1858/59


Home Nach oben 1860 1861 Berlin Bonn 1858/59

Im Frühjahr 1861 zogen wir also nach Gütersloh, ein kleines Landstädtchen in der Heide, damals berühmt durch seinen Pumpernickel und Schinken und das christliche Gymnasium. Es hatte aber auch damals schon mancherlei Industrie, die Seidenfabrik der Familie Bartels, große Mühlen u.a. Heute ist es ein im Verhältnis zu seiner Größe sehr reicher Ort. Gütersloh hat wenig landschaftliche Reize, die Gegend flach und die Wege meist tiefer Sand, die Höfe der Bauernschaften ringsherum von hohen Eichen überschattet, oft in der öden Heide malerische Bilder. Ich bin dort nie das Heimweh nach den Bergen der Eupener Gegend losgeworden.

Am 16. August 1851 hatte König Friedr. Wilh. IV. den Grundstein zu dem Gymnasium gelegt mit den Worten: "Christus der Grundstein, Christen die Bausteine." Solche Bausteine zum Reiche Gottes sollten da zugerichtet werden. Die Tatsache, dass auf anderen Gymnasien die Einheitlichkeit christlichen Geistes fehlte, dass oft die einen Lehrer durch Spott und Kritik niederrissen, was die anderen, die Religionslehrer, gebaut hatten, führte zu dem Wunsche, eine Schule zu gründen, die durch einheitlich zusammengesetztes Lehrerkollegium die christliche Erziehung gewährleisten sollte. Die Schule war eine Privatanstalt unter staatlicher Aufsicht, mit allen Berechtigungen der Gymnasien. Sie war aus freien Gaben aus ganz Norddeutschland gegründet. Die Stadt gab nur einen sehr geringen Zuschuss im Verhältnis zu dem materiellen und geistigen Gewinn, den sie durch die höhere Schule hatte. Schüler waren aus allen deutschen Gauen, damals auch viele Adlige, die sich hernach ganz verloren haben.

Auf diese Schule kamen wir, Paul und ich, Ostern 1861 nach Quarta. Direktor war damals Herr Rumpel, ein tüchtiger, aber ziemlich pedantischer Schulmann. Dass er uns in seinem Unterricht z.B. für die griechischen Dichter begeistert habe, kann ich nicht sagen. Metrik nahm zo großen Raum ein, von der poetischen Schönheit haben wir nicht rechten Eindruck bekommen. Er war zu nüchtern angelegt, sein bester Unterricht dürfte die philosophische Propädeutik gewesen sein, in der wir für die philosophischen Collegia der Universität gut vorgebildet wurden. Zunächst hatten wir natürlich mit ihm nicht zu tun. Wir wurden dem Dr. Munke, dem Ordinarius der Quarta, zugeführt., der uns prüfte und für reif für die Klasse fand. So traten wir in diese ein.

Dr. Munke war ein feiner, tüchtiger, gerechter Lehrer, dem ich viel verdanke, dessen Unterricht mich immer fesselte, besonders später in den Oberklassen. Er war wohl einer der tüchtigsten oder der tüchtigste Lehrer. Er ist leider früh gestorben. Seine Witwe, eine geb. Voigt von Gütersloh, lebt noch dort. Bei Dr. Munke hatten wir Latein, Griechisch und Geschichte, bei Pastor Braun Religion, und ich glaube Deutsch, bei Oberlehrer Petermann Mathematik und Französisch, bei Herrn Goecker Singen, Zeichnen und Turnen.

Pastor Braun, "das Pastörchen" genannt, hat von allen Lehrern den größten Einfluss auf mich ausgeübt. Er war ein sehr beanlagter Mann, sein deutscher Unterricht in der Prima ein Genuss, sein Religionsunterricht ernst und fruchtbar. Viele klagten, dass er päpstlich-inquisitorisch sei, ich habe nie darunter gelitten. Er war und blieb unverheiratet und widmete sich sehr viel auch außer der Schulzeit seinen Schülern in seinem Hause wie auf Spaziergängen. Von seinen Gottesdiensten und Konfirmandenunterricht später noch. Pastor Braun war vorher Gefängnisgeistlicher auf dem Sparenberg bei Bielefeld gewesen und wurde später General-Superintendent in Berlin an Büchsels Stelle. Seine größte Leistung war der Einfluss auf viele seiner Schüler, Einflüsse, die vielen für ihr Leben die entscheidende Richtung gaben. Nach meiner Meinung ist zu bedauern, dass er General-Superintendent wurde und nicht in Gütersloh blieb. Oberlehrer Petermann war ein tüchtiger Lehrer, hatte manche Eigenheiten. Eine beliebte Redensart von ihm war: "Mein Bruder, der berühmte Geograph." Er sonnte sich in dessen Glanz. Er war in der Tertia mein Ordinarius, unterrichtete in Latein und Mathematik - ich glaube, ich habe viel bei ihm gelernt. In seinem Hause war E. von der Recke, später Landrat in Mansfeld. 1865 kam Dr. Petermann an das Gymnasium in Wernigerode und nahm von der Recke dorthin mit. - Herr Goecker war Elementarlehrer, ließ uns in der Zeichenstunde lateinische Hymnen lernen, die er dann wohl mit dem Fidelbogen fester einprägte. Er gab auch naturgeschichtlichen Unterricht, in dem wir aber nicht viel mehr als die 24 Klassen des Linnéschen Systems lernten und Herbarien anlegten. Je nach der Zahl der getrockneten Blumen gab es eine gute oder schlechte Note. Die Blumen wären als Kuhfutter besser verwandt gewesen. Wir haben bei Herrn G. nicht viel Ersprießliches gelernt. Ein großer Held war er nicht. Er hatte ein Liederbuch herausgegeben "Des Knaben Liederschatz". Wir sagten "Des Knaben Goecker Liederschatz" und nannten ihn den Knaben Goecker, sein Spitznahme war "Rams".

In der Tertia bekamen wir Dr. Vorreiter als Lehrer im Deutschen und in Geschichte. Er war ein schwächlicher, zarter Mann, aber ein anregender Lehrer, fesselnd im Unterricht, besonders in der Geschichte. Er starb im Sommer 1864, und ich habe ihn auf meinen Schultern mit zu Grabe getragen. Sein Tod wurde von uns schmerzlich bedauert. - Griechisch hatten wir in der Tertia bei Dr. Dietlein, einem Original, der aber schon 1864 Gütersloh verließ und nach Neustettin ging. Ich habe nicht viel Erinnerung an ihn. Ich weiß nur noch, dass er, wenn er griechische Exercitien zurückgab, öfter die besseren zurückgab unter Aufzählung der Fehlerzahl, dann aber den übrigen Packen Hefte mit einem genialen Schwung des Armes über das Katheder hinüberreichte: "Und die übrigen habe ich nicht korrigiert!" War es Faulheit oder waren sie ihm zu schlecht?

Originale gab es noch mehrere. Die Gebrüder Scholz - Scholz I genannt Pin und Scholz II genannt Quaseler. Ersterer Theologe von Haus aus, steif und trocken, überaus kurzsichtig, so dass er vielfach in unglaublicher Weise betrogen wurde. Er war Ordinarius von II b, gab alte Sprachen und Hebräisch. Sein Bruder war Lehrer des Französischen, bei dem wir nicht übermäßig viel lernten. Von Scholz I wird erzählt, dass er seine Jungen - Zwillinge - nicht unterscheiden konnte und sie fragte: Bist du mein Sohn Heini oder Fifi? So berichten seine Pensionäre. - Und endlich der alte Schöttler, der Ordinarius der Obersekunda, Lehrer der Mathematik. Er war Mönch gewesen oder kath. Geistlicher, war übergetreten und hatte sich verheiratet. Er war wenig reinlich veranlagt, sah oft recht schmutzig aus. Vielleicht war die große Kinderzahl mit daran schuld. Er verstand es aber gut, uns die Mathematik klar zu machen, und ich war als guter Mathematiker sein guter Freund. Ich glaube, er hatte starke Zu- und Abneigungen, war auch höchst erfreut, wenn er einen abfassen konnte. Sein Sohn ist General-Superintendent in Ostpreußen. Wir hatten bestimmte Arbeitszeiten, im Sommer von 5 - 1/2 7 Uhr früh und abends von 1/2 6 - 1/2 8. Da ging er mit Vorliebe im 5 Uhr durch den Ort, um zu revidieren, ob seine Sekundaner bei der Arbeit seien. Dann lief wohl einer vor ihm her, um zu wecken. Dann freute er sich, wenn er einen, der eben aus dem Bett gesprungen, in den Schlafrockgehüllt ohne Hosen eifrig über die Bücher gebückt antraf und ihn durch Auseinanderschlagen der Schlafrockzipfel entlarvte. Dann grinste er mit seinem dicken Gesicht, das noch den früheren kath. Geistlichen verriet, vor Vergnügen.

Endlich noch einige Hilfslehrer: Dr. Schreiber, der später rheinischer Missionar in Sumatra war und dann Missionsinspektor in Barmen. Er war später öfter in unserem Hause in Treffurt und ich mehrmals bei ihm in Barmen. Sein Sohn ist der im Wingolf berühmte Gustel Schreiber, jetzt Missionsmann in Berlin. Und Dr. Renner, der spätere Konsistorialrat in Wernigerode, damals nach Gütersloh gekommen als Erzieher der Prinzen Reuss XVIII. und XIX., unsere Mitschüler und Quarta und weiter. Sie wohnten dem Gymnasium gegenüber in dem Hause, in dem heute noch Prof. Zander wohnt seit schon langer Zeit. Die Prinzen hatten einen Schimmel, auf dem sie ritten, kamen uns dadurch sehr glücklich vor.
Als wir nach Gütersloh zogen, wohnten wir bei einem Kaufmann Rassfeld "Auf dem Busche". Das Geschäft ging wohl schon damals nicht besonders, darum vermieteten sie das obere Stockwerk. Wenn man in das Haus trat, kam man zunächst in den Laden, Spezereiwaren wohl, auch Speck und Wurst. Hinter dem Laden waren Wohnräume der Familie. Rassfelds hatten glaube ich vier Söhne, der älteste war schon in Amerika, mehrere waren mit uns auf dem Gymnasium. Einer wurde Apootheker, einer Kaufmann in Bielefeld, der jüngste ging nach Amerika seinem Bruder nach. Eine Tochter Luise, ein sehr schönes Mädchen, wohl damals von 16 oder 17 Jahren, hieß bei den Gymnasiasten der "Buschengel". Im Hause war später noch ein Pensionär Karl Reinhold aus Vlotho, mit dem wir viel verkehrten. Er konstruierte sich eine Dampfmaschine, die, durch Spiritus getrieben, wirklich ging, was wir sehr bewunderten. Er ging von Untersekunda auf eine andere Schule, hat später Jura studiert und lebte mit seiner Mutter und Schwester Johanna in Minden. Er hat es bis zum Landtagsabgeordneten gebracht und ist als Amtsrichter unverheiratet gestorben. Im späteren Leben hatte ich noch öfter Beziehungen zu ihm, seine Schwester war auch einmal in Düsseldorf unser Gast. In der Rassfeldschen Wohnung blieben wir nur ein Jahr, die Wohnung war wohl zu eng. Wir zogen dann in ein Haus "Am Dreieck", in die Nähe des Gymnasiums. Heute ist das damals in rotem Ziegelrohbau unschöne Haus 'schön' verputzt und der Platz durch ein Kriegerdenkmal geziert.

