1870 Tübingen


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Gegen den 20. April reiste ich von Bonn rheinaufwärts. Tausend Erinnerungen knüpften sich an alle die Orte, an denen ich vorbeifuhr, und meiner Neigung nach wäre ich lieber am schönen Rhein und bei Mutter geblieben, deren Verhältnis zu mir mit den Jahren fester und inniger geworden war. In Worms machte ich Station, besah den Dom, das Lutherdenkmal und die Liebfrauenkirche. Das Denkmal, das erste größere, das ich sah, machte mir tiefen Eindruck, noch mehr aber der gewaltige romanische Dom. In Heidelberg traf ich zufällig Heinr. Hahn und reiste mit ihm bis Stuttgart. In Tübingen traf ich bald mit Aug. Schmitz zusammen, dem ich in dem folgenden Jahr innerlich näher kam. Mit ihm ging ich zunächst zu Prof. Beck ins Kolleg. Dieser machte auf mich zuerst einen wenig theologischen Eindruck, mehr den eines Bierbrauers, aber bald hat sein Vortrag mich gefesselt und innerlich mehr und mehr beeinflusst. Wohl stieß es mich ab, wenn er oft in Bausch und Bogen die damalige Theologie verurteilte und in absprechender Weise über die Theologen urteilte, aber sein großer Respekt vor der Heiligen Schrift, sein großer Glaubens- und Gewissensernst packten Herz und Gewissen, und man hatte bei ihm wie bei Wenigen den Eindruck, dass der ganze Mann hinter seinen Worten stand. Das System seiner Ethik ist wohl heute von den meisten vergessen, aber sein religiös sittlicher Einfluss wirkt noch in vielen nach. Namentlich hat mir sein Widerwille gegen alles methodistische Treibhauswesen und sein Betonen der wachstümlichen Art des Christentums imponiert. Seine berühmten "Expauken", frei hervorsprudelnde Äußerungen mitten in seinem Diktat diese und jene Frage des religiösen Lebens, oft voll großer Wärme und Schärfe, gaben vielfach Anlass zu ernstem Nachdenken und ließen manchen Stachel im Gewissen zurück. Manches davon ist in seinen zwei Bändchen "Gedanken aus und nach der Schrift" aufbewahrt. Ich habe in Tübingen und auch später viele seiner Predigten gelesen, die zwar keine Muster von Predigten sind, oft auch recht weitschweifig, aber tief in die biblischen Wahrheiten hineinführen. . Neben Beck hörte ich in Tübingen im ersten Semester Einleitung in das Neue Testament von Weizsäcker, trocken und kritisch, dann Hiob bei Prof. Merks, Philologe, bei dem man viel Hebräisch lernen konnte, der mir aber schließlich zu langweilig wurde, und bei Palmer das honuletische Seminar. In letzterem hatte ich meine erste Predigt über Joh. 12, 23-25 auszuarbeiten und im Seminar zu halten am 20. Juni. Da wurde mir die Frage lebendig: Hast du selbst erfahren, was du da sagst? Und ich habe damals und noch später viel Zweifel gehabt, ob ich in meiner inneren Unfertigkeit zum Prediger taugte, umso mehr, da immer neu unter Becks Einfluss die Forderung innerer Wahrhaftigkeit mir zu ernster Gewissenspflicht wurde. Von Prof. Christlieb, Bonn, hatte ich eine Empfehlung an Palmer und Oehler. Palmer war ein komischer Mann, mit dem, wie mir schien, schwer zu verkehren war. Doch war es mir bei einer Einladung in seiner Familie recht gemütlich. Prof. Oehler konnte ich leider im ersten Semester nicht hören, trotzdem nahm er mich sehr herzlich auf, ich habe mehrfach mit ihm verkehrt und bin auch öfters in der Familie eingeladen worden. Er war der einzige unter den Professoren der Theologie, dem der persönliche Adel nicht verliehen war, weil er zu preußisch oder zu großdeutsch war! Charakteristisch für die damalige Zeit! Ich komme auf den ersten Tübinger Tag zurück. Nach Becks Kolleg ging ich mit Aug. Schmitz zum Essen in die "Himmelei", d.a. zu einer Frau Himmel, bei der die Wingolfiten damals aßen. Da war es dem hungrigen Studenten wirklich wie im Himmel, statt der Berliner zugemessenen Portionen volle Schüsseln zu reichlichem Sattessen, freilich war das Essen schon damals teurer als in Berlin. Dann machte ich mich mit Schmitz auf die Wohnungssuche, konnte leider nicht mit ihm in einem Hause wohnen, auch nicht an der Neckarhalde, die eine freie Aussicht über Neckar und Land hat, fand aber