1871/72


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Ostern 1872 machte ich die Fortsetzung der Arbeit davon abhängig, dass die Klassen geteilt wurden und ich 10 Stunden bekam. Das geschah auch, und die Arbeit wurde dadurch leichter und ersprießlicher. Aber viele Dummheiten habe ich gewiss gemacht, heute ist durch das Seminar- und Probejahr der jungen Lehrer besser für ihre Vorbereitung für den Unterricht gesorgt.

Ich hatte mich wieder immatrikulieren lassen und hörte bei Prof. Limrock, dem bekannten Germanisten, deutsche Literaturgeschichte und trieb daneben Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch. Ich wollte bei Mutter bleiben auf ihren dringenden Wunsch, musste deshalb eine mir angebotene Hauslehrerstelle in Rom leider ablehnen, so bin ich nie nach Rom gekommen.

Ich hatte den Gedanken, das Oberlehrerexamen zu machen, um den philologischen Studien irgendein Ziel und Zweck zu geben, und so bin ich dadurch 10 Jahre im Lehrerberuf geblieben von 1871 bis 1881, ganz nach Dr. M. Luthers Rat, der meint, ein rechter Prediger solle 10 Jahre erst Schulmeister gewesen sein.

Paul war nach einjährigem Aufenthalt in Berlin nach Bonn zurückgekehrt und setzte hier nach seiner Genesung seine Studien fort. Er war und blieb der alte unruhige Geist, oft die Liebenswürdigkeit selbst und dann wieder das gerade Gegenteil. Mutter, die mit großer Liebe an ihm hing und die er im Grunde seines Herzens ebenso liebte, trug sehr schwer an seinem Wesen, und das Zusammenleben mit Mutter und Paul war nicht immer leicht.

Ich verkehrte in dem Winter (1871) viel mit Aug. Schmitz und Pönsgen, letzterer war nach dem Ostern 71 bestandenen Examen Lehrer an der Töchterschule des Frl. von Kreifels. Natürlich verkehrte ich auch in der Verbindung ab und zu, und mancher Besuch von außen brachte immer wieder Ablenkung und Abwechslung. Weihnachten 70 hatte ich von Mutter und Onkel und Tante Geld für ein Harmonium bekommen, das schaffte ich nun Herbst 71 an, dasselbe, was mich seitdem begleitet und mir viel Freude gemacht hat. Jetzt hat es Hans in Mansfeld.

Neben meiner Schularbeit und Studium hatte ich oft Gelegenheit zu predigen; so in Brühl, wo sich die ev. Gemeinde in der Kapelle des Kgl. Schlosses versammelte, in Oberwinter, Köln, im Gefängnis und in Kerpen und Bergheim. Letztere beiden Orte hatten einen Geistlichen gehabt, konnten damals aber keinen finden, so hatten 7 Geistliche und Kandidaten die Predigten in beiden Orten übernommen. So bin ich längere Zeit jeden 7. Sonntag über Köln nach Kerpen gefahren und habe in beiden Orten gepredigt, auch als Organist gleichzeitig fungiert.

Anfang Januar 1872 besuchte ich Paul Josephson in Schwelm, der zugleich mit seiner Frau hoffnungslos an der Schwindsucht darniederlag. Seit er als Student in Berlin sich so freundlich Pauls und meiner angenommen, hatte ich immer eine dankbare Liebe und Verehrung für den älteren Freund, und ich bin öfters bei ihm in Schwelm gewesen als Student und Kandidat. Nun war es ein erschütterndes Bild, die beiden Ehegatten so todkrank, beide bettlägrig, wiederzufinden. Dann starb im April mein Conabiturient, der Mediziner Stushteg, mit dem ich in Tübingen wieder in der Verbindung zusammengewesen war. Nun erlag auch er, früher ein scheinbar kerngesunder Mensch, infolge der Kriegsstrapazen der Schwindsucht - ernstes memento mori!

