1881 Treffurt


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Am 11. Februar starb Großmutter Voget in Bremen, ein unersetzlicher Verlust für die ganze Familie, deren geistiger Mittelpunkt sie immer gewesen war.

Ostern bekamen wir zu Rudolf Herzog einen zweiten Pensionär, August Stein aus Langenberg, der wegen unserer Versetzung nach Treffurt im Herbst 1881 nur ein halbes Jahr bei uns blieb.

Ende März kam Schwägerin Hanni Calvino mit ihren beiden Kindern Paolino und Adda zu uns. Als sie schied, schrieb sie in Addas Namen ins Gästebuch: "Ihr habt mich entwöhnt und erzogen, drum bleibt mir ferner gewogen." Wir hatten ihre Adda bei uns behalten, während sie unseren Erich mit nach Elberfeld nahm. Da habe ich die kleine Adda gelehrt, die Flasche zu nehmen und weiterzuleben, ohne ihre Mutter zu tyrannisieren.

Bald nach Ostern trat Treffurt in unseren Gesichtskreis. Endlich hat sich mein Verlangen nach einem Pfarramte soweit erfüllt, dass ich wahrscheinlich in nächster Zeit eine Pfarrstelle in der Provinz Sachsen erhalten werde. Doch liegt es mir jetzt oft schwer auf der Seele, das liebe Rheinland verlassen zu sollen. Ich fühle jetzt mehr als je, wie fest ich mit vielen Menschen hier verwachsen bin. Immerhin erscheint es mir in jedem Falle als ein Glück, aus den hiesigen Schulverhältnissen befreit zu werden, die mir immer unleidlicher geworden sind. Das ist jedenfalls an der Schulmeisterei der dunkelste Punkt, dass man ganz ohne jeden Willen und Zutun jedem beliebigen Direktor fast machtlos überliefert werden kann. Übrigens sehe ich die fast zehn Jahre meiner Schulmeisterei durchaus nicht als verloren an, vor allem auch nicht die schwersten letzten. Ich darf schon jetzt auch darin Gottes weise und gnädige Hand erkennen, die mir auch in diesen Verhältnissen viel Segen gegeben hat.

All meine Bemühungen, in eine Pfarrstelle zu kommen, waren vergeblich gewesen. In der Provinz Sachsen aber fing damals der Pfarrermangel an, und durch Beziehungen zu Generalsuperintendent Möller in Magdeburg und zu Superintendent Bauernfeind in Biere, der zu dem Hause der Schwiegereltern in freundschaftlichem Verhältnis stand, kam es dazu, dass das Konsistorium in Magdeburg mich für die vakante Stelle in Treffurt in Aussicht nahm. Man wählte für die dortige Stelle gerne einen Rheinländer, da die konfessionellen Verhältnisse durch den vom Eichsfeld aus vordringenden Katholizismus schwierige waren. Man dachte, ein mit dem Katholizismus besser bekannter Rheinländer werde in Treffurt besser am Platze sein als ein sächsischer Geistlicher, die damals dem Katholizismus noch harmloser gegenüberstanden. So wurde ich nach langen Verhandlungen zum Pfarrer von Treffurt ernannt, und da der Verzicht auf die Lokalprobe nicht einstimmig erfolgte, sondern Herr Pfuhl sen. auf der Lokalprobe bestand, fuhr ich am 20. Mai nach Treffurt, um dort in Gegenwart von Superintendent Georgi die Probepredigt zu halten.

Herr Pfuhl hatte mir schließlich einen ungewollten Liebesdienst getan: Ich freute mich, die neue Heimat, Gegend, Orte, Menschen ein wenig kennenzulernen, und kam bei meinem Einzug und Einführung nicht in gänzlich unbekannte Verhältnisse.

