1884


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Das Jahr 1884 brachte uns zuerst Schuchards in Völkershausen näher, wir besuchten sie öfters und sie uns. Wann sie nach V. kamen, weiß ich nicht mehr (wohl 1883). Im April logierten sie auch bei uns und fuhren mit uns zu einer Konferenz für Innere Mission nach Eisenach. Am 22. 1. ging Fritz Wiebel nach Südamerika. Im März war ich auf einige Tage in Düsseldorf, aus welcher Veranlassung, weiß ich nicht mehr. Ich nahm Lili mit zu den Großeltern, erinnere nur, dass ich mitten in der Nacht in Kassel ankam, plötzlich aufwachte und in Pantoffeln mit dem schlafenden Kind auf dem Arm weit über den Bahnsteig durch tiefen Schnee laufen musste. Lili blieb dann in Elberfeld, und Hermann Wiebels Freund Hassenkamp brachte sie uns auf seiner Rückreise zur Universität nach Halle mit bis Eschwege.

Am 23. 6. kam Superintendent Georgi, um die Schulen zu visitieren. Er blieb bis zum 26. 3. uns ein lieber Gast, ganz bei uns zu Hause. Mir brachte er Gelegenheit zu schönen Touren nach Nazza und auf die Blesse bei Wanfried. Mitte Juli ging ich für einige Tage nach Georgental bei Gotha, während die Tanten aus Bremen bei Meta waren. Aber kaum war ich dort, so konnte ich mich nicht allein recht der Erholung in der schönen Gegend freuen, immer abhängiger. Und so ließ ich meine liebe Frau nach wenigen Tagen nachkommen, dann kamen die Tanten, holten uns ab, und wir wanderten mit ihnen durch Thüringen nach Oberhof, wo damals noch unglaublich primitive Verhältnisse herrschten, - ich glaube dann über Ilmenau nach Schwarzburg. Tante Minna reiste dann nach Holstein, Tante Adelheid blieb bis Mitte August. Sie entführte dann unseren Erich nach dem Grohn bei Bremen, wo er bis Anfang Oktober blieb.

Anfang August war P. Hübener aus Oppershausen unser Gast, eine fröhliche, liebenswürdige Natur, Ende August Prof. Achelis mit seiner Frau aus Marburg, den ich zum Festprediger bei unserem Missionsfest gewonnen hatte. Er war dem Haus unserer Eltern in Elberfeld seit langem befreundet, beide aus Bremen stammend, er Nachbarskind mit Mutter. Meta war viel in Barmen in ihrem Hause gewesen, so waren sie uns wohlbekannt und fühlten sich wohl bei uns (Siehe Gästebuch: sein Lied auf die drei Frauennamen, die ihn begeisterten).

Im Laufe des Herbstes kehrten Siegfried für längere Zeit, Metas Freundin Frau Wittenstein, Mutter Wiebel für 14 Tage und