In der ersten Etage hatten wir schöne Wohnräume, im Giebel, der - wie in Gütersloh fast allgemein - nach der Straße ging, hatten Paul und ich je eine kleine Schlafkammer, hinten heraus nach dem Garten mit freiem Blick in die Felder lag Mutters Schlafzimmer. Damals hatte ich in meiner Stube schon Vaters Sofa und Bücherschrank, die ich heute noch in meiner Studierstube habe und die mir dadurch besonders wert sind.

Im Jahre 1862 verließ uns cand. Zander. Er ging nach Pommern zurück und wurde Lehrer an dem Gymnasium zu Greifenberg (glaube ich). Er hatte von Gütersloh aus sein Oberlehrerexamen gemacht (oder machte es in Pommern?), nach zwei Jahren wurde er von dem Kuratorium des Gymnasiums nach Gütersloh zurückgerufen und wurde 1864 dort ordentlicher Lehrer. Er ist in dieser Stellung bis zu seiner Pensionierung vor einigen Jahren geblieben. Als er uns verließ. engagierte Mutter einen Primaner, Albert Dahlhaus zu unserem Mentor. Er wohnte unten im Hause und beaufsichtigte unsere Schularbeiten. Er aß, glaube ich, mit uns und blieb in dieser Stellung, bis er 1864 sein Abiturientenexamen machte. Er stammte aus dem Rheinland, wo sein Vater und Bruder in der Nähe von Witzhelden einen Hof hatten. Er war ein wunderlicher Heiliger - Einspänner -, hatte die Marotte, niemandem für etwas zu danken, weil er das für erniedrigend für den Geber hielt. Er ist später Tante Pauline nähergetreten, die ihm viel Gutes tat und die ihn etwas zu erziehen suchte. Er blieb aber auch uns in Freundschaft verbunden und hat uns später öfter besucht. 1866 war er mit als Diakon im Felde gegen Österreich in böhmischen Lazaretten. Von ihm erhielt ich aus Böhmen den geschliffenen Kristallseidel, der nun durch Vanille zum Biertrinken verdorben ist. Er wurde später Pastor in Schnathorst, hat dort Pferde- und Schweinezucht getrieben, war aber dabei ein treuer Geistlicher seiner Gemeinde, die unter seinem Einfluss namentlich für die Heidenmission ungewöhnlich große Gaben aufbrachte. Ein Sohn von ihm war mit Kurt in Gütersloh. Er war zweimal verheiratet mit zwei Schwestern, Töchtern des Oberregierungsrats Sack, der später als Bürgermeister in Bethel lebte.

Herr Zander, der 1864 wieder nach Gütersloh kam, hat dort seit 1867 mit Frau Rassfeld viele Schüler in Pension gehabt. Als Herrn Rassfelds Geschäft bankrott machte, nahm er das Ehepaar zu sich; sie hatten oft eine große Zahl von Pensionären, für die Frau R. mehr als mütterlich sorgte. Fräulein R. nahm damals eine Stelle als Gesellschafterin an bei einem sehr reichen Fräulein Niestrass in Bonn. Mit ihr machte sie viele Reisen und hatte es sehr gut, war nur absolut gebunden durch die alte Dame, die sie nie entbehren mochte. Als dann ihre Brüder selbständig und in guten Verhältnissen waren, wollten diese nicht länger Mutter und Schwester in abhängiger Stellung lassen. Um aber die Mutter nicht zu verlieren, heiratete Herr Zander die Tochter und behielt beide so bei sich. Das war Anfang der 70-er Jahre.

Ich habe mich schon früher über Prof. Zanders Persönlichkeit ausgesprochen. In der Schule hat er wohl nie viel geleistet, er war zu trocken und langweilig, hatte zu wenig Verständnis für jugendliches Empfinden. Seine Treue aber und Fürsorge für einzelne, die seiner bedurften, haben die besseren Elemente unter seinen Schülern immer anerkannt. Von anderen wurde viel über ihn gespottet. Wenn er, wie ich glaube, selbst überzeugt war, dass er großen Einfluss besitze und beliebt sei, so war das wohl Selbsttäuschung. Prof. Zander lebt jetzt in sehr guten Verhältnissen, ist aber ein armer einsamer Mann, nachdem er seine Frau und den einzigen Sohn Paul, den er nach langer Ehe bekam, verloren hat.

Prof. Zander ist der Sohn eines pommerschen Landwirts. Sein Vater war erst Inspektor auf einem großen Gut in Broitz bei Greifenberg in Pommern, lebte in ganz kleinen Verhältnissen, wurde dann Pächter des Gutes und endlich Käufer und Besitzer. Er war einer der tüchtigsten und angesehensten Landwirte in Pommern, blieb ein einfacher Mann und hat seinen Kindern ein ansehnliches Vermögen hinterlassen. Prof. Zander hat nach dem Tode seines Kindes eine Stiftung für Broitz gemacht - eine Diakonissenstation zur Gemeindepflege, für die er die Wohnung und das nötige Kapital hergab, ein Zeugnis seines edlen selbstlosen Wesens.

Nun noch eine Reihe Erinnerungen aus der Gütersloher Zeit, die ich nicht immer zeitlich genau zu ordnen weiß: Mit der Schule zusammenhängend die Erinnerung an Turnen und Baden: Das Turnen leitete Herr Goecker, die Hauptsache aber hatten die Vorturner, Primaner oder Sekundaner, die im Turnen sich hervortaten. Paul und ich haben es nie dazu gebracht, waren nicht kräftig genug, um gute Turner zu sein. Eine Turnhalle gab es nicht, die Turngeräte wurden auf dem Schulhof aufgestellt. Unser Vorturner war in Quarta ein Primaner Ostendorf, der ältere von zwei Brüdern, der große und der kleine Ochse mit Spitznamen. Als Mutter zu einem Damenkaffee eingeladen war, war da auch die Frau Pastorin Ostendorf, die wie Mutter mit ihren Söhnen in G. wohnte. Es kam die Rede auf die Vorturner, und Mutter erzählte arglos, der Vorturner ihrer Söhne hieße Ochse - sie hatte nie einen anderen Namen gehört. Darob natürlich große Heiterkeit. Die beiden Damen, Frau Pastorin O. und meine Mutter, waren aber später gut befreundet.

Zum Baden gingen wir mit Herrn Zander oft zu Thesings Mühle. Da war unterhalb des Wasserrades ein Wellenbad eingerichtet mit drei Zellen, je näher an dem Rad umso stärker. Diese Bäder waren sehr erquickend, durch die starke Bewegung des Wassers wurde die Haut stark gerieben. Einmal wäre Paul dort beinahe ertrunken. Er hielt sich nicht fest, der Strom war zu stark, er wurde umgeworfen, kam unter den Strom und konnte sich nicht wieder herausarbeiten. Da sprang Herr Z. mit den Kleidern ins Wasser und holte ihn heraus.
Unterhalb des Wellenbades war der Kolk, eine große, tiefere, teichartig ausgedehnte Stelle des Flussbettes, die wurde zur Pferdeschwemme gebraucht. Besonders sonntags in der frühesten Frühe wurden dort die Pferde gebadet. Da sind wir oft im grauen Drillich-Turnanzug hingegangen oder hingeritten und haben Pferde in die Schwemme gebracht, ein sonderliches Vergnügen. Thesings Mühle hatte den Namen von der Familie Thesing, damals ein altes Fräulein, die gegenüber der Mühle in einem hübschen Landhaus wohnte und mit der Mutter öfter verkehrte. Zu ihr kam von Wiedenbrück die Dichterin Luise Hensel oft herüber. Sie hat die bekannten Lieder "Müde bin ich, geh zur Ruhr" und "Immer muss ich wieder lesen in dem alten heil'gen Buch" gedichtet. Sie war 1818 katholisch geworden, sie starb 1876. Manche Gymnasiasten besuchten sie öfter in Wiedenbrück. Auch Frl Thesing, ihre Freundin, war für manche jungen Leute eine Freundin, ich war nur selten in ihrem Haus.

