1880


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Im Dezember 1879 und Januar 1880 war die liebe Mutter Wiebel sehr krank. Je mehr wir uns um sie gesorgt, umso größer war die Freude, als sie vom 2 - 6. Februar wieder bei uns einkehrte.

Vom Januar 1880 an habe ich den Reichsboten gelesen und bin ihm mit kurzen Unterbrechungen bis in die neueste Zeit treu geblieben. Ich hatte bis dahin mich zur nationalliberalen Partei gehalten und ihre Blätter gelesen. Die Stellung der Partei zu unserer evangelischen Kirche während des Kulturkampfes, der Mangel an Verständnis und Interesse für ihre wirklichen Bedürfnisse entfremdete mich ihr innerlich, auch ihre Stellung in den wirtschaftlichen Kämpfen war mir nicht sympathisch. Ich habe immer auch am Reichsboten und der von ihm vertretenen konservativen Partei viel auszusetzen gehabt, schätzte aber am Reichsboten, dass er nicht nur gut redigiert war, sondern auch der Partei gegenüber sich seine selbständige Stellung wahrte. Bedauert habe ich immer aufs Lebhafteste, dass bei uns in Deutschland lange Zeit - z.T. auch heute noch - nur die konservative Partei die Interessen der evang. Kirche im politischen Leben vertrat, während die liberalen Parteien sich meist kirchenfeindlich oder wenigstens gegen die kirchlichen Interessen sich gleichgültig verhielten.

In den letzten Tagen sind unser aller Herzen bewegt worden durch die Nachricht von dem Rücktritt Falk (Kulturkampf-Kultusminister). Ob dadurch wohl auch ein Stück des Liberalismus wieder aufgegeben wird ? Gebe Gott, dass wir bald andere Anschauungen über Simultanschulen in den höchsten Kreisen wieder bekommen und auf dem beschrittenen Wege nicht fortgeschritten wird. Aber so ein landläufiger Liberaler ist, glaube ich, in den meisten Fällen schwerer zu bekehren als der ärgste Sünder, weil in ihm ein nicht geringes Quantum von pharisäischem Parteigeist steckt. Das Volk aber scheint doch allmählich mehr und mehr der Logik der Tatsachen zu glauben als den Phrasen von Richter-Hagen und Konsorten. Die Agitation des Vereins für Erhaltung der evangelischen Volksschule ist sehr verdienstvoll. Hierzulande hat man keine Ahnung von der Gefahr der paritätischen Schule für das geistliche Leben unseres Volkes. Welcher Segen gut evangelischer Schulen! Freilich die Voraussetzung: entsprechende Seminarien. Hier aber sieht man die paritätische Schule als ein sehr harmloses Ding an.

Das Wichtigste aus dem Jahre 1880 war für uns der Tod von Onkel Bernhard. Er war am Abend des 15. Juli noch bis 1/2 10 Uhr mit Freunden im Garten gewesen, war dann, nachdem er zu Bett gegangen, unruhig geworden, und bald hatte er ohne Kampf still ausgelitten. Ein neuer Schlaganfall hatte seinen Tod herbeigeführt. Ich eilte sofort nach Eupen, Meta zu meiner Mutter nach Oberkassel bei Bonn, wo sie sich diesen Sommer aufhielt, während Mutter Wiebel nach Düsseldorf kam, um den kleinen Erich zu pflegen. Onkels Tod brachte für Mutter wichtige pekuniäre Veränderungen. Onkel hatte ihr schon seit 1874 regelmäßig 4500 Mark jährlich ausgezahlt, wie sich bei Aufstellung des Vermögensnachlasses zeigte, viel mehr, als sie rechtlich zu fordern hatte. Da das elterliche Vermögen nie auseinandergesetzt worden war, lagen die Verhältnisse nach Onkels Tod recht verwickelt. Es kam schließlich nach langen und sehr unerquicklichen Verhandlungen ein Vergleich mit Tante Pauline zustande, nach dem sie meiner Mutter 100.000 Mark Kapital auszahlte - jedenfalls sehr reichliche Abfindung ihrer Rechte an die Erbschaft ihres Bruders. Von diesen 100.000 Mark waren bei dem Tode meiner Mutter 1882 nur noch ca. 80.000 Mark übrig, das Übrige war in dem gemeinsamen Haushalt von Mutter und Paul verbraucht, so erhielt jeder von uns beiden Brüdern 40 000 Mark. Bei Pauls Tod aber im Jahre 1885 betrug seine Hinterlassenschaft noch 4-5.000 Mark, die ich von ihm erbte.