endlich in der Bursagasse, unten am Neckar bei Schuster Eberhardt eine mir zusagende Stube. Das Haus, mit turmartigem Ausbau, 30 Fuß tiefer als die Straße, am Neckar gelegen, hieß das Hölderlinhaus, weil dort der Dichter Hölderlin gewohnt und geisteskrank geworden war. Von meiner Stube hatte ich einen schönen Blick auf das Wasser, die Platanenallee gegenüber, zur Linken auf die Neckarbrücke. Vom Fenster aus konnte ich die vorüberfahrenden Jokules auf ihren Flößen aufs beste bewundern. Wenn dann lawinenartig vom anderen Ende der Stadt her aus allen Fenstern der Neckarhalde das "Jokulu sperr" erschallte und die Jokules auf ihrem Floß weidlich über die Studenten schimpften, habe ich oft in das fröhliche Gebrüll eingestimmt. In dem Hause wohnten acht Studenten, für die Mutter Eberhardt gut sorgte, leider war kein Wingolfit dabei. Im Nebenhause wohnte Werner Wessel aus Detmold, mir von Gütersloh bekannt, mit dem ich durch die Nachbarschaft mehr verkehrte. Von meinen Berliner Freunden war H. Graeber nach Meiderich , um seine Examensarbeiten zu machen, Pönsgen zu gleichem Zweck in Bonn, Bangerotte studierte in Bonn, W. Gröber blieb in Berlin. So war nur Aug. Schmitz in Tübingen von alten Freunden. Von Gütersloher Bekannten Heinr. Quark und Stuchtey, Mediziner, mein Konabiturient, Hermann Klein aus Barmen und Franz Krebs aus Rheydt. In der Verbindung waren außer den Genannten meist Norddeutsche, nur 6 - 7 Schwaben, die mannigfach durch ihr starrköpfiges Wesen mit den anderen in Kollision kamen. Es waren aber prächtige Menschen dabei, namentlich ein Philologe Faber aus der Nähe von Stuttgart und Epple aus Böthingen sind mir noch in der Erinnerung. Ich wurde bald aktiv und habe manche neue, liebe Freunde gefunden, mit denen ich z.T. bis heute Freundschaft gehalten habe, namentlich E. Bausch, Pastor in Wicklinghausen, Otto Seeger. Pastor in Koblenz, bei denen zwei meiner Kinder mal eingekehrt sind (Martha und Hans 1898), dann Christian Hopfenmüller aus Bayern, Klaus Brüning aus Holstein, ein sehr lieber, mir besonders sympathischer Mensch, der leider sehr früh gestorben ist (1882), endlich noch Ernst Möller später Superintendent in der Prov. Sachsen, jetzt in Langenweddingen. Er ist bei der Generalkirchenvisitation viel in unserem Hause in Sangerhausen gewesen. Die Verbindung hatte gemeinsamen Mittagstisch, der bald von der Himmelei in den "Schwarzen Walfisch" verlegt wurde. Dadurch sah man sich täglich, machte nach Tisch Spaziergänge mit diesem oder jenem und lebte sich so miteinander ein, auch wenn man wie ich im 6. Semester sich nicht viel am Verbindungsleben beteiligen konnte. Mein Tageslauf begann um 6 Uhr, bis 11 Uhr arbeitete ich auf meiner Stube, ging ins Kolleg zu Beck. Nachmittags lagen die übrigen Kollegien, und außer den beiden Kneipabenden gehörten die Abende der Arbeit. Ich habe damals mich so wohl und frei gefühlt wie nie in Berlin. Das Leben war so gemütlich, die Gegend so herrlich, und wenn ich auch fleißig arbeitete, blieb doch Zeit genug für manche Touren in die Umgebung. Den ersten Ausflug machte ich nach Rottenburg, dessen Bischof, Hefele, damals in aller Munde war. Es war die Zeit des Vatikanischen Konzils, und die Proklamation des Unfehlbarkeitsdogmas stand bevor. Da war Hefele einer der Führer der Gegenpartei gegen das Dogma, der wohl am längsten an der Opposition festhielt, sich aber leider endlich doch unterwarf. Es folgte eine Tour nach Hechingen und dem Hohenzollern mit Aug. Schmitz, nach Reutlingen und ein Fuchsbummel nach d. Lichtenstein. Am 2./3. Juni feierten wir das Stiftungsfest, zu dem viele liebe Gäste, angezogen durch das schöne Neckartal, gekommen waren, so dass wir mit 71 Mann aufziehen konnten. Unter den Gästen waren Barelmann aus Leipzig und Bangerotte aus Bonn, der bei mir logierte. Den Höhepunkt des Festes bildete eine Wagenfahrt nach Urach, dazu waren wie üblich alle Wagen, namentlich die der Fleischer, requiriert, wir kutschierten selbst. Herrlich war der Tag, noch schöner die Rückfahrt bei Nacht, wo ich, zusammen mit Aug. Schmitz die herrliche Mondnacht genoss.

