1883


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In den Weihnachtsferien 1882 war Schwager Hermann Wiebel, der in Halle studierte, unser Gast, nach Ostern 1883 Paul Calvino, der auf einer Vortrags- und Collecteurreise war und in Eisenach zu sprechen hatte. Wir geleiteten ihn am 30. März dahin, und Meta fuhr dann mit den Kindern (Lili und Erich) nach Elberfeld. In unserm Pfarrhause sollten die weiten Schornsteine abgerissen und durch russische ersetzt und allerlei Änderungen damit verbunden werden. Das gab furchtbaren Schmutz, zeitweise war keine Stube heizbar. So war es gut, dass der Haushalt kleiner war, gut auch, dass Meta sich schonen konnte. Ich aß mit Paul im Gasthaus, arbeitete zeitweise bei Hellings, die mir freundlich eine Stube zur Verfügung stellten. Erst am 19. April war die Bauerei so weit, dass die Lieben aus Elberfeld zurückkommen konnten. Die Zeit war mir aber bei dem ungemütlichen Leben doppelt lang und schwer erschienen, umso froher waren wir, als wir wieder vereint waren.

Der Sommer brachte uns mancherlei kleine Touren in die nähere und weitere Umgegend, die durch das Fuhrwerk ermöglicht wurden. Ich reiste im Anschluss an eine Konferenz in Oberdorla am 23. 4. nach Halle zu einer Versammlung der positiven Union, um einen Vortrag des Generalsuperintendenten Schulze über den katechetischen Unterricht zu hören, ein Gegenstand, der immer mehr aus den praktischen Bedürfnissen des Konfirmandenunterrichtes heraus mein Interesse in Anspruch nahm, je weniger mich mein Konfirmandenunterricht selbst befriedigte. Es ist zweifellos ein großer Mangel, dass man selten oder nie Gelegenheit hat, gute Katechesen zu hören, da der Konfirmandenunterricht immer hinter verschlossenen Türen sich abspielt und abspielen muss, während die Gelegenheit, gute Predigten zu hören oder zu lesen, viel häufiger ist. All meine Arbeiten und Schaffen auf diesem Gebiet haben mich wohl weiter, aber nie dahin gebracht, dass mein Konfirmandenunterricht mich befriedigte.

In den ersten Tagen des Juli führte mich die Hochzeit meines Freundes Aug. Schmitz nach Hanau. Ich vollzog die Trauung in dem neuen Heim des jungen Paares, die Hochzeitsfeier fand im engsten Kreise statt. Wir sind seitdem mit seiner Frau, wie schon früher mit ihm, eng befreundet gewesen, und oft sind sie bei uns, wir bei ihnen eingekehrt.

Im Juli erwarteten wir wieder ein Kindlein. Da war es natürlich, dass mein kranker, oft sehr von seinen Stimmungen und Launen beeinflusster Bruder nicht bei uns blieb. Da er sich nicht entschließen konnte, allein in eine Anstalt zu gehen, kam am 18. Juli mein Schwager Fritz Wiebel, der vor kurzem aus Afrika zurückgekehrt war, zu uns, um Paul in eine Heilanstalt nach Blankenburg-Wernigerode zu geleiten. Nach mancherlei Kuren wurde er soweit wieder hergestellt, dass er seine Praxis in Düsseldorf wieder aufnehmen konnte.

Wenige Tage nachher kam Schwägerin Minna, um Meta in Wochen zu pflegen. Sie war damals 18 Jahre alt, war sehr tüchtig und hat uns in dieser Zeit treu geholfen, ist über zwei Monate bei uns geblieben.

Am 24. Juli kam dann auch pünktlich der neue Weltbürger, unser lieber Hans, den wir am 22. August, dem Geburtstage meiner Mutter, tauften. Ein fröhlicher Festtag für das ganze Haus und seine Freunde, dessen Freude dadurch erhöht war, dass die liebe Großmutter aus Elberfeld dazu gekommen war. Hans war das erste der Kinder, das ich selbst taufte in unserer schönen Kirche (viel schöner als die Haustaufen!). Der Sommer brachte uns wieder mancherlei Besuche. P.Stursberg von Düsseldorf, Freund Bangerotte aus Kaiserswerth, die Engländerin Miss Welchman, mit der wir in Vevey bekannt geworden waren, und im August zur Taufe Schwager Hermann, der Weihnachten auch seinen Freund Richard Hassenkamp mitbrachte. Auch Freund Schmitz kehrte Ende September mit seiner Frau auf 12 Tage bei uns ein. So war unser Haus auch in Treffurt trotz seiner abgelegenen Lage ebenso wie in Düsseldorf ein rechter Taubenschlag - uns aber brachte der viele Besuch mancherlei Anregung und viel schöne Stunden.