In Godesberg war damals der Pastor Asenfeld, den ich oft besuchte und für den ich gerne predigte, wenn er Vertretung brauchte. Er war der Vater des jetzigen Berliner Missionsdirektors A., den ich damals oft als kleinen Buben auf dem Arm hatte.

Im Sommer 1872 meldete ich mich zum Oberlehrerexamen und arbeitete an meiner Examensarbeit über Schleiermachers Erziehungslehre, die mich sehr interessierte. Es entstand daraus ein großes Opus, das den Beifall des Prof. Jürgen Bona Meyer, der das Thema gestellt hatte, fand.

In unserer Verbindung war damals ein junger Mann aus der franz. Schweiz, Maurice Berthoud, das gab Veranlassung zu einem französischen Kränzchen mit Sieffert (Inspektor des evang. theol. Konvikts am alten Zoll), Lappe, der an der Klostermannschen Töchterschule angestellt war, und mir. Wir lasen zusammen bei Sieffert Pascal und trieben franz. Grammatik nach dem französisch geschriebenen großen Ploetz unter Berthouds Leitung. Mir war dies eine nützliche Vorarbeit für das spätere Oberlehrerexamen, zugleich angenehmer Verkehr mit den Genannten. Berthoud ist schon 1900 als Gymnasialprofessor in Aubonne, Kanton Waadt, gestorben. Sein Bild ist auf dem Bildchen der damaligen Verbindung Nr. 3 auf der Erde mit Stürmer und Bierseidel.

Mutter ging schon Anfang Juni nach Gütersloh zu Frau Rossfeld und Herrn Zander, dann von dort mit ihrem Mädchen Anfang Juli nach Norderney, wo sie bis zum September blieb. Ich war so in Bonn mit Paul allein, was für unser gegenseitiges Verhältnis ersprießlich war. Paul arbeitete sehr fleißig für sein Doktorexamen, so war er wenig aushäusig abgesehen von seinen Kollegien. Er machte dann am 10. Juli sein Examen mit "vorzüglich gut", dem besten Prädikat, lange nicht dagewesen, und promovierte in öffentl. Dissertation am 23.Juli. So war er schon mit 21 Jahren Dr. !

Ich verkehrte damals viel bei Kraffts, bei denen ich viel Freundlichkeit erfuhr, mehr von ihr als von ihm angezogen. Damals lernte ich auch Frau Cadée in Oberkassel bei Bonn kennen, die ich später oft besucht habe. Sie war eine feine Frau, eine geborene Bleibtreu aus Köln. Ihr Mann war Kaufmann, hatte schlechte Geschäfte gemacht, war bankerott gegangen, da hatte sie - um seine Ehre zu retten - mit ihrem Vermögen alle Gläubiger befriedigt. Nun lebten sie in sehr beschränkten Verhältnissen in Oberkassel, wo er eine Zementwarenfabrik hatte. Er ein wenig sympathischer Mann, gutmütig, aber ohne tiefere Interessen, sie aber gleich gebildet in Bezug auf Verstand und Herz. Es war immer eine Freude, bei ihr zu verkehren, und sie hat auf manche jungen Leute einen guten Einfluss ausgeübt. Lappe, später Pastor in Oberkassel, und auch Aug. Schmitz waren dort Hausfreunde. Sie hatte mehrere Söhne und eine Tochter. Der älteste, Paul, (Nr. 1 auf dem Verbindungsbild) war auch ein feiner Mensch, starb schon 1890 als Seminardirektor in Königsberg in der Neumark.

Ein jüngerer Bruder Hermann hat später in Düsseldorf gern in meinem Hause verkehrt. Er war Bankbeamter, angestellt in der Düsseldorfer Transportversicherungsanstalt, kam dadurch nach Triest, wo er Direktor einer Bank wurde. Ob er noch lebt? Die Tochter Maria Cadée war vor kurzem noch Lehrerin in Bonn.