Da die Predigten in der Stadtkirche wenig boten, ging ich oft mit anderen früh am Sonntagmorgen nach dem Dorf Wangheim, eine Stunde Weges, zu einem Pfarrer Pressel, der einfach, kurz und praktisch predigte. Oft habe ich den Weg mit Schmitz und Reber gemacht. Reber war Bremer, der damals im vierten Semester stand, er war mit seinem jüngeren Freunde Lahusen nach Tübingen gekommen, beide traten in die Verbindung ein. Reber war erst Kaufmann gewesen, hatte sich erst später zum Studium der Theologie entschlossen, er war innig befreundet mit Tante Minna Voget, bis zu ihrem Tode nannte er sich ihren Pflegesohn, er starb als Pfarrer in Oerlinghausen bei Detmold. Lahusen aber, der Sohn des reichen Reeders und Kaufmanns in Bremen ist heute Generalsuperintendent in Berlin. In dem Sommer las ich mit großem Interesse das Leben Ludw. Hofackers, des früh verstorbenen Pfarrers, und das von Buchsel "Der evangelische Landgeistliche". Beides Bücher, die heute noch jedem jungen Theologen aufs wärmste empfohlen werden können, beide voll pastoraler Weisheit und tiefinnerlichen Anregungen. Am 4. Juni trat ich mit Aug. Schmitz, Klaus Brüning und Lahusen einen Pfingstbummel in den Schwarzwald an, Wir fuhren über Horb nach Freudenstadt, von da ging es durch prächtige Täler und herrliche Fichtenwaldungen nach Oppenau. Am anderen Morgen, dem 1. Pfingsttag, wanderten wir zwei Stunden nach Oberkirch, wo eine evangelische Kirche war, und freuten uns an den Schwarzwäldern in ihrem Sonntagsstaat, hörten aber eine traurige Predigt, die nichts bot. Von Oberkirch wanderten wir nach Allerheiligen mit seinen schönen Wasserfällen, über Seebach nach dem Mummelsee, der von hohen Bergen eingeschlossen auf der Höhe des Schwarzwaldes liegt, etwa 1000 m ü.d.M. Nach dem anstrengenden Marsch bei großer Hitze mundete uns ein Stück altes Brot mit Käse und einem Schluck Wein herrlich, heute wird wohl besser für Unterkunft gesorgt sein. Auf einem kleinen Söller des Wirtshauses kampierten 10 - 12 Studenten auf wenig Stroh. Am anderen Morgen wusch man sich am Brunnen, dann ging es auf prächtigem Weg hinab in das schöne Münzachtal und von da durch das Münztal über die Neu Ebersteinburg nach Baden-Baden, wo wir in Lichtental gegenüber dem Kloster übernachteten. . Den nächsten Tag wanderten wir durch Baden-Baden, wo wir uns in unserem Reisekostüm unter der vorehmen Gesellschaft wunderlich ausnahmen. Vom alten Schloss hatten wir eine herrliche Aussicht, später fing es an zu regnen, die Bahn brachte uns über Offenburg nach Hausach. Den schönen Weg über Hornberg nach Triberg mussten wir leider des Regens wegen im Postwagen fahren, hatten dann aber die Freude, dass die Triberger Wasserfälle durch den starken Regen majestätisch herunterbrausten. Über Unter-Limonswald gingen und fuhren wir je nach Wetter nach Freiburg, besahen das Münster, und da es spät geworden war, fuhren wir mit einem Wagen durch das Höllental bis zum Fuß des Feldberges. Von 5 - 8 erstiegen wir noch den Feldberg und hatten am anderen Morgen eine wundervolle Aussicht bis zu den Alpen. Der Weg führte abwärts nach Todtnau. Hier trafen wir drei Wingolfiten, Hopfmüller und Krönlein von Tübingen, Barelmann von Leipzig. Das Städtchen war in großer Aufregung, der Großherzog von Baden hatte dort übernachtet und wollte eben abreisen. Alles war bekränzt, Schuljugend und Vereine aufmarschiert, aber der Großherzog sagte nichts. Er konnte wohl nicht reden, und wir Preußen dachten mit Stolz, wie anders sich wohl sein Schwager, unser Kronprinz, in solcher Lage benehmen würde. Wir sieben Wingolfiten gingen über Totmoos in das herrliche Wehratalk, das denselben Charakter wie das Höllental hat, es ist nur tiefer eingeschnitten und dreimal so lang. Am Abend langten wir nach zehnstündigem Marsch am Rhein an, und anstatt nun nach Tübingen heimzukehren, ließen wir uns von den Dreien überreden, mit ihnen weiterzuwandern. Wir fuhren nach Schaffhausen und übernachteten in Neuhausen beim Wasserfall, der uns einen großen Eindruck machte. Anderen Morgens merkten wir aber, dass uns der Wasserfall einen großen Reinfall für den Geldbeutel bedeutete. Nun ging es nach Konstanz, per Dampfer über Lindau nach Bregenz, das österreichisch ist. Wir aßen Kaiserschmarren, fuhren abends nach Lindau zurück und genossen einen schönen Abend und stillen Sonntag. Wir hörten eine gute Predigt, hatten von einem Berge schöne Aussicht über den See und die Alpen und fuhren nach Konstanz, wo uns die Erinnerung an Huss lebendig wurde. Von da nach Singen am Fuß des Hohentwiel, die größte und schönste Ruine, die ich gesehen, mit weiter Aussicht bis Rigi und Jungfrau. Dann ging es zurück nach Tübingen, dankbaren Herzens für all die Schönheit, die wir hatten genießen dürfen. Am 4. Juli machte Paul in Bonn sein Physikum mit der besten N° gut mit Auszeichnung, eine große Freude für Mutter, die ihm das nicht zugetraut hatte. Für den Herbst machten wir schon allerlei Pläne, wir drei wollten in Bad Boll die Ferien zubringen. 

