1873/74


Home Nach oben 1870 Tübingen 1871 1871/72 1873 1873/74 1875 1876 1877 1878 1879

Schon als ich nach Düsseldorf übersiedelte, hatte ich mich zum 2. theologischen Examen gemeldet. Ich wollte mir, schon abgesehen von Düsseldorf, den Weg zum Pfarramt offenhalten. So hatte ich im Winter 73 bis Neujahr meine Examensarbeiten zu machen. Die Themata waren:

  1. Quomodo attributa eandem naturam divinam Christi, at diversas relationes significant demonstrectur -
  2. Die Suffizienz der Hl. Schrift
  3. Predigt über Joh. 14, 13
  4. Katechese über Ebr. 13, 8

Seit ich zuletzt schrieb, habe ich das 2. theol. Examen in Koblenz glücklich bestanden, dabei ein paar recht gemütliche Tage verlebt. Abwechslung boten sie genug in und außer dem Regierungsgebäude. Die Gesellschaft war merkwürdig zusammengesetzt. Von unserer Verbindung noch Altenpohl, Hauslehrer in Pommern, Bräutigam, ein über alle Maßen verliebtes Huhn (später Pastor im Rheinland), Gefängnishilfsprediger Delang aus Koblenz, bewaffnet mit einer Stimme wie eine Glocke, voll Salbung wie ein Kirchenvater, eine Gestalt wie ein Hüne, dabei leider bei allen diesen großen Dingen entsprechende Unkenntnis in theologicis. Dann Gödel, gewesener Corpsbursche voll guten Muts, ziemlichen Kenntnissen und viel Glück (ich glaube er wurde später Militäroberpfarrer). Weiter Gütgemann und Hülsmann, zwei Stille im Lande, zaghafte Gemüter, jener versucht von Fluchtteufel während der Klausur. Unter den Examinatoren zeichnete sich Wolters vorteilhaft aus in Kirchengeschichte und Ethik. Er war mein Kollege am Bonner Gymnasium gewesen, - gerade damals als Professor nach Halle berufen. Höpfner freundlich, aber zu sehr Anfänger im Geschäft, machte es gerade so ungeschickt, wie ich es nächste Woche hier mit meinen vier Abiturienten machen werde. Das Examen fand am 16. - 18. April in Koblenz statt, ich war matt an Leib und Seele, nicht sowohl durch die Schultätigkeit und sonstige Arbeit, aber durch das, was ich in diesem Winter durchgemacht. So waren es schwere Tage - von näheren Bekannten war niemand mit mir im Examen - nur cand. Budde, jetzt Prof. der Theologie in Marburg, mir bekannt. Ich hatte aber in den Tagen den Besuch von Freund Hechtenberg, der Seminarlehrer in Neuwied war, und den ich abends auch dort besuchte. - Trotz meiner Mattigkeit und der mangelhaften Vorbereitung erhielt ich zu meiner Freude das Prädikat No. II wieder, wie bei dem ersten Examen. Was mich so elend gemacht, war die Sorge um Mutter. Sie war im Winter allein in Bonn, Paul wohnte in der Klinik, kam nur mittags zu ihr. So hatte sie Martin Gröber eine Stube vermietet, mir eine Beruhigung, dass ich jemand in ihrer Nähe wusste, der bereit war, wenn nötig, sich ihrer anzunehmen. Auch Freund Schmitz und Lahusen besuchten sie zuweilen, auch cand. Fruend, jetzt Prof. in Straßburg. Aber sie hatte vielerlei Aufregungen, einmal durch Paul, der in seiner Assistenzarztstelle wenig verdiente und viel brauchte. Dazu war er oft, obwohl er Mutter zärtlich liebte und sie nicht entbehren konnte, rücksichtslos gegen sie, ohne auf ihren leidenden Zustand Rücksicht zu nehmen, um dann auch wieder ins Gegenteil umzuschlagen. Dazu quälten sie beständige Geldsorgen, Onkels Krankheit, die sich in immer neuen Anfällen äußerte, und zeitweise die Furcht vor Gehirnerweichung wachrief (zum Glück kam es nicht dazu) machte es nötig, dass die Vermögensverhältnisse klargelegt wurden. Es zeigte sich, dass Mutters Vermögen viel geringer war, als sie gedacht, und es war sehr anständig von Onkel und Tante, dass sie ihr fast 4500 Mark jährlich zusicherten - m.E. weit mehr als das, was Mutter rechtlich zukam. Aber die Verhandlungen darüber hatten Mutter sehr aufgeregt und ihr und Pauls Verhältnis zu Tante zeitweilig sehr getrübt. Der Aufenthalt in Rippoldsau hatte ihr gut getan, aber ihr nervöses Leiden steigerte sich bald wieder. Es fehlte ihr an Selbstbeherrschung und Kraft, die Angst und Sorgen zu überwinden. Im November 1873 kam sie zu meinem Geburtstag auf 14 Tage zu mir, wohltuend für sie und mich, aber das Ausruhen hinderte nicht das Fortschreiten ihrer Krankheit. Schon im Januar ängstigte mich ihre zitternde Schrift und die Klage, dass ihr Kopf oft ganz verwirrt sei. Ich fuhr seit Weihnachten jeden Sonntag zu ihr nach Bonn. Am 25. Januar predigte ich in