1875


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Mitte Februar 1875 wurde Paul in Godesberg als geheilt entlassen, aber seine Stelle als Assistenzarzt hatte er verloren, sie hatte nicht so lange ihm offengehalten werden können. So kam er Mitte Februar ganz zu uns nach Düsseldorf. Sein Zustand blieb vorläufig noch sehr wechselnd. Er wohnte bei uns ohne Beschäftigung. Da die Wohnung kaum für Mutter und mich ausreichte, zogen wir im April 1875 in die Schulzenstraße 49. In demselben Hause wohnte damals der Maler Schütz, ein Württemberger, ganz kleiner älterer Mann, seine Frau eine Tübingerin, beide nette Leute, schwäbisch gemütlich. Er malte reizende schwäbische Landschaften und Genrebilder, aber oft liefen ein Dutzende Bilder auf den Kunstausstellungen herum und kamen unverkauft wieder. Er illustrierte auch - aus Not - und portraitierte nicht übel. Gegenüber den Größen der Düsseldorfer Akademie - die beiden Achenbach, Vautier, Ceder u.a. - konnte Maler Schütz mit seiner feinen Detailmalerei, aber tiefem deutschen Gemüt schwer aufkommen. Nach seinem Tode hat Koch in der Lebensbeschreibung Schützens ihn recht gewürdigt und zu Ehren gebracht. Ich empfehle das Buch von Koch allen zur Lektüre, es macht Freude.

Als wir noch nicht lange in der Schulzenstraße wohnten, konnte Paul Schützens zweites Kind bei der Geburt in großer Lebensgefahr retten, ihm und seinen Eltern zur Freude. Im Mai wurde Paul wieder bettlägerig, bekam dann noch Masern, brauchte auch im August wegen vieler Schmerzen wieder Morphium, was immer auf seine Stimmung und sein Verhalten in seiner Umgebung übel wirkte. Er fing an, hier und da zu praktizieren, operierte mehrmals sehr glücklich und konnte sich im Winter 75/76 als Frauenarzt niederlassen, als sein Befinden sich günstiger gestaltete. Er hatte bald viel Zuspruch - dafür war aber unsere Wohnung in der Schulzenstraße zu eng - er zog zunächst allein in die Stadt. Im Frühling 1876 zogen wir, um ihn bei uns zu haben, in die Grünstraße, aber nach der ersten Nacht entdeckten wir, dass die Wohnung von Wanzen wimmelte. Also eine andere Wohnung gesucht und den nächsten Tag wieder ausgezogen nach der Oststraße, Ecke Bismarckstraße, die letzte Wohnung vor meiner Verheiratung. Welch Wanderleben ! Von 73 - 76 fünf Wohnungen in Düsseldorf.

Mutters Zustand war durch Pauls langes Kranksein und die Reibungen, die das Zusammenleben mit ihm brachte, durch Wohnungs- und Mägdenöte sehr herunter, ihre hysterischen Zustände stiegen zeitweise zu beängstigendem Grade. Gottseidank kam es nicht wieder zu solcher Depression wie im Jahre 1874.

Auch Onkels Zustand war immer wieder recht traurig und besorgniserregend, und ich war oft in Bonn bei ihm. So konnte von ruhiger Arbeit kaum die Rede sein, auch meine Schularbeit litt darunter. Doch predigte ich in der Zeit oft in Godesberg., Erkrath bei Düsseldorf, in Düsseldorf selbst u.a., mir immer wieder zur Freude und inneren Aufrichtung. Was mein Interesse jetzt am meisten in Anspruch nimmt, sind die kirchlichen Wirren (Kulturkampf), die ich lebhaft verfolge. Wie die Sachen nun liegen, muss ich sagen: Es ist gut, dass endlich einmal den Übergriffen der katholischen Hierarchie gegenüber Ernst gemacht wird. Auch meine ich muss dieser Kampf der evang. Kirche von Nutzen werden. Nicht nur werden gewiss heutzutage der kirchlichen Organisation der evangelischen Kirche von Seiten der Regierung und des Landtags weit weniger Hindernisse in den Weg gelegt, man wird in jenen Kreisen sich aber auch eher entschließen, ihr zu geben, was ihr rechtlich zukommt. Es wird auch diese Bewegung manchen evangelischen Geistlichen zum Nachdenken über den in die evangelische Kirche vielfach eingedrungenen Romanismus treiben. Dass die Kirche nicht eine congregatio baptizatorum sondern communia sanctorum sein soll, dass es deshalb ein Glück, nicht Unglück für die Kirche ist, wenn die, die nun einmal Heiden sein und absolut nichts von kirchlichem Einfluss wissen wollen, von ihr hinausgehen - darüber sich klar zu werden, kann nie zu früh sein. Dass es hernach dann ebenso gewiss wiederum auch Mission unter diesen Heiden geben muss, wie unter denen in Afrika, leuchtet ein, aber man wird durch ihr Ausscheiden aus dem erzwungenen äußern Verband ein großes Hemmnis der Entwicklung wahren Christentums in der Kirche los.