Die Gegend entzückte mich sehr - Berge und Fluss ! Wie hatte ich in Düsseldorf oft nach Bergen mich gesehnt. Treffurt, das alte Nest, damals noch viel elender aussehend, als es heute ist, und doch so schön gelegen am Berge hinauf, hoch oben überragt vom Normanstein, der damals noch nicht zum Restaurant restauriert worden war. Und oben im Ort die schöne alte romanische Kirche und dahinter, wie durch sie geschützt, das Pfarrhaus, nicht glänzend, aber passabel und für uns ausreichend, ein eigenes Heim, nicht mehr enge Etagenwohnung. Die Leute machten einen guten Eindruck auf mich, offen und leicht zugänglich, freilich wenig tief und unbeständig. An jenem ersten Sonntag viele aufmerksame Hörer, die neugierig waren, den neuen Herrn Pfarrer, der von weit her gekommen war, kennenzulernen.
Herr Superintendent Georgi aus Oberdorla kam mir mit viel Freundlichkeit entgegen, er freute sich, einen Rheinländer in die Ephorie zu bekommen, er war selbst lange in Düsseldorf gewesen, wo sein Vater der Vorgänger von Direktor Imhäuser gewesen war. Der erste Eindruck war gegenseitig ein günstiger, und wir sind später bald gute Freunde geworden, und ich habe ihm viel treue Liebe zu danken.

Da, wie zu erwarten war, keine Einsprache gegen meine Ernennung erfolgte, wurde ich zum Pfarrer von Treffurt ernannt, und am 28. - 30. Juni reiste ich nach Magdeburg zu meiner Ordination, die Generalsuperintendent Schulze im Dom vollzog. Wohl 6 Ordinanden, die mir aber alle fremd waren. Ich logierte im Hause des Generalsuperintendenten Moeller bei seinem Sohne Richard, der Arzt in Magdeburg war und im Erdgeschoss des Pfarrhauses am Dom wohnte.

Die Ordinationsfeier im weiten leeren Dom machte keinen besonders erhebenden Eindruck. Die rheinische Art der Ordination durch den Superintendenten in der ersten eigenen Gemeinde in Verbindung mit dem Einführungsgottesdienst ist mir immer als das Richtigere erschienen. Immerhin war die Feier durch die feine Rede des geistvollen Generalsuperintendenten Schulze, der am Petri- und Paul-Tage (29. 6.) die rechten Vorbilder in den Aposteln den jungen Geistlichen vor Augen stellte, erhebend und eindrucksvoll. Ich trat damals auch dem verehrten Herrn Generalsuperintendenten persönlich näher bei der längeren Besprechung am Abend vor der Ordination und sollte bald bei seinem Besuch in Treffurt ihn noch näher kennen und schätzen lernen. Er ist für meinen weiteren Lebensgang von entscheidender Bedeutung geworden. Da ein Retourbillet nach Berlin billiger war als zwei einfache Billets nach Magdeburg und ich nach Magdeburg kein Retourbillet nehmen konnte, fuhr ich nach der Ordination am Abend nach Berlin und verbrachte den Sonntag bei Julius Voget und seiner Familie in dankbarer Erinnerung an die im vergangenen Jahre genossene Gastfreundschaft. Zwischen der Reise nach Treffurt und nach Magdeburg wurde unser drittes Kind geboren, ein Pfingstsonntagskind, am 5. Juni, dem Todestag meiner Schwester. Nach den zwei Buben ein Mädchen, so war es uns natürlich, sie nach meiner Schwester Elisabeth zu nennen und sie wie die Verstorbene "Lili" zu rufen.

Am 8. Juli taufte Konsistorialrat Natorp sie in unserem Hause, ein schönes Tauffest und zugleich Abschiedsfeier von Düsseldorf. Da war noch einmal die Familie zusammen, Tante Pauline aus Eupen, Eltern Wiebel, meine Mutter und Bruder und die Geschwister aus Elberfeld, Calvinos, Hermann, Carl, Minni, auch Tante Minna und Adelheid und A. Schmitz, der treue Hausfreund und Pate der kleinen Lili. Zehn Tage später waren wir noch einmal mit den drei Kindern im lieben Elternhaus in Elberfeld, wo alle Geschwister vereinigt waren bis auf Fritz, der damals in Westafrika an der Sierra Leone- Küste als Kaufmann war.