Um Minna vor ihrer Rückkehr nach Elberfeld eine Freude zu machen, machte ich mit ihr eine kleine Tour durch Thüringen, die in Erfurt endete. Überall wo wir einkehrten, die gleiche Verwunderung, dass wir zwei Stuben beanspruchten. Man sah uns als ein Ehepaar an, das auf der Hochzeitsreise sei, was uns köstlich amüsierte. In Erfurt wurde Kaiser Wilhelm erwartet, alle Gasthäuser waren voll besetzt. Schließlich fanden wir in einem Haus dritter oder vierter Güte einen Unterschlupf, mussten das Zimmer mit anderen teilen. Aber als der Kaiser am anderen Tage kam, war der Jubel ungeheuer, und die Blumenpracht, die die Gartenstadt zeigte, unglaublich und unbeschreiblich. Man dachte, alle Blumen Erfurts hätten dem Kaiser zu Ehren ihr Leben lassen müssen. Als wir aber aus Erfurt hinausfuhren, sahen wir noch große Felder von Blumen aller Art und bekamen einen Eindruck von der dortigen Blumenzucht. In Eisenach trafen wir mit Schmitzens zusammen und machten mit ihnen eine fröhliche Wasserfahrt nach Treffurt - in strömendem Regen auf offenem Wagen. War schon früher unser Verhältnis zu Minna ein sehr herzliches gewesen, so war es durch das zweimonatige Zusammenleben noch inniger geworden, und wir sahen sie mit aufrichtigem Dank für ihre treue Hilfe scheiden.

Am 10. November war der Gedächtnistag des 400jährigen Geburtstages von Dr. Martin Luther, der von der Gemeinde mit reger Anteilnahme gefeiert wurde und das evangelische Bewusstsein gegenüber den Katholiken erfreulich stärkte. Zum Andenken an den Tag wurde aus freiwilligen Gaben eine große Lutherbüste beschafft, die - in der Kirche an der Orgelempore angebracht - das Andenken an den Tag und mehr an den großen Reformator der Kirche wach halten sollte. Und nun steht im Jahre 1917 das Jubiläum der Reformation bevor. Hoffentlich dient es noch mehr dazu, überall in der evang. Kirche die Überzeugung zu wecken und zu stärken, was Gott der Herr unserem Volk für große Gnade durch sein Evangelium und unsere treue evangelische Kirche geschenkt hat.

Wenn ich nachträglich noch etwas über das Lutherfest sagen darf, so ist es der Ausdruck der Freude über den schönen Verlauf und die sehr rege Beteiligung, ohne lebhafte Anregung meinerseits. So war die Ausschmückung nicht nur der Kirche, sondern der ganzen Stadt eine überraschend schöne und mir selbst völlig unerwartete. Mit Freude durchwanderte ich früh am 10. November um 6 Uhr unser Städtlein, während die Musik vom Turme blies. Das Ganze war Haus für Haus voller Kränze und Inschriften, Transparenten usw. - und durch die 4 Festversammlungen ging ein Zug der Erhebung wie selten.

Weihnachten bekam unser Ältester einen Baukasten, eine unerschöpfliche Gelegenheit für seine Gestaltungsgabe. Meines Erachtens sind die besten Spielsachen für Kinder Bilderbücher und Baukästen, jene zur rezeptiven, diese zur aktiven Tätigkeit. Letzterer dient auch Plastilina, die es aber damals noch nicht gab. Ich war immer ein Feind des billigen Spielzeugs, an dem die Kinder Zerstören und Missachten des Geschenkten systematisch lernen. Der Baukasten, der später vergrößert wurde, war so solide, dass soviel ich weiß, jetzt noch Ritzens Kinder Reste davon besitzen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04