Der offizielle Badeplatz war oberhalb des Ortes bei einer Mühle, in der Dahlke, dem kleinen Fluss, an dem G. liegt. Da war oberhalb der Mühle ein größerer Badeplatz, durch Ausschachtung hergestellt und mit einem Bretterzaun umgeben. Dort habe ich schwimmen gelernt ohne Lehrmeister, hab's aber im Schwimmen wie im Turnen nie weit gebracht, ebensowenig wie im Singen. Im Winter wurde statt des Schwimmens das Schlittschuhlaufen sehr oft betrieben. Eine gute Stunde von G. floss die Ems. Die überschwemmte die angrenzenden Emswiesen oft stundenweit, und da waren dann bei Frost schöne Schlittschuhbahnen. Nicht selten aber passierte es, dass man an dünnen Stellen einbrach und gründlich nass wurde. Ich erinnere einmal, mit anderen bis an den Leib eingebrochen zu sein. Wir liefen in eine benachbarte Mühle oder ein Bauernhaus, wo wir uns trockneten, und dann liefen wir durchfroren nach Hause, ein Wunder, dass es ohne Krankheit ablief. Zu den Leibesübungen, die ich gerne betrieb, gehörte das Kegeln. Wirtshausbesuch war verboten, das Verbot wurde von mir auch respektiert, weil ich keine Freude an Kneipen hatte, aber 4 oder 5 Kegelbahnen waren am Tage erlaubt, und da habe ich oft mit Bekannten gekegelt und dabei wohl auch ein verbotenes oder erlaubtes Glas Bier getrunken. Eine halbe Stunde von G. in der Heide lag ein Gartenlokal von Bertels, das war offiziell erlaubt. Dahin gingen wir mittwochs oder am Samstagnachmittag, man saß im Garten, trank Kaffee und aß ein Stück von dem berühmten Kuchen der Frau Bertels. Die Primaner hatten ihre eigene Stube, da wurde auch gesungen und geraucht. Daneben hatten die Lehrer ihre Stube, ohne dass man sich gegenseitig inkommodierte. Von der läppischen Nachäfferei studentischer Sitten war damals noch nicht die Rede bei den Primanern wie später zu Kurts Zeiten. - Abends gingen wir wohl auch mit Mutter oder Dahlhaus oder mit Freunden zum "Pfannekuchenbauer". Das war ein ordentlicher Spaziergang. Dann saß man in der Bauernstube, und die Bäuerin brachte riesige Eierkuchen, nicht so groß wie ein Teller, sondern wie eine Schüssel für drei Gr., und man aß saure Milch dazu, ein herrliches Abendbrot. Ich glaube, sie hieß Frau Piepenbrink. In der Bauernschaft hatten wir Jungen, Paul und ich, oft noch ein anderes Ziel. Wir gingen zu dem "kranken Jungen". Wie er hieß, weiß ich nicht mehr oder habe es nie gewusst. Er hieß immer nur 'der kranke Junge'. Wie wir an ihn gekommen sind, weiß ich auch nicht. In dem Kötterhaus eines Bauernhofs lag in der Butze, dem nach der Wohnstube durch Läden abgeschlossenen Bettkasten, ein junger Mensch, der Rückenmarkschwindsucht hatte und jahrelang nicht aus dem Bett gekommen ist bis an sein Ende nach unserer Gymnasialzeit. Den besuchten wir öfter, brachten ihm etwas, erzählten ihm oder lasen ihm vor. Weihnachten putzten wir ein Bäumchen für ihn, setzten es in einen großen Wäschekorb und umhüllten es mit einem Tuch, trugen es dann in die kleine Arbeiterstube durch den Winterabend. Wenn dann das Bäumchen auf dem Tisch brannte und die Butze aufgemacht wurde, war die Freude des armen Kranken groß. Er war immer geduldig und zufrieden trotz des Gebundenseins und Armut. In späterer Zeit bin ich noch einmal mit Herrn Z. zu der Frau im Hause, die zur Zeit unserer Besuche ein junges Mädchen war, gegangen.

Unsere Turnfahrt war alljährlich das große Ereignis im Schulleben. Die wurde nicht von den einzelnen Klassen, sondern von dem ganzen Gymnasium zusammen gemacht. Früh am Morgen zogen wir mit Trommlern und Pfeifern auf den sandigen Feldwegen gegen den Teutoburger Wald zu nach Thatenhausen, das war wohl ein kleines Bad. Gegen Mittag waren wir am Ziel. Unter prachtvollen Bäumen wurde von den 200 hungrigen Jungen an langen Tafeln das Mittagsmahl eingenommen. Dabei war ein kleiner See mit ungeheuer vielen weißen und gelben Seerosen. Kähne gaben Gelegenheit zum Rudern, und wir holten große Sträuße der Seerosen, die dann den Heimweg beschwerten. Abends kamen Gütersloher Fuhrwerke - Leiter- und andere Wagen - entgegen, um die müden Pilger, die nicht mehr konnten, abzuholen. Glücklich dann, wer einen Platz erwischte. Einmal wurde ein Extrazug bis Brackwede genommen, und wir gingen dann durch den Teutoburger Wald bis nach Oerlinghausen.

Wenn Mutter Logierbesuch hatte, liebte sie es, dem Besuch "etwas zu bieten". Dann wurde ein Wagen genommen, und wir fuhren nach Bielefeld auf den Sparenberg oder auf den Johannisberg auf der anderen Seite der Stadt. Auf dem Sparenberg haben wir Jungen damals noch an den Abhängen des Berges gespielt und sind da herumgestrichen, wo heute die großen Betheler Anstalten stehen. Damals war davon noch nichts vorhanden. Wir Jungen fuhren auch öfter nach Bielefeld am Sonnabendnachmittag oder in den Ferien und gingen nach Schildesche in das Pfarrhaus des Pastor Siebold. Die Söhne Paul und Matthias waren auf dem Gymnasium in Bielefeld. Wie wir miteinander bekannt geworden sind, weiß ich nicht mehr. Wir waren aber sehr befreundet, und die Besuche gingen hin und her. Paul und Matthias waren ebenso oft bei uns in G. Diese Besuche im lieben Schildescher Pfarrhause gehören zu den angenehmsten Erinnerungen von Gütersloh. Herr und Frau Pastor, einfache liebe Leute, - in dem großen Kinderkreis (3 Knaben und 4 oder 5 Mädchen) fühlten wir uns wohl und heimisch. Ich sehe noch Herrn Pastor am Sonntagmorgen mit der langen Pfeife im Garten auf und ab gehend und seine Predigt meditierend. Mit den Sieböldern gingen wir öfter auf einen der großen Meierhöfe in der Gemeinde, nach niedersächsischer Art Menschen und Vieh unter einem Dach, wie sie in allerlei Geschichten beschrieben sind. Da gab es für Stadtkinder viel zu sehen und zu bewundern.
Wir haben mit Siebolds gute Freundschaft gehalten durchs Leben, wenn auch unsere Wege weit auseinandergingen. Paul war auf unserer Hochzeit, er war damals Lehrer im Barmer Missionshaus. Zuletzt habe ich ihn besucht, als Kurt in Gütersloh war, und habe die alte Freundschaft und Herzlichkeit gefunden. Matthias war einmal bei uns in Sangerhausen auf einer Radtour durchs deutsche Vaterland mit 4 oder 5 Söhnen, mit nichts bewaffnet als einem Rad und Posaune. Wir machten damals - von Frl. von Trebra in Brücken, mit der sie befreundet waren, eingeladen - eine schöne Tour auf den Kyffhäuser. Dann war ich bei ihm in seinem traulichen Heim in Bethel, als ich Fritz und Ria in Bielefeld besuchte. Als wir nach Gütersloh zogen, hatte G. nur eine Kirche für die kath. und evang. Gemeinde. Der simultane Gebrauch der Kirche hatte viele Unzuträglichkeiten, und die viel größere evangelische Gemeinde hatte sich eine stattliche neue Kirche gebaut, die bald nach unserer Übersiedlung nach G. eingeweiht wurde. In der Kirche predigten Pastor Greve und Pastor Meyer, die Gymnasiasten hatten ihre festen Plätze darin. Zwei Kuriosa, die sich an die Kirche knüpften: 
An den drei hohen Festtagen war das "Opfer" für den ersten Geistlichen, an den drei anderen Festtagen für den zweiten, dann stand am Ende des Gottesdienstes der Geistliche am Altar, und die ganze Gemeinde ging um den Altar und legte ihre Opfer auf denselben, später auf ein Tischchen neben dem Altar, nieder. Dies Opfer war ein wesentlicher Bestandteil des Pfarrgehaltes. Ich bin oft anstelle meiner Mutter, die dies scheute, um den Altar gegangen und habe einen Taler niedergelegt. Ob diese Sitte wohl noch besteht? Als die neue Kirche bezogen wurde, bekamen die Gemeindeglieder, welche in der alten Kirche ihren festen Platz gehabt hatten, in der neuen Kirche einen entsprechenden Platz zugewiesen. Ein alter Bauer glaubte sich benachteiligt (der zugewiesene Platz dünkte ihm zu schlecht), nun saß er Sonntag für Sonntag auf den Stufen zum Altar gerade unter der Kanzel als lebender Protest gegen das ihm widerfahrene Unrecht. Er hat jahrelang dort gesessen und war nicht zu bewegen, sich an seinen Platz zu setzen, ein Zeugnis von westfälischer Bauernstarrköpfigkeit. Der Kirchenbesuch war sehr gut, und jeden Sonntag strömten Scharen von Landleuten auf Wagen und zu Fuß - oft bei Wind und Wetter, manche stundenweit - zur Stadt, um die Kirche zu besuchen. Es ist nach der Erfahrung in der Provinz Sachsen kein Vorzug, wenn man die Kirche vor dem Hause hat. Sonntagabend um 6 Uhr fand ein Abendgottesdienst in der Aula des Gymnasiums statt, der auch aus der Stadt vielfach besucht wurde. Hier folgt als Nachtrag "Die Geschichte vom schwarzen Bornhausen":

Jesus sagt einmal: "Wer an mich glaubt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen". Als wir noch nicht lange am Dreieck wohnten, kam eines Abends spät ein älterer schmutziger, in seinem Aussehen wenig Vertrauen erweckender Mann zu Mutter und bat um Äpfel. Mutter, verwundert über das Ansinnen, wies ihn ab, - da sah sie der Alte vorwurfsvoll an und sagte: 'In solchem Hause hat man nicht einmal ein paar Äpfel für Kranke'. Mutter war betroffen von seinem Blick und seinen Worten und erkundigte sich nach ihm, erfuhr bald, mit wem sie es zu tun gehabt. Der alte Bornhausen war Arbeiter auf dem Bahnhof; damals waren auf den Bahnhöfen zwischen den Gleisen noch tiefe gemauerte Gruben, in die die Lokomotiven ihre Asche abwarfen. Der Alte hatte nun das Geschäft, die Grube zu leeren und die Asche wegzukarren, daher war er immer schmutzig. Er lebte mit einer unverheirateten Tochter als Witwer in sehr bescheidenen Verhältnissen. Abends, wenn seine Arbeit beendet, machte er sich auf den Weg und besuchte die Kranken, oft weit draußen in der Bauernschaft, so dass er erst spät in der Nacht nach Hause kam. Da war er immer willkommen, und an manchem Krankenbett war der Alte lieber gesehen als der Pastor. Er wusste zu trösten und aufzurichten aus Gottes Wort, und wo Not war, suchte er auch leibliche Hilfe zu bringen und zu erquicken. Als ganz besonders beliebte Gabe galten Äpfel. Was er aber selbst nicht geben konnte, erbat er von anderen nie für sich, aber für seine Kranken. Mutter wurde bald mit ihm befreundet, und ich erinnere mich, dass er oft abends zu uns kam und Obst oder Saft u.a. sich erbat, immer gleich schwarz, aber immer mit dem gleichen lieben Ausdruck im Gesicht, den ich nicht vergessen habe. Solche Gemeindehilfe sollten wir in allen Gemeinden haben! - Tragisch ist sein Ende, ich glaube nach unserer Gütersloher Schulzeit. Eines Tages stand er in einer Grube, eine Lokomotive fuhr über ihn hinweg, er muss sich wohl hinausgelehnt haben, die Lokomotive fuhr ihm den Kopf ab. Ein schneller und sanfter Tod. Für ihn wohl nicht schlimm, denn er war ein rechtes Kind Gottes, allezeit bereit.