Godesberg für Past. Asenfeld. Da vermochte sie es noch , mit hinauszufahren, und war glücklich, dass, wie sie sagte, das Ziel ihrer Wünsche erfüllt sei, mich einmal predigen zu hören. Aber die damit verbundene Aufregung hatte ihr doch wohl geschadet. Im Februar 1874 nahmen wir eine Wärterin für sie, ihre Energie erlahmte immer mehr, ihre Gedanken verwirrten sich, sie lag meist zu Bett und konnte mir nicht mehr schreiben,, ließ es durch Aug. Schmitz und Paul tun. So gingen die Wochen in beständiger Unruhe und Sorge für mich hin, endlich Mitte März erklärte der Arzt, sie müsse heraus - wohl in eine Nervenheilanstalt. Um das zu vermeiden und in der Hoffnung, dass Pastor Blumhardt vielleicht einen guten Einfluss auf sie haben würde, entschlossen wir uns, sie nach Boll zu bringen. Frl. Rassfeld, damals Prof. Zanders Braut, tat uns den Liebesdienst, sie zu begleiten. Ich nahm nur drei Tage Urlaub und fuhr mit ihr nach Boll. Aber nach meiner Abreise steigerten sich die hysterischen Zustände immer mehr zu gänzlicher Abspannung, sie meinte, nichts mehr zu können - nicht essen, sprechen, gehen, so dass man in Boll bald erklärte, sie dort nicht behalten zu können. Auf eine Depesche hin kam ich mit Paul in der Nacht des 23. März in Köln zusammen, um zu beraten, was zu tun sei. Wir entschlossen uns, sie nach Kaiserswerth in die Heilanstalt zu bringen in der Hoffnung, dass die dortigen Eindrücke für sie weniger unangenehm sein würden als in einer großen staatlichen Anstalt. Wir waren mit Frau Pastorin Fliedner und ihrem Sohn Past. Georg Fliedner bekannt, ich hatte sie von Düsseldorf aus mehrfach besucht, - und wussten, dass sie für Mutter tun würden, was möglich war, um ihr den Aufenthalt in Kaiserswerth zu erleichtern. Paul reiste dann am 24. 3. nach Boll und kam mit Mutter und Frl. R. am 27. 3. in Düsseldorf an. Wir brachten Mutter in einem Wagen hinaus nach Kaiserswerth. Das waren wohl die schwersten Tage meines Lebens. Ich war wie betäubt und zerschlagen, mein ganzes Herz hing an der armen Mutter und litt mit ihr. Gottseidank war es das Richtige, was wir getan. Ganz allmählich wurde ihr Zustand besser. Ihre anfängliche Erbitterung gegen Paul und mich wich, sie fasste wieder Zutrauen zu mir, und am 18. April erhielt ich den ersten Brief von ihr, der von der beginnenden Besserung Zeugnis gab. Sie wurde auch körperlich wohler, während ihr geistiger Zustand noch traurig war. Mitte Mai drängte sie darauf, Kaiserswerth zu verlassen. So holte ich mit Zustimmung der Ärzte sie Sonnabend vor Pfingsten ab und fuhr mit ihr nach dem still gelegenen Blankenberg bei Hennef an der Sieg. wo ich drei Wochen mit ihr bleiben konnte. Dann konnte ich sie getrost dort allein zurücklassen. Sie war noch verbittert, aber körperlich frisch und geistig wieder ganz klar. Da ihr Leiden wesentlich mit durch ihre Geldsorgen bedingt gewesen war, lag uns daran, sie in die Lage zu versetzen, sich gar nicht mehr um Geld kümmern zu müssen. Das war nur möglich, wenn sie zu mir zog, und so wurde ihre Übersiedlung nach Düsseldorf für den Herbst in Aussicht genommen. Bis dahin blieb sie in Blankenberg, wo Paul und ich sie so oft als möglich besuchten. Sie entschloss sich auch, als Paul durch einen Schlag über die Nase (der ihm aus Rache bei seiner Heimkehr in der Nacht versetzt worden war) lange krank war, nach Bonn zu gehen und ihn zu pflegen - kehrte dann nach Blankenberg zurück. Bei Beginn der Herbstferien Anfang August besorgte ich den Umzug in eine kleine Wohnung in Düsseldorf, Immermannstr. 34 a, dann reiste ich mit Aug. Schmitz an die Mosel und in die Pfalz. Wir wanderten von Koblenz die Mosel hinauf - über Burg Elz, Bad Bechisch, Cochem, die Marienburg bei Alf, nach Traben und Trabach. Auf dem Mönchhof in Traben hatte einst meine Urgroßmutter , die Mutter meiner Großmutter, gewohnt, nachdem sie ihr großes Vermögen nach dem Tode ihres Mannes verloren hatte. Dort hatte ihre jüngste Tochter Elise sich verheiratet mit Herrn Korn aus Saarbrücken, die Mutter von Tante Pauline - die Großmutter von Natalie und Pauline v. d. Becke. Später hat mein Großvater seine Schwiegermutter zu sich nach Eupen genommen, und meine Mutter, die auch oft bei ihr in Traben gewesen war, hat sie bis zu ihrem Tode gepflegt. Von ihr hat sie den antiken Schrank geerbt, der jetzt in meinem Besitz ist.