Ein Bedenken habe ich für die Zukunft gerade von meinem Lehrerstandpunkte aus: dass nämlich die jetzige Bewegung möglicherweise die gänzliche Trennung von Kirche und Schule beschleunigt, der wir, wenn nicht eine bedeutende Wendung der Dinge eintritt, im Laufe der jetzigen Entwicklung entgegengehen zu scheinen. Jedenfalls würden die höheren Schulen zunächst davon betroffen, und man würde einem solchen Schritt von Seiten der Schule meist gerne entgegen kommen. Das ist ein trauriges Gefühl, was gewiss die Religionslehrer sehr vieler Schulen heutzutage haben werden, dass man sie im Kollegium eigentlich lieber los wäre, - nicht um ihrer Person willen (persönlich habe ich hier eine recht angenehme Stellung), sondern um ihres Faches willen, was man als ein recht unnötiges und unfruchtbares ansieht. Eine Hinausweisung jeden religiösen Unterrichts aus der Schule aber würde für die Kirche ohne Zweifel ein großer Schaden sein. (Heute denke ich in mancher Beziehung anders).

In jene Zeit fällt das Auftreten des Amerikaners Pearsal Schitt, der auch in Düsseldorf viel Zulauf fand, und später Moody und Sauky. In den methodistisch und freikirchlich gerichteten Kreisen fanden sie viel Anklang. Mich ergriff auch wohl die religiöse Wärme, das Dringen auf völlige Hingabe an den Herrn, - aber ich war zu sehr Becks Schüler, als dass die methodistische Treiberei und Macherei mich hätte gefangennehmen können. Auf die Dauer hat auch der Erfolg der nüchternen biblischen Auffassung recht gegeben. Was für England und Amerika passen mag, passt darum noch nicht für Deutschland, schrieb ich damals in einem Brief. Das ist bis heute mein Standpunkt, damit bin ich nie ein Anhänger des toten Kirchentums in der Landeskirche geworden.

In derselben Zeit fing ich an, mich immer eingehender mit der aufkommenden Sozialdemokratie zu beschäftigen. Ich las in dem Sommer den "Volksstaat" und dann andere sozialdemokratische Blätter - auch viel Bücher und Broschüren zu der Sache - bin aber nie in Versuchung gekommen, die Wege eines Göhre und Genossen zu gehen, wurde dadurch aber empfänglicher für die Arbeit Stöckers und anderer christlicher Sozialer. Wie anders wäre es wohl in der inneren Entwicklung unseres Volkes gekommen, wenn man von oben her diese Richtung gefördert statt sie zu bekämpfen.

