1882


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Anfang des Jahres kaufte ich einen Wagen, da der Wagen des H. Troll, den ich benutzte, sehr unbequem war. Leider aber war er in der bergigen Gegend zu schwer, und das hat mir und später meinem Pferd viel Sorge und Mühe gemacht. Ich hätte besser getan, einen neuen, wirklich geeigneten Wagen zu kaufen, statt des alten - aber Unerfahrenheit und Geldmangel ließen mich diesen Wagen wählen. Wenn man so große Anschaffungen macht, sollte man gleich etwas wirklich Gutes wählen, ohne Rücksicht auf größere Kosten, -oder mit der Anschaffung warten.

Ende Februar reiste ich nach Düsseldorf und Eupen. Erich nahm ich zur Großmutter nach Düsseldorf mit. Paul hatte bis dahin die Verhandlungen mit Tante Pauline in den Vermögensangelegenheiten geführt. Er hatte sich aber mit ihr überworfen, so musste ich die Sache in die Hand nehmen und zuende führen.

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Die "Großmutter": Marie Luise Höhndorf, geb. von Scheibler

Die Reise machte ich hin und zurück nachts der Zeitersparnis wegen. Als ich morgens nach Eisenach kam, fand ich dort nicht nur den Wagen, sondern auch meine gute Frau. Sie war nachts um 2 Uhr in Treffurt aufgebrochen, war um 5 Uhr in Eisenach und musste dort mehrere Stunden warten, weil das Pferd ausruhen musste. Und all die Strapaze, um ihren Mann zu erfreuen! Wer von ihren Kindern macht es ihr nach? Auf der Rückfahrt blieb ich in Schnellmannshausen, hielt von 1 - 3 Konfirmandenunterricht, dann den Abendgottesdienst und kehrte dann zu Fuß nach Treffurt zurück. Heute erscheint mir solche Leistungsfähigkeit ein Märchen.

Im März baute ich mir vor dem Hause unter dem großen Birnbaum vor der Pfarre eine Laube und legte die kleinen Rosengärten vor dem Haus an. Die Laube war forthin mein Lieblingsplatz, viele Predigten habe ich da gemacht, viele schöne Stunden bei meiner Arbeit oder in gemütlichem Verkehr da verbracht.

Auch der Anfang unserer Landwirtschaft mit der Anschaffung der ersten Ziege fällt in diese Zeit, später folgten zwei Ziegenböcke für die Jungen, Schwein, Pferd - zwei Morgen Land, die ich mir zurückbehalten, und ein großer Gemüsegarten am unteren Ende des Feldes an der Wanfrieder Chaussee sorgten für Menschen und Vieh. Große Landwirtschaft, wie sie früher die Pfarrer auf dem Lande alle trieben und heute noch einzeln in Pommern u.a. treiben müssen, bringen die Gefahr, dass der Pfarrer verbauert, eine kleine Landwirtschaft aber, wie wir sie hatten, hat den Gewinn, dass er mit seinen Gemeindemitgliedern besser mitfühlt, weil er Freud und Leid guten und schlechten Wetters, guter und schlechter Ernte mit ihnen teilt. Ich habe in den acht Treffurter Jahren viel Freude daran gehabt, auch materiellen Vorteil, wenn die Wirtschaft auch viel Arbeit machte. Unser Faktotum war der Arbeiter Knabe und seine Frau, liebe treue Menschen, die mit großer Anhänglichkeit an uns hingen. Nun sind beide schon lange tot.

Der Sommer brachte manch schöne Wanderungen und Fahrten in die herrliche Gegend, mehrmals durch den Hainich nach Oberdorla und Mühlhausen zu Pastoral- und Lehrerkonferenzen. Da ging es über "die Hoffnung" nach Heyerode und dann durch den herrlichen Wald hinüber in die Voigtei. Und drüben tat sich uns das gastliche Haus des lieben Superintendenten Georgi auf, in dem ich öfter auch über Nacht blieb. Er war eine einfache, friedliche und kindlich fromme Natur, stand nur allzu sehr unter der Herrschaft oder dem Einfluss seiner Frau. Sie war stark in Anti- und Sympathien, er leider schwach genug, dass sie alle amtlichen Dinge und Schriftstücke kannte und ihren Mann beeinflusste. Daher war er (und sie noch viel mehr) bei vielen Amtsbrüdern wenig beliebt. Für mich hatte sie große Zuneigung, die meinerseits nicht in gleichem Maße erwidert wurde. Ich habe es aber für meine Amtsführung als Superintendent mir zur unverbrüchlichen Regel gemacht, amtliche Dinge, namentlich Personalfragen, auch vor meiner Frau und den Kindern als streng vertraulich zu behandeln, und das hat dazu beigetragen, mir das Vertrauen meiner Amtsbrüder zu erwerben.

