1878


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Anfang März 1878 nahmen wir in Erwartung eines kleinen Weltbürgers statt der Aufwartung ein Dienstmädchen. Das war Luise Hoffmann aus Düsseldorf, die später den Modelltischlermeister Renard geheiratet hat und bis auf den heutigen Tag mit uns in Verbindung steht. Fritz und mehrere Geschwister kennen sie ja.

Am 23. März wurde unser Erster geboren, ein zartes, elendes Kind, so dass die beiden Großmütter nicht glaubten, dass wir ihn behalten würden. Aber unter treuer, sorgsamer Pflege erstarkte er allmählich, und unsere Elternfreude war dadurch nicht gestört, da wir - ob in unserem Unverstand? - so trübe Sorgen nicht hatten. Aber seine arme Mutter hatte lange und schwer zu leiden, namentlich unter einer schlimmen Brust. Bis in den April hinein pflegte sie ihre treue Mutter, so genas sie allmählich, sodass wir zur silbernen Hochzeit der Eltern am 5. Mai nach Elberfeld reisen konnten. Meta war aber so leicht geworden, dass ich sie auf dem Arme treppauf und treppab tragen konnte.

Vor der silbernen Hochzeit kam Hanni Calvino mit ihrem vier Monate alten Paolino aus den Waldensertälern zu uns. Vater Wiebel kam zu uns nach Düsseldorf, da wurde der Korb von dem Untergestell des Kinderwagens abgeschraubt und stattdessen ein großes Osterei - aus Drähten und Leinwand hergestellt - darauf befestigt. In dem Ei lagen die beiden Vettern. Der Großvater wusste nicht, dass die Italiener da waren. Er saß in der Wohnstube. Da rollte der Wagen mit dem Ei herein mit großem Plakat "Sieh da, der Enkel zwei in einem Osterei !" Und dann erschien auch die glückliche Mutter, und wir feierten frohes Wiedersehen.

Das Wichtigste aus meinem Leben ist die Geburt meines Söhnleins, eine Ursache vieler bitterer Stunden, aber auch vieler Freuden. Wir haben viel gelitten durch ernste Sorge um das Leben meiner lieben Frau, die von immer wiederkehrenden heftigen Fiebern bis zur Erschöpfung ermattet war. Und doch sind auch solche Zeiten und gerade sie von spürbarem Segen. Das habe ich auch dieses Mal erfahren dürfen. Der Kleine gedieh jetzt zu aller Freude. Pönsgen hat wohl recht, dass es eine selige Freude ist, solch kleines Wesen sein zu nennen, es hegen und pflegen, es lieben und für es beten zu dürfen. Ich glaube, auch ein Kinderfeind muss an dem eigenen Kinde eine innige Freude haben. Am 15. Mai war bei uns in Düsseldorf die Taufe, zu der Urgroßmutter Voget gekommen war. Sie hielt den zweiten Urenkel über die Taufe. Auch Onkel Bernhard und Tante Pauline waren zur Taufe gekommen. Pastor Blech taufte den kleinen Fritz. Tante Minna war dann noch länger bei uns, Meta und den kleinen Großneffen zu pflegen und sich an ihm zu freuen.

Pfingsten war ich dann mit Frau und Kind in Bonn bei Onkel und Tante, wo wir mit Natalie v.d. Becke zusammen waren und sie und Meta sich kennenlernten. Mutter war im Juli nach der Klus zwischen Minden und Brückenberg gegangen. Da tat Meta ihr und mir den Liebesdienst, am 12. August auf einige Wochen mit dem Kinde zu ihr zu gehen, keine kleine Aufgabe, da Mutter sehr leidend und oft schwer zu behandeln war. Ich reiste als ungetreuer aber erholungsbedürftiger Ehemann mit Aug. Schmitz in die Schweiz. Diese Ferienreise nach der Schweiz und den nordital. Seen ist das Wichtigste in meinem Erleben. Solche Ferienfußtour ist doch von irdischen Genüssen wohl eine der schönsten Gottesgaben, und ich bedaure viele, die solche Genüsse so leicht haben könnten und stattdessen so viel niedrigere Freuden vorziehen. Von unserem Gehalt von 3 160 Mark incl. Wohnung war das auch damals nicht möglich. Ich hatte aber im Sommer durch Privatstunden 330 Mark verdient, sodass ich nicht nur manches anschaffen, sondern auch mir die Reise erlauben konnte. Dazu gaben Tante und Paul mir freundlicherweise einen Zuschuss zur Reise. Ich fuhr den Rhein herauf nach Basel, Zürich, dann an den Wattensee, Horgen, Rappenwyl, dann nach Ragatz, Pfäffers, Taminaschlucht, nach Chur, wo ich mit Aug. Schmitz zusammentraf. Er hatte eher Ferien bekommen und war schon im oberen Rheintal gewesen. Die Tage des Alleinreisens hatten mir aufs neue klargemacht, dass ich fürs Alleinreisen nicht geschaffen war und ich die Herrlichkeiten der Natur doppelt genoss, wenn ich mit anderen die Freude teilen und mich aussprechen konnte. So ist darin auch ein Grund, dass ich, soweit ich eben konnte, nicht ohne meine liebe Frau reisen mochte, soweit ich es nicht musste.