Neben dem abstrakten Studium des Nicolaus Cusanus, dessen ich bei dem horrenden Latein oft etwas überdrüssig wurde, beschäftigte mich noch lebhafter die im eminenten Sinne reale Frage: der Sozialismus. Das Buch des in letzter Zeit vielbesprochenen Rudolf Meyer "Der Emanzipationskampf des vierten Standes" erweckte in mir dieses Interesse, was umso mehr zunimmt, je länger ich mich damit beschäftige. Gerade die Not der letzten Zeit zeigt deutlicher als alles Andere, dass der herrschende Liberalismus nicht fähig ist, die Menschheit durch seine Freiheiten zu beglücken, und neben dem Katzenjammer der liberalen Presse ist es oft geradezu ergötzlich zu lesen, wie von den Ultramontanen und Sozialdemokraten, - wenn auch oft mit Unverstand und parteilich, - das herrschende System zerrupft und in seiner Unhaltbarkeit bloßgestellt wird. Die Lektüre des "Neuen Sozialdemokrat" und der "Christlich sozialen Blätter " (ultramontan) sind mir in mancher Beziehung belehrend gewesen. Besonders von der Sozialdemokratie hatte ich bis dahin eigentlich gar keine oder recht falsche Vorstellung. So sehr ich ihre Grundrichtung missbillige, so glaube ich, dass er als berechtigte Kritik und Reaktion gegen das herrschende Unwesen, das sich auf dem sozialen Gebiet allenthalben gerade jetzt offenbart, heilsam wirken kann, wenn man sich dadurch beizeiten die Augen öffnen ließe und in den noch herrschenden Kreisen andere Bahnen einschlüge, durch die man den Sozialismus der Sozialdemokratie innerlich überwinden könnte. Vom Christentum sind freilich beide Richtungen gleich weit entfernt, beide sehr weit, und das ist das Allerschlimmste, weil es notwendig unser Volk zu immer größerer Entsittlichung führen muss. Da bleibt es die Aufgabe der Christen, nach beiden Seiten entschieden aufzutreten, nicht durch Protestieren, Räsonieren oder gar Schimpfen, sondern durch die tatsächlichen Beweise, dass das Christentum eine Macht ist, die auch die sozialen Schäden zu heilen vermag. Aber wo sind die Christen, die das täten? Darin sind uns die Ultramontanen vielfach weit überlegen, wenn bei ihnen nur nicht alles dem einen Zweck ultra montes dienen müsste, auch ihr an sich oft heilsamer Einfluss auf sozialem Gebiet. - Und da sieht man dabei die evangelische Kirche in der unwürdigsten Knechtschaft der herrschenden Staatspartei.

Bemerkenswert ist ein Vortrag von Stursberg über die Poesie der Sozialdemokratie... Er sollte in einem hiesigen Blatte abgedruckt werden, das ist aber von den hiesigen Industriellen mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln hintertrieben worden, aus reiner Furcht, solche Veröffentlichung könne wie ein Funken im Pulverfass wirken. Grabesruhe sieht man in seiner Blindheit für Sicherheit an und nur schlecht verdeckt solche Furcht vor Unruhe die heimliche Furcht vor dem Gegner, mit dem man es sich nicht getraut aufzunehmen. Denn da gibt es nur zwei Mittel. Jene verlassen sich auf Bajonette. Das andere Mittel: christliche, tatkräftige, opferwillige Liebe will man nicht; das zeigt mir wieder das Verhalten unseres Kaufmannsstandes gegenüber der Stadtmission, die man mit Hohn und Verachtung zurückweist. Ströme christlicher Liebe würden sicher das Feuer der Sozialdemokratie auslöschen - aber wo ist der Geist der Liebe bei den meisten Christen?