Für die Herbstferien 1872 plante ich eine Reise nach Tirol mit Ernst Pönsgen und Martin Gröber. Pönsgen aber verlobte sich mit seiner Cousine aus Düsseldorf und konnte deshalb leider nicht mit uns reisen. Er gab zu gleicher Zeit auch seine Stelle an der Kreyfeldschen Töchterschule auf, und ich übernahm 12 seiner Stunden, so dass ich im Winter 22 Stunden am Gymnasium und der Töchterschule hatte. Damit war ich pekuniär ganz auf eigene Füße gestellt, was mir bei Mutters steten Geldnöten eine große Beruhigung und Freude war. Pönsgen ging nach Köln an die Seegersche Töchterschule, und so hatte ich dadurch nicht mehr den steten Umgang mit ihm wie bisher.

Im Laufe des Sommers hatten wir in Mutters Abwesenheit mannigfachen Logierbesuch, so Sup. Ruchermeyer aus Schildesche, dessen Sohn Paul uns seit der Gymnasialzeit bekannt war. Als Student verkehrte er viel mit Paul, da beide Mediziner. Er ist heute Chefarzt in Bethel. Dann kam Pastor Gröber aus Essen mit Wilhelm und Hermann Gröber mit seinem Zögling. Da gab es Veranlassung zu mancher fröhlichen Tour, die Leib und Seele erquickte. Im Juli kam auch Karafiat auf einen Tag. Er war den Winter über in Schottland gewesen und reiste nach Böhmen zurück. Sein Verhältnis zu mir war schon im vergangenen Jahre getrübt worden. Er war in seinen Briefen weniger offen, oft mir unverständlich, das kam wohl zum Teil von einer unglücklichen Liebe, aus der nichts wurde, zum Teil wohl auch, weil unsere Anschauungen in mancher Besprechung auseinandergingen. Er wurde immer englischer in seinen Anschauungen, ich aber entwickelte mich selbständig. Auf die Dauer war auch der nationale Gegensatz zwischen dem Tschechen und dem Deutschen hinderlich, um so mehr, da er nach unserem Übereinkommen nie erwähnt wurde. So hörte die frühere Intimität auf, er wurde als unverbesserlicher Junggeselle, der vergeblich wartete, dass ihm der liebe Gott eine Frau in den Schoß setzte, sonderlicher. Wir haben aber trotzdem die freundschaftlichen Beziehungen bis auf den heutigen Tag aufrecht erhalten, der persönliche Verkehr aber wurde mit seiner Anstellung in Böhmen schwerer, der briefliche seltener. Aber die gegenseitige Liebe und Teilnahme hat die langen Jahre überdauert und besteht.

Im August 1872 starb die alte Frau von Scheibler ganz plötzlich am Schlagfluss. Im selben Monat verlobte sich Eduard Bausch mit Frl. von Hagen. Er war damals Hauslehrer in Hannover. Auch kam das Gerücht, dass Bangerotte sich mit einer früheren Pensionärin seiner Eltern verlobt habe. Das gab Mutter Veranlassung über die Schädlichkeit der frühen Verlobungen sich auszulassen, doch ist diesmal in allen drei Fällen, bei Pönsgen, Bausch und Bangerotte die Sache gut abgelaufen. Heute aber sind alle drei Ehen schon wieder durch den Tod gelöst. 