Vielen lieben Besuch brachte uns der Sommer. Zu Ostern im April Vater Wiebel mit dem Schwager Karl. Pfingsten August Schmitz und nach Pfingsten Missionsinspektor Schreiber aus Barmen. Der kam zum Missionsfest. Da war die Kirche herrlich mit Kränzen und Sprüchen geschmückt, und eine große Gemeinde lauschte andächtig und spendete reichlich für die große Sache der Mission (1882: 130 Mark Kollekte). Nachher war die Nachversammlung auf dem Rasen unter den herrlichen Linden an der Werra, und zum Kaffee und abends kamen viele Gäste, bis zu 30 ins Pfarrhaus. Alle zwei Jahre habe ich in Treffurt ein Missionsfest veranstaltet, zu dem auch aus dem Hessischen und Weimarschen liebe Missionsfreunde kamen. In der Treffurter Zeit habe ich erst die Mission kennen gelernt, habe viel darüber gelesen und immer mehr erkannt, wie sie die notwendigste Lebensäußerung des Christentums ist. Alles gesunde Leben muss wachsen: das Reich Gottes muss sich ausbreiten. Wohl ist es etwas Schönes um die Pflege herzlicher brüderlicher Gemeinschaft, das empfinde ich hier stärker als je, da ich sie entbehren muss. Gut, dass ich doch im Geist mit euch allen fortleben darf und kann, so schätze ich jetzt auch das Briefkränzchen mehr als früher. ... Doch werden die Zeugnisse unseres Mundes nur recht packend sein, überzeugend und bekehrend wirken, die aus der Erfahrung des eigenen Herzens kommen. Darum wird mir der Gedankenkreis in meinen Predigten immer enger, je mehr ich das erkenne. Ich weiß es auch immer besser, warum ich noch so wenig wirke und warum unsere vielen Pastoren so wenig zustande bringen. Darum wollte ich, dass die Ausbildung unserer Theologen in der Hand anderer Männer läge als sie es heute meist tut. Ich verachte die theol. Wissenschaft nicht, suchte sie aber mehr und mehr genug gegen die Bekehrung des Herzens und die innere Erfahrung des Heils in Christo am eigenen Herzen. Gründliche theol. Bildung ist uns immer nötig, um nicht auf den Standpunkt der Stundenhalter herabzusinken, denen die Fähigkeit zur Leitung einer Gemeinde und zur Förderung der Schrifterkenntnis in die Tiefen der Schrift abgehen muss.

Ich predigte gestern über die falschen Propheten, habe der Gemeinde gegenüber jeden Gedanken an schlechte Pastoren ferngehalten, es ist nicht nötig, das Ansehen des Amtes noch mehr zu untergraben. Aber sehr oft habe ich dabei an mich und meine Amtsgenossen gedacht. Dann sind wir allein rechte Propheten, wenn die selbst erfahrene unendliche Barmherzigkeit uns treibt, Barmherzigkeit zu haben mit den armen Seelen.

Ende Juni war ich zur Synode in Oberdorla. Da kam ein Brief des Herrn Genralsuperintendent Schulze, dass er in den ersten Julitagen uns in Treffurt besuchen wolle. Das Wichtigste in meinem Leben dieses Sommers war die Kirchenvisitation durch Generalsuperintendent D. Schulze aus Magdeburg, der kurz angemeldet plötzlich erschien, ein hoher tiefer Mann. An ihm sah ich auch, dass der Geist unserer rheinischen Kirche doch ein Segen ist. Schulze war auch in Wuppertal und hat von seinem kurzen Aufenthalt dort viel gelernt. Er sagt es selbst, und man fühlt es überall. Dazu ist er der liebenswürdigste und gemütlichste Hausgenosse, sehr musikalisch und anregend auf allen Gebieten der Unterhaltung. Unsere Generalsuperintendenten sind doch andere Kerle als die katholischen Bischöfe in Samt und Seide.