Von Chur ging es durch das Rheintal nach Thusis, von da auf der Via Mala ein Stück hin und zurück, dann über den St.-Lynpass nach Tiefenkasten, über den Albula, an Bergün vorbei nach Ponte und Pontresina im Oberengadin, einem der herrlichsten Gebiete in der Schweiz. Das liegt schon so hoch wie der Rigi, und man ist dort mitten in der Hochgebirgs- und Gletscherwelt. Heut geht auch dahin die Bahn, und es ist ein Treffpunkt der vornehmen Welt im Winter wie im Sommer. Weiter über St. Moritz (berühmtes Bad), Silvaplana, längs des Silvaplaner und Silzer Sees über den Malojapass ins Bergell nach Chiavenna hinab. Mit der Post nach Colico am Nordende des Comersees, mit dem Dampfschiff nach Bellagio, Villa Charlotta mit den herrlichen Gärten und Bildwerken von Canova, und endlich nach Como, wo wir Paul Calvino trafen. Er überredete uns freundlich, am nächsten Tage mit ihm über Mailand und Turin nach Rio Croz in die Waldensertäler zu gehen, wo Hanni mit ihrem Paolino bei ihren Schwiegereltern zur Sommerfrische weilte. Da haben wir schöne Tage verlebt, und ich habe von Hanni und ihren Verwandten viel Liebe erfahren. Wir sind uns damals recht nahe gekommen, und die alte Sympathie ist auch durch die furchtbare Gegenwart und ihre Stellung zum Krieg Italiens gegen Deutschland nicht erloschen. - Die alten Onkels Calvino, Brüder ihres Schwiegervaters, wussten nicht, was sie uns zuliebe antun sollten, einfache Bauersleute, deren ganzer Stolz "Hanni" war.
Dann ging es über Turin zum Lago Maggiore, Palanza, Isola Bella, Bellinzona, wo die Bahn aufhörte, mit der Post nach Faido, zu Fuß über den Gotthard und dann von Luzern heim zu Weib und Kind. Ich kann keine ausführliche Beschreibung der schönen Reise geben, es war eine der schönsten Schweizerreisen, die ich gemacht habe. Viele Orte habe ich mit Meta wieder besuchen dürfen, leider sind wir zusammen nie in die Ob. Schweiz gekommen. Wer von meinen Kindern wird einmal auf den gleichen Wegen wandern? Hoffentlich dann mit so frohem Sinn und ungetrübtem Genuss - und so wenig Mitteln - wie ich damals.

Am 1. Oktober 1878 hörte unser idyllisches Alleinsein auf, wir bekamen einen Pensionär, Hans Prieger, aus Bonn. Durch Prof. Krafft kam er zu uns. Seine Eltern hatten eine prachtvolle Villa an der Koblenzer Straße, hatten aber den Kummer, dass ihr Hans nicht dazu zu bringen war, das Nötige zu lernen, um das Einjährige zu machen. Er war so groß wie ich, wohl schon 18 oder 19 Jahre alt, ein tadelloser Turner, Schwimmer, Reiter etc., aber zum Caesar u. ä. war er nicht zu bringen. Er hatte allerlei mathematische Probleme im Kopf, die er zu lösen versuchte, kamen diese Gedanken über ihn, so war alles Lernen unmöglich. So kam er in der Schule nicht fort, und die Eltern sahen die Gefahr als Gespenst vor sich, dass ihr Sohn drei Jahre dienen musste. Das schreckte ihn aber wenig. Ich versuchte, ihn zum Arbeiten zu bringen, habe täglich stundenlang mit ihm gearbeitet. Das war eine Freude, solange er nicht seinen Rappel hatte, er war liebenswürdig und willig. Kam es aber über ihn, war alle Mühe vergeblich. Er wurde uns ein lieber Hausgenosse, ein guter Freund des kleinen Fritz, aber nach 1/2 Jahr zeigte sich das Vergebliche meines Bemühens, und er kehrte nach Bonn zurück. Er ist später aufgrund der Bescheinigung eines Nervenarztes als geistig nicht normal vom Dienen freigekommen. Was wohl aus ihm geworden sein mag?

Vom 1. Oktober an diente unser Bruder und Schwager Fritz Wiebel in Düsseldorf als Einjähriger und war viel bei uns im Hause, ein stets willkommener Gast, der mit seinem damals fröhlichen, oft witzigen Wesen uns erfreute, und für ihn war in der öden Dienstzeit das Geschwisterhaus eine angenehme Bereicherung seines Lebens. Die gegenseitige Zuneigung zwischen ihm und uns ist bis an sein Ende uns geblieben, mehrere unserer Kinder haben ihn später noch kennengelernt, besonders Erich, der mit ihm gearbeitet hat.

Im Oktober 1878 hatten wir den Besuch von Frl. Marie von Baerle (Gästebuch). Sie war die Braut des früh verstorbenen Bruders der Mutter Wiebel gewesen, des Jugendfreundes des Vaters, Friedrich Voget. Nach dem Tode ihres Bräutigams hielt sie sich immer zur Familie der Eltern als eine Dazugehörige, obwohl sie eine Katholikin war - aber eine fromme Seele, die für alle Familienmitglieder Interesse und Liebe hatte. Das Andenken an die "Tante Mariechen" ist mir immer besonders lieb gewesen, zugleich wehmütig in dem traurigen Bewusstsein, dass heute ein solches Verhältnis zu einer strengen Katholikin kaum möglich sein würde. Wie haben sich die Zeiten gewandelt!

Ein Punkt, der mich in letzter Zeit öfters beschäftigt hat, ist die Frage, wie die Hausandacht am besten einzurichten sei, wie dabei die Hl. Schrift am fruchtbarsten verwertet wird. Ich habe daher stets nur einen Bibelabschnitt gelesen, ohne mir aber zu verhehlen, dass meist wenig davon haften bleibt für den kommenden Tag, weil die Fülle der Gedanken zu rasch, oft unverstanden und unerwogen an unserer Seele vorübergeht.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04