Dann rückte der Tag des Umzugs rasch immer näher. Überall Abschied nehmen, in Eupen, bei meinen Freunden umher in Hochfeld, Duisburg, Mülheim, Gladbach. Abschied von manchen mir lieben Kollegen an der Schule beim Schulschluss und von unserem Kränzchen, von den Herren vom Presbyterium, unter denen ich mit Herrn Heisselberg am befreundetsten war. Er hat, solange er lebte, mir immer wieder über Düsseldorf und die dortigen kirchlichen Verhältnisse mit rührender Freude berichtet. Fritz hat ihn auch gekannt und geschätzt.

So wurde Ende August gepackt und verladen, wir gingen alle noch zwei Tage nach Elberfeld, und am 2. September fuhren wir mit dem Mädchen, den Kindern und unserer lieben Mutter Wiebel, die uns beim Umzug und bei der Einrichtung helfen wollte, nach Eschwege. Hier verlebten wir ein paar stille Tage, bis die Möbel ankamen, und fuhren dann am Abend des 5. September nach Treffurt, froh und doch mit banger Erwartung. Froh im Blick auf die eigene Gemeinde, das eigene Pfarrhaus, das schöne Werratal, durch das wir fuhren, das immer schöner wurde, je näher wir dem Ziele kamen -- und doch in banger Erwartung: Wie wird es werden ? Wie wird die Gemeinde uns aufnehmen ? Wird es gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen und im Segen zu arbeiten ? Nun, - die acht Jahre, die wir in Treffurt verleben durften, sind wohl die schönsten unseres Lebens gewesen. Nirgends haben wir uns je so heimisch gefühlt - mit keinem Ort, an den mein Lebensweg mich geführt hat, bin ich so fest verwachsen gewesen als mit Treffurt.

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Pfarrhaus in Treffurt vor der Jahrhundertwende

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Pfarrhaus in Treffurt kurz vor der "Wende" 1988

Freilich, der erste Empfang war niederschmetternd, zumal für einen, der aus dem Rheinland kam. Dort zieht kein Pfarrer ein ohne festlichen Empfang und feierliche Begrüßung durch den Gemeindekirchenrat. In Treffurt aber hatte niemand gefragt: Wann kommen sie ? Als wir vor der 'Sonne', dem kleinen Gasthaus von Rausch, anfuhren, fanden wir in der Herrenstube die Honoratioren beim Abendschoppen. Keiner nahm von uns Notiz, keiner erhob sich, uns zu begrüßen. Der Bürgermeister Hochbaum, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Gemeindekirchenrates war, war abwesend. Er hatte den stellvertretenden Bürgermeister, Landwirt Rausch, beauftragt, uns zu empfangen. Der war aber nicht im Gasthaus anwesend. So saßen wir in der Wirtsstube, von allen Seiten neugierig begafft. Mit Mühe bekamen wir etwas zu essen, als Quartier den großen Tanzsaal, in dem Betten hergerichtet wurden, ein Vorhang zwischen unseren Betten und dem der Mutter. 

So die erste Nacht in Treffurt, und wir waren am anderen Morgen froh, dass die Möbel da waren und wir ans Ausladen und Einrichten gehen konnten. Dann kam auch Herr Rausch, uns zu begrüßen, und wohl auch die Lehrer. Unser Nachbar Krause, der alte Kirchendiener, mit seinem Sohn, dem Tischler, halfen beim Einräumen. Am Freitag hatte sich nach dreitägiger Arbeit das Chaos gelichtet, und unser Heim war schon ganz wohnlich.