In den nächsten Jahren begannen Verhandlungen wegen Auspfarrung des Gymnasiums und Konstituierung einer Anstaltsgemeinde. Es wurden dann auch Vormittagsgottesdienste in der Aula gehalten, und der Besuch des Gymnasiums in den Gottesdiensten der Stadtkirche hörte auf. Nur die Abendmahlsgottesdienste wurden noch in der Stadtkirche besucht. Der Besuch der Vormittagsgottesdienste war für die Schüler obligatorisch, auch die Lehrer nahmen wie an den täglichen Morgenandachten in der Aula regelmäßig teil. Der Besuch der Abendgottesdienste war freiwillig, der der Abendmahlsfeiern halb offiziell, die Reformierten wurden nicht dazu gezwungen. Die Predigten von Pastor Braun waren das Beste, was Gütersloh bot. Sie waren ernst, packend und verständlich. Gewiss hat Pastor Braun dadurch den größten Einfluss ausgeübt. Im Herbst 1863 begann der Konfirmandenunterricht, in der Hoffnung, dass bis Ostern die Auspfarrung des Gymnasiums vollzogen sein würde und er Palmarum 1864 konfirmieren könnte. Ich war damals in Untersekunda. Ich hatte, was damals noch möglich war, die Unter- und Obertertia mit noch zwei Mitschülern in einem Jahr absolviert und war dadurch mit Paul nicht mehr zusammen in einer Klasse. Erst in Prima kamen wir im Herbst 1866 in meinem letzten Schuljahr wieder zusammen. - Ich nahm damals an dem Konfirmandenunterricht teil, aber Ostern 64 konnte Pastor Braun nicht konfirmieren. Die Mitkonfirmanden wurden auswärts in ihren Gemeinden konfirmiert. Ich aber wartete und nahm im Winter 1864/65 noch einmal mit Paul zusammen, ich als Ober- er als Untersekundaner an Pastor Brauns Unterricht teil. Wir saßen glaube ich zu 12 - 15 in seiner Studierstube an einem langen Tisch, ich an Pastor Brauns Seite als der einzige aus der Obersekunda. Ich habe damals in einem Buch den Gang des Unterrichts aufgezeichnet. Leider habe ich das Buch nicht mehr. Der Unterricht aber diente dazu, das in mir zu befestigen und zu vertiefen, was die Predigten angeregt hatten. Vielleicht war diese Zeit die frömmste in meinem Leben, wo ich Gott in einfältigem Kinderglauben am nächsten war. Ostern 1865 kam heran, aber immer war die Gründung der Gymnasialgemeinde noch nicht vollzogen. Nun aber wollte Mutter uns nicht bei dem Stadtpfarrer konfirmieren lassen. Sie waren beide über die zweimalige Übergehung und Bevorzugung von Pastor Braun natürlich nicht entzückt. So kam es, dass Pastor Siebold sich bereit erklärte, uns mit seinem Sohn Matthias, der im Alter zwischen mir und Paul war, zu konfirmieren. Am Sonnabend, dem 5. April 1865 fuhren wir beide in das Schildescher Pfarrhaus. Am anderen Morgen kam Mutter mit Onkel und Tante Pauline mit einem Wagen nach Schildesche, um an der Feier teilzunehmen. Ich habe wenig von derselben behalten. Es war mir mit allem sehr ernst und feierlich, aber die ganze Feier war sehr lang, viele Konfirmanden und dann vorher noch Beichte und nachher Abendmahlsfeier. Mein Konfirmationsspruch war Kolosser ... Pastor Siebold hat ihn mir in die Bibel, die Tante Pauline geschenkt, eingeschrieben. Die Bibel mit den silbernen Beschlägen und den reich verzierten Pergamentblättern zur Eintragung von Gedenktagen ist mir ein liebes Andenken an den Tag meiner Konfirmation und die kunstsinnige und kunstfertige Tante Pauline geblieben. Ich bekam von ihr an dem Tage eine goldene Uhrkette als Andenken an ihre verstorbene Mutter, die meine Patentante gewesen war, zugleich von Mutter die goldene Uhr meines Vaters, die ich beide getragen, bis ich nach Pauls Tode seine Uhr und Kette in Benutzung nahm, die ich noch trage. Die Kette von Tante Pauline hat Fritz bekommen.


sorry, alt text is missing

Missionar Hugo Hahn

Erst am 21. 8. 1866 wurde Pastor Braun als Anstaltsgeistlicher eingeführt. In Gütersloh lebte damals der rheinische Missionar Hugo Hahn mit seiner Familie. Er war lange im Hererolande gewesen, war auf Urlaub in Europa und arbeitete an einer Bibelübersetzung und Schulbüchern in die Hererosprache. Zu diesem Zwecke hatte er eine schwarze Hererochristin mitgebracht, die ihm bei seinen sprachlichen Arbeiten behilflich war, eine wirkliche Schwarze, für alle Gütersloher ein Ereignis. Missionar Hahn, eine große kraftvolle Erscheinung stammte aus den russ. Ostseeprovinzen, er hatte eine engl. Frau geb. Hen (= Huhn) und vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, die mit uns die Schule besuchten. Der älteste, Josi, und der zweite, Hugo, waren uns voraus, älter als wir. Mit dem jüngsten, Traugott, war ich von Tertia an zusammen, er machte ein halbes Jahr vor mir Examen, weil ich in Sekunda ein halbes Jahr zugab. Traugott war der tüchtigste von den dreien. Josaphat oder Josi, ein großer Turner, wurde später Rektor in Wansbeck. Hugo, weniger begabt, zuerst uns voraus, machte doch erst ein halbes Jahr nach mir Examen. Der Vater trat später aus der rhein. Mission aus, wurde Pastor an der deutschen Gemeinde in Kapstadt. Hier wurde Hugo sein Hilfsprediger und Nachfolger. Er soll heute ganz Engländer geworden sein. Traugott, mit dem ich zeitweise viel verkehrte, wurde später Pfarrer auf der Insel Oesel in Russland, kam dann nach Dorpat als Pastor und ist jetzt während des Krieges wegen deutschfreundlicher Gesinnung nach Sibirien verbannt worden. Ich hätte ihn gern einmal wiedergesehen wie so manche andere, aber...!

Missionar Hahn hielt damals oft in der Aula sonntagabends Missionsstunden, in denen er sehr interessant von seinen afrikanischen Erlebnissen erzählte. Da ist in mir das Interesse und die Liebe zur Mission erwacht, die mir fürs Leben geblieben ist. Ich lernte verstehen, dass die Ausbreitung des Christentums zu seinem Wesen und Bestand gehört wie das Wachstum zum Baume.

Nun stehen vor meinen Augen eine große Schar meiner Mitschüler, deutlicher die einen, verschwommener die anderen Gestalten. Ich will einige davon kurz erwähnen: Im Hause der Mutter verkehrten Karl und Richard Moeller, die Söhne des Konsistorialrats Moeller in Breslau - des späteren Magdeburger General-Superintendenten. Ihre Mutter war eine Jugendfreundin meiner Mutter, sie war eine geb. Sanders aus Bergisch-Gladbach (ihre Mutter hat 30 Jahre krank im Bett gelegen, lebte zu jener Zeit noch).
Karl Moeller war sehr zart, bekam als Primaner Blutspeien, und Mutter hat ihn damals lange Zeit bei sich gepflegt. Er machte 1865 das Abitur, ging nach Göttingen, studierte Geschichte, starb aber bald als Student am 5. 10. 1868. Richard Moeller war eine Kraftnatur, er verließ Gütersloh 1865, studierte Medizin, wurde später mit Paul durch gemeinsamen Beruf verbunden. Ich bin im Leben ihm öfter begegnet (davon später), er war zuletzt Geh. Medizinalrat, Chef des großen städt. Krankenhauses in Magdeburg. Er verlor fast zur gleichen Zeit wie ich ein Bein aus gleicher Ursache (Arterienverkalkung), ist schon im Sommer 1914 nach qualvollem Leiden gestorben. Wir haben noch im gleichen Leid schriftliche Grüße 1913 gewechselt. Dann waren da vier Brüder Neide, Siegfried, Friedrich, Ernst und Max, Söhne des Pastor Neide in Siegburg am Rhein. Die Mutter war geisteskrank, der Vater in bedrängten Verhältnissen. So hatten die Brüder Freitische, wie es in Gütersloh derzeit üblich war (hoffentlich heute nicht mehr), d.h. die armen Kerle aßen täglich bei einer Familie, natürlich für den Vater eine große pekuniäre Hilfe. Zu uns kamen sie regelmäßig jeden Mittwoch und wurden dadurch mit uns befreundet. Sie waren alle in der Schule hinter uns, die beiden Ältesten waren uns im Alter ziemlich gleich. Sie hießen mit Spitznamen Babe, Stabe, Kacke und Pfote. Der Älteste wurde Oberlehrer, der zweite Theologe. Dr. Phil., 1874 - 81 Bibliothekar in Halle und Kiel, zuletzt seit 1887 Pastor in Kloster Haeseler bei Kösen. Er ist unverheiratet, lebt jetzt als Emeritus in Halle, ist auch Wingolfit. Der dritte wurde Chemiker, war Zuckerfabrikdirektor in Oldisleben, hat uns von da aus einmal besucht. Der Jüngste wurde Offizier. Seit 1864 war August Schmitz in Gütersloh, mit Paul zusammen in der Klasse, mit mir erst in Prima in meinem letzten Schuljahr. Wir traten uns damals nicht näher, erst in Berlin und besonders in Tübingen als Studenten. Dann war damals Jan Karafiat in Gütersloh, seit 1862, war aber mir eine Klasse voraus. Erst in Prima waren wir zusammen im Winter 1865/66. Er ging Ostern 1866 ab nach Berlin. Aus diesem Winter stammt unsere Freundschaft. Er ist ein Böhme oder Mähre, stammt aus Ingrowitz in Mähren, seine Eltern ganz kleine Leute. Seine Mutter muss eine treffliche Frau gewesen sein. Eine Schwester war Diakonisse in Kaiserswerth. Daher war er mit Fliedner bekannt.