Da zog Mitte Juli das Kriegsunwetter herauf. Nach bangen Tagen des Wartens kam die Kriegserklärung von Frankreich, und sofort reisten alle Studenten nach Hause. Ich beschloss mit Mutters Zustimmung, mich in Duisburg zum Dienst als Felddiakon zu stellen. Am 19. Juli war ich in Meiderich bei H. Graeber, schrieb von dort die erste Postkarte an meine Mutter. Am 20. Juli traf ich in Duisburg ein, mit mir Wilh. und Martin Graeber, Karsch, Schmitz, Forster und Adolf Graeber aus Meiderich, der schon Kandidat war, ebenso zwei Brüder Klein aus Barmen. Paul wollte als Soldat eintreten, zur Kavallerie konnte er nicht, und zur Infanterie wollte Mutter ihn nicht lassen. So war er zunächst am Bahnhof in Bonn bei der Verpflegung der durchreisenden Truppen tätig. Ganz entsetzt schrieb mir Mutter, dass dort 180.000 Mann durchgekommen seien, für damalige Zeit eine große Zahl! In Duisburg wurden wir notdürftig im Verbinden und Transportieren Verwundeter ausgebildet. Bis zum 4. August war es eine lange Wartezeit, endlich kam der Befehl für die Kolonne, zu der ich gehörte, zum Ausrücken. Von meinen Bekannten gehörte nur noch Adolf Graeber zu derselben Kolonne, er ist noch Superintendent in Hagen. Zunächst kamen wir nach Koblenz, nachts um 12 h. Viel freiwilliges Sanitätspersonal war hier versammelt, teils eine sehr üble Gesellschaft, eine Schande für das Rote Kreuz. Man hatte noch keine Organisation der freiwilligen Krankenpflege, so nahm man jetzt alle an, die nicht dienstpflichtig waren, besonders eine Menge Heilgehilfen und Studenten der Medizin. Bis Sonntag, dem 7., warteten wir in Koblenz, dann wurden wir nach der Schlacht bei Saarbrücken dorthin dirigiert. Nach unglaublich langer Fahrt auf der damals noch eingleisigen (!!) Strecke langten wir Montagmittag in Saarbrücken an. Es lagen dort viele Verwundete, auch in den Bahnhofschuppen. Unsere Kolonne wurde auch in einen solchen einquartiert und mit der Einrichtung des ersten Johanniterdepots beauftragt. Ein Schuppen wurde dafür geräumt, und nun galt es, die mit dem roten Kreuz bezeichneten Wagen in den Schuppen zu entladen. Da aber der Verkehr auf dem Bahnhof völlig stockte und alle Gleise überfüllt waren, war es unmöglich, die Wagen an die Schuppen heranzubringen. Wir mussten die oft schweren Kisten und Ballen über und unter oft 3 - 4 Zügen weg zu den Schuppen schaffen, Packkamelarbeit, die uns zwei Theologen sauer genug ankam. Dafür wurden wir im Depot gut verpflegt, die Abende konnte ich meist im Hause von Onkel Eduard Karcher, Natalie v.d. Beckes Vater, zubringen. Er hatte freilich schon 90 Mann Einquartierung und 20 Kranke und Verwundete in seinem Hause, aber doch noch Platz genug, in großer Herzlichkeit seinen Neffen abends bei sich aufzunehmen. Zuweilen war ich auch bei Dr. Kneidborn, einem ernst christlichen Arzt, der Mutters Cousine, Schwester von Frau Fremerey Eupen, zur Frau hatte. Inzwischen war Paul in Bonn bei einer Krankenpfleger-Kolonne, die Prof. Busch ausbildete, eingetreten, und zufällig trafen wir uns in Saarbrücken und kamen zu meinem Glück unter Führung desselben Johanniterritters Herrn von Kottwitz und des Herrn von Stulpnagel, Stallmeister des Königs, den dieser aus dem Hauptquartier zur freiwilligen Krankenpflege abkommandiert hatte. Nachdem das Gefecht bei Nouilly am 14. gewesen war, rückten wir am 16. aus und bekamen als erste Aufgabe das Herstellen eines Massengrabes und Beerdigung von Toten. Wir waren mit der Bahn bis Remilly gefahren und marschierten