In den Herbstferien machte ich mit August Schmitz meine erste Schweizerreise. Weil Onkel und Tante sich damals am Vierwaldstädtersee aufhielten, gingen wir nicht wieder nach Tirol. Unser Weg führte uns zunächst nach Zürich. Frühmorgens stiegen wir auf den Uetliberg und hatten prächtige Aussicht auf die Berner Riesen, den Rigi und Pilatus. Mittags ging es über Zug, den Zuger See nach Arth. Da stand die neue Bahn auf dem Rigi, aber stolz ließen wir sie fahren, hofften noch vor Sonnenuntergang oben zu sein. Aber je länger wir stiegen, umso länger wurde der Weg, umso schwerer das Gepäck auf dem Rücken, umso schwächer die Kraft, umso langsamer der Schritt. Endlich wurde es dunkel, wir verloren den Weg, kamen auf eine steil ansteigende Matte, krochen zusammen auf Händen und Füßen. Da ein Licht über uns, und bald war nun Staffel erreicht, und wir landeten in einem kleinen Hotel zwischen Staffel und Kulm, da ging auch der Mond auf und beleuchtete die Berge mit seinem milden Licht. Früh 1/2 4 ging es auf den Kulm, wo ca. 600 Menschen den Sonnenaufgang erwarteten. Allmählich röteten sich die höchsten Gipfel im Berner Oberland, die Schatten flohen, die Sonne stieg endlich empor ind ganzer Pracht und Herrlichkeit - die ganze Alpenkette gegenüber in seltener Klarheit - in ihrer ganzen Majestät. Abwärts ging's dann über Rigi Rotstock mit der köstlichen Aussicht auf den See, über Rigi Kallbad hinab nach Weggis und mit dem Schiff hinüber nach Beckenried und hinauf zur Pension Schöneck, wo wir Onkel und Tante trafen, froh, in der angenehmen Pension uns nach der Hitze und Anstrengung der beiden Tage auszuruhen. Am anderen Morgen waren wir um 4 Uhr wieder auf und stiegen 4 - 5 Stunden auf den Selisbergerstar oder Bauen, mit weitem Blick auf den ganzen See zu beiden Seiten und die Hochalpen, ein Blick, der mit dem des Rigi wetteifert. Abends fuhren wir mit Onkel und Tante nach Flüelen über den See, wo wir im Urnerhof vornehm logierten, so wie es uns sonst nicht geboten wurde. Am nächsten Tage machte Aug. Schm. einen Abstecher ins Maderanertal, während ich mit Onkel und Tante noch zusammen blieb, mit ihnen abends noch einmal über den unteren See bis Brunnen fuhr und dann über Flüelen und Altdorf bis Amsteg wanderte, wo ich spät abends Auf. Schm. wiedertraf. Dann Wassen, Göschenen mit dem Eingang zum Gotthardtunnel, der damals im Bau war. Dann Teufelsbrücke, Andermatt, zum Gotthard hinauf, die Straße immer wilder und einsamer je mehr man hinaufkommt, der Weg zu Fuß über den Gotthard aber viel lohnender als der von Andermatt nach dem Rhonegletscher, der in seiner Länge ermüdend ist.

Im Hospiz gab es keine Mönche mehr, aber schöne Hunde, eine gute Unterkunft und ein erlösendes Gewitter nach der Hitze der letzten Tage. Da trafen wir einen Apotheker aus Zürich und Rechtsanwalt Holtenius aus Bremen, einen Verwandten von Lahusen. Mit beiden Herren bestiegen wir am anderen Morgen den Piz Centrale, die höchste Spitze der Gotthardgruppe (3 003 m), eine sehr fröhliche und lohnende Tour. Heute fährt jeder durch den Gotthard, besieht höchstens beim Essen in Göschenen den Schriftsteller und Gastwirt Zahn - aber wer geht denn noch zu Fuß die alte schöne Gotthardstraße , und gar den Piz Centrale ? Dann abwärts bis vor Airolo, rechts ab ins Bedrettotal nach Villa mit elendster Herberge und teuerster Berechnung, am anderen Morgen nach All Aqua und zum Biacomopass, der Grenze zwischen Schweiz und Italien, hinab ins Tosatal. Merkwürdig, dass im schweizerischen Bredettotal fast nur italienisch, dagegen im ital. Tosatal fast nur deutsch gesprochen wurde. An den Tosafällen machten wir Halt, überwältigendes Naturschauspiel, wie da die Tosa 640 Fuß tief breit und gewaltig in die Tiefe stürzt. Der Rheinfall bei Schaffhausen ist wohl breiter, aber der Fall nur 65 Fuß tief. Dann feierten wir, nachdem wir den Fall bewundert, am ruhigen Sonntagnachmittag meiner Mutter Geburtstag (22. 8.). Am Montag führte uns der Weg über Gletscher zum Grießpass und hinab nach Ulrichen und Visch im oberen Rhonetal, im Kanton Wallis. Auf dem Wege sahen wir vierGemsen, selten da, wo die Fremden hinkommen, - am Abend noch auf das Eggischhorn zum Hotel Jungfrau- am Dienstagmorgen auf die Spitze, ein hervorragend schöner und nicht schwer zu erreichender Punkt, zu den Füßen der halbmondförmige Aletschgletscher, der größte der Schweiz, nördlich davon Mönch, Eiger, Jungfrau, Aletschhorn und viele andere, die ganzen Berner Alpen von Süden gesehen.