Als wir nach Gütersloh kamen, waren dort zwei von den sieben Söhnen Fliedners, Theodor und Fritz, bedeutend älter als wir. Hernach 1864 kamen die jüngeren Brüder hinzu, Ernst und Heinrich. Ostern 1864 machte Fritz Fliedner, ein hochbegabter Mensch, später Begründer der deutschen Evangelisation in Spanien, sein Examen, im Herbst 1865 sein älterer Bruder Theodor. Er war längere Zeit Vorsteher des Paul-Gerhard-Stifts in Berlin, dann seit 1890 Pastor in Zipsendorf bei Zeitz. So hatte ich öfter Gelegenheit ihn wiederzusehen. Sie waren in der Gütersloher Zeit viel im Hause meiner Mutter. Mutter war früher mit der Fliednerschen Familie bekannt und öfter in Kaiserswerth. Ich erinnere mich, einmal mit ihr in Kaiserswerth gewesen zu sein vor dieser Zeit, als Pastor Fliedner noch lebte. Wir logierten bei ihnen, und es hat sich mir sein Bild fest eingeprägt, - in seiner schlichten Weise, Wohnung und Lebensweise das Bild größter Einfachheit. Am Abend bei der Hausandacht knieten alle zum Gebet nieder, und am Sonntagmorgen traten alle Kinder der Reihe nach vor den Vater und sagten einen Vers aus einem Kirchenlied auf. So lernten sie einen großen Schatz von Kirchenliedern. Ich habe später versucht, meine Kinder zu dieser guten Sonntagsarbeit anzuhalten. Mutter Fliedner habe ich später noch öfter in Kaiserswerth in ihrer Witwenwohnung besucht. Sie war eine köstliche, durch und durch von Gottes Geist beherrschte Frau, ohne jedes äußerliche Zurschautragen ihres opferfreudigen, werktätigen Christentums. Zur Charakteristik der Fliednerschen Söhne dient, dass sie um zu sparen nie Strümpfe trugen. Wenn die Ferien kamen, kauften sie viele Eier in der Bauernschaft auf und nahmen portofrei in der vierten Wagenklasse einen großen Schließkorb voll mit, um den Anstalten in Kaiserswerth billige Eier zu verschaffen. Theodor war geistig nicht bedeutend wie sein Bruder Fritz, aber sehr kunstfertig mit der Hand. Er laubsägte sehr schön. Ich hatte ein längliches Kästchen, das er meiner Mutter gearbeitet hat, es steht jetzt in meinem Schreibtisch. (Heute in Besitz von Bernhard H.). Das erinnert mich daran, dass ich in der Gütersloher Zeit sehr viele Laubsägearbeiten machte ebenso wie Papparbeiten. Beliebt war das Anfertigen von Luftballons aus Seidenpapier, höher als wir selbst, die mit einer Spiritusflamme zur Verdünnung der Luft versehen waren und leider bei Wind sich leicht entzündeten und meist mit dem Verbrennen endeten.

Unter unseren Mitschülern war damals auch Joh. Karsch, später Direktor in Düsseldorf und bis zu seinem Tode Mitglied unseres Briefkränzchens. Er war mir ein halbes Jahr voraus. Ich trat ihm damals nicht näher, er verkehrte viel mit Aug. Schmitz und Joh. Quark, später Pastor in Überruhr, alle später Wingolfiten wie auch die Fliedners bis auf Theodor. Auch Joh. Forster war damals in Gütersloh. Ich erinnere mich seiner besonders aus dem Missgeschick, das ihn betraf, als er in gutmütiger Freundschaft einem adligen Mitschüler beim Abiturientenexamen mogelnderweise half; beide wurden wegen sittlicher Unreife ein halbes Jahr zurückgestellt. Er machte dann mit dem Jordan von Kröcher, dem späteren langjährigen Präsidenten des Abgeordnetenhauses im Herbst 1865 des Examen. Er war lange Jahre Pastor in Brasilien, dann Pfarrer in Landsberg bei Halle und zuletzt in Gr. Kyhna. Da er auch Wingolfit war, haben wir uns oft in Halle auf der Wingolfskneipe gesehen und gut verstanden.

Der "dicke Kröcher" erinnert mich an die vielen Adligen, die in alter Zeit in Gütersloh auf der Schule waren. Ich erwähnte die Prinzen Reuss, dann waren da die drei Söhne der Gräfin Stolberg, Brüder des späteren Grafen Udo Stolberg, Oberpräsident der Prov. Preußen. Alle drei jungen Brüder, z.T. sehr begabte Leute, sind als Offiziere elend untergegangen. Der jüngste, wenigst begabte, war unser Altersgenosse, das Bild der Gutmütigkeit. Mutter hat mit der Gräfin Stolberg verkehrt, wenn auch nicht intimer. Ich erinnere mich nicht, in dem Hause gewesen zu sein. Bei dem Direktor Rumpel war als einziger Pensionär Fürst Ysenburg-Büdingen-Meerholz, ein feiner Mensch, adlig aber nicht stolz, ich habe zeitweise viel mit ihm zusammen gearbeitet. Endlich sei erwähnt Gustav von Wrangel, der einzige Enkel des alten Wrangel. Der Vater war tot, er war in Pension bei Prof. Schöttler. Er hat sehr viel im Hause bei uns verkehrt und hat mich zuerst zum Rauchen einiger Zigaretten veranlasst. Ich fand aber keinen Geschmack daran. Bei dem Abitur war er in großer Verlegenheit, Mathematik war immer seine schwache Seite gewesen. Auf vieles Drängen tat ich ihm endlich den Gefallen und deponierte für ihn die Lösungen auf dem WC oben unter dem Dach, und so gelang es ihm, eine genügende Arbeit zu liefern und vom Mündlichen dispensiert zu werden. Mich aber hätte leicht des Joh. Vorsters Geschick ereilen können. G. Wrangel war im übrigen ein tüchtiger Schüler, er ging nach Berlin, um Jura zu studieren. Da er nur ein Auge hatte, konnte er nicht Offizier werden. Als ich im dritten Semester nach Berlin kam, stand ich im Vorgarten der Universität mit einer Anzahl Wingolfiten, ich selbst war nicht aktiv und trug keine Couleur, - da kam Wrangel ... und kannte mich nicht mehr. Ich ihn natürlich auch nicht. Ich bin seitdem sehr zurückhaltend im Verkehr mit adligen Herrn geworden. Wrangel ging in die diplomatische Laufbahn, war Attaché bei der Gesandtschaft im Haag, wurde früh nervenkrank, und ist unverheiratet in Bethel bei Bodelschwingh gestorben.

1866 ging eine große Zahl hannöverscher Adliger sofort bei Ausbruch des Krieges ab. In dem folgenden Jahr kam eine hochnotpeinliche Untersuchung, was die Ursache war. Ich habe es nie erfahren. Die Wirkung aber war, dass wieder eine Anzahl adliger Herren abgingen, und seitdem ist das adlige Element nicht stärker in Gütersloh gewesen als anderwärts.
Noch fallen mir zwei nicht-adlige Charakterköpfe ein, der rote und der schwarze Klein, Theodor und Hermann, Söhne des Kaufmanns Klein-Schlatter in Barmen, des Freundes von Vater Wiebel. Hermann, der schwarzhaarige, gutmütig, etwas unbeholfen, ging ruhig seinen Weg. Er hat ein Jahr nach mir das Abitur mit Paul und Aug. Schmitz gemacht. Er wurde Theologe, war mit mir zusammen in Tübingen Wingolfit. Er ist früh gestorben. Der (ich glaube ältere) Bruder Theodor, rothaarig, hatte einen mephistophelischen Zug, immer zum Spotten geneigt, ärgerte gern die Lehrer und machte wohl oft seinem Bruder das Leben schwer. Er ging aus Tertia oder Untersekunda ab, ich weiß nicht wohin. Ich glaube er hat auch noch Theologie studiert und ist früher als sein Bruder gestorben.

Einige andere langjährige Mitschüler sind Theod. Menkhoff, Sohn des Lehrers Menkhoff in Gütersloh, er wurde Philologe, Lehrer in Minden, zuletzt in Godesberg als pens. Professor gestorben. Hans hat ihn dort noch kennengelernt, den "Spatz", und Joh. Bardmann aus Oldenburg, wohnte wie Karafiat bei Tante Mally - Frl. Schreiber, die ein großes Knabenpensionat hatte. Ich habe in Prima viel mit ihm verkehrt, bin mit ihm gelaufen, habe mit ihm musiziert, er Cello - ich Klavier -, habe mit ihm noch lange korrespondiert. Er war wie Menkhoff auch Wingolfit und später Pastor in Varel und noch lange mit Karafiat in Verbindung.

