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Im Februar war meine liebe Braut einige Zeit bei uns in Düsseldorf, in den Osterferien ich in Elberfeld, so gab es viel Zusammensein und kurze Trennungen. Ostern schon meinte Vater Wiebel, die Unruhe sei ihm bis zum Herbst, in dem unsere Hochzeit geplant war, zu viel - so wurde sie auf Himmelfahrt, den 10. Mai festgesetzt und damit unser beider Wunsch erfüllt.

Ich könnte anfangen mit einem Loblied meines jetzigen Zustandes wie Karsch es getan (der zur gleichen Zeit wie wir geheiratet hatte), mag's auch nicht ganz unterlassen zu sagen, wie fröhlich ich bin, seit ich am Himmelfahrtstage Hochzeit gefeiert habe.... Seit ich selbst verheiratet bin, habe ich noch eine ganz andere Anschauung von Gregor VII und ähnlichen Heiligen bekommen als vorher. Und soll ich noch einen guten Rat für diejenigen hinzufügen, die noch vor dem wichtigen Schritte stehen, so vor allem: Vorsicht! Ich kann mir, je gnädiger in der Beziehung mich Gott geführt hat, nichts Traurigeres denken, als eine Ehe, wo Mann und Frau nicht ganz harmonieren in der Hauptsache. Ich kann mir jetzt aus dem Gegensatz erst denken, was es heißt: eine unglückliche Ehe. Mancher hat sich wohl vor meiner Verlobung gewundert, wie naiv unverschämt ich meine liebe Frau damals angesehen - nicht äußerlich (ich wusste kaum, wie sie eigentlich aussah, als ich mich verlobte) - aber innerlich. Darin mache jeder es gerade so - er wird es nicht bereuen. Unsere moderne Prüderie im Verkehr beider Geschlechter ist der Anfang mancher unglücklichen Ehe in unseren sogenannten besseren Ständen Das andere: Kein langer Brautstand, ich glaube der taugt nichts, wenn einer so steht wie ich; dass der Verlobungstag eigentlich wichtiger ist als der Hochzeitstag. Die Verlobungszeit ist oder soll sein keine Probezeit, die sollte vorhergehen. Dann endlich wünsche ich jedem eine so nette Hochzeitsreise, wie wir sie hatten. Ich bin sonst sehr für Reisen, da aber nicht! Wir gingen am Tag nach der Hochzeit auf ein kleines Landhaus der Großmutter meiner Frau, bei Bremen reizend gelegen. Dort verlebten wir ganz ungestört acht herrliche Tage miteinander.....

Da ich erst am 9. Mai nachmittags nach Elberfeld kommen konnte und da schon viele Hochzeitsgäste da waren, wurde die zivile Eheschließung vor dem Standesamt schon Samstag, den 5. Mai vollzogen. Die Trauung fand im Hause der Eltern in der Lucasstraße statt. Herr Pastor Neviandt vollzog die Trauung. Das Hochzeitsessen war ebenfalls im Elternhause, glücklicherweise nicht im Hotel, das erhöhte die Gemütlichkeit und bewahrte den Charakter eines Familienfestes. Unter den Gästen waren leider keine meiner nächsten Freunde, des Tages halber - nur Paul Siebold, der damals im Barmer Missionshaus war. Von den Gästen erwähne ich besonders Metas Großmutter aus Bremen und ihre drei Töchter, Tante Minna, Frau Johannsen und Tante Adelheid. Meine Mutter, Paul und Tante Pauline, Herrn und Frau Zander aus Gütersloh, F. Lampe, Schwester von Ali und Gust. Lampe und Hanna Heidrick, eine der wenigen, die noch leben. Am Abend fuhren wir mit dem Wagen nach Schwelm zum Bahnhof - Schwager Fritz stand auf der Gartenmauer und winkte mit einem Tischtuch uns zum Abschied, ich glaube, es war uns bei dem Abschied nicht sehr traurig zumute. Wir blieben am Abend in Hagen im Hotel Lünenschloss, am anderen Morgen fuhren wir nach Bremen und dem Grohn. Da hatten wir im kleinen Landhaus der Großmutter Voget acht köstliche Tage. Die alte, damals noch junge Marie sorgte trefflich für unsere leibliche Verpflegung, ohne dass wir uns um etwas zu kümmern brauchten. Das liebe Häuschen der Großmutter mit der Aufschrift "Gott der Herr ist Sonne und Schild" ist uns daher immer besonders lieb geblieben. Oft sind wir noch dort eingekehrt und haben viel Liebe dort genossen. Samstag vor Pfingsten fuhren wir die Nacht durch nach Bonn zu Onkel und Tante und zogen dann wohl am Mittwoch in unser eigenes Heim ein, Karl-Anton-Str. 17. Mutter Wiebel hatte es uns traulich eingerichtet: vier Stuben, Wohnzimmer, meine Stube, Schlafzimmer und Fremdenzimmerchen. Die beiden Mütter empfingen uns, hatten uns den Teetisch gedeckt, verschwanden aber bald nach herzlicher Begrüßung, um uns dem ungestörten Genuss des eigenen Heims zu überlassen: Seelige Zeit !