Um diese finanziellen Dinge hier zu erledigen: 1907 erbte Mutter von ihren Eltern 14.567,10 Mark und 1913 von Tante Minna Voget 4.833,33 Mark. Was wir darüber hinaus besitzen, ist von uns erspart worden.

In den Herbstferien von Mitte August bis 20. September reiste ich mit Frau und Kind (Fritz) nach Hamburg, Holstein (Sophienhof), Berlin und Bremen.

Die Stille des Landlebens (Sophienhof) in einer doch geistig anregenden Umgebung hat uns ungemein wohlgetan. Frische Luft und Milch, prachtvolles Bad und in jeder Beziehung gute Pflege ohne viel Sorge mögen wohl den müden Leib und Geist recht zu erquicken, vielleicht ebenso wie der Genuss eines Seebades. Auch hier zog es mich mächtig zum offenen Meer hin; ein Seebad habe ich wenigstens genossen. Den Eindruck des Erhabenen bekomme ich jedes Mal an der offenen See und auf ungewöhnlicher Bergeshöhe. Wie klein, wie winzig fühlt man sich da - wer mag solche Größe auszudenken, und wie viel größer und herrlicher der Gott, dessen Schemel all diese irdische Erhabenheit nur zu sein vermag.

Im Sommer 1880 war die große Industrie- und Kunstausstellung in Düsseldorf. Die brachte uns beständig neue Besuche, die jeder einzelne stets willkommen, aber in ihrer Masse neben der häuslichen und der Schularbeit sehr ermüdend waren. Dazu waren die mit Onkels Tod verbundenen Aufregungen gekommen. So waren wir herzlich froh und dankbar, als wir Mitte August Düsseldorf entfliehen konnten. Erich blieb unter Tante Minnas Obhut in Elberfeld, wo auch Großmutter Voget und Tante Adelheid waren. Wir fuhren zuerst mit Fritz nach Hamburg - morgens ließen wir den Jungen im Hotel, nachmittags begleitete er uns. Besonders interessierte uns der Hafen mit seinen großartigen Anlagen. Von da ging es nach einigen Tagen nach Sophienhof, zwischen Preetz und Plön, dem Gut von Metas Onkel Johanssen, dessen Frau die Schwester von Mutter Wiebel und den beiden Bremer Tanten war.
Das Gut liegt in hügeliger Umgebung, Wald, Wiesen, Kornfelder wechseln, die großen Weiden eingeschlossen von Erdwällen mit Buschwerk darauf, dazwischen das große einstöckige Herrenhaus, die großen Wirtschaftgebäude und die kleinen Häuser der Gutsarbeiter. An der Chaussee von Preetz nach Plön hatte Herr Johanssen eine Kapelle erbaut, die stets geöffnet die vorübergehenden Wanderer zu stiller Einkehr einlädt. Sonntags war darin Gottesdienst, den meist ein Pfarrer aus der Umgegend, aber auch solche aus Hamburg und Kiel abhielten. Dann kamen viele Gutsbesitzer von weit und breit und kehrten auch in dem gastlichen Herrenhause ein.

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Kapelle Sophienhof

Unser Leben dort war recht zum Ausruhen gemacht. Keiner brauchte sich um den anderen zu kümmern, wenn er nicht wollte. Man ging in Wald und Feld, ruderte auf dem kleinen See oder saß in einem der vielen Plätzchen des Gartens plaudernd oder lesend. Zu den Mahlzeiten fanden sich dann alle Hausbewohner und Gäste, oft eine stattliche Zahl, zusammen.