Am 29. August trat ich endlich mit Martin Gröber die lang geplante Reise nach Tirol an. Martin Gröber in seiner fröhlichen sprudelnden Art war ein guter Reisegefährte. Ich verdanke dieser Reise mit ihm ein herzliches Freundschaftsverhältnis, das uns bis zu seinem Tode verband. Die Reise ging die Nacht durch über Würzburg nach Augsburg. Wir sahen hier das Fuggerhaus, den Dom und die Fuggerei, ein freundliches, ganz abgeschlossenes Quartier für Arme. Dann ging es weiter nach München, wo wir die üblichen Sehenswürdigkeiten drei Tage lang besichtigten. Besondere Freude hatte ich damals an den Gemälden von Murillo, den Fresken von Kornelius in der Ludwigskirche, das Jüngste Gericht und die Nibelungensäle von Schnorr, Prachtgestalten von großer Leidenschaft und Kraft. Am Sonntag stiegen wir auch bis in den Kopf der Bavaria und hatten von dort zum ersten Mal einen Blick auf die Alpen. Viele Erinnerungen von damaliger Zeit lebten wieder auf, als ich 1911 mit Mutter, Lili und Meta wieder in München war. Von München fuhren wir am Montag über Holzkirchen in die Berge hinein nach Tapernsee, dann mit einem Kahn über den See nach Egern und von dort nach Bad Kreuth, wo lebhafte Erinnerungen an meine Kinderreise mit der Mutter auftauchten. Dann über den Achenpass über die österr. Grenze nach Achenkirch und Scholastika am Achensee, dann führte uns die Straße am Achensee entlang mit seinen herrlichen grünen Farben zwischen hohen spitzen Felsen bis zum Seespitz. Dann ging's über steilen Berg durch Felsen mit hohem Tannenwald hinab nach Jenbach. In Jenbach hat man eine schöne Aussicht auf das Inntal und die Zillertaler Schneeberge. Dann führte uns die Bahn nach Innsbruck. Hier bestiegen wir die Lansener Köpfe und fuhren über Lanser See und Lenz, und dann ging's in tollem Marsch nach Schloss Ambras. Das Schloss ist bekannt durch die berühmte Ambraser Liederhandschrift, die hier aufbewahrt wird. Am anderen Morgen fuhren wir mit einem Rückfahrwagen über den Iselberg, bekannt durch Andreas Hofer, längs der Brennerbahn nach Wulpmes. Nun ging's mit einem Führer durch das immer steiler und einsamer werdende Stubbertal nach Ranald. Der Butzbach brauste, mächtig angeschwollen, herab. Hier übernachteten wir zum ersten Mal in einem reinlichen, nur in Holz gebauten Alpenwirtshaus. Am anderen Morgen gings steil hinauf über das Mutterberger Hoch und dann hinab zur Sülzenauer Alp, über den Sülzenauer Gletscher, den ersten, den ich gesehen. Nun hinunter über Gries nach Lengfeld. Den nächsten Morgen über Huben nach Sölden, von hier mit Führer hinauf nach Obergurgl, wo wir beim Herrn Kurat, dem Geistlichen des Orts, einkehrten und einen gemütlichen Abend verlebten. Der Kurat, ein großer, dicker, gemütlicher Herr lebte mit seiner Schwester, die für der Fremden leibliches Wohl sorgte und uns mit Gemsbraten bewirtete. Hier trafen wir einen Salzburger Apothekerstudenten, mit dem wir die nächsten Tage wanderten. Mit ihm und einem anderen Herrn nahmen wir einen Führer und wanderten über das Rarnoljoch 1000 Fuß hoch nach Fond, dem