Am 10. September kam Superintendent Georgi von Oberdorla zu meiner Einführung, die unter großer Beteiligung der Gemeinde am 11. 9. stattfand. Nun meine Gemeinde, für die ich verantwortlich, deren Wohl und Wehe das meinige von nun an sein sollte und acht Jahre lang war.

Treffurt war damals noch sehr arm, fing aber durch die aufblühende Tabakindustrie an, sich aus dem Dreck herauszuarbeiten. Aber diese Industrie war und ist wohl für die sozialen und religiösen Verhältnisse der Gemeinde nicht günstig. In den Fabriken wurden hauptsächlich Frauen und Mädchen beschäftigt. Den Männern blieb meist die wenige Feldarbeit und das Kinderhüten, im Winter zogen sie hundertweis in die Zuckerfabriken bis nach Rostock, Umseburg, Erdebern u.a., da waren dann die Kinder sich selbst überlassen. Auch das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern litt vielfach dadurch, dass die Kinder verdienten und die Eltern pekuniär von ihnen abhängig waren. Das lähmte die Zucht und förderte viel Zuchtlosigkeit. Das Herumtreiben der jungen Leute am Abend war oft über alles Maß und brachte viele uneheliche Geburten, aber der Lufthunger nach dem langen Tag in der schlechten Luft der Tabakfabriken war auch verständlich. 

Die Gemeinde war noch gut kirchlich und die Leute freundlich und entgegenkommend, wenn ich in die Häuser kam. Es war ihnen eine angewohnte Sache, dass der Pastor regelmäßig in die Häuser kam, auch wenn es keine Kranken gab. Pastors Klagen über die Schwierigkeiten der seelsorgerischen Besuche wird jeder teilen. Ich danke Gott, dass er mich hier in ein enger begrenztes Gebiet gestellt hat. 8 - 10 Besuche habe ich nie an einem Tage zuwege gebracht, das hielt auch mein Körper nicht aus. Es greift mich oft sehr an, und ich bringe oft Kopfschmerzen mit nach Hause. Es dauert meist lange, bis man das Gespräch mit den Leuten in Fluss bringt. Eine Freude ist's mir immer, wie gerne die Leute den Pastor kommen sehen - etwas anderes ist es freilich, dem Worte das Herz aufzutun. Besonders entzückt waren sie bald über Mutter, weil sie damals noch nicht ganz vom Haus und Kindern hingenommen, sich viel um die Gemeinde, die Kranken und Armen zumal, kümmerte.

Ein wichtiges Glied der Treffurter Gemeinde war der Bürgermeister Hochbaum. Er war aus dem Militär hervorgegangen, früher Feldwebel - allmählich emporgestiegen. Er war ein sehr tüchtiger Mensch, gesetzeskundig, praktisch, war im Kreisausschuss und Provinzialausschuss und überall in der Provinz genannt und geschätzt. Aber er war selbstherrlich, tat, was ihm gut schien, ohne viel zu fragen, hielt, soweit möglich, auf Zucht und Ordnung und hat viel für Treffurt getan. Er war so gerecht, dass er seine eigene Frau in Polizeistrafe nahm, als sie gegen Verbot am öffentlichen Brunnen hatte waschen lassen. Aber er war oft unbequem im Gemeindekirchenrat. Was er nicht wollte, war schwer zu erreichen. Er war bei den meisten Treffurtern wenig beliebt, von vielen gehasst, aber nach seinem Tode, lange nachdem ich von Treffurt weg war, sagte mir ein Treffurter im Blick auf die damalige Wirtschaft in der Gemeinde: Als er lebte, mochten wir ihn nicht, jetzt aber würden wir ihn mit unseren Nägeln aus dem Grabe ausscharren, wen wir ihn wiederhaben könnten! Wie mancher wird erst nach seinem Tode in seinem wahren Wert erkannt und geschätzt.