Nun noch Reiseerinnerungen aus der Gütersloher Zeit:
In die erste Gütersloher Zeit fällt vielleicht die Reise mit Mutter nach Schwalbach, die ich oben erwähnte. Mutter - immer kränklich - reiste jährlich in ein Bad von Gütersloh aus, mehrmals nach Driburg und Pyrmont. Ich bin zweimal - wenn nicht öfter - mit ihr in Pyrmont gewesen, 1863 und 1864. Dann wurde bei dem Gastwirt Backey ein Wagen bestellt, der fuhr uns in einem Tag nach Pyrmont über Bielefeld - Detmold - Schieder. In Pyrmont wohnten wir im Hause des Hofrates Lynker. Frühmorgens ging es an den Brunnen, nach dem Trinken ging man in den herrlichen Alleen spazieren bei Kurmusik, in der Mittelallee die Städter, in den Seitenalleen die Bauern in den malerischen Bückeburger Trachten. Die Männer in langen weißen rot gefütterten Röcken mit silbernen Knöpfen und der Pelzmütze auf dem Kopfe mitten im Sommer. Damals gab es in Pyrmont auch noch eine Spielbank. Dort wie ein ander Mal in Spaa in Belgien und in Wiesbaden hat das Glücksspiel einen unangenehmen Eindruck auf mich gemacht.

Bei einem Pyrmonter Aufenthalt erfuhr ich eine besonders gnädige Bewahrung. Ich wollte eine Spirituslampe anzünden. In dem Augenblicke, als das Zündholz daran kam, explodierte sie, und die Luft schleuderte den mit Spiritus getränkten brennenden Docht, der nicht ordnungsgemäß befestigt war, mir ins Gesicht. Ich laufe in das Schlafzimmer, stecke den Kopf ins Wasser und reibe mit dem Handtuch. Da ist die ganze Haut von Backe, Nase und Mund ab. Zum Glück blieben die Augen verschont. Ich musste 100 Stunden mit Umschlägen ohne zu kratzen still liegen. Etwas Nahrung konnte mir nur durch einen Trichter in den einen Mundwinkel eingeflößt werden. Dann aber heilte die Brandwunde so gut, dass keinerlei Narbe zurückblieb. In Pyrmont wurden wir auch mit Eselsmilch zur besonderen Stärkung gequält.

In Pyrmont war damals ein Pastor Kräuseler, ein hervorragender tüchtiger Prediger, mit dem Mutter auch bekannt und befreundet wurde. Ich glaube er kam später nach Hamburg. Ich habe aus seinen Gottesdiensten nur den Spruch nach dem Aufgebot der Verlobten behalten: Wer etwas dreinzureden hätte, tue das beizeiten und schweige danach stille, Gott aber gebe ihnen seinen Segen.

Im Jahre 1863 machte ich meine erste Fußreise. Mutter hatte mich früh an Selbständigkeit gewöhnt, und so war es nicht gewagt, mich mit einem Bekannten einige Tage laufen zu lassen. Ich war zuerst bei Paul Josephson in Schwelm. Ich fuhr von dort über Hagen nach Cabel, wo ich mit meinem Reisegefährten Heinrich Hahn zusammentraf. Er war der Sohn des früheren Missionars Samuel Hahn, der damals pensioniert war und in Schwerte wohnte. Heinrich H. war in Tertia und Untersekunda mein Klassengenosse, blieb dann aber zurück und machte mit Paul 1868 das Abitur. Wie wir näher zusammenkamen, erinnere ich nicht mehr, es ist mir, als wenn er auch bei Mutter einen Freitisch gehabt hätte. Wir verkehrten damals sehr viel miteinander, spielten oft stundenlang bis in die Nacht hinein Schach. Er war in mancher Beziehung ein wunderlicher Kerl, konnte ein enfant terrible sein und hatte nicht viel Kinderstube. Er war einige Jahre älter als ich, in Südafrika geboren. Er besuchte später das Predigerseminar in Wittenberg, kam dadurch in die Provinz Sachsen, hatte dort mehrere Stellen als Pastor, zuletzt in Elster a. Elbe bei Wittenberg, wo er wohl noch ist. Wir sahen uns öfter auf der Missionskonferenz in Halle, ohne in nähere Beziehung zu treten. Er starb am 11. 3. 1916 - siebzig Jahre alt. Damals war er mir ein lieber Wandergeselle. Unser Weg führte uns zunächst auf die Hohensyburg, über Limburg/Lahn und Letmathe nach Iserlohn. Hier war das erste Nachtquartier. Anderentags nach Sundwig, wo jetzt die Cousinen Natalie und Pauline v.d. Becke wohnen. Wir besuchten dort eine Höhle, dann über Menden in das schöne Hönnetal, Klusenstein bis Balve. Da übernachteten wir in einem sehr einfachen Wirtshaus. Nach dem Abendbrot wies uns der Wirt unsere Schlafstätte an - da schlief in demselben Zimmer mit uns ein fremder Mann. Ich habe mich fürchterlich geängstigt, auf alle Schandtaten des Fremden gefasst, er hat uns aber kein Haar gekrümmt, doch hat sich das Andenken an diese Nacht bei mir fest eingeprägt. Wir wanderten dann nach Altena, Letmathe und endlich nach Schwerte, wo wir bei Heinrichs Eltern einkehrten. Von dort aus besuchte ich in Haus Villigst an der Ruhr die Familie von Elverfeld. Sie waren mit uns weitläufig verwandt, der Freiherr von Elverfeld und seine Schwestern, fromme Damen die viel bei Pastor Blumhardt in Bad Boll waren, waren Nachgeschwisterkinder mit Mutter, die beiderseitigen Eltern Vetter und Cousinen. Ihre Mutter war eine Schwester der eben erwähnten Frau Prof. Plitt. Sie nahmen mich sehr verwandtschaftlich auf in dem schönen Heim, leider hatte ich nie wieder Gelegenheit, nach Haus Villigst zu kommen, sah aber zwei der Schwestern in Boll wieder. Auf dieser Reise war ich auch in Gevelsberg bei Karl Arnoldi. Sein Vater war Steuerbeamter in Gevelsberg, zwischen Hagen und Elberfeld. Ich glaube, die Beziehungen stammten schon von Malmedy oder Saarlouis. Ich war öfter in Gevelsberg und habe dort viel Gastfreundschaft genossen, habe mit meinem Mitschüler Karl Arnoldi das schöne bergische Land dort durchstreift. Wir machten zusammen das Abitur, gingen beide nach Bonn, wo seine Eltern 1867 als Pensionäre lebten. Es gingen unsere Wege dann aber auseinander. Er wurde Lehrer (soweit ich erinnere), war auch Theologe und ist früh gestorben.
Eine andere Fußreise machten wir - Paul und ich - einmal, wohl Pfingsten, mit Herrn Zander und einigen Mitschülern in das Lipperland. Ich erinnere nur zwei Momente: Als wir auf dem Hermannsberg bei Detmold waren, sangen wir noch als Schlussvers des Liedes "Als die Römer frech geworden" den Vers "Und zu Ehren der Geschichten, will ein Denkmal man errichten. Und schon steht das Piedestal. Doch wer die Statue bezahlt, das weiß Gott im Himmel!" Ich kaufte damals ein Bild des Entwurfs des Bildhauers Bandels. Es musste erst 1870 und die deutsche Einheit kommen, bis das Denkmal vollendet wurde. Heute steht dort Hermann der Cherusker als Bild deutscher Kraft im deutschen Walde. - Das andere war ein bitterböses Rencontre mit Herrn Zander an den Ebersteinen. Wir waren gewohnt, bei Tisch zu beten. Da saßen wir vor der Wirtschaft im Freien, um uns herum allerlei Volks, da 'genierten' wir uns, die Hände zu falten und zu beten. Schön war das nicht und kein Zeichen von Mut. Aber dass Herr Zander uns nachher heruntermachte über unsere Feigheit und uns die weitere Reise verdarb, war zumindest nicht weise. Grollend zogen wir weiter und wurden dadurch nicht frömmer oder bekenntnisfreudiger. In welches Jahr diese Fußreise fällt, weiß ich nicht. Im Jahre 1864 bekam ich sehr böses Scharlachfieber, und meine Augen waren lange angegriffen. Ich durfte und konnte lange nicht arbeiten. Ich war dann mit Mutter zuerst in Pyrmont und dann mit Onkel und Tante im August in Ostende zu meiner Kräftigung. Ich verlor dadurch ein ganzes Semester, war in Obersekunda, - so bekam ich im Sommer gar keine Zensur und war nun im Herbstcoetus in Obersekunda und Prima und machte auch im Herbst 1867 mein Examen. Die Ostender Reise war ein großes Ereignis für mich. Ich fuhr mit Paul von Pyrmont nach Gütersloh, wo Paul mit Dahlhaus hauste, bis Mutter ihre Kur beendet hatte. Ich reiste am anderen Tag, Anfang August, weiter nach Eupen. Da gab es viel Neues seit dem letzten Jahre. Von Herbestal nach Eupen war das Zweigbähnchen gebaut, und der alte, liebe Omnibus unserer Kinderzeit fuhr nicht mehr. Onkel und Tante hatten unter der Haas ihr neues Haus gebaut und den großen Garten angelegt und wohnten nicht mehr in dem alten großelterlichen Hause, das an einen Herrn Rink verkauft worden war. Onkel holte mich am Bahnhof ab, und er und Tante waren überaus herzlich zu mir, wie ich an Mutter schrieb. Aber das konnte meinen Schmerz über den Verkauf des großelterlichen Hauses nicht aufheben. Ich habe immer an dem Alten, mir lieb gewordenen gehangen und tue es heute noch.

Zur Reisegesellschaft gehörte auch Natalie Karcher, die Onkel wie mich zu der Reise nach Ostende eingeladen hatte. Wir fuhren Anfang August zunächst nach Antwerpen und stiegen im Hotel St. Antoine ab.

sorry, alt text is missing

Hotel St. Antoine in Antwerpen

Während Onkel seinen Geschäften nachging, hatten wir Zeit, uns die Stadt anzusehen, den Zoologischen Garten, Dom, Gemäldegalerie und vor allem den Hafen. Da staunte ich über der Schiffe "mastenreichen Wald" wie ich an Mutter schrieb, besah ein amerikanisches Kriegsschiff, das ein Seekabel nach England gelegt hatte. In Ostende bekam ich dann Gelegenheit, einen Personendampfer zu besichtigen, dann aber zum ersten Male am Meere. Es hat mich damals die Nordsee wie später so oft in ihrer großartigen Eintönigkeit angezogen, oft habe ich bei Tage und spät am Abend noch auf dem Brückenkopf weit draußen im Meer gestanden und dem Wogenspiel zugesehen. Die Seebäder mit Onkel im Paradiese, dem Herrenbad, früh um 7 Uhr taten mir sehr gut, schafften mir Appetit, und ich konnte der Mutter über Zunahme des Körpergewichtes berichten. Wir lebten sehr gut, hatten eine Wohnung an der Place d'armes, Salon und drei Schlafstuben für 400 Fr. pro Monat, es schien mir unermesslich viel. Dazu eine fröhliche Gesellschaft, ein großer Kreis von Eupener und Saarbrücker Bekannten. Ich berichtete Mutter von einem Kinderball im Kurhaus, dem wir zugesehen - kleine Kinder wie die Damen angezogen -, und von einem Ball, auf dem der König der Belgier war, von der evang. Kirche und einem sehr schlechten Prediger. Immer dasselbe Lied, dass die evang. Kirche an solche wichtigen Posten nicht die Besten stellen kann. Die französischen Knaben, mit denen ich zusammenkam, haben mir nicht gefallen.