höchstgelegenen Dorf in Tirol, wohl in den ganzen Alpen. Ich war am Abend das letzte Stück des Weges vorausgegangen, die drei anderen kamen lange nicht nach. M. Gröber war von einem furchtbaren Nasenbluten befallen, das sich stundenlang nicht stillen lassen wollte. Die Ursache war wohl neben der Anstrengung die zu dünne Luft, der große Blutverlust aber hatte ihn so geschwächt, dass es für ihn gut war, dass wir am nächsten Tag, dem Sonntag, einen Ruhetag hatten. Hier fiel uns der fromme Sinn der Tiroler auf, alles ging zur Messe, keiner der Führer war zu bewegen, vor der Messe mit Fremden auszuziehen, auch nicht für Geld und gute Worte. Am Montagmorgen wanderte ich mit dem Salzburger Apotheker auf die Kreuzspitze, von wo man eine herrliche Aussicht auf die umliegende Gletscherwelt hatte bis hin zur Berninakette in der Schweiz. Ein großartiges Alpenbild, das mit verhältnismäßig geringer Mühe zu erreichen ist. Von hier herunter auf das Niederjoch, wo uns bei der langen Gletscherwanderung ein starker Regenguss überfiel. Nun in tollem Abstieg in zwei Stunden bis Unser lieb Frauen im Schnelfertal. M. Gröber hatte ein Maultier genommen und war den bequemeren Weg über das Hochjoch geritten. Das Gebiet gehört zu den schönsten Gletschergebieten, die ich kenne. Ob wohl einer meiner Söhne es mal durchwandern wird? Mit der gleichen Freude? Am nächsten Morgen wanderten wir über Schloss Huball das prachtvolle Schnelfertal hinunter ins Etschtal bis Staben. Von da fuhren wir bis Meran. Meran liegt sehr schön, aber sehr heiß, und wir waren am anderen Morgen froh, wieder in die Berge zu kommen. Von Meran fuhren wir über Bozen nach Trient, der ersten Stadt, die in ihrer Bauart ganz italienischen Eindruck macht. Wir besahen den Dom und die Kirche des Konzils, die ungeheuer reich ausgestattet ist, besuchten auch einen schönen Punkt oberhalb des Kastells, wo man einen Blick über das weite Tal hat. Es macht durch die vielen Olivenbäume mit ihren graugrünen Blättern einen fast melancholischen Eindruck. Am Abend führte uns ein sauerer Marsch, doppelt sauer durch die drückenden Stiefel, nach Vozzano und am folgenden Morgen nach Riva am Gardasee. Hier hatten wir einen herrlichen Abend mit Mondschein am See. Von Riva führte uns das Dampfboot über den tiefblauen See bis zum Südende nach Desenpano, an der Westseite des Sees an Falo vorbei, wo ich später mit Mutter und Erich und Ida einen köstlichen Tag erlebte. Von D. mit der Bahn nach Verona. Am Abend auf der Piazza dei Cignori italienisches Leben. Vor den Kaffeehäusern bei Militärmusik die vornehme Welt und dazwischen ungeniert die zerlumpten Gassenbuben in harmloser Fröhlichkeit um die Statue Dantes herum. Wir besahen in Verona nur die Kirche St. Zenonek, eine berühmte alte Basilika, das riesige römische Amphitheater, ein aus gewaltigen Quadern gefügter Riesenbau, auf dessen breiten Sitzreihen 60 000 Menschen Platz haben sollen. Interessant, weil der ganze Bau wohl erhalten ist und man im Inneren die Kammern für die wilden Tiere, die Gladiatoren etc. sehen kann.