dann nach Süden um Metz bis Pont à Mousson, das damals rasch von den Deutschen besetzt war. Von hier ging es am 18. August früh westlich der Mosel nach Norden über das Schlachtfeld vom 16. August bei Gorze in die Schlacht von Gravelotte. Das Schlachtfeld erstreckte sich von Mars la Tour über Vionville, Rezonville, Gravelotte nach Norden bis St. Privat und Ste. Marie. Herr von Kottwitz war schon am 15. oder 16. nach Hause abgedampft - "zur Taufe eines Kindes" -, Herr von Stulpnagel aber, der mit Unlust zur Sanitätskolonne gegangen war, setzte seine Ehre und Freude darein, mit seiner Kolonne immer voraus zu sein. So ging es am 18. ohne Aufenthalt immer weiter, bis wir nach zehnstündigem Marsch am Nachmittag das Schlachtfeld erreichten. Auf dem Marsch sahen wir in einem Dorfe an einer Mauer einige Franctireurs aufgehängt, nachdem sie erschossen waren, zum abschreckenden Beispiel für ihre Landsleute, dann wurden wir aus einem nahen Wäldchen selbst von Bauern beschossen. In der Nähe des Schlachtfeldes kam uns eine zersprengte Munitionskolonne entgegen, dazu Reste von aufgeriebener Infanterie. Waren die Deutschen geschlagen? Herr von Stulpnagel, in der Uniform eines Kavallerieobersten, sah der Sache einen Augenblick zu, dann rasch entschlossen stellte er unsere Kolonne quer über die Chaussee, sich davor mit gezogenem Revolver - und donnerte die Fliehenden an - brachte sie zum Stehen und zum Umkehren, da sah ich, was die Entschlossenheit eines Einzelnen vermag!. Die Panik war entstanden dadurch, dass reiterlose Pferde zurückkamen, und die Furcht entstand, die Franzosen seien hinterdrein. Unter den Versprengten fand ich Leute vom 40er Regiment, bei dem Leutnant Schmidtborn, Sohn des Dr. Schm. in Saarbrücken, stand. Ich hatte ihn früh am Morgen noch im Biwak an der Straße frisch und fröhlich begrüßt. Auf meine Frage "Was macht Leutnant Schmidtborn?" sagte mir ein Unteroffizier: "Der liegt dahinten tot in einem Graben!" Das machte einen erschütternden Eindruck auf mich. Aber weiter ging es, wir hatten nicht Zeit zum Sinnen und Denken, und bald standen wir zwischen Rezonville à Gravelotte auf der Höhe, vor uns gegen Metz das Tal, in dem die Schlacht an dieser Stelle tobte. Aber von Kampf war nichts zu sehen, das ganze Tal lag voll Pulverdampf, in den unsere Artillerie oben am Talrand feuerte. Als wir da standen, kam der König mit seinem Gefolge angesprengt und hielt ganz in unserer Nähe. Bald schlug nicht weit von ihm eine feindliche Granate ein, da musste er sich wohl zurückziehen. Wir marschierten rechts hinab gegen Ars an der Mosel durch einen Wald, der ganz mit preuß. Infanterie belegt war. Die Leute mussten ganz still liegen, während immer die feindlichen Kugeln zwischen ihnen einschlugen, auch Heldentat, so im feindlichen Feuer still zu liegen als Abwehr gegen feindlichen Durchbruch an dieser Stelle. Da in Ars für uns keine Arbeit war, ging es zurück an die alte Stelle zwischen Rezonville à Gravelotte, da kamen endlich unter Frührung des Kronprinzen die Pommern und marschierten Batallion auf Batallion in breiter Front in den Pulverdampf, in das Tal. Nach kurzer Zeit war nun dadurch der Feind an dieser Stelle nach langem vergeblichen Ringen geschlagen, und bald ertönte über das Schlachtfeld das Signal "....in Ruh", ein unbeschreibliches Gefühl von Erlösung nach dem langen Kampf. Wie es weiter im Norden stand, wussten wir da noch nicht. - die Franzosen aber waren überall auf Metz zurückgeworfen, und der Sieg war unser.