Ich kannte Generalsuperintendent Schulze von meiner Ordination her und freute mich seines Besuches. Freitagabend am 1. Juli kam er mit Superintendent Georgi von Mühlhausen und blieb bis Sonntagabend. Das waren schöne Tage voll geistiger und geistlicher Anregung. Sonntagfrüh fuhr ich mit Generalsuperintendent Sch. nach Schnellmannshausen, wo er predigte. Aber für diese harten stumpfen Menschen fand er nicht das rechte Wort, seine Art war zu hoch und fein. In Treffurt predigte ich über das Evangl.: "Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist".

Dieser Besuch war wohl das Vorspiel für meine spätere Berufung nach Sangerhausen. Generalsuperintendent Schulze war mir seit unserer ersten Begegnung bei meiner Ordination immer wohlgesinnt bis zu seinem Ende. Er hat in späteren Jahren mir öfters auch pekuniäre Unterstützung ohne eine Bitte meinerseits vom Konsistorium und Oberkirchenrat verschafft, er nannte das "nobile officium des Gen. Sup." So bewahre ich ihm ein dankbares Andenken. Bei vielen aber war er nicht beliebt. Er war als Gen. Sup. zu sehr Parteimann als Führer der Positiven Union in der preuß. Landeskirche. Aber er war, das mussten auch seine kirchenpolitischen Gegner anerkennen, ein geistvoller bedeutender Mann, auch ein großer Musiker. Ein Genuss war es, ihn auf der Orgel Bach spielen zu hören.

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Die Tanten Adelheid und Minna Voget

Bald darauf kamen die "Tanten aus Bremen", die Schwestern von Großmutter Wiebel, Tante Minna und Adelheid, zu vierwöchentlichem Besuch. Sie waren damals noch sehr rüstig, und es war ihre Freude, mit uns die schöne Gegend zu durchstreifen. Während ihres Besuches, gerade beim Treffurter Vogelschießen, dem größten Festtag für die Bevölkerung, stieg durch Regengüsse im Gebirge die Werra ganz rasch und überschwemmte das Tal. Da gab der Bürgermeister die Erlaubnis, am Sonntag die Getreidehocken von den bedrohten Feldern zu retten. Außer diesem Fall hat er nur noch einmal in den acht Jahren meiner Treffurter Arbeit Sonntagsarbeit erlaubt. Er hielt mit eiserner Strenge auf Sonntagsruhe, während im benachbarten Weimarschen Gebiet sonntags viel auf den Feldern gearbeitet wurde. Diese Strenge kam dem kirchlichen Leben zugute und hat der Bevölkerung in materieller Hinsicht nicht geschadet. Wie traurig sind da heute die Behörden in dieser Beziehung. In den Monaten Juli und August war jeden Montag früh 5 Uhr Erntebetstunde, eine für den Geistlichen, der nach reichlicher Sonntagsarbeit gerne am Montag ausgeschlafen hätte, nicht angenehme Aufgabe. Aber sie wurde gut besucht und sehr geliebt. Ich hielt eine ganz kurze Ansprache, meist über eine Psalmstelle "außer Gesang und Gebet". Das Ganze dauerte 15 - 20 Minuten. Die Leute kamen im Arbeitszeug und gingen von der Kirche vielfach an ihre Feldarbeit. Den Sonntagsgottesdiensten taten die Erntebetstunden Abbruch, so dass ich immer froh war, wenn Ende August auch das Ende der Erntebetstunden kam.