Ehe ich weiter von unserem gemeinsamen Leben erzähle, einiges über die Familien Wiebel und Voget. Vater Wiebel stammt von Barmen, sein Vater war Buchbindermeister in Barmen-Wupperfeld. Seine Mutter, eine geborene Klein aus Elberfeld, Tochter eines Maurermeisters. Die Eltern waren gutgesehene Bürgersleute. Vater Wiebel, Ferdinand, war der Älteste von 6 Geschwistern, er besuchte die Volksschule. Der Vater hielt strenge Zucht in seinem Hause, aber seine ernst-christliche Stellung war kein Erbteil seines Elternhauses. Nach der Schulzeit kam er in die Lehre zu einem Kaufmann, während der Lehrzeit bereitete er sich auf das Einjährige Examen vor, das er bestand - ein Zeichen seines strebsamen Sinnes und seiner geistigen Fähigkeiten. Später war er Reisender bei der Firma Neviandt & Pfleiderer in Mettmann. Er kam auf seinen Reisen im Postwagen durch ganz Norddeutschland und Holland. Er diente einjährig in Düsseldorf und wurde hier mit einem Kameraden, dem Ingenieur Friedrich Voget aus Bremen, befreundet. Er kam dann durch ihn, den ältesten Bruder seiner späteren Frau in das Haus der Frau Dr. Voget in Bremen, die dort zu den ernst-christlichen Kreisen gehörte und zu der er sich dadurch hingezogen fühlte. Wo und durch wen Vater zuerst tiefere christliche Eindrücke empfangen hat, weiß ich nicht. Er hatte jedenfalls auf seinen Reisen hin und her das Streben, die "Stillen im Lande" aufzusuchen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, so in Kassel, Mühlhausen in Thür., Leipzig, Frankfurt/Oder, so auch in Bremen. Frau Dr. Voget war nicht nur eine tiefgegründete Christin, sondern auch eine geistig bedeutende Frau, die von vielen hervorragenden Geistlichen gerne aufgesucht wurde. Ihr Einfluss machte sich auch auf Vater W. geltend - die älteste Tochter war damals in London in dem Hause des Bremer Kaufmanns Meinertshagen als Gesellschafterin der Tochter. Bei späteren Besuchen in dem Vogetschen Hause lernte Vater sie kennen. Sie mochte ihn zuerst nicht, er war ihr zu ernst. Metas jüngere Schwester Minna, die als Mädchen sehr lustig und witzig war, neckte ihn oft, aber doch gewann er Metas Herz und verlobte sich mit ihr im Herbste 1851, und nachdem er in der Brautzeit von 1 1/2 Jahren 23mal in Bremen eingekehrt war, fand am 5. Mai 1853 die Hochzeit statt.