Wir blieben die Nacht über in Rezonville, wo auch der König und das Hauptquartier übernachteten. Todmüde von Marsch und Aufregung mussten wir aber noch um Wasser für uns und unsere Pferde kämpfen mit all den Burschen, die Gleiches für ihre Pferde suchten. Ich hatte an dem Tage ein reiterloses Artilleriepferd gefangen, das ich von da an ritt.

Am nächsten Morgen wurde unsere Kolonne nach Verneville gelegt, nordöstlich von Rezonville, wo wir acht Tage blieben. Von den furchtbaren Anblicken des Schlachtfeldes am Tag nach der Schlacht will ich schweigen. Unsere Aufgabe war es, Verwundete zu verbinden, bis sie ins Lazarett unter die Pflege der Ärzte kamen, für Kranke requirieren und kochen, Verwundete evakuieren zur Bahn. Zu essen gab es nicht viel, da die Franzosen lange hier gelegen hatten, besonders empfindlich war der Wassermangel auf dem Schlachtfelde. Die Brunnen waren ausgeschöpft, an eine Pumpe, die noch Wasser gab, wurde ein Posten gestellt, um das Wasser für die Kranken und Verwundeten zu behalten. Nachdem das Schlachtfeld ziemlich geräumt war, kam unsere Kolonne nach Pont à Mousson zurück. Hier waren 17 Kolonnen unter Herrn von Stulpnagel vereinigt, die warteten, wenn sie nach neuen Kämpfen wieder gerufen wurden. Vorläufig waren viele Verwundete in Pont à Mousson. Ich wohnte mit H. v. Stulpnagel in einer Stube auf dem Markte - er im Bett, ich auf dem Sofa. Ich machte für ihn die nötigen Schreibereien, begleitete ihn auf dienstlichen Wegen, einmal ritten wir zusammen zum Prinzen Reuss, dem obersten Leiter der freiwilligen Krankenpflege, vor allem aber hatte ich die Verteilung des Proviants an die 17 Kolonnen täglich zu besorgen. Ich holte früh vom Proviantamt die nötigen Vorräte an Brot, Fleisch, Reis etc. und verteilte sie an die Kolonnen je nach ihrer Zahl, kein angenehmes Geschäft. Ich war natürlich da gut versorgt. Unsere Hauswirtin kochte für uns beide. Aber die Zeit seit dem Ausrücken aus Saarbrücken bis zur Rückkehr nach P. à M. war sehr anstrengend gewesen, sehr schlechte Ernährung und vor allem schlechte Luft auf dem Schlachtfelde. Viele waren schon mehr oder weniger schwer erkrankt. Da packte es auch mich. Eines Tages, es muss wohl der 30. oder 31. August gewesen sein, saß ich in unserer Stube und schrieb, da sank ich vom Stuhl auf die Erde, verlor nicht das Bewusstsein, konnte aber kein Glied regen, nicht rufen, und ich hatte den Gedanken: Wenn sie dich jetzt lebendig begraben, kannst du dich nicht dagegen wehren. Meine Nerven versagten völlig. So blieb ich liegen, bis jemand kam und mich fand. Ich wurde ins Bett gebracht, und der Arzt konstatierte gastrisch nervöses Fieber. Paul war zum Glück bei mir, er pflegte mich, und am 1. oder 2. wurde ich unter seiner Begleitung abtransportiert. Ich lag in einem Coupé der 3. Kl. auf dem Boden auf Stroh - meistens ohne Besinnung. In Weisenburg kam ich auf eine Matratze in einem Viehwagen, eine Erlösung, nicht mehr zwischen den engen Bänken zu liegen. In Mainz erfuhren wir spät abends die Nachricht des Sieges von Sedan, wohin unsere Kolonne nun sofort aufbrach. Sie ist dann unter Herrn v. Stulpnagel bis vor Paris gekommen - ich leider nicht mit. Paul brachte mich glücklich nach Bonn in unsere Wohnung. Mutter war inzwischen seit Pauls Ausmarsch in Eupen gewesen. Auf ein Telegramm kam sie herbeigeeilt. Bis zu ihrer Ankunft verpflegte mich Frau Prof. Krafft. Unter der Behandlung des Prof. Rühle genas ich allmählich. Er erklärte es für ein großes Glück, dass ich nicht in Port à Mouhsou in der verpesteten Luft geblieben wäre, dort hätte ich leicht erliegen können. Ende September war ich soweit, dass ich wieder aufstehen konnte, sobald als möglich reisten wir nach Eupen, wo ich mich bald kräftigte, so dass ich Ende Oktober nach Tübingen zurückkehren konnte, um meine Studien fortzusetzen. Ich habe aber seit der Zeit noch lange - bis ich im Jahre 1881 nach Treffurt kam - viel an Kopfweh gelitten, ein übler Rest meiner kurzen Arbeit im Felde.

