiläum im Herbst zu verwerten. Anfang August feierte die Universität das Fest ihres 50jährigen Bestehens, zu dem auch der Kronprinz Friedrich kam als früherer Schüler der Universität. Am Hauptfesttage wurde am Abend dem Kronprinzen ein großer Fackelzug gebracht, bei dem alle Korporationen in höchstem Wichs erschienen. Unser Präses im vierspännigen Wagen, voraus drei Chargierte zu Pferde mit der Fahne, die ich trug, zur Seite Gerhard Berg und Christians. Der Fackelzug endete beim Poppelsdorfer Schloss, dessen Hof zu einer großen Festhalle überdacht war, in der der Festkommers stattfand. Die Anordnungen aber waren so mangelhaft getroffen, dass keine Ordnung herzustellen war. Der Kronprinz konnte kaum in den Saal gelangen, von den Reden hörte man nichts, und nach kurzer Zeit verließen der Kronprinz und alle Korporationen den Saal, um in ihren Kneipen weiterzufeiern. Durch viel Besuch aus allen Bruderverbindungen war der Wingolf sehr stattlich vertreten. Mein Gast bei dem Fest war ein lieber Gießener Bruder Vogel, ein prächtiger, stiller, gemütvoller Mensch, mit dem ich noch lange Zeit korrespondiert habe. Leider habe ich später nichts mehr von ihm gehört. (Nach dem Vademecum war er 1908 Pfarrer in Seeheim in Hessen). Den wirklichen Glanzpunkt des Festes bildete die Rheinfahrt nach Rolandseck. Fünf festlich geschmückte Dampfer fuhren die Festteilnehmer, Studenten, Bonner Philister u.a. in buntem Gemisch nach Rolandseck. Alle Orte am Rhein waren festlich geschmückt, und überalle hatten sich die Einwohner am Ufer versammelt, um die vorüberfahrenden Dampfer mit Zurufen, Musik und Glockengeläut zu begrüßen. In Rolandseck war es bei der großen Überfüllung unerquicklich, desto schöner war die Rückfahrt bei strahlendem Vollmondschein. Ganz Rolandseck, der Rolandsbogen, der Drachenfels strahlten in bengalischem Licht und schienen aus lauter glühenden Steinen erbaut. Auf den Bergen brannten Freudenfeuer, am Ufer entlang Pechtonnen und Feuerwerk, dabei auf den Schiffen die heiterste Gesellschaft. In den Festtagen war auch Dahlhausen unser Gast.

Den ganzen Sommer war meine Mutter viel leidend und lag meist im Bett. Um ihren Rheumatismus zu bekämpfen, schickte ihr Arzt, Prof. Dontrlepont, sie in die Kaltwasserheilanstalt Mühlbad und Boppard. Ich war einige Wochen mit ihr dort und habe in Gemeinschaft mit Heinrich Bungeroth vielfach die schöne Gegend durchstreift. Von da aus besuchte ich auch den kath. Wallfahrtsort Kloster Barnhoven auf der anderen Rheinseite unter den Ruinen Katz und Maus. Ebenso Bingen und St. Goar mit der schönsten Ruine des Rheins, dem Rheinstein. Auch das Kaltwasserbad "Winder Laubach" unterhalb Boppard, wohin meine Großmutter Scheibler viele Jahre lang zur Kur ging. Dass ich viel in dem lieben Bungerothschen Hause war, ist selbstverständlich. Damals noch ein so glückliches Haus mit den acht heranwachsenden Söhnen! - Leider hatte der Aufenthalt in Boppard für Mutter nicht den gewünschten Erfolg.

Von Boppard fuhr ich mit ihr nach Eupen, wohin auch Paul nach bestandenem Examen von Gütersloh aus kam. Ich hatte mich inzwischen entschlossen, im Winter nach Berlin zu gehen, da Paul in Bonn Medizin studieren wollte und für Mutter sorgen konnte. Dass ich nach Berlin ging, hatte seinen Grund hauptsächlich darin, dass auch Hermann Gräber nach dort übersiedelte, dann aber auch in der Hoffnung, bei den dortigen Professoren für mein theologisches Studium am meisten zu profitieren. Ich war, wie ich schon früher erwähnte, durch Hundeshagens Einfluss, auch durch meine Erlanger Reise der streng lutherischen Richtung innerlich mehr und mehr entfremdet, in Berlin aber zogen mich Hengstenberg und Dorner hauptsächlich an. Auch hoffte ich, von dem Leben der Großstadt fördernde Einflüsse zu gewinnen. Der Abschied von meiner Mutter bei dem immer kranken Zustand wurde ihr und mir sehr schwer, und ich habe in Berlin - zum ersten Mal ganz auf eigene Füße gestellt - viel an Heimweh gelitten. Der regelmäßige zweimal wöchentliche briefliche Verkehr mit Mutter war mir deshalb stets eine rechte Erholung und half mir über manche trübe Anwandlung hinweg.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04