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3 Jahre später, 1856, Ferdinand Wiebel und Margarethe geb. Voget mit Hanni links und Meta rechts

Das junge Ehepaar zog zuerst nach Mettmann, sie lebten in sehr einfachen kleinen Verhältnissen. Dort ist Mutter geboren am 2. Februar 1854. Im Sommer 1854 aber zogen die Eltern W. nach Elberfeld, wo Vater mit einem Herrn Hugo Baum ein selbständiges Geschäft anfing. Herr Baum gab das Geld und Vater den Verstand und Geschäftserfahrung dazu her. Doch behielt er zu Pfleiderers und Neviandts dauernd freundschaftliche Beziehungen. Die einzige Tochter des alten Herrn Pfleiderer heiratete einen Württemberger, Herrn Herzog, der später das Geschäft übernahm. Mit der Familie Herzog blieben die Eltern und wir stets eng befreundet. Der zweite Sohn war in Düsseldorf unser Pensionär, jetzt Kaufmann in Rheydt, der jüngere ist Elektrotechniker in Bethel, Willi war mit ihm zusammen im Hauptquartier in Charleville. Die Frau Herzog ist jetzt während des Krieges erst gestorben. Ihre Tochter Lulie ist die Frau des Pastor Weigle in Essen, die Fritz vielleicht kennt oder kennenlernt. 1856 oder 57 wurde in Elberfeld die Freie Evang. Gemeinde gegründet. An der reformierten Gemeinde war der Sohn des alten H. Neviandt in Mettmann als Pastor oder Hilfspastor angestellt. Da erhoben sich Streitigkeiten wegen Kirchenzuchtsfragen - ich glaube es handelte sich um einen unwürdigen Presbyter - das bewog Pastor Neviandt, aus der Gemeinde auszutreten, und in Verbindung mit seinem frommen und energischen Schwager, dem Kaufmann Grafe (dem Vater des Bonner Prof. Grafe) gründete er mit Gleichgesinnten die freie evang. Gemeinde. Herr Grafe war und blieb, solange er lebte, das hervorragendste Glied der Gemeinde, in verschiedener Beziehung ihr Halt und Führer. Pastor Neviandt aber wurde ihr Geistlicher, der weit über die engen Grenzen seiner Gemeinde hinaus großen Einfluss ausübte und mit den Geistlichen in der Kirche auch brüderliche Gemeinschaft hatte. Die Gemeinde, die sich später auch in Barmen ausbreitete und in Elberfeld und Barmen Versammlungshäuser und Geistliche hat, steht in der Lehre auf reform. Standpunkt. Nur in der Frage der Kindertaufe hat sie keine fest Stellung, weil eine Anzahl baptistisch gesinnter Glieder ihr beitraten. So ließen viele Mitglieder ihre Kinder taufen, andere nicht.

Vater Wiebel trat gleich der Gemeinde bei und ist ihr bis an sein Ende treu geblieben, war ein wertvolles Glied derselben, weil er sektiererisch gerichteten Elementen gegenüber immer ein Gegengewicht bildete. Im Grunde war er kein Sektierer, stand in freundschaftlichem Verhältnis zu manchem Geistlichen aus der Landeskirche und hat seine Kinder von Geistlichen der Landeskirche taufen lassen. Aber sie wurden nicht konfirmiert. Sie empfingen von Past. Neviandt entsprechenden Religionsunterricht - die beiden ältesten Töchter waren später Abendmahlsgäste in der Gemeinde, keins von den Kinder aber ist der Gemeinde beigetreten.

Nachdem Vater W. einige Jahre mit Herrn Baum zusammen gearbeitet hatte, trennten sie sich, und Vater führte das Agentur- und Kommissionsgeschäft alleine weiter. Er vertrat außer anderen namentlich die Kammgarnfabrik in Bietigheim und die Schappefabrik von Phil. Sonntag in Waldkirch in Baden.

Die Eltern W. wohnten damals in zwei verschiedenen Häusern der Hofaue in Mietwohnungen. Als Vater aber im Anfang der 70er Jahre glänzende Geschäfte gemacht hatte, kaufte er im Jahre 1873 oder 74 ein eigenes Haus in der Lucasstraße.

Vater war in Elberfeld als Geschäftsmann wegen seiner unbedingten Zuverlässigkeit sehr angesehen, und das hat ihn auch in seinem gesellschaftlichen Leben gefördert.

Das Wiebelsche Haus war sehr gastfrei - die Eltern hatten oft Gäste aus aller Welt zum Logieren, und auch die Freunde aus dem Tal waren gerne in dem gastlichen Haus. Dabei ging es immer in mässigen Grenzen her, aber Mutter W. hatte Freude daran, alles gut und fein herzurichten.