Onkel Ludwig Johanssen war viel für sich, hatte viele geistige Interessen, las und studierte viel - ich bin ich nicht innerlich nähergekommen. Umso herzlicher und offener war seine Frau, die Tante Johanna, die uns den Aufenthalt so schön wie möglich gestaltete. Die Söhne waren damals auswärts auf der Schule in Plön, kamen sonntags nach Hause. Die älteste Tochter war mit Pastor Macht in Leitzenburg verheiratet. Wir besuchten sie dort, und ich machte von da einen Ausflug nach dem Hessenstein bei Panker. Wir ahnten damals noch nicht, welch traurige Zukunft ihr bevorstand. Macht wurde bald Pastor in Lübeck, dort brach bei ihr Geisteskrankheit aus, und sie lebt nun schon über 30 Jahre in Bethel, unheilbar krank, furchtbares Schicksal für sie und ihren nun schon vor mehreren Jahren verstorbenen Mann und all die Ihren.

Vom Sophienhof aus machten wir auch einen Ausflug in die "Holsteinische Schweiz" und nach Lübeck und erfreuten uns dort an der herrlichen Natur in Wald und Seen - hier an den Meisterwerken nordischer Backsteinbauten und vor allem der gewaltigen Marienkirche.
Wir blieben fast drei Wochen in Sophienhof und reisten Anfang September von dort nach Berlin, wo wir bei Julius Voget, einem Vetter meiner Schwiegermutter, dem Vater Käthe Vogets, gastliche Aufnahme fanden und eine sehr angenehme Woche verlebten. Vogets wohnten in der Brüderstraße, im Mittelpunkt von Berlin, so dass wir von dort aus sehr bequem zu allen Sehenswürdigkeiten kommen konnten. Fritz, der im Sophienhof den ganzen Tag draußen gewesen war, wollte freilich der Aufenthalt auf einer Etage wenig behagen, trotz der Liebenswürdigkeit der Vogetschen Töchter, die damals noch Kinder waren. So nahmen wir ihn mit, sooft es ging. Besonders erinnerlich ist uns der Besuch des Zoologischen Gartens, wo er beim Brüllen der wilden Tiere fast vor Schrecken verging.

Ich besuchte auch mit Meta einige Mal ein Theater, weil sie nie in einem Theater gewesen war und sie doch, schon um der Erziehung der Kinder willen, wissen mochte, was ein Theater sei. Meine Bedenken gegen das Theaterwesen sind dabei doch unverändert geblieben und haben uns auch in Düsseldorf abgehalten, das Theater zu besuchen. Ich glaube, dass das, was für die Schauspieler am gefährlichsten ist, die Notwendigkeit ist, sich immer in andere Charaktere, die sie darstellen, hineinzuleben, so dass dadurch der eigene Charakter notwendig leidet. Die sonst oft gegen den Schauspielerstand geltend gemachten sittlichen Bedenken scheinen mir Folgen jener charakterpersonierender Notwendigkeit zu sein.
Besonderen Eindruck machte in Berlin auch die große Kaiserparade auf dem Tempelhofer Feld auf uns und an einem Sonntagabend der Große Zapfenstreich des ganzen Gard du Corps vor dem Kaiserlichen Palais, wobei die Musikkorps von 16 Regimentern zusammen spielten. Als ein Kuriosum erwähne ich, dass wir im Theater am Abend nach der Parade den alten Kaiser Wilhelm in der Uniform der Roten Husaren in dem kurzen roten Röckchen sahen.

Von Berlin fuhren wir am 13. September nach dem Grohn bei Bremen, wo wir zum letzten Mal die Gäste der lieben Großmutter Voget waren. Gegen den 20. September kehrten wir dankbar in unser Heim nach Düsseldorf zurück. Meine Mutter war unterdessen mit Paul in der Schweiz gewesen. Damit war ihr ein lang gehegter Wunsch erfüllt worden.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04