Aber der Krieg hat mir auch innerlich Nutzen gebracht. Als ich mich für Krankenpflege meldete, dachte ich an eine ruhige Lazarettpflege, stattdessen waren die kurzen Wochen meiner Kriegstätigkeit eine beständige Hast und Unruhe, in der man kaum zur Besinnung kam, fast nie allein, nie Stille zum Gebet, da merkte ich, wie sehr mein Christentum noch Sonntagsstaat war und in solcher Zeit wenig Kraft und Halt bot. Umso stärker wurde in diesem Winter Berlins Einfluss auf mich, umso mehr mein inneres Ringen, dass mein Christentum innere, starre Wahrheit werde.

Während Paul nach Berlin zur Fortsetzung seiner Studien ging, reiste ich mit Mutter nach Bad Boll zu Blumhardt, sie wollte den Winter da zubringen, um keinen Haushalt zu führen und in meiner Nähe zu sein, Ich fuhr dann bald nach Tübingen, wohnte wieder in meiner alten Wohnung. 

Mein treuer Begleiter auf der Reise und in Tübingen war unser Pudel Pluto, der Liebling der ganzen Familie, wo er herstammte und wann er zu uns gekommen, weiß ich nicht mehr. In Tübingen teilte er meine Stube und mein Sofa und begleitete mich auf allen meinen Wegen, zur Universität und sonntags nach Wangheim zur Kirche und auf manchen Bummel in die Umgegend. Ich hörte im Winter bei Beck den zweiten Teil der Ethik- und Pastoralbriefe, bei Oehler alttestamentliche Theologie und das homiletische Seminar bei Palmer. Oehler war mir in seinem Kolleg so sympathisch wie in seinem Hause, gründlich, klar und maßvoll ohne glänzende Beredsamkeit, aber überragend in seinen Darlegungen. Im homiletischen Seminar arbeitete ich wieder eine Predigt aus über 2. Kor. 4, 5-6, die ich am 7. November hielt. Auf Palmers Kritik, sie sei für gewöhnliche Leute zu hoch, erwiderte ich, dass ich nicht für abwesende, sondern für die anwesenden Studenten geredet habe, für sie sei das Thema: Paulus, das Vorbild eines wahren Predigers. Im Laufe des Winters predigte ich noch einmal, aber nicht im Hörsaal, sondern von der Kanzel. Auf dem Schloss in Tübingen hielt jeden Sonntag einer der älteren Teilnehmer des homiletischen Seminars den Gottesdienst frühmorgens. Da habe ich zum ersten Mal den Talar angelegt, die Kanzel bestiegen und am Sonntag Reminiszere über das kananäische Weib gepredigt, mit einigem Zagen, aber doch mit Freudigkeit vor wirklichen Zuhörern.

Sehr viel Schwierigkeit machte mir von Anfang an das Memorieren der Predigten, und ich habe es nie fertiggebracht, eine Predigt wörtlich auswendig zu lernen. - Aug. Schmitz war noch in Frankreich, viele von den alten Bekannten fehlten noch, die Verbindung hatte nur 15 Mitglieder. Ich verkehrte damals sehr viel mit Hopfmüller und Klaus Brüning, später auch mit Raeber und Krönlein aus Gladbach. Letzterer hat später die Theologie an den Nagel gehängt und ist Kaufmann geworden, ich glaube aus Gesundheitsrücksichten. Mit Hopfmüller, Krönlein und Raeber war ich meist Sonntagabend zusammen. Manchen Sonntag und die Weihnachtsferien war ich in Boll bei Mutter.

Wenn Beck den zweiten Teil seiner Ethik las, war immer die kritische Zeit für den Wingolf. Manche kamen in Zweifel, ob das studentische Treiben in der Verbindung sich mit dem Ernst des Christentums vertrüge, damals fiel Hopfmüller diesem Zwiespalt zum Opfer, er trat im Dezember aus der Verbindung aus, von allen als einer der Tüchtigsten in der Verbindung geschätzt, sein Austritt schmerzlich bedauert. Aber das Freundschaftsband, das uns verband, wurde dadurch nicht zerrissen, wir haben weiter miteinander verkehrt, später lange auch brieflich, und haben uns öfter gefreut, wenn uns ein persönliches Wiedersehen zuteil wurde.

Ich freue mich, dass ich damals die auch mir aufsteigenden Bedenken überwand und der Verbindung treu blieb. Mag sehr Vieles im Verbindungsleben, wie an allem Menschlichen, sich vom biblisch christlichen Standpunkt aus als Schlacke erweisen, man soll dagegen kämpfen, aber nicht das Verbindungsleben einer christlichen Verbindung verwerfen. Es ist für viele ein Segen darin gewesen und ist noch darin, starker sittlicher Halt in den großen Gefahren des Universitätslebens und für mich und für viele die Quelle wahrer Lebensfreundschaften. Darum freue ich mich von Herzen, dass auch meine Söhne in den Wingolf eingetreten sind. 

Was übrigens Beck gegen die christlichen Verbindungen hatte - Vermischung von Christentum und Welt - hatte er ebenso gegen alle Arbeiten der Inneren Mission. Was mir aber von Becks Einfluss geblieben ist, ist was ich damals in einem Briefe schrieb: Ich kann und will mich nicht der Wahrheit verschließen, die er (Beck) klar und hell aus der Hl. Schrift entwickelt. Die Schrift sollte für mein Leben und Predigen allein Regel und Quelle sein.

Ich erinnere aus dem Winter auch noch eine besondere Bewährung in Lebensgefahr. Im Herbst standen vor den Häusern in Tübingen vielfach große hohe Bottiche mit Most, auf denen schwere Deckel lagen. Eines Abends, als ich zur Kneipe ging, tobte ein furchtbarer Orkan, der hob plötzlich einen Deckel von einem Bottich und trug ihn weit hin über die Straße, der schwere Deckel sauste gerade an meinem Kopf vorbei, doch blieb ich gnädig verschont.

Weihnachten verlebte ich in Boll schöne Tage, besonders die Feiern am Heiligen Abend und am Silvesterabend waren mir sehr lieb. Viele Gäste waren um den alten Blumhardt geschart wie eine große Familie. Er hatte etwas merkwürdig Anziehendes für viele, ein treuherziger Schwabe, ein kindlich einfältig gläubiger Mann, dessen tägliche Andachten und sonntägliche Predigten vielen zum Segen geworden sind. Er hatte den Glauben an die Macht der Fürbitte, und bei ihm ist die Fürbitte nie zum geschäftsmäßigen Gesundbeten geworden. 

Nach dem Neuen Jahr ging ich einmal mit Prof. Beck spazieren, zum ersten und wohl einzigen Male, viele taten es oft, ich erwartete natürlich etwas Besonderes über christliches oder kirchliches Leben zu hören, aber er redete nur vom Homöopathie, deren eifriger Anhänger er war. Für mich eine arge Enttäuschung.

Anfang März kamen Paul von Berlin und Mutter von Boll zu mir nach Tübingen. Sie wohnten bei mir im Hause in Studentenbuden, leider wurden manche schönen Pläne, die wir gemacht, durch Mutters Unwohlsein zu Wasser. Nur einmal konnte ich Mutter in einem kleinen Einspänner in die schöne Gegend über Berg und Tal fahren zu ihrer und zu meiner Freude.

Am 1. April waren wir drei wieder in Boll, wo Mutter und ich auch den Sommer zu bleiben entschlossen waren. So lag meine Studentenzeit hinter mir, war mancher dunkle Schatten durch Mutters Krankheit auch darauf gefallen, also habe ich doch viel von den 3 1/2 Jahren gehabt. Wenn auch mein positives Wissen nicht groß war, ich hatte gelernt, wissenschaftlich zu arbeiten und theologisch zu denken, und ich hatte Freunde gewonnen, deren Umgang mir viel geboten und die mir in einem langen Leben die Treue bewahrt haben.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04