1879


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Anfang Mai 1879 kam der Sohn von Herrn Herzog in Mettmann, Rudolf, als Pensionär in unser Haus. Er ist der ältere Bruder von dem Ingenieur Joh. Herzog in Bethel. Rudolf hat das Realgymnasium besucht, bedurfte in seinen Arbeiten aber sehr der Aufsicht und Nachhilfe. Er hat mir viel Mühe gemacht, auch in Bezug auf seine Erziehung. Er blieb bei uns, bis wir 1881 nach Treffurt zogen. Ob meine Arbeit an ihm und Metas Einfluss von Nutzen für ihn waren? Er lebt heute in Rheydt als Kaufmann, wir haben ihn einmal besucht, als wir (bei Fritzens Hochzeit?) in Gladbach waren. Von Mai bis 18. Juni war ein Engländer, Herr Le Feuvre, in unserem Hause, und Deutsch zu lernen, hat aber wenig profitiert.

Das Wichtigste ist für mein Haus die Geburt meines zweiten Jungen. Ein prächtiger Kerl, dem es bis jetzt Gottseidank gut geht und der auch trotz sibirischer Grausamkeit seiner Eltern, die selbst bei der grimmigen Kälte dieses Winters der frischen Nachtluft offenen Eingang in das Schlafzimmer gewähren, trotz kalten Badens etc. noch keinen Schnupfen, Husten o. ä. davongetragen hat. Wir trachten alle mit Recht nach der Gesundheit unserer und anderer Seelen. Ein gesunder Leib ist aber auch eine Gottesgabe, auch eine Bedingung der Gesundheit der Seele. Der Zusammenhang ist da wohl oft enger und eingreifender als wir, in antimaterialistischer Richtung befangen, vermuten.

Am 26. August wurde unser zweites Kind, Erich, geboren. Er kam sehr plötzlich, morgens um 1/2 7 Uhr, ein niedlicher Junge, den Kopf voll dunkler Haare. Dazu sehr artig, lag still in seinem Körbchen, ohne seine Mutter zu quälen - noch keine Ahnung von seiner späteren Lebhaftigkeit. Mutter Wiebel stand uns in dieser Zeit wieder treu zur Seite und blieb auch bei ihrer Tochter, als ich vom 5. bis 21. September in die Schweiz reiste, so konnte ich mit Ruhe die mir nötige Erholung suchen. Meine Mutter war den Sommer über längere Zeit in Grafenberg auf dem Land gewesen, dann in Oberkassel bei Bonn, war aber zu elend, um Meta zu pflegen und das Kind besorgen zu können.

Das zweite Ereignis der letzten 6 Monate war also meine Reise in die Schweiz. Ich hatte länger schon daran gedacht, die Baseler Allianzwoche zu besuchen, Leider kam der kleine Erich mir etwas in die Quere, sodass ich nur noch die letzten Tage der Woche in Basel sein konnte. Was ich aber sah und hörte, befriedigte mich sehr, auch der Schlussgottesdienst (im Baseler Dom) mit der großen Abendmahlsfeier gewährte mir den Eindruck der Gemeinschaft der Gläubigen, wie ich ihn sonst nie gehabt habe. Das wirkt auf das eigene schwache Gemüt erhebend, auch einmal nicht nur zu wissen: es gibt viele Gotteskinder hier und da, allerwärts, sondern auch einmal unter solcher Schar von bekennenden Christen zu sein. Dazu war mir besonders wert das gastliche Haus, wo ich mit meinem Schwager Calvino Aufnahme gefunden habe. Da fühlte ich wieder, wie schön doch die christliche Gastfreundschaft ist. Den Leuten vorher wildfremd waren wir sofort wie alte Bekannte als man die Gemeinschaft der höchsten Interessen und Ziele gewahrte und in dem Wichtigsten sich eins wusste.