Der damalige Amtsrichter Schilling war katholisch und im Kulturkampf ultramontaner Parteigänger und als solcher ohne Vertrauen bei der Bevölkerung. Aber er hatte schon als älterer Mann eine junge reizend liebenswürdige Frau geheiratet, die Tochter eines hohen Regierungsbeamten Schulz aus Kassel. Sie war evangelisch (nach Mutters Angabe falsch), und um ihretwillen suchte der Amtsrichter Sch. unseren Verkehr, da seine Frau sehr allein stand. Wir haben in der Anfangszeit gern und oft mit ihnen verkehrt, leider aber starb die kleine Frau in ihrem ersten Wochenbett - ein tragisches Geschick für den armen Mann, der nun wieder allein stand. Er ließ sich dann im Herbst 1882 nach Hofgeismar versetzen, wo er seinen Schwiegereltern näher war, die sein Kindchen zu sich genommen hatten.

Den angenehmsten Verkehr hatten wir mit dem Hellingschen Hause, das uns und unseren Kindern bis heute teuer ist. Als wir nach Treffurt kamen, war Herr Helling schon tot. Er stammte aus Magdeburg, war Musiker. War wohl Musiklehrer gewesen und hatte sich in Treffurt zur Ruhe gesetzt. Es lebte damals seine Witwe, Tante Helling, die für unsere Kinder wie eine gute Großmutter war, ihre Pflegetochter, Frau Niemann, auch wie Frau Helling kinderlose Witwe, und ihre Schwägerin, ein altes Fräulein Helling, die Schwester des verstorbenen Herrn Helling.

Wir haben von den Damen viel Liebe und Freundlichkeit erfahren und bis zu ihrem Tode mit allen dreien in herzlicher Freundschaft verkehrt. Ihr Haus stand uns immer offen, und Tante Bertha Niemann ist uns eine liebe Familientante gewesen. Ich brauche ihr hier kein Denkmal zu setzen, sie lebt in den dankbaren Herzen aller unserer Kinder. Und endlich "Tante Oberstleutnant", die Frau von Oberstleutnant Gross, geb. von Hagen. Sie lebte im Winter in Halle, im Sommer in Treffurt. Ihr Vater war Landrat des Mühlhäuser Kreises gewesen, hatte in Treffurt auf dem "preuß. Hof" gewohnt. Dieser war nach seinem Tode an die Stadt verkauft. Frau Gross aber hatte die obere Wohnung vertragsmäßig bis zu ihrem Tode gegen Miete. Sie besaß nahe dabei den "Landratsberg", ein steil an dem Berg sich hinaufziehendes Grundstück, mit Bäumen und Boskat bepflanzt, von lauschigen Wegen durchzogen, mit verschiedenen schattigen Plätzchen zum stillen Aufenthalt. Und im Frühling machten die Nachtigallen gratis ihr Konzert. Da sind wir und unsere Kinder oft bei der lieben stillen freundlichen Tante Oberstleutnant eingekehrt, wie sie gerne zu uns ins Pfarrhaus kam. Auch die Freundschaft mit ihr hat lange über unsere Treffurter Zeit bis zu ihrem Tode unser Leben bereichert.

So dienten unsere amtlichen und gesellschaftlichen Beziehungen dazu, uns bald in Treffurt heimisch zu machen. Dazu das eigene bequeme Haus, doch keine Mietwohnung, und die herrliche Gegend des Werratales, alles wirkte mit, dass uns die Treffurter Jahre heute noch als die schönsten und sonnigsten unserer Ehe erscheinen, wenn es auch in acht Jahren an manch Schwerem nicht gefehlt hat.

Acht Tage nach der Einführung verließ uns die liebe Mutter Wiebel, ich geleitete sie bis Eisenach und besuche mit ihr die Wartburg - unser Dank für ihre mütterlich aufopfernde Hilfe folgte ihr. 