Vater suchte keine Freuden außer dem Hause, Konzerte und Theater besuchte er nicht, aber er war ein großer Freund der klassischen Musik und spielte gern mit den Töchtern vierhändig.
Ebenso groß war seine Freude an der Natur. Er reiste selten zu seinem Vergnügen - dann und wann zu Calvinos führte ihn sein Weg über die Alpen - seine stete Freude aber war es, mit den Kindern über die Berge zu wandern, und die schönen Wälder auf den Höhen um Elberfeld und Barmen hat er besonders im Frühling viel durchstreift bis in sein hohes Alter. Er lebte sehr regelmäßig und mäßig und hat dadurch seine Gesundheit erhalten. Er war immer gesund, brauchte keine Badereisen - aber wenn möglich täglich badete er im schönen Elberfelder Schwimmbad. Unmäßig war er nur im Rauchen, das ihm mehrmals Nikotinvergiftung einbrachte.

Vater W. war wie gesagt der Älteste von 6 Geschwistern. Seine älteste Schwester war verheiratet an den Rentmeister Wagner in Bodelschwingh bei Dortmund. Drei ihrer Söhne sind früh gestorben, eine Tochter lebt als Witwe in Werden, eine zweite Tochter Marie ist verheiratet an den Kaufmann Kampmann in Werden, ein sehr netter christlicher Mann.

Eine zweite Schwester von Vater, Laura, war sehr leichtsinnig und hat Vater viel Leid und Sorge bereitet. Sie ließ sich mit einem Fabrikarbeiter Dahlmann in Barmen ein, heiratete diesen. Er war in seinem Stand ein fleißiger, ordentlicher Mann, starb aber früh und ließ die Frau mit 5 Kindern zurück. Der älteste Sohn Fritz ist Tischler in Barmen, das zweite Kind, Laura, die sich redlich und ordentlich durchgeschlagen hat, ist lange nach Mutters Tod bei Vater Wiebel gewesen und hat ihm die Haushaltung geführt. Sie ist uns und allen Wiebelschen Kindern befreundet und von allen geschätzt. Die Brüder Alfred, Ernst und Ewald sind Fabrikarbeiter in Barmen, aber alle drei nicht in guten Verhältnissen - aus verschiedenen Gründen. Nach dem Tode ihres Vaters konnten die 5 Kinder nicht bei der Mutter bleiben. Vater W. veranlasste, dass sie im Barmer Waisenhaus erzogen wurden und hat große pekuniäre Opfer für sie gebracht.

Das dritte der Geschwister von Vater war Julius. Er war Kaufmann in Köln, ein Sonderling, der seine Frau durch seine Eigenheiten sehr quälte. Sie lebt jetzt als Witwe in Herford, die Tante Emilie, die Kurt kennt.

Der Vierte, Emil, war Buchbinder in Barmen. Er hatte das väterliche Geschäft, blieb unverheiratet, war auch ein wunderlicher Kauz, der keinen Verkehr mit dem Wiebelschen Haus in Elberfeld hatte.

Das jüngste der Geschwister, Adele, starb 15 Jahre alt im Jahr 1858.

Vaters Vater starb 1859, darauf nahm Vater seine Mutter zu sich, sie war mehrere Jahre in seinem Hause auf der Hofaue, ging dann zu ihrer Tochter Wagner nach Bodelschwingh,, wo sie 1866 oder 67 starb. Über die Familie Wiebel hat mein Schwager Hermann Nachforschungen angestellt. Von ihren Resultaten ist mir aber nichts bekannt geworden.

Über die Familie der Mutter Wiebel, die Vogets, kann ich mich kürzer fassen, da der Stammbaum der Familie Lampe darüber Aufschluss gibt. Ich verweise auf Tafel 6, Spalte 9, Nr. 3 - Tafel 10 und die Tafeln 23, 24 und 25.