Überhaupt liebten die Treffurter, wie wohl die meisten kirchlich guten Gemeinden, sehr das alte Herkommen, und man durfte nicht wagen, daran zu ändern, ohne das kirchliche Leben zu schädigen. So war es auch Sitte, dass neben der Betglocke, um 11 Uhr und um 6 Uhr abends, früh, ich glaube um 4 Uhr geläutet wurde. Das hatte der Kirchdiener Krause, der neben der Kirche wohnte, zu besorgen. Der aber schlief lieber als täglich um 4 Uhr zu läuten, und schenkte es sich öfter. Darüber große Entrüstung, und ich wurde für sein Dienstversäumnis verantwortlich gemacht: Eines Tages erhielt ich einen anonymen Brief: "Wehe den Hirten, die schlafen, wenn sie wachen sollten." Derselbe mir später wohlbekannte Briefschreiber hielt sich ein andermal darüber auf, dass ich auf einem Pferde ritte - ein Esel wäre ihm wohl passender erschienen. Natürlich habe ich mich dadurch nicht in meinem Schlaf und Reiten stören lassen, aber der Geistliche muss doch soviel wie möglich das Herkommen erhalten, soweit es nicht unbiblisch oder unrecht ist. Alte Sitten sind bald zerstört, aber eine bessere Sitte ist schwer herzustellen.

In dieser schönen Sommerzeit hatten wir schwere Sorgen durch meines Bruders und meiner Mutter Krankheit, Paul war wieder sehr elend unter dem Einfluss des Morphiums, das er nahm. Mutter aber war darüber sehr unglücklich, weil sie Pauls Verderben vor Augen sah und ihm nicht wehren konnte. Dazu erkrankte sie Mitte Juli an einem Darmleiden, dessen Ursache die Ärzte nicht ergründen konnten. Sie hatte keinen Stuhlgang, konnte in Folge nicht essen, wurde nur künstlich ernährt. Paul zog mehrere Ärzte, u.a. einen berühmten Chirurgen aus Köln zu Rat, aber alles vergeblich. Als Mutter bettlägerig wurde und große Schmerzen litt, kam rührenderweise Mutter Wiebel zu ihr. Die Pflege besorgte eine katholische Schwester aus Pauls Krankenhaus, aber Mutter Wiebels Anwesenheit in Düsseldorf war für Mutter und für uns in der Ferne eine große Wohltat. Als Mutters Zustand immer schlimmer wurde, reiste ich am 6. August nach Düsseldorf. Das waren traurige Tage, die ich an Mutters Bett verbrachte, dazu Paul schwer morphiumsüchtig, verzweifelt in dem Gedanken, die Mutter, die ihm alles gewesen, zu verlieren. Wie schwer war es da, sich Ende der Woche wieder loszureißen, um am Sonntag wieder in meiner Gemeinde zu sein. Da war es im Blick auf Mutter und Paul mir eine große Beruhigung, die liebe Mutter Wiebel bei ihnen zu wissen und täglich von ihr Nachricht zu erhalten.

Auf der Rückreise von Düsseldorf holte Meta mich in Eisenach frühmorgens ab. Sie hatte die Tanten nach Eisenach geleitet. Wir besuchten mit ihnen noch die Wartburg, dann reisten sie nach Thüringen ab, wir aber fuhren mit unserem Wagen nach Treffurt. Bald hinter Eisenach war bei einer Biegung des Weges in einer Waldecke ein Zigeunerlager. Nackte Kinder sprangen um den Wagen bettelnd herum. Da - mit einem Mal - scheute das sonst lammfromme Pferd. Der Kutscher hatte nicht acht, ehe wir uns versahen, bog das Pferd von der Chaussee ab, über den Graben auf ein gegenüberliegendes Feld. Da lag der Wagen umgekippt und wir und der Kutscher daneben und eine Menge von Paketen und Gepäckstücken um uns her. Wie durch ein Wunder waren wir beide und der Kutscher unversehrt, nur die Federn des Wagens waren zerbrochen. Als wir noch ratlos dastanden, wie nach Treffurt kommen, kam ein Gilsa'scher Wagen aus Völkershausen, der Herren von Gilsa nach Eisenach zur Bahn gebracht hatte, leer des Weges. Er lud uns auf und brachte uns rasch nach Treffurt, während unser Kutscher unseren Wagen nach Eisenach zu einem Wagenbauer schaffte zur Reparatur. So waren wir glücklich mit dem Schrecken davongekommen, dankbar, dass wir wie durch ein Wunder unversehrt geblieben waren.