Nachdem wir etwas in der Reihe waren, suchte ich mich auch über die Vergangenheit der Gemeinde aus den Akten zu orientieren, fand aber nichts als ein großes Chaos. Aus dem Aktenschrank auf dem Boden, der wohl jahrelang nicht geöffnet war, sprangen mir wohl ein Dutzend Ratten entgegen, die darin ihre Nester und Kinderstube etabliert hatten, die meisten Akten in Fetzen zernagt. Aus der Zeit der Amtsführung meines Vorgängers Günther fand sich nicht ein Blatt. Was noch vorhanden, brachte ich allmählich in Ordnung. Unordnung im Aktenwesen ist wohl ein Charakteristikum vieler Pastoren, aber Ordnung darin würde manchem viel Zeit und mancher Gemeinde viele Verluste ersparen. In der Nachbargemeinde Schnellmannshausen war ein Pastor Eltze. Er war nach Berge bei Gardelegen berufen, zog dahin wohl Anfang Oktober. Ich übernahm dann die Verwaltung der 700 Seelen zählenden Gemeinde mit, wie zur Aufbesserung meines Gehaltes schon vor meinem Amtsantritt mit dem kgl. Konsistorium vereinbart war. So hatte ich bald reichliche Arbeit, da ich sonntäglich drei Gottesdienste hatte, einen in Sch. und zwei in Treffurt. In den Festzeiten häuften sich dann die Predigten und Amtshandlungen so, dass die Arbeit oft zu einer Hetzerei wurde. Die Wege nach Sch. nahmen viel Zeit hin, und die starrköpfigen Bauern in Sch. waren wenig geneigt, es mir zu erleichtern, so dass ich an manchem Sonntage zweimal den Weg von über einer Stunde machen musste. Wenn dann wie im Jahre 1881 Weihnachten drei Festtage hintereinander fielen und Neujahr auf den Montag, hatte ich in 9 Tagen 15 Gottesdienste und dazu viele Amtshandlungen. Im Oktober fing eine böse Epidemie, Scharlach und Diphterie, an, unter den Kindern zu wüten - über 30 Kinder starben in dem Herbst, an einem Tag hatte ich einmal 5 Kinder zu beerdigen. Gottseidank blieben unsere drei blühenden Kinder verschont, obwohl ich täglich in viele Häuser ging, wo kranke Kinder lagen. Diese Besuche aber brachten mich vielen Familien näher, wenn ich Not und Tod ihrer Kinder mit durchlebt und durchlitten. Die erste Trauung, die ich vollzog, war die des Herrn Woltjen mit Frl. Henkel am 7. Oktober. Die erste Beerdigung eines Erwachsenen war die der alten Frau Förster Muff, der Mutter des Direktor Muff, den ich bei der Gelegenheit kennenlernte.

Nachdem Pfarrer Eltze Schnellmannshausen verlassen hatte, blieben uns nur zwei Amtsbrüder zu nachbarlichem Verkehr, Pfarrer Weidemann in Falken und Pfarrer Krause in Großburschla. Aber so gern wir solchen Verkehr gepflegt hätten, mit beiden war es kaum möglich. Pf. Weidemann war ein altes, schwaches Männchen, gutmütig aber unbedeutend - er hatte im Alter seine Haushälterin geheiratet, eine ungebildete Person, und sie und die Töchter führten das Regiment im Hause. Pf. Krause, ein recht ungeistlicher Mann, der gerne trank, so dass es zu konsistorialer hochnotpeinlicher Untersuchung kam, die aber meines Wissens ergebnislos verlief. Seine Frau ein Hausdrache, der keinen aus der Gemeinde in die Zimmer ließ, damit sie nicht beschmutzt würden, Kinder hatten sie nicht. Jedenfalls war auch dieses Pfarrhaus kein Anziehungspunkt, Besser wurde es, als Pf. Krause versetzt wurde und Cand. Hesse als Vikar nach Großburschla kam. Er wurde bald Hausfreund bei uns. Da er zunächst nicht ordiniert war, hatte ich dann längere Zeit auch alle Abendmahlsgottesdienste, Taufen und Trauungen in Großburschla, das wohl 1000 Einwohner hatte, zu versehen.