Ich reiste zunächst nach Basel, wo damals die große Allianzversammlung tagte, zu der Christen aus aller Welt und aus allen Denominationen sich zusammengefunden hatten. Ich konnte nur noch an den letzten Versammlungen teilnehmen. Ich traf in Basel meinen Schwager Calvino, wohnte mit ihm im Hause des Herrn Bruckner-Merian, eine liebenswürdige, feine Schweizer Familie, in der ich bald wie zu Hause war. Die großen Versammlungen in der Hauptsache gleichgesinnter Christen machten einen tiefen Eindruck auf mich, auch der Basler Dom, den ich beim Schlussgottesdienst in abendlicher Beleuchtung sah, hat mich damals entzückt, ein herrlicher Bau!

Wir haben inzwischen Pastor Frey bei uns eingeführt und freuen uns seiner herzlich. Ich habe mir in den letzten Wochen öfter zum Trost gesagt, wenn meine bisherigen Misserfolge im Streben nach einer Pfarrstelle schwer auf mir lagen, dass es doch nicht ohne Segen sei und vielleicht gerade für mich von Gott beabsichtigt, mich hier solange festzuhalten, um mich einmal unter den Einfluss und das Wort dieses Mannes zu stellen Seine Predigtweise ist so einfach aber packend und so durch und durch wahr, man fühlt überall das ganze Herz und die volle christliche Persönlichkeit.

In Basel nun traf ich mit Pastor Frey zusammen und fuhr mit ihm und anderen Bekannten auf den Rigi, Luzern, Alpnach, in einem Wägelchen über den Brüning nach Meyringen, Brienz, Interlaken, Wo wir in Pension Schönbühl schöne stille Tage verlebten. Die Pension liegt am Eingang des Lauterbrunnertales mit Blick auf Jungfrau, Eiger und Mönch und gehört zum Dorf Wilderswyl. Dort waren auch damals P. Dryander aus Bonn, Prof. Wach und Prof. Chriestlieb zeitweise mit uns zusammen. Mit Pastor Frey machte ich Ausflüge, so ins Lauterbrunnertal, Wengen, Lauberhorn, Kl. Scheideck, immer wieder voll Staunen über die großartige Herrlichkeit der Berner Alpenwelt, die ich damals zuerst recht kennenlernte.

Auf der Rückreise über Bern kehrte ich noch einmal für einen Tag in Basel in dem Hause der lieben Bruckner-Merians (Baumeister) ein, besuchte Frau Pastor Neviandt in Badenweiler und kehrte am 21. September zu meinen drei Schätzen endlich heim, dankbar der lieben Mutter W., die in ihrer selbstlosen Weise die ganze Zeit in Düsseldorf ausgehalten hatte.

Am 17. Oktober war die Taufe des kleinen Erich Paul. Konsistorialrat Natorp taufte ihn, hielt die Taufrede über Joh. 10, 27 - 28 "Meine Schafe hörten meine Stimme". "So hörten wir in heilger Stunde aus unsers Heilands treuem Munde, o dass es werd an eurem Kindlein wahr. Es knosp und blüh und wachse immerdar durch seine Gnad im Geist; so blühe euch in ihm das schönste Glück, ihm selbst das Himmelreich!"

Seines Paten, Herrn Graebers, Wünsche für unser Kind habe ich im Buch "Aus der Kinder-Stube" für ihn aufbewahrt. - Am 21. Oktober durfte ich in Elberfeld die Hochzeit dieses Freundes mitfeiern, er heiratete die Tochter von Pastor Kraft. Wir ahnten damals nicht, wie kurz sein Glück sein sollte, schon 1881 starb er.

Vom 4. bis 10. Dezember hatten wir den Besuch von Onkel Bernhard und Tante Pauline, die im August 1879 von Bonn nach Eupen in ihr altes Heim zurückgekehrt waren. Die Tage bei uns waren uns eine Freude. Onkel fühlte sich wohl bei uns trotz der Engigkeit unseres Heims. Es war das letzte Mal, dass wir ihn bei uns haben durften.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04