Dann berichte ich von einem Wettrennen, wohl dem einzigen, das ich im Leben sah, bei dem ein ganz junger engl. Jockey vor unseren Augen stürzte und zu Tode kam. Auf einer Tour nach Brügge und Blankenberge sah ich in Br. das Grab Karls des Kühnen, im Rathaus die Statue Karl V. und in einem Kloster eine Spitzenklöppelschule. In Blankenberge fiel mir auf, wie primitiv dort alles gegen Ostende war, und heute ist es Weltbad. Die Zeit in Ostende ist mir immer in heiterem Lichte erschienen. Nur die Trennung von Mutter und Bruder scheint mir schwer gefallen zu sein, wie die sehr zärtlichen Briefe an meine Mutter beweisen. Sie meinte zwar, nach dem guten Leben in Ostende würde mir unser einfaches Leben in Gütersloh nicht mehr behagen, aber das innige Verhältnis zu Mutter ließ bei mir solche Vergleiche nicht aufkommen.

Nach der Ostender Zeit, die am 24. 8. endete, war ich noch einige Zeit in Eupen, mit Beginn der Herbstferien kam auch Mutter mit Paul dorthin, und wir beide reisten dann zum Wiederbeginn der Schule nach G. zurück, wo ich neugestärkt an meine Arbeit gehen durfte. - Mutter war noch in Eupen geblieben, ich berichte ihr von den Holzsammlungen zum Oktoberfeuer. Das gehört auch zu Güterslohs Spezialitäten jener Zeit. Vor dem 18. Oktober, etwa von Beginn des Monats zogen wir klassenweise mit großen Leiterwagen durch die Stadt und die Bauernschaften und sammelten Holz. An langem Seil 20 - 30 Jungen vorgespannt, die älteren und stärkeren zogen auf die entfernteren Bauernhöfe, die Kleinen in die Stadt und nähere Umgebung. Da kamen oft schwere Ladungen zusammen, die patriotischen Bauern gaben oft reichlich, und alles Holz und den vollen Wagen heimzuschleppen kostete manchen Schweißtropfen. Das Holz wurde auf dem Turnplatz oder sonstwo aufgestapelt und dann kurz vor dem 18. Oktober von Pferdebesitzern in der Stadt nach Bertels hinausgefahren. Die Primaner hatten dann am Festtag schulfrei, um den Holzstoß zu errichten, innen hohl, obendrauf Teertonnen. Beim Dunkelwerden zog dann die Schule mit Musik hinaus, der Holzstoß flammte auf unter Gesang des Liedes:
Flamme empor, steige mit loderndem Scheine auf den Gebirgen am Rheine lodernd empor! usw.
In einem der ersten Jahre unserer Gütersloher Zeit hatten die Primaner einen Napoleon, französ. Uniform mit Stroh gefüllt, oben auf den Scheiterhaufen gestellt, im Kopf Pulver, so dass er mit Knalleffekt in die Luft flog. Das wurde bekannt und hat fast zu diplomatischen Verwicklungen geführt, jedenfalls viel Unannehmlichkeiten verursacht. . - Die ganze Feier aber hat jedenfalls viel zur Belebung des patriotischen Gefühls der Jungen beigetragen, mehr als die späteren Sedanfeiern nach 70, die das Oktoberfeuer erstickten. Im Winter 1864/65 nahm ich wie oben berichtet mit Paul am Konfirmandenunterricht teil bei Pastor Braun und wurde Ostern 1865 konfirmiert. Im Sommer 1865 war Mutter längere Zeit mit Frau Rassfeld in Driburg im Bade. Mit Beginn der Ferien fuhren wir mit dem Wagen in Herrn Zanders Begleitung nach Lippstadt, trafen dort mit Mutter zusammen und reisten mit ihr nach Kassel. Der Eindruck der Stadt und der Blick auf die Aue von der Terrasse vor der Bildergalerie ist mir geblieben. Als ich später die Gemäldegalerie wiedersah, tauchten die alten Erinnerungen wieder auf.

Von Kassel ging es nach Stuttgart und von dort nach Göppingen und Bad Boll zu Blumhardts. Ich erinnere wenig vom damaligen Aufenthalt, die Erinnerungen mögen sich auch mit den späteren Erlebnissen dort im Jahre 1871 vermischt haben. Deutlich steht mir vor Augen, wie wir in dem Schiefer der dortigen Berge, in denen wir Jungen umherstreiften, eifrig nach Versteinerungen suchten und eine große Menge Ammonshörner, Donnerkeile u.a. als Beute mit heimbrachten. Wir reisten zurück über den Rhein. Ich glaube es war damals, als eine exaltierte junge Dame, die mit uns reiste (wohl von Boll aus) - ihren Namen habe ich vergessen, auf dem Dampfschiff während des Mittagessens an Deck bei der Loreley auf die Bank stieg, Essen und Menschen vergaß und zur allgemeinen Heiterkeit "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" sang. Wir aber schämten uns unserer Reisegefährtin. Über Köln ging es nach Aachen und Eupen und dann nach Gütersloh zurück. Was Mutter zu der Reise nach Boll veranlasste? Ob ihre Gesundheit? Ob sie von Blumhardts Gebet Heilung erhoffte? Ich denke mir, ihre Cousinen, die Frl. von Elverfeld, haben ihr dazu geraten. Mutters Zustand war oft recht übel. Trotz aller Badereisen hat sie mehrmals den ganzen Winter von Rheumatismus geplagt im Bett zugebracht. In einem Winter zog auch der Rheumatismus ans Herz, und ihr Zustand wurde sehr bedenklich. Onkel und Tante kamen nach Gütersloh und ließen den Geheimrat Meyer aus Berlin zur Konsultation kommen. Gott sei Dank ging die Gefahr endlich vorüber. Ich glaube, das war im Winter 66 auf 67, kann aber auch schon ein Jahr früher gewesen sein. In meiner Herzensangst, als es einmal sehr schlimm um Mutter stand, rang ich mit Gott um ihr Leben und gelobte mir, Pastor zu werden und so in besonderer Weise Gott zu dienen, wenn er mir die Mutter ließe. Ich war damals nicht entschieden, welchen Beruf ich wählen sollte, dachte an Jura und Baufach. Jene Stunde aber, sie nicht allein, hat viel zu meiner schließlichen Entscheidung beigetragen. Ob es gut war? Ob ich nicht als Jurist mehr geleistet hätte? Ich war zu sehr Verstandesmensch, hatte zu wenig Phantasie, um ein Kanzelredner zu werden. Das Jahr 1866 brachte natürlich viel Aufregung und Unruhe mit sich.

Karafiat hatte Ostern 1866 sein Examen gemacht und studierte in Berlin Theologie zugleich mit Dahlhaus und Theodor Fliedner. Seit dieser Zeit datiert mein Briefwechsel mit Karafiat. Der Krieg mit Österreich erschwerte natürlich den brieflichen Verkehr mit dem böhmischen Patrioten - und schon damals kam es zu der Abmachung, über Politik nicht zu schreiben und zu reden, was natürlich nicht zur Gemütlichkeit des Verkehrs beitrug. Er war sehr in mich verliebt und hätte es am liebsten gesehen, wenn ich ganz exklusiv mit ihm verkehrt hätte. Das war mir aber nicht möglich. Er ist ein treuer Freund gewesen, der die Beziehung nie fallen ließ, auch wenn ich nicht nach seinem Sinn war. Er war und ist streng bibelgläubig, von schottischer Frömmigkeit stark beeinflusst. Er ist viel in Schottland gewesen, wo eine Miss Buchanan seine mütterliche Freundin war, die auch pekuniär für ihn sorgte. Er hat es bitter empfunden, dass ich nicht um seinetwillen böhmisch lernte, - aber für mich war die Kenntnis des Böhmischen zwecklos. Er schrieb deshalb oft, wohl meistens englisch, an mich, um nicht deutsch zu schreiben. Leider blieb er unverheiratet, wäre er verheiratet gewesen, so wären wohl manche Wunderlichkeiten abgeschliffen worden. Indessen wartete er vergeblich, dass "Gott ihm eine Frau in den Schoß fallen ließe", wie Meta öfter sagte. Das lag in der Art seiner Frömmigkeit, dass er nichts eigenmächtig ohne Gottes Leiten tun wollte, als ob Gott nicht auch mittelbar durch unsere Liebe und die Verhältnisse uns leitete. Karafiat wurde später, nachdem er in Wien sein Studium vollendet hatte, Hauslehrer bei der Familie Langen in Köln, dann Pastor an mehreren Orten in Böhmen. Er kam aber wiederholt mit seinen Kirchenbehörden wegen Kirchenzuchtsfragen in Konflikt. Einmal schwebten Verhandlungen wegen Übernahme einer Professur an der evang. theol. Fakultät in Wien, sie haben sich aber zerschlagen. Er lebt nun schon lange privatisierend in Prag, hält Gottesdienste in seinem Hause für einen kleinen Kreis und hat eine Neubearbeitung der böhmischen Bibelübersetzung ausgeführt, eine langjährige Arbeit.

In dem Sommer 1866 bin ich Bungerott nähergetreten, eine Freundschaft, die von beiden Seiten bis zu seinem Tode bewahrt wurde. Ich werde ihn später oft zu erwähnen haben. "Bopp" war eine fröhlich und heiter angelegte Natur, harmlos, freundlich, aber für das harte Leben zu weich, zu wenig energisch. Er hat ein sehr schweres Leben gehabt, damals aber war für ihn noch selige, goldene Zeit. Manches lustige Lied hat er gesungen, mancher Witz von ihm hat uns erfreut.