Mutter Wiebels Vater stammt aus Urmund (wo das?). Er war der Älteste von 25 Geschwistern von 2 Frauen des Vaters. Er starb nach 14jähriger Ehe schon mit 44 Jahren und hinterließ seine Frau mit 8 Kindern, das älteste 11 Jahre, das jüngste 4 Monate alt. Sie hat sich oft durch große Not in starkem Gottvertrauen und klugem Sinn durchgearbeitet - später hat sie durch Erbschaft Erleichterung erfahren, ist aber nie zu Schanden, vielen aber zum Segen geworden. Es gehört für mich zu den liebsten Erinnerungen und ist mir ein Segen gewesen, dass ich sie noch habe kennengelernt. Sie war bei unserer Hochzeit, hat Fritz über die Taufe gehalten als Urgroßmutter, und wir waren mehrmals bei ihr auf dem Grohn. Sie war immer fröhlich und dankbar. Ihre Freude war es, anderen Liebes zu erweisen. Der Wahlspruch ihres Lebens stand an ihrem Häuschen auf dem Grohn: "Gott der Herr ist Sonne und Schild". Das haben sie und ihre Kinder erfahren.

Ihr Bruder war Senator Hermann Lampe in Bremen, der Vater von Albrecht Lampe in Genua und Gustav Lampe in Neapel. Auch in seinem Hause durften wir öfter einkehren. Er war gelähmt, wurde im Stuhl gefahren, dabei geistig rege und tätig, seine Freunde zu necken.

Von Dr. Vogets vielen Geschwistern erwähne ich einige, von denen ich weiß:

Ein Bruder war der Vater von Pastor Friedr. Voget in Emden, später Superintendent in Lingen, der Vater von Karlchen Voget und seinen Brüdern, dem Zahnarzt und dem Oberlehrer in Berlin, diese also Nachgeschwisterkinder oder Vettern zweiten Grades mit eurer Mutter.

Ein Bruder wohnte in Jüchen, dessen Sohn Julius, früher im Merkelschen Geschäft in Elberfeld, dann Agent in Berlin war. Seine Tochter ist Käthe Voget , die früher bei uns war, dann Lehrerin in China.

Eine Schwester von Dr. Voget war verheiratet mit einem Pastor Angener in Ostfriesland, dessen Sohn war der Superintendent Angener in Aurich, der öfter in Elberfeld bei den Eltern und bei uns in Düsseldorf war. Sein Sohn wieder, Hans Angener, Kaufmann in Bremen, der mit Erich bei Herrn Henke in der Lehre war. Eine Tochter des alten Pastor Angener, Schwester von Superintendent Angener, war Frau Karl Schlunk, die Mutter von Frau Henke in Bremen und deren Brüder Schlunk, die Erich kennt. So sind sie mit den Vogets verwandt, wenn auch weitläufig.

Ein weiterer Bruder Dr. Vogets war Pastor in Hinte in Ostfriesland. Von ihm stammen die beiden Fräulein Charlotte und Johanna Voget ab, die in Bremen wohnen und mit den Tanten Minna und Adelheid, ihren Cousinen, verkehren. Einer der jüngsten Brüder oder der jüngste aus der zweiten Ehe wohnte zu unserer Zeit in Düsseldorf, war Holzbildhauer, hatte einen Sohn, der Fotograf wurde. Wir waren öfter in seinem Hause.

Sehr bald nach unserem Einzug ins eigene Heim fing das an, ein Taubenschlag zu werden, wo die Gäste ein und aus gingen, manchmal etwas viel, dass wir uns auch nach traulichem Alleinsein sehnten, meist aber eine Bereicherung unseres Lebens.

Der erste Besuch war Großmutter Voget auf ihrer Heimreise von Elberfeld nach Bremen, von anderen erwähne ich aus dem ersten Jahr: P. Nicolet aus Belgien, ein alter, lieber Herr, der oft und gerne bei uns einkehrte, ein Freund des Wiebelschen Hauses. Sein Sohn ist ein nicht unberühmter Maler geworden. Dann Wilh. und Hermann Graeber und Aug. Schmitz, Anfang August Onkel Bernhard und Tante Pauline mit ihrem treuen Jacob, der die fehlende Bedienung ersetzte. Ein Dienstmädchen hatten wir nicht, später eine Aufwartung - Traudchen schrecklichen Andenkens -, ein Bild der Hässlichkeit und von unbesiegbarer Störrischkeit, die wir aus Barmherzigkeit engagiert hatten. Als der kleine Fritz geboren wurde, sah das Kind ihr zum Erschrecken ähnlich, Zum Glück verlor sich die Ähnlichkeit bald und er wurde noch ein leidlich aussehender Mensch.

