1873


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Januar 1873 ging Hermann Gröber von Mülheim nach Hochfeld bei Duisburg als Hilfsprediger an der Duisburger Gemeinde, so führte mich mein Weg öfter zu ihm in das öde Fabriknest. Er hatte da eine schwere Arbeit, dazu längere Jahre ganz allein.

Paul war seit Herbst 72 im Staatsexamen, das er am 22. Januar beendete - sehr gut bestanden - so war er mit noch nicht 22 Jahren approbierter Arzt. Er ging dann wieder nach Berlin, arbeitete bei Prof. Virchow in Langenbeck und kehrte im Juli 1873 als Assistenzarzt des Gynäkologen Prof. Veit nach Bonn zurück, wohnte in der neuen Klinik am Ende der Stadt hoch über dem Rhein, mit der herrlichen Aussicht über den Strom und auf das Siebengebirge.

Ich bestand am 5. Februar das Examen pro facull. doc. (Oberlehrerexamen) für Religion, Hebräisch, Deutsch und machte im Sommer noch das Examen für Französisch für mittlere Klassen nach am 30. 7. 73.

Mitte Februar 1873 bekam Onkel Bernhard einen Schlaganfall, während seine Frau in Hemer bei Natalie von der Becke war. Er wurde einseitig gelähmt, besserte sich langsam, konnte wieder mühsam gehen, war und blieb aber unfähig, im Geschäft weiter tätig zu sein. Im April durften wir ihn besuchen, ein trauriges Wiedersehen ! Da ihm die Nähe der Fabrik immer wieder seine Arbeitsunfähigkeit schmerzlich zum Bewusstsein brachte, entschlossen Onkel und Tante sich, ihr schönes Haus zu verlassen und nach Bonn zu ziehen. Sie wohnten da am Ende der 1. Fährgasse, dicht am Rhein. Da saß der arme Onkel dann am Fenster und beobachtete das Leben auf dem Rhein, konnte auch mit Hilfe seiner Frau und des Dieners Jacob manche Touren und Reisen machen.

Für uns war seine Erkrankung eine schwere Sorge auch wegen Mutter. Sie war nie gewöhnt gewesen zu sparen und sich zu beschränken. Bei ihrer Krankheit musste sie vieles den Dienstboten überlassen. Onkel hatte bisher immer für sie gesorgt, aber ihr Vermögen steckte in der Fabrik, die nun fremden Leuten überlassen werden musste. Wir waren über ihre Vermögensverhältnisse völlig im Unklaren gehalten. Wie sich später herausstellte, hatte Onkel Mutter oft jahrelang versorgt, auch wenn die Fabrik mit Verlust arbeitete. Er konnte das, weil Tante Pauline großes Vermögen besaß. Aber für Mutter war die Ungewissheit peinlich und schädigte ihre Gesundheit. Das waren wahrlich auch Sorgen für mich.

Da kam im April an mich die Anfrage, ob ich als Religionslehrer an die Realschule I 0 (jetzt Realgymnasium genannt) nach Düsseldorf gehen würde. Da kam, als ich jene Anfrage schon vergessen, Ende Mai die Aufforderung von Direktor Ostendorf, zu einer Besprechung mit ihm nach Düsseldorf zu kommen. Kaum wieder in Bonn angelangt, erhielt ich die telegrafische Nachricht, dass ich zum ordentlichen Lehrer vom Kuratorium gewählt sei. Da Direktor Ostendorf mir einen sehr sympathischen Eindruck gemacht hatte, entschloss ich mich, diese feste Anstellung anzunehmen, wenn ich auch um Mutters willen die Trennung von ihr fürchtete. Sie hatte damals viel Unangenehmes durchzumachen, war nervös, sehr aufgeregt, klagte, dass keiner sie mehr lieb habe - kurz ihr Zustand war so, dass ihr Arzt forderte, dass sie einmal wieder ganz heraus käme. So entschloss ich mich, Ende August bei Beginn der Herbstferien mit ihr nach Rippoldsau im Schwarzwald zu gehen, wo ich mit ihr einige stille Wochen zubrachte, die uns beiden sehr gut taten. Nach unserer Rückkehr siedelte ich nach Düsseldorf über. Ich hatte mir zwei leere Stuben im Hause Eckstr. 6 gemietet, ganz nahe der Schule, die in der Klosterstraße lag. Meine Möbel nahm ich zum größten Teil von Bonn mit, vervollständigte sie durch sechs Wiener Stühle und das kleine Marmortischchen, das bis heute noch als die erste Anschaffung von meinem Selbstverdienten mir besonders lieb ist. Der erste, der in Düsseldorf mir mit viel Freundlichkeit entgegenkam, war Herr Krüger-Velthusen, Vorsteher der Kasse am Hauptzollamt, ein sehr verantwortungsreicher Posten. Er war mit den Eltern von Malmedy her befreundet, er war damals dort an der Grenze Steuerbeamter gewesen. Er nahm sich meiner mit herzlicher Freundlichkeit an, half mir durch seine Leute bei meinem Einzug, und ich habe gern bei ihm verkehrt.