sorry, alt text is missing

Mönchhof in Traben

Von Trabach ging es weiter über Bernkastel nach Trier, dann nach Saarlouis, wo ich mein Geburtshaus wenigstens von außen sah, nach Wallerfangen, wo die von Vater am letzten Tage seines Lebens gekauften Pferde noch das Gnadenbrot genossen, dann in die Pfalz, wo die Burg Triefels und die Madenburg, Landau, Neustadt und Dürkheim Stationen unserer Wanderungen waren. Am 4. September war ich wieder in Düsseldorf, vollendete die Einrichtung der Wohnung und holte Mutter zu mir. Ich besorgte alle Geldsachen für Mutter wie für den gemeinsamen Haushalt, so dass Mutter mit Geld so wenig wie möglich zu tun hatte, und wir kamen aus. Das Wirtschaftsbuch aus der Zeit besitze ich noch.

Wir wohnten im Haus mit einer Familie Büeck. Er ist später sehr bekannt geworden als der Sekretär der großindustriellen Vereinigung in Berlin - die später zum Hansabund wurde - was er damals in Düsseldorf war, weiß ich nicht mehr. Büecks waren aber liebenswürdige Hausgenossen, solange wir mit ihnen zusammenlebten. 
Am 17. September war ich in Flamersheim zur Ordination und Einführung von Freund Poensgen in sein erstes Pfarramt, nachdem er kurz vorher geheiratet hatte. Unsere Wohnung in Düsseldorf war sehr eng und bescheiden. Das war Mutter schon bitter. Noch enger aber wurde es, als Paul für längere Zeit zu uns kam. Zuerst wegen eines schlimmen Beins - dazu brauchte er Morphium schon damals, seine Stimmung war dann oft gedrückt und gereizt, hatte Beängstigungen, so dass seine wochenlange Anwesenheit in unserer engen Wohnung mir bei meiner Arbeit und der Sorge um Mutter oft ein rechtes Kreuz war. Dann aber entwickelte sich bei ihm im November ein Unterleibsleiden, das ihn ans Bett fesselte. Er konnte damit in der Klinik nicht bleiben, und ich brachte ihn nach Godesberg in die Krankenanstalt des Prof. Finkelnburg, warum dorthin, weiß ich nicht mehr. Da hat er monatelang schwer krank gelegen, und Mutter war zeitweise bei ihm, ich oft über Sonntag und in den Weihnachtsferien. Ich glaube heute, dass sein Leiden eine Blinddarmentzündung war. Jedenfalls war im Leib eine Eiterung, und als er genas, war der Darm mit der Bauchwand verwachsen. Das war der traurige Anlass seiner späteren Leiden und seines frühen Untergangs.

Für Mutter aber war diese Zeit mit ihrer Sorge um das Leben ihres Kindes Gift, die nervösen Krämpfe zeigten sich wieder, und die Furcht vor der Rückkehr des traurigen Zustandes im vergangenen Winter war nur allzu begründet. Gottseidank aber kam es nicht wieder so weit mit ihr.

Home Nach oben 1870 Tübingen 1871 1871/72 1873 1873/74 1875 1876 1877 1878 1879


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04