Bald nach dem Besuch von Onkel und Tante kamen Herr und Frau Lejeune aus Manchester auf ihrer Hochzeitsreise zu uns. Das waren köstliche Tage der zwei jungen Ehepaare, die sich gut verstanden und sich gegenseitig am Glück des anderen freuten. Frau Lejeune kennen die Töchter ja, er ist leider allzu früh gestorben, war ein feiner Mensch, der mir wie wenige sympathisch war.

In den Herbstferien vom 18. August bis 24. September reisten wir zusammen nach Gütersloh zu Zanders, dann nach Pyrmont, wo meine Mutter im Bade war, nach Hannover und Bremen, und hatten schöne Ferienwochen mit der Großmutter und den Tanten auf dem lieben Grohn.

Während der Reise trat ein für mich sehr bedeutungsvolles Ereignis ein. Mein Direktor Ostendorf starb, sein Nachfolger Boettcher war in vieler Beziehung das Gegenteil von ihm. So tüchtig und liebenswürdig gegen seine Lehrer Direktor O. war, so wenig war es sein Nachfolger. Bald gab es allerlei Schwierigkeiten, und das Verhältnis zu ihm hat stark dazu beigetragen, in mir den Wunsch rege zu machen, aus den Düsseldorfer Verhältnissen herauszukommen. Dazu kamen die vorher schon dargelegten Verhältnisse, und so reifte in mir der Entschluss, nicht an eine andere Schule, sondern in ein Pfarramt zu gehen. Es sollte freilich noch vier Jahre dauern, bis der Wunsch erfüllt wurde. Ich habe in den Jahren an manchen Orten eine Probepredigt gehalten - aber immer wieder vergeblich! Meine schnelle Zunge, vielleicht auch die zu wenig praktische Art des Predigens werden schuld daran gewesen sein. Ich hatte ja nie im Leben Gelegenheit gehabt, mit dem Volk zu verkehren, dazu die ausschließliche Lehrtätigkeit, so hatten die Predigten wohl zu dozierenden Ton, waren wohl auch meist zu lang. Wie dem auch sei, der Weg in ein Pfarramt im Westen blieb mir verschlossen, und Gott führte mich wunderbarerweise in die Provinz Sachsen in die Heimat meines Vaters zurück.

Der Gedanke an das Pfarramt liegt mir jetzt viel näher als früher. Ich bin mein Schulamt nicht leid, doch befriedigt es mich nicht so, wie ich möchte, weil der persönliche Verkehr mit den Schülern ganz fehlt und dadurch das beste Mittel zur Einwirkung. Ich weiß nicht, wie weit meine Tätigkeit einen bleibenden Segen hat. Je mehr ich in das praktische Leben hineinsehe, umso mehr lerne ich auch bei den Pastoren, das Hauptgewicht nicht auf ihre Predigten, sondern ihre Tätigkeit unter der Kanzel zu legen. Und da ist es mir im Blick auf ein etwaiges Pfarramt ein Trost. Denn wenn es mir für meine Kräfte und Gaben nicht einleuchten will, dass ich für eine Kanzel befähigt sei, so hat jene Tätigkeit unter der Kanzel die Treue zu ihrem Fundament, und die lässt sich von jedem verschaffen. Wir kennen jeden Weg dazu.

Mir liegen Gedanken, nicht nur Pfarrer (für die Düsseldorfer Gemeinde) zu wählen, sondern mich selbst wählen zu lassen, jetzt ziemlich nahe, nur fehlen die mich Wählenden noch. Ein Motiv mehr, mir den Abschied hier zu erleichtern, scheint unser neuer Direktor Dr. Boettcher zu sein. Wenn er sich nicht noch ändert, gefällt er mir nicht, burschikos und rücksichtslos in Schulangelegenheiten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04