Das Lehrerkollegium an der Schule war merkwürdig verschieden - von den schwärzesten Ultramontanen bis zu den Altkatholiken, dazwischen manche mildgesinnte Katholiken und daneben eine ganze Anzahl evangelischer Lehrer der verschiedensten Schattierungen. Es waren wohl einige 30 Kollegen. Mein Spezialkollege, der kath. Religionslehrer Dr. Lingen, war ein ganz schwarzer, aber feingebildeter Mann, von gewinnenden Formen. Er war lange in Rom gewesen, gegen mich immer die Freundlichkeit selber. Mit manchen der Kollegen habe ich gerne auch gesellschaftlich verkehrt auch nach meiner Verheiratung. Da war der Oberlehrer Stammer, altkath., war 1845 schon im Bonner Wingolf aktiv, kinderlos, ein wunderlicher Heiliger mit einer netten Frau, 1908 lebte er noch pensioniert in Düsseldorf. Dann Oberlehrer Dr. Rottert, Geschichtslehrer, ein feiner Mann, mit dem ich gerne verkehrte. Sein Bruder war ein anerkannt tüchtiger Geistlicher hier in Hannover. Und Dr. Jansen, wie Stammer Mathematiker, aber der schwärzeste Ultramontane. Er wurde später Direktor in Aachen, dann Rat im Kultusministerium, da hatte Fritz, als er in Königsberg war, mit ihm zu tun und hat liebenswürdiges Entgegenkommen von ihm erfahren.

Der Direktor Ostendorf, ein damals viel genannter und anerkannt tüchtiger Schulmann, war mir sehr freundlich gesinnt und suchte meine nicht leichte Stellung zu erleichtern. Ich war zuerst Ordinarius der einen Sexta, dann aufsteigend der Quinta und Quarta, und III b, unterrichtete in Latein, Deutsch und Französisch, da war der Unterricht trotz der vollen Klassen nicht schwer, weil man die Kinder genau kannte und in der Hand hatte - anders als in den Klassen, in denen ich nur 2 Stunden Religion zu geben hatte. Da gab es manche Schwierigkeiten, weniger in der I als in der III a und II b -, aber überall, je höher hinauf umso mehr, merkte man deutlich, wie den meisten an den Stunden nichts lag. Mehr noch als in Bonn waren die Jungens durch das gesellschaftliche Leben in ihren Häusern, durch Theater, Konzerte, Reisen, Lektüre vor der Zeit übersättigt und hatten für Höheres wenig Interesse, ebenso wenig wie wohl die Erwachsenen in ihren Häusern. Zudem waren die meisten aus den Kreisen der Industrie, des Handels und Handwerks, wenige, die die Universitätsstudien vor sich hatten - die gingen damals auf das Gymnasium. Mir aber war es nicht gegeben, solche Jungen für religiöse Gedanken zu interessieren, und so waren mir die Religionsstunden je länger je mehr eine saure Aufgabe, und die Erfolglosigkeit dieses Unterrichts, dazu die Unmöglichkeit, meinen Schülern persönlich näherzutreten, weckte allmählich mehr und mehr in mir den Wunsch nach einem Pfarramt. In meiner Schularbeit mache ich die gleichen Erfahrungen wie früher - viel Flüchtigkeit, Leichtsinn und wenig Empfänglichkeit ist hier unter der Düsseldorfer Jugend zu Hause. Auf viel Anderes wird man wohl auch in Zukunft nicht rechnen können und muss vertrauen, dass manches aus lauterer Quelle geschöpfte und in guter Meinung mitgeteilte Wort doch hier und da haftet und vielleicht später noch seinen Segen bringt. Bei dem fortwährenden Widerstreben und der Trägheit in den Religionsstunden komme ich immer dazu, vor allem meinen Schülern klarzumachen, was Kern und Stern des Christentums und was die Grundlage und Frucht im sittlichen Verhalten des Menschen ist, im übrigen aber darauf zu verzichten, ihnen viel religiöses Wissen beizubringen. So wird auch vor allem die Kirchengeschichte von diesem Standpunkt aus zu betrachten sein. Man kommt so dazu, nur einzelne christliche Persönlichkeiten den Schülern vor Augen zu stellen und auf historische Vollständigkeit zu verzichten.

Sehr angenehmen Verkehr hatte ich in Düsseldorf in den Kreisen der dortigen Geistlichen. An der evangel. Gemeinde waren damals drei Geistliche, unter denen ich Paul Blech in seinen Predigten am meisten schätzte. Sie hatten ein Kränzchen, zu dem auch der Divisionspfarrer Becker und der Gefängnisprediger Sturhsberg und Direktor Imhäuhser von der großen Rettungsanstalt Düsseltal, der Töchterschuldirektor Wellner und der Archivrat Dr. Harless und der Maler Mengelberg, später auch der altkathol. Geistliche Weidinger, ein Freund des P. Becker, gehörten. Ich wurde freundlich dazu eingeladen, es war ein großer Kreis, der viel Anregung bot. Von 7 - 9 Uhr abends wurde gelesen - manches gute Buch - und diskutiert, dann ein ganz einfaches Abendbrot und geselliges Zusammensein bis oft nach Mitternacht. Nach unserer Verheiratung haben wir das Kränzchen dann auch, wenn die Reihe an uns war, bei uns gehalten. Am nächsten trat ich zu P. Sturhsberg, für den ich auch öfter predigte. Er war mir sehr sympathisch, seine Frau eine geborene Colsmann aus Langenberg. Er wurde später Pastor und Sup. in Bonn. Er war Lilis Pate. Leider haben wir im späteren Leben die alten Beziehungen zu den lieben Leuten nicht festhalten können. Ebenso waren uns Imhäuhsers in Düsseltal liebe Freunde, beide einfache herzliche Menschen, mit denen wir gerne und oft verkehrten, beide nun schon lange tot.

Ein Sohn des Direktor Wellner, mein damaliger Schüler, ist jetzt Direktor der großen Provinzial Erziehungsanstalt in Nordhausen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04