In der nächsten Woche wurden die Berichte von Düsseldorf immer trauriger und hoffnungsloser. So entschlossen wir uns, mit den drei Kindern, nach denen Mutter verlangt hatte, nach Düsseldorf zu fahren (am 19. August). Welche Freude war das für meine liebe Mutter, die Enkelkinder mit uns wiederzusehen, und sie ließ es sich nicht nehmen, für Erich an seinem 3. Geburtstag den Geburtstagstisch an ihrem Krankenlager herrichten zu lassen und sich an dem Glück des kleinen Burschen zu erfreuen. Die Kinder waren bei unserem Freund Pastor Stansberg einquartiert, wir aber waren soviel als möglich um die liebe Mutter, immer gewisser, dass wir sie nicht mehr lange behalten konnten, je fruchtloser sich alle ärztlichen Mittel erwiesen, je furchtbarer ihre Qual war. Ich las ihr öfters zu ihrem Troste etwas vor, zuletzt den 77. Psalm, der mir seitdem immer besonders teuer geblieben ist. Der 27. August war ein Sonntag. Um einmal herauszukommen ging ich mit Meta zum Abendgottesdienst um 5 Uhr zur Johanniskirche. Als wir eben zurück waren, trat ein rascher Kräfteverfall bei der lieben Mutter ein; und bald hatte der Tod ihrem qualvollen Leiden, einem Leben voll viel Sorge und Leid ein Ende gemacht.

Welch unbegreiflich Gefühl, welch namenloser Schmerz, die Mutter zu verlieren! Als ob das Band, das uns mit der Vergangenheit verband, mit einem Male zerschnitten wäre. Und sie war mir Vater und Mutter zugleich gewesen, hatte mich so herzlich geliebt und mit Liebesbeweisen verwöhnt, und das sollte nun alles für immer aufhören! Aber wir mussten ihr nach dem langen Leiden die Ruhe gönnen.

Ihrem Wunsch gemäß brachten wir die Leiche nach Eupen, wo sie neben ihrer Tochter und ihren Eltern in dem Scheiblerschen Familienbegräbnis ruht. Dadurch aber ist es mir wohl nur einmal noch möglich gewesen, an ihr Grab zu kommen. Ob wohl eines ihrer Enkelkinder einmal hinkommt?

In meinem Leben ist durch den Tod meiner Mutter eine tiefe Lücke entstanden, und es ruht auf dem vergangenen Halbjahr ein dunkler Trauerflor. Ich hatte nie vorher so einen Eindruck gehabt, wie furchtbar die Macht des Todes sei, als da ich es am eigenen Herzen erfuhr. Es ist furchtbar, sterben zu müssen. Gott unser Herr, mache uns des einzigen Trostes im Leben und Sterben recht gewiss! Als die Sterbenden wandeln, glauben, lieben, damit auch wir es wissen: "Liebe wird leben".

Paul war nach ihrem Tode ganz fassungslos, und er hatte nur einen Gedanken: Heraus, nicht in Düsseldorf alleine bleiben. So entschlossen wir uns, mit ihm in die Schweiz zu gehen. Ich suchte um Urlaub nach, bat P. Bangerotte, unseren alten Freund in Kaiserswerth, mich 4 Wochen in Treffurt zu vertreten. So verbrachte er seinen Urlaub in unserem Pfarrhause, predigte sonntags und hatte in der Woche Gelegenheit, sich in der schönen Gegend zu erholen.

Wir gingen mit Paul nach Vevey am Genfer See, das ich von meiner ersten Schweizer Reise her in leuchtender Erinnerung hatte. Aber nun war es nicht nur in uns dunkel und das Zusammensein mit dem kranken Bruder nicht ohne Schwierigkeit, auch das Wetter war beständig regnerisch, so dass wir in dem dreiwöchentlichen Aufenthalt nur ein einziges Mal den Deut du Midi zu sehen bekamen.

Auf der Rückreise trennten wir uns in Mainz, ich fuhr über Frankfurt nach Hause, wo ich am 27. September wieder ankam. Meta fuhr mit Paul den Rhein hinunter, hatte mit Herrn und Frau Lejeune aus Manchester noch einige Tage in Münster am Stein und Bingerbrück und landete dann in Elberfeld, wo die lieben Großeltern inzwischen uns unser Kleeblatt gepflegt und gehütet hatten. Damals war auch Adda Calvino, die jetzige Frau Past. Herrmann, bei den Großeltern, - aus dieser Zeit stammt das reizende Bildchen, die Großeltern mit Tante Minni und den Kindern beim Kaffeetisch im Garten.