Von der Spitze des Eggischhorns 7 000 Fuß hinab über die Riederalp, Moerlen, ins Rhonetal bis Brieg.(Hotel d'Angleterre). Mittwoch nach Visp, ins Visptal bis nach Stalden, hier gabelt das Tal, rechts nach Zermatt, links nach Faas im Grund. Letztern Weg verfolgten wir, ein enges felsiges Tal, in der Tiefe ein wildes Gletscherwasser, über gewaltige Felsblöcke hinabschäumend, die Berge oben kahl, hier und da mit Sennhütten besetzt. In Stalden hatten wir einen Führer engagiert, der sich als sehr zuverlässig und brav erwies. Am Donnerstag hatten wir nur einen dreistündigen Weg bis zur Mattmarkalp, dem höchsten bewohnten Haus im Tal, um für die große Tour am folgenden Tage auszuruhen. Dort 6 800 ' hoch, wo alles öde und kahl, fand ich selbst das erste und einzige Mal Edelweiß. 
Am anderen Morgen früh um 2 Uhr brachen wir in finsterer Nacht auf, ein wenig Mondschein und eine kleine Laterne leuchteten uns beim beschwerlichen Aufstieg durch das steile Moränenfeld. Als wir dem Gletscher nahe waren, ging die Sonne auf, eine Schneespitze nach der anderen erglühte rosarot, bis zuletzt die Sonne am unbewölkten Himmel emporstieg, ein gewaltiges Schauspiel in solcher Einsamkeitk, das wir anders noch als auf dem Rigi unter der Masse der Reisenden genießen konnten. Nach 4- bis 5-stündigem Aufstieg hatten wir den Pass, das neue Weißtor erstiegen, um uns die ganze Monte Rosa - Gruppe, unter uns viele 1000 Fuß tief die ital. Ebene mit den Seen. Dort 11 550 ' hoch lag die höchste Spitze der Monte Rosa-Gruppe unmittelbar neben uns, jeder Gipfel und jede Spalte sichtbar und doch 3 000 ' höher als wir.

Nach guter Rast auf dem Schnee stiegen wir ein Stück hinab und abermals bergauf über Schneefelder auf den Cima di Tazzi 12 217 ' hoch (3 818 m), den höchsten Punkt, den ich auf dieser Erde erreichte, dort die Aussicht noch großartiger als auf dem Weißtor, zu unseren Füßen auf ital. Seite Macunjaga, nach Norden die gewaltigen Felspyramiden des großen und kleinen Matterhorns, überall der überwältigende Eindruck der Erhabenheit und Herrlichkeit der Schöpfung Gottes, die hier von allen menschlichen Zutaten unberührt zum Preis und zur Anbetung die Seele erhebt.

Dann wieder nach kurzer Rast hinab über Schnee und Gletscher, um 2 Uhr ist das Riffelhaus oberhalb Zermatts erreicht, wo wir übernachten wollten. Aber alles besetzt, auch die letzte Matratze vergeben. So mussten wir auf die für den folgenden Tag geplante Besteigung des Gorner Grats verzichten und noch zwei Stunden den Weg talwärts bis Zermatt fortsetzen.

