1871


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Am 1. April 1871 war ich mit Mutter und Paul von Tübingen nach Boll zurückgekehrt. Während Paul seine Ferien genoss, machte ich mich an meine Arbeiten zum 1. theol. Examen, zu dem ich mich von Tübingen aus gemeldet hatte. Ich hatte dafür drei Monate zur bis zum 1. Juli. Die Themata waren folgende:

  • Argumenta, quibus apostolus Paulus in Ep I ad Corinth, cap XV doctrinam de mortuonem resurrectione confirmavit, exponentur
  • Darstellung der Propheten Jesaias und Jeremias nach ihrem Charakter und ihrer theokratischen Bedeutung
  • Die Predigt über Actor II, 42, die Katechese über Matth. VII, 13 - 14.

Ich hatte neben meiner Arbeit Zeit genug, mich Mutter zu widmen, verkehrte damals auch oft mit Christoph Blumhardt, der als Gehilfe seines Vaters in Boll war. Er schien mir damals weit weniger bedeutend als sein Vater, hat aber nach seines Vaters Tode dessen Arbeit fortgesetzt und soll auf viele Gäste einen großen Einfluss ausgeübt haben, selbst dann noch, als er sich zur sozialdemokratischen Partei bekannte. Wie er heute steht, weiß ich nicht.

Manches in Boll war nicht nach meinem Sinn, aber ich freute mich dort oft der Gemeinschaft mit manchen lieben Christenmenschen aus aller Welt, die man dort kennenlernte. Einmal begleitete ich den alten Blumhardt auf einer Reise nach Esslingen und Stuttgart und hatte dabei Gelegenheit, ihm näherzukommen. In Boll sahen wir auch Herrn von Göhler und Frau aus Karlsruhe wieder, die wir in Norderney kennengelernt hatten. Anfang Mai kehrte Paul nach Berlin zurück, und ich war umso ungestörter bei meinen Arbeiten, die ich rechtzeitig vollendete.

Wir hatten inzwischen in Bonn eine kleine Wohnung gemietet im Hause einer Frau Schott in der Baumschulenallee, die ein Familienpensionat hatte. Mutters Gesundheitszustand war in Boll nicht besser geworden, so wollten wir sie der Mühe des Haushalts entheben. So ging ich Anfang Juli nach Bonn zurück und besorgte den Umzug, Mutter folgte Anfang August. Wir wohnten dann in unseren Stuben, hatten aber die ganze Verpflegung von Frau Schott. Aber die Herrlichkeit währte nicht lange. Das Haus wurde verkauft, Frau Schott und wir mussten im Frühjahr ausziehen und siedelten dann in eine schöne Wohnung in der Fürstenstraße ganz nahe der Universität über, wo Mutter wieder einen eigenen Haushalt führen musste.

Ich arbeitete nach der Rückkehr von Boll fleißig für mein mündliches Examens, vielfach mit Hechtenberg, meinem Confuchs vom Jahre 1867. Den September waren wir größtenteils in Eupen, von dort fuhr ich am 1. Oktober nach Koblenz zu meinem Examen, das vom 2. bis 4. dauerte. Wir waren 8 Kandidaten, die wie üblich zusammen im Anker am Rhein wohnten, größtenteils eine fröhliche Gesellschaft, besonders abends nach des Tages Last und Mühe. Ich machte ebenso wie Hechtenberg das Examen mit Note II.

Schon vor meiner Abreise war Paul schwer erkrankt, und ich kehrte deshalb von Koblenz sofort nach Eupen zurück, voll Sorge um Paul und Mutter. Ich fürchte, Pauls Krankheit war schon der Vorbote seiner späteren schweren Erkrankung - Darmleiden - ob Blinddarm? Da Mutter nicht mehr konnte und ich am 8. Oktober wieder in Bonn sein musste, überließen wir Paul der Obhut eines Pflegers bei Onkel und Tante, und ich kehrte mit ihr nach Bonn zurück.

Ich hatte den Religionsunterricht in den Klassen von Obertertia bis Sexta des katholischen Gymnasiums übernommen, während Pastor Wolters ihn in den oberen Klassen gab. Die evangelischen Schüler der Sexta und Quinta hatten zusammen 3 Stunden, die der Quarta und Tertia 2 Stunden. Die Zahl der Schüler war sehr groß und viele widerstrebende Elemente darunter. Ich war ganz ungeübt, ohne jede Anleitung und Rat des katholischen Direktors. Das waren eigentlich ganz unhaltbare Zustände, aber ich musste mich durcharbeiten so gut es ging.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04