Später fanden sich auch Beziehungen nach Hessen zu den Pfarrhäusern von Völkershausen und Altenburschla. In Völkershausen waren damals liebe Pfarrersleute, Pf. Altmüller, sie wurden aber bald versetzt (ich glaube an den Meissner), und Pf. Schuchardt trat an die Stelle. Mit Schuchardts haben wir viel verkehrt, sie sind all unseren Kindern wohlbekannt. Sie waren Vetter und Cousine, und die Ehe blieb kinderlos, umso mehr Freundlichkeit haben unsere Kinder in ihrem Hause erfahren. Gerne kehrten wir gegenseitig beieinander ein, und die Freundschaft hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

In dem benachbarten Altenburschla war ein älteres Ehepaar Dittmar - sie hatten spät geheiratet, blieben lange kinderlos, bekamen dann als alte Leute noch einen Jungen und ein Mädchen. Pf. Dittmar war ein Original, ein gescheiter Mann - aber in seinem Wesen oft zum Lachen verdreht. Das tollste war die Kindererziehung, die armen Kinder dauerten uns oft. Er wusste sich gar nicht mehr, in Kinder hineinzuversetzen, und doch sind beide zu unserem Erstaunen wohlgeraten und tüchtige Menschen geworden.

Später kam Cand Müller als Vikar nach Schnellmannshausen, wurde dann nach dem zweiten Examen wohl 1886 dort angestellt, er lebte mit seiner Mutter, wurde uns ein treuer Freund, in seinem Wesen eckig und poltrig, oft unbesonnen, aber er meinte es immer gut und aufrichtig. Gab es auch manchmal Differenzen mit ihm, wir sind doch bis zu seinem Tode befreundet geblieben. Er ist all unseren Kindern so bekannt und seine Witwe von allen so geliebt, dass ich nicht weiter von ihm zu schreiben brauche.

Im Dezember 1881 erlitt ich einen schweren Verlust. Mein Leibbursch und lieber Freund Hermann Gräber in Hochfeld bei Duisburg starb ganz rasch mitten aus seiner aufopferungsvollen gesegneten Arbeit heraus an Darmverschlingung. Ich habe viel an ihm gehabt und viel verloren. Leider bin ich durch die weite Entfernung seiner Witwe und Tochter ganz fremd geworden. Sein liebes Bild hängt heute noch neben mir, und ich gedenke oft mit Dank an das, was er mir gewesen, das hohe Vorbild großer Treue und Aufrichtigkeit, demütigen Dienstes, festen Glaubens.

Das ist das erste Mal, dass ich von hier schreibe, und nun muss es mit so traurigem Gefühl geschehen, da unser aller Herz von dem Schmerz über den Tod unseres lieben Hermann erfüllt ist. Kurz ehe ich hierher siedelte, habe ich noch einige Tage bei Hermann zugebracht. Wer hätte bei unserer Trennung auf dem Hochfelder Bahnhof gedacht, dass es ein Scheiden für's Leben sei. Ich kannte Herrmann seit meinem ersten Studiensemester, und seit jener Zeit ist er mir in der verschiedensten Weise so unendlich viel gewesen! Gott hat mir durch ihn soviel Segen gegeben, dass ich nicht genug danken kann.

Weihnachten 1881 waren Mutter und Paul bei uns, das letzte Mal, dass sie in unserem Hause war, das letzte Weihnachten mit ihr. Damals ahnten wir nicht, dass wir sie so bald verlieren sollten. Damals waren unsere Herzen viel mehr um meinen Bruder Paul besorgt, der wieder Morphium gebrauchte und sich dadurch immer mehr zugrunde richtete. Und doch war uns das Weihnachtsfest mit Mutter und Bruder eine große Freude. Sie blieben bis zum 3. Januar, und ich durfte sie nach Eisenach geleiten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04