Als der Krieg ausbrach, machten drei Primaner das Examen, sie waren durch ihr Alter von über 20 militärpflichtig, der eine "Vater Ibing" aus Hattingen ist mir in besonderer Erinnerung durch ein Spottgedicht, das vom roten Klein oder aus seinem Kreis stammt auf den "20. Geburtstag Papa Ibings" gedichtet.

Im September waren, wohl durch heimgekehrte Soldaten eingeschleust, auch in Gütersloh Cholerafälle aufgetreten. Ein Mitschüler, Klostermann aus Rheine, starb ganz schnell daran, ein ernstes memento mori für uns alle. In den Sommerferien während des Krieges waren wir in Eupen bei Onkel und Tante. Im Winter 1866/67 lag Mutter wieder fast immer zu Bett. Da habe ich lange meine Schularbeiten an ihrem Bett gemacht und nachts schlief ich oft auf dem "Esel" bei ihr, um ihr zur Hand zu sein. Das waren immer traurige Zeiten.

Im Jahre 1867 verkehrte ich sehr viel mit Bavelmann, mit dem ich fast täglich spazieren ging, und mit Bungerott, mit dem ich auch zusammen arbeitete. In dem Winter und im Frühling 1867 war meine Cousine Pauline Roecke aus Magdeburg bei uns, Mutter zur Hilfe. Seitdem war die Beziehung zu ihr, die ich später weiter pflegte, geknüpft. In den Mai 1867 fällt noch eine heitere Begebenheit. An einem Sonntagnachmittag war ich mit einer Schar Primaner in das etwa eine Stunde entfernt gelegene Dorf Isselhorst gepilgert. Dort fand einer einen Theaterzettel aus Bielefeld "Die Zauberflöte". Ein großer Musikus unter uns, Th. Mühlhäuser (er stammte aus Amerika, ein Neffe des Kirchenrats Mühlhäuser in Wilferdingen, wo jetzt unser Neffe Hermann-Ada Calvino steht), machte den Vorschlag: Wir wollen dahin! Es fand sich eine Anzahl bereit, darunter auch Bavelmann und ich, wir mieteten einen Leiterwagen. Ich hatte noch nie ein Theater gesehen, so reizte mich die Neuheit, und trotz mancherlei Bedenken fuhr ich mit. Die Musik fand ich wunderschön, und wir kehrten spät in der Nacht befriedigt zurück. Die Sache aber wurde ruchbar, und eine Untersuchung wurde von der Schule inszeniert. Weil aber eine Anzahl sonst unbescholtener Schüler daran beteiligt war, kamen wir mit einem Verweis davon. Keine andere Theateraufführung aber ist mir so lebendig im Gedächtnis wie diese erste, die ich sah.

Es war seit dem Winter entschieden, dass ich nach bestandenem Examen mit Mutter nach Bonn ziehen sollte. Der Plan, der eine Zeitlang bestanden, für ein halbes Jahr vom Herbst 1867 an mit Mutter in die Schweiz auf eine dortige Universität zu gehen, damit ich Französisch gründlich lernte, war leider aufgegeben worden, ich vermute der Kosten wegen. Nun erhob sich die Frage, was sollte mit Paul werden, der noch ein Jahr auf dem Gymnasium hatte. Er machte schon damals Mutter viel Sorge, sein unruhiges, leidenschaftliches Wesen brachte ihm manche Konflikte und Mutter viel Aufregung. Mutter konnte und wollte ihn nicht mit nach Bonn nehmen, das hätte leicht ein Missverhältnis gegeben, ich Student und er Gymnasiast. Mutter dachte daran, ihn zu Pastor Braun oder zu Frl. Schreiber, wo Bavelmann und Bungerott waren, in Pension zu geben, aber als Onkel im Juli nach Gütersloh kam auf der Reise nach Marienbad mit Tante Pauline, wurde auf seinen Wunsch entschieden, dass er zu Herrn Zander sollte. Der hatte 1867 mit Frau Rassfeld die Pension im Hause gegenüber dem Gymnasium angefangen (s.o.). Das aber war für Paul das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte, und wohl auch nicht das Klügste, was geschehen konnte bei der Abneigung Pauls gegen Herrn Zander. Aber Onkel und Tante schätzten Herrn Zander sehr - mit Recht -, er war nur für Paul nicht der geeignete Erzieher, und es war zu erwarten, dass Frau Rassfeld wie eine Mutter leiblich für ihn sorgen würde. Das hatte er bei seinem zarten Körperbau nötig. Sie hat das auch getan, und Paul hat es ihr immer gedankt. Sie hat wohl auch öfter vermittelnd zwischen Paul und Herrn Zander gewirkt, und es ist auch das Jahr im Zanderschen Pensionat ohne Unfall hingegangen.

Ich war in den Sommerferien mit Mutter in Bonn gewesen, um eine Wohnung zu mieten. Wir fanden aber nichts Zusagendes, mussten uns zunächst mit einer sehr kleinen Wohnung in Webers Garten, zwei Treppen hoch, zufrieden geben, für Mutter, der das Treppensteigen sehr sauer wurde, nicht angenehm. In diesem Sommer hielt Herr Pastor Braun in drei Abendgottesdiensten drei Andachten über das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Sie machten auf mich einen tiefen Eindruck, und ich bat Pastor Braun um das Konzept, um es mir abzuschreiben. Er schenkte mir die kurzen Aufzeichnungen, die er gemacht hatte. Ich habe sie lange als liebes Andenken an den Verfasser und die gesegneten Stunden verwahrt.

Nach den Ferien fingen die Abiturientenarbeiten an und am 12. September 1867 war das mündliche Examen. Es waren damals noch 8 schriftliche Arbeiten anzufertigen, 4 große, je einen Vormittag, und 4 kleine, je zwei Stunden. Erstere, der Aufsatz in Religion, im Deutschen, lat. Aufsatz und die Mathematikarbeit, - die 4 kleinen: lat., griech., französ. Übersetzung aus dem Deutschen in die fremde Sprache und hebr. Übersetzung und Analyse. Die Themata für die drei Aufsätze waren nach dem Schulprogramm: Welche Bedeutung haben die beiden Sakramente für das Leben? Was wollte Philipp II. von Spanien und was hat er erreicht? Qod Cicero dicit, optimo cuique Athenis accidere solitum esse, ut exilium pelleretur, exemplis conprobetur. Ich war ohne große Sorge ins Examen gegangen. Nach dem mutmaßlichen Ausfall der schriftlichen Arbeiten hatte ich fest auf Dispensierung vom mündlichen Examen gerechnet. Wie groß aber war das Erstaunen, als der Schulrat, der "schwarze Luffrian" verkündete, dass von Wrangel und Kaupmann dispensiert seien. An letzteren hatte niemand gedacht bei der Ventilation der Frage, wer der Glückliche sein werde. Er hatte wohl Glück bei den schriftlichen Arbeiten gehabt, ich aber mein übliches Pech. Ich hatte, wie ich nachher erfuhr, die französ. Arbeit ungenügend geschrieben, und da war nach den bestehenden Ordnungen trotz der anderen guten Arbeiten eine Dispensation nicht möglich. Ich hatte als Kind Französisch plappern gelernt, las Französisch leidlich, hatte aber Grammatik und Orthographie nie fest intus, und es war mir zu langweilig, mich damit abzuquälen. Ich hatte bisher nie französische Arbeiten ungenügend geschrieben. Nun musste es mir passieren. Nachdem ich den ersten Schrecken überwunden hatte, machte mir das Examen, das ich nun in allen Fächern mitmachen musste, bald Freude, da ich in den meisten Fächern meiner Sache ziemlich sicher war, und später habe ich mein Missgeschick gesegnet. Ich ging in meine späteren Examina mit viel größerer Ruhe hinein als mancher, der nie ein Examen von Nahem gesehen hatte, weil er beim Abitur dispensiert worden war.

Meine Mitabiturienten waren außer den beiden Genannten: Aug. Weche, Theodor Greve, Fritz Stuchtey, H. Bungerott und Karl Arnoldi. Weche ging nach Halle, um Theologie zu studieren, ich bin ihm im Leben nie wieder begegnet. Stuchtey wurde Mediziner, wir waren nachher in Tübingen noch zusammen in der Verbindung. Die anderen erwähnte ich schon, heute sind alle bis auf Theod. Greve - Pastor in Löhne (jetzt pensioniert in Gütersloh) - um mich tot, die meisten sind früh gestorben.

So war mein Schulleben abgeschlossen, das Studentenleben begann. Ich bin heute noch dankbar, dass ich in Gütersloh war. Es gab unter den Lehrern manche Sonderlinge, aber der Geist der Schule war ein einheitlicher, ein christlicher ohne Übertreibung. Dankbar bin ich auch, dass ich diese Jahre im Hause der Mutter mit ihr zusammen verleben durfte, nicht in einem Pensionat bei Fremden. Diesen Vorzug habe ich auch meinen Kindern gegönnt und gewährt, soweit ich es vermochte.

Nachtrag: In Gütersloh lebte, ich glaube im Hause des Pastor Braun, ein Candidat Schwarz, er war immer krank, starb bald. Mutter hat viel mit ihm verkehrt und hat zum Andenken von ihm nach seinem Tode sein Gesangbuch und den Wandspruch in meiner Schlafstube "Liebe ich habe dir geboten, dass du getrost und freudig seiest" bekommen. Wie oft hat mich der Spruch aufgerichtet und an Cand. Schwarz erinnert. Ganz in unserer Nähe wohnte eine Witwe Seidler mit ihrem einzigen Sohne Franz. Er bekam die Schwind- sucht, machte noch todkrank sein Abitur, wohl 1866, und starb bald darauf. Ich habe ihn in seiner Leidenszeit viel besucht, ebenso wie Karafiat u.a. Die arme Mutter!

Endlich der Schuldiener Bessepohl, er wohnte neben dem Gymnasium, war Tischler, ein Sohn Gymnasiast, ein kleines freundliches Männchen.

Home Nach oben 1860 1861 Berlin Bonn 1858/59


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04