Nicht genug aber mit der Tochter und den 4 Enkelkindern, sie nahmen auch Paul dazu bei sich auf. Er war krank an Leib und Seele, das Alleinsein in Düsseldorf erschien ihm unerträglich, seine Willenskraft war gelähmt, so dass er sich nicht zu dem Entschluss aufschwingen konnte, in einer Anstalt Heilung seiner Morphiumsucht zu suchen. So nahmen ihn meine Schwiegereltern bei sich auf. Er kam dann mit Aug. Schmitz zu mir nach Treffurt, während meine liebe Frau die schwere Aufgabe übernahm, den Haushalt der Mutter in Düsseldorf aufzulösen. Während sie damit beschäftigt war, erkrankte ihre Mutter sehr schwer, wie es schien an einem gastrischen Fieber. Durch die vergangenen schweren Monate, die Pflege meiner Mutter, dann die Pflege der Enkel, dazu das seelische Mitleiden ihres treuen Herzens, hatten ihre Nerven überreizt, ihre Kräfte verzehrt. So konnte Meta natürlich ihre Mutter nicht verlassen, lange waren wir in großer Sorge um sie, aber endlich überwand sie die Krankheit und genas langsam. Nachdem Meta in Düsseldorf Pauls Sachen bei einem Spediteur untergebracht und das, was wir von Mutters Möbeln und Hausrat übernahmen, nach Treffurt expediert hatte, konnte sie endlich am 22. Oktober mit den Kindern zu mir zurückkehren. Wie froh waren wir, wieder vereinigt zu sein, um unserer Arbeit und unseren Kindern zu leben. Sehr erschwert wurde für die Hausmutter die Aufgabe durch Pauls Anwesenheit, der, unbeschäftigt und krank, kein bequemer Hausgenosse war.

In dieser Zeit wurde von dem Maler Mackeldei, der sein Atelier in Mutters Haus gehabt hatte, das Ölbild der lieben Mutter vollendet. Zum Glück hatte er vor Mutters Erkrankung eine sehr gute Fotografie von Mutter machen lassen, die ihm die Vollendung des Bildes nach ihrem Tode sehr erleichterte. Das Bild ist sehr lebenswahr und ist mir immer ein großer Schatz gewesen.

Im Herbst des Jahres wurde Amtsrichter Schilling, der vereinsamte Mann, nach Hofgeismar versetzt. Sein Nachfolger wurde nach der kurzen Verwaltung der Stelle durch einen jüdischen Assessor der Amtsrichter Glimm, mit dem wir bald in nähere Beziehung traten und viel verkehrten.

In dieser Zeit ist mir klar geworden, wie wichtig die Person des Einzelrichters für die Bevölkerung ist. Bei dem ultramontanen Amtsrichter Schilling hatte die evang. Bevölkerung die Furcht, er bevorzuge die Katholiken. Bei dem jüdischen Assessor Hirsch ging bald die Rede, er sei bestechlich, wohl ohne Grund, er war eben ein Jude. Als aber Amtsrichter Glimm kurze Zeit im Amte war, war das Vertrauen des Volkes zu der Rechtsprechung bald hergestellt. Jeder wusste, dass er ohne Ansehen der Person sein Recht fand. Dazu war Glimm gegen alle sehr freundlich und hilfsbereit, in seiner Rechtsprechung aber unerbittlich streng und gerecht.

Noch erwähne ich, dass ich im Dezember des Jahres mir ein Pferd kaufte, um in unserem Verkehr unabhängiger zu sein. Paul kaufte es mit Metas Vetter Paul Johannsen, der damals in Halle Landwirtschaft studierte, in Halle. Ein schönes Tier, nur hatte es zwei wesentliche Mängel: Es war an die Berge nicht gewöhnt und versagte da öfters. Schlimmer aber, dass es an periodischer Augenkrankheit litt, was aber beim Verkauf leider nicht bekannt wurde. Infolgedessen erblindete es bald, ich habe es aber noch einige Zeit danach gefahren und geritten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04