1876


Home Nach oben 1870 Tübingen 1871 1871/72 1873 1873/74 1875 1876 1877 1878 1879

Im April 1876 war ich wieder in Bonn und Elberfeld. Anfang Juli (12. 7.) machte ich mit der Schule eine Turnfahrt nach dem Dhünntal, dem Dom zu Altenberg und nach Solingen, an demselben Tage war Paul Calvino mit seiner Braut und mit Meta W. in Düsseldorf, um Besuche zu machen. Dass wir uns nicht trafen, war uns gegenseitig leid, wir waren abends mit den Zügen aneinander vorbeigefahren.

Anfang August war Calvinos Hochzeit - leider wurde ich nicht eingeladen. Als das junge Paar aber von Bremen nach Elberfeld zurückkam, begrüßte ich sie an dem Donnerstag der Festwoche und brachte ihnen ein Gästebuch als nachträgliches Hochzeitsgeschenk von meiner Mutter und mir. An dem Nachmittag machten wir von Barmen, wo wir zusammen in einer Versammlung gewesen waren, einen Weg über die Berge nach Elberfeld zurück. Da hatte ich zum ersten Male Gelegenheit, eure Mutter allein zu sprechen. Was wir sprachen, weiß ich nicht mehr, aber es waren ernste Dinge, die mir einen Blick in ihr Herz und ihren Sinn öffneten. 
Von dem Tage an war für uns beide eigentlich die Entscheidung gefallen, aber ich wusste nicht, wie sie gesonnen war, und ließ vorläufig die Sache ausreifen, trug sie still mit mir herum.

Im August war ich mit Mutter in der Klus bei Minden, auf der Rückreise in Gütersloh und Schildesche. Im Lauf des Herbstes im Oktober oder November war ich wieder bei Wiebels und dann wieder den Sonntag vor Weihnachten. Mutter Wiebel forderte mich auf, Weihnachten wiederzukommen, aber ich wollte Mutter nicht verlassen, obwohl unsere Festtage wenig fröhlich waren. Nach dem Feste ging ich nach Bonn, um Onkel meine Absicht mitzuteilen, um Meta anzuhalten. Er hatte immer väterlich zu mir gestanden, so war ich ihm das wie meiner Mutter schuldig. Von Bonn aus schrieb ich dann an Vater Wiebel und teilte ihm meine Bitte mit. Am 19. 12. erhielt ich seine Zusage, und am 30. 12. 76 fuhr ich von Bonn nach Elberfeld, wo beider Herzen einander entgegenschlugen. Auch ohne vorherige Worte, waren wir bald ein glücklich Brautpaar. Das war Sonnenschein nach viel Schwerem der vergangenen Jahre, und der ist mir geblieben nun schon 39 Jahre. Mögen Wolken drüber hingegangen sein, meine Sonne ist mir Gottseidank bis jetzt nicht untergegangen.

sorry, alt text is missing

Abbildung 9 Verlobungsbild von Meta Wiebel und Friedrich W.B. Höhndorf

Nach unserer Verlobung etwa um 3 Uhr machten wir noch einen Spaziergang und durften unser Glück dem 1. Pastor Neviandt, dem wir begegneten, mitteilen. Neujahr waren wir zusammen in Düsseldorf. Ich war in das Presbyterium der evangel. Gemeinde als Diakon gewählt und wurde mit andern an dem Tage in das Amt im Hauptgottesdienst eingeführt.

Seit Neujahr übernahm ich die Diakonenstelle an unserer Gemeinde, die mir viel zu schaffen macht und für die ich noch viel mehr tun möchte. Ich übernahm die Wahl, weil ich in der nächsten Zeit, wo die hiesige Gemeinde sich in mancher Beziehung entwickeln wird, gerne im Presbyterium bin, dann aber besonders, weil ich glaubte, dadurch Kreise unserer Bevölkerung kennenzulernen, denen ich bisher gänzlich fremd gegenüberstand, mit Verhältnisseen bekanntzuwerden und Erfahrungen zu sammeln, die mir bei Übernahme eines Pfarramtes von größter Wichtigkeit sein könnten.

In dem lieben Wiebelschen Hause war ich ganz als Sohn aufgenommen, und ich fand, was ich oft schmerzlich entbehrt, in Vater Wiebel einen Vater und in Mutter W. eine zweite Mutter, die mir ihre Liebe bis an ihr Ende ungetrübt bewahrt haben.

Seit Jahren habe ich nicht so in Unruhe und Hast gelebt, wie in diesem letzten Wochen, und jeder von euch würde mich bedauern, wenn ich all die Arbeit und Freuden (meist in Gestalt von Gesellschaften) aufzählen sollte, die ich in dieser Woche zu leisten und zu leiden habe. Dabei wird es einem oft so öd im Kopfe, dass man nicht weiß, ob man's selber ist oder nicht. Nicht wahr, jämmerliches Klagen eines glücklichen Bräutigams! Glücklich ist er von Herzen, und die wenigen stillen Stunden, die ich zuweilen mit meiner lieben Braut haben darf, sind das, was mich davor bewahrt, ganz öde zu werden, was helle Sonnenstrahlen über das sonst so unerquickliche gegenwärtige Leben verbreitet. Ich fange an zu fühlen, was für einen jungen Mann Überarbeitung und Zerstreuung ist, welch gefährliche Feinde, und wie uns stille Stunden der Sammlung, ernste wissenschaftliche Arbeit, idealere Anregung nötig sind, um uns vor Verflachung und Veräußerlichung zu bewahren. Ich bekomme jetzt wohl einmal die Sehnsucht nach einer stillen Landpfarre, wo ich mit meiner Meta leben könnte. Ginge meine jetzige Arbeit und Unruhe mit in meine Ehe hinein, so würde meine Frau wenig von mir haben. 

In den Weihnachtsferien waren wir noch mit Vater W. in Bonn bei Onkel und Tante, dann aber begann für mich eine Zeit des Reisens, wöchentlich ein- oder zweimal nach Elberfeld.

Home Nach oben 1870 Tübingen 1871 1871/72 1873 1873/74 1875 1876 1877 1878 1879


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04