Um den für unseren Geldbeutel überteuerten Hotels voll Engländern zu entgehen, entschlossen wir uns gleich am nächsten Morgen, über Matterjoch oder Theodalpass zwischen großem und kleinen Matterhorn mit unserem alten Führer nach Italien hinabzusteigen. Nach fünfstündigem Steigen erreichten wir die Passhöhe (10 630 ' - 3 322 m) und dann vier Stunden hinab bis Val Tournanche. Am anderen Morgen in das Tal der Dora nach Chatillon, dann nach Aosta mit seinen römischen Erinnerungen und bis Courmajeur am Ostabhang des Mont Blanc, dann nordwärts über den Col de Ferret in zehnstündigem Marsch nach Orsieres. Dann Martigny, mit der Bahn nach Chateau Chillon, Vevey, Genf, Freiburg, Bern, Basel, und am 6. September nach Bonn und Düsseldorf. Ich verweilte bei den Bergtouren länger, weil sie zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens gehören, kann aber die anderen Stationen der Reise nicht in gleicher Breite schildern, erwähne nur, dass wir in Vevey einen so herrlichen Sonnenuntergang am See hatten, wie ich ihn selten sah, daher meine Vorliebe für Vevey, die mich später wiederholt hinführte. Wer von meinen Kindern wird wohl einmal auf denselben Wegen wandern und dabei daran denken, wie ich all die Herrlichkeiten genossen ? Zu dem Gelingen dieser Reise trug auch nicht zum wenigsten die tägliche Gemeinschaft mit meinem Reisebegleiter, Freund Schmitz, bei. Möchte jedem solcher Wandergeselle beschieden sein ! Von Interesse ist vielleicht auch, dass die ganze Reise mit allem, was drum und dran war, 416,90 Mark kostete.

Vom 13. November bis 3. Dezember war Mutter in Elberfeld bei Frau Neviandt, und ich war fast jeden Sonntag dort. Sonntags besuchte ich die Versammlungen der freien Gemeinde, hörte die tiefen Predigten des Pastor Neviandt, bekam nicht nur wie wohltuendsten Eindrücke von dem Neviandtschen Hause, sondern vor allem auch Einblick in freikirchliche Verhältnisse, von der Kraft der Feikirche, von der lebendigen Mitarbeit der Laienmitglieder. Doch konnte Pastor Neviandt mich nicht zu seinen Anschauungen bekehren. Ich musste mir auch im Blick auf die großen Schäden der Landeskirche sagen: Es ist nicht unsere Pflicht, sie aufzugeben, es ist noch Segen darin, aber Pflicht, an ihrer Besserung zu arbeiten. Und auch in der Freikirche sind große Schäden, die mir später noch klarer bewusst wurden als damals. Aber Pastor Neviandt und seine stille, demütige, opferbereite Arbeit konnte und kann ich nur schätzen, ja bewundern.

In diesem Winter hatte ich Gelegenheit, die freie evangelische Gemeinde in Elberfeld kennenzulernen, die viel Anziehendes für mich hat. Da ist viel eher als in unseren Gemeinden ein Eindruck von dem Charakter des Urchristentums zu gewinnen, eine Gemeinschaft von wirklichen Christen, der durchaus nicht in selbstsüchtiger Weise das Interesse für ihre Mitmenschen abgeht. Dass es auch da Missstände gibt, versteht sich von selbst. Sie wird gegenwärtig von einem Manne geleitet, der wie nicht allzu viele das Bild eines wahren Christen ist, der frei von aller sektiererischen Schwärmerei ein Leben tätiger Liebe führt (Pastor Neviandt).

Der Aufenthalt in dem Neviandtschen Hause hatte noch andere Folgen für mich. Hausfreunde des Neviandtschen Hauses waren Wiebels, uns schon früher bekannt. Herr und Frau Wiebel besuchten Mutter bei Neviandts - und am Sonntag, dem 27. November, an meinem Geburtstage, sah ich beim Herausgehen aus der ersten Reformierten Kirche Wiebels mit ihrer ältesten Tochter Meta. Das war das erste bewusste Zusammentreffen zwischen ihr und mir.

Weihnachten war ich mit Mutter in Bonn und wanderte von dort nach Flamersheim zu Pönsgens, die mit ihrem ersten Kindchen mir den Eindruck großen häuslichen Glücks machten. Die dort verbrachten Tage erweckten in mir mehr als bisher den Wunsch nach eigener glücklicher Häuslichkeit.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04