In drückender Hitze fuhren wir nach Venedig, der Wunderstadt ohne Pferd und Wagen, statt der Straßen breite oder schmale Kanäle, auf denen die Gondeln den Verkehr vermitteln. Die Stadt ist so eigenartig, dass man sie mit keiner anderen vergleichen kann. Sie machte aber auf uns damals mehr als bei meiner letzten Anwesenheit 1912 den Eindruck einer vergangenen Größe, die Paläste am Canale Grande zum Teil unbewohnt, zum Teil verfallend, die Kirchen wenig gut erhalten. Aber seitdem ist unter italienischer Herrschaft viel zu Verschönerung der Stadt geschehen. Wir logierten in der Stadt München am Canale Grande, damals noch nicht unerschwinglich teuer. Wir bestiegen den Marcusturm und genossen den Blick über die Lagunenstadt und das weite Meer hinter dem Lido, fuhren auf dem Canale in der Gondel spazieren (damals gab es noch keine Motorboote), besahen die Marcuskirche und das Museum mit seinen Bildern von Tizian und Belma Vecchio und freuten uns an dem lebendigen Getriebe auf dem Marcusplatz am Abend. Aber die Hitze war fürchterlich und vertrieb uns einen Tag eher als beabsichtigt aus Venedig. Uns verlangte wieder nach den Bergen mit ihrer Kühle und Stille. So fuhren wir auf der Triester Bahn bis Conegliano, um von dort über Venas im Ampezzauertal nach Toblach im Pustertal zu gelangen. In Conegliano nahm uns mitten in der Nacht ein furchtbares Gefährt - Post geheißen - , ein kleiner Omnibus, dem zwei Fenster fehlten, auf, mit der Verheißung, uns in 14stündiger Fahrt nach Venas zu bringen. Bei strömendem Regen richteten wir uns in dem grausamen Gefährt so gut es gehen wollte ein und schliefen endlich sogar trotz Wind und Wetter, trotz Rütteln und Schütteln sanft und selig ein. Als wir erwachten, war Tag. Der Wagen hielt auf einem Marktplatz. Man bedeutete uns auszusteigen. Wir verstanden keinen, keiner verstand uns. Endlich erfuhren wir durch einen Österreicher, der dort Hausknecht war, dass wir in Belluno waren. Wir hätten in der Nacht in Capo di Poute umsteigen müssen, waren nun stattdessen nach Norden in ein Seitental gekommen, von wo bis zum anderen Morgen keine Post nach Capo di Poute fuhr. Belluno, ein Städtchen von 10 000 Einwohnern, wurde einige Jahre hernach von einem Erdbeben schwer heimgesucht. Die Gegend erinnerte mich an Eupen, Flüsschen mit wenig Wasser, Weiden mit Vieh darauf zwischen grünen Hecken, im Ort Fabriken, nur die Berge höher. Wir durchstreiften an dem Tage das Tal, mussten aber bis zum anderen Morgen warten, bis uns früh um 5 der Omnibus wieder nach Capo di Pouto und von da der andere Wagen mittags 1 Uhr nach Venas brachte. Wir wanderten noch 4 Stunden durch das herrliche Ampezzauertal zwischen den Dolomitenbergen mit ihren schroffen Felsen, die in bunten Farben das Auge überraschen. Gegen Abend waren wir in Cortina d'Ampezzo - froh, wieder auf deutschem Boden unter deutsch Redenden zu sein. Anderen Morgens wanderten wir weiter talabwärts nach Toblach. Schon bei Innischen überfiel uns starker Regen. Durchnässt kamen wir nach Toblach, fuhren nach Lienz am südlichen Fuß des Großglockners. Unser Plan war, über den Pasterzengletscher am Glockner vorbei nach Salzburg zu gelangen, aber der Regen hielt an. Nachdem wir 1 1/2 Tage in Lienz gesessen ohne etwas zu sehen, entschlossen wir uns, mit der Bahn über Toblach, Franzensfeste, den Brenner und Innsbruck nach Salzburg zu fahren, ein weiter Umweg. Doch sahen wir so noch Salzburg, einer der schönstgelegenen Orte, fuhren über Hallein zum Königsee, Berchtesgaden, Reichenhall nach München zurück. Mein Wunsch, einmal in Berchtesgaden länger zu weilen, hat sich nie erfüllt. In München trennten sich unsere Wege. Martin Gr. wollte noch Nürnberg und Frankfurt sehen. Ich fuhr auf direktem Wege nach Bonn zurück, wo ich am 25. September wieder eintraf, frisch und neu gestärkt zu neuer Arbeit, dankbar für all das Schöne, das wir gesehen und erlebt. Anfang Oktober begann der Unterricht wieder. Im Gymnasium hatte ich nun 10 Stunden, daneben 12 bei den höheren Töchtern der Frl. v. Kreyfeld. Die Mädchen waren aus aller Herren Länder, neben Bonnenserinnen junge Damen (dem Alter nach) aus England, Frankreich, Holland. Letztere die fleißigsten, aber unfähigsten im Deutschlernen, wohl wegen der Verwandtschaft ihrer Sprache. Im Unterricht in Literaturgeschichte und Geschichte profitierte ich viel für mein eigenes Wissen, hatte aber viel Arbeit mit der Vorbereitung, dazu die Korrektur der oft unendlich fleißigen, d.h. langen Aufsätze.

Mutter war in diesem Winter trotz ihres langen Aufenthaltes in Norderney sehr leidend, oft sehr gereizt und missgestimmt und mutlos, lag viel zu Bett. Das war für mich doppelt schwer, da ich mich bei meiner Arbeit weniger ihr widmen konnte, als sie und ich es wünschten. Weihnachten waren Onkel und Tante bei uns in Bonn. Onkel voller Freundlichkeit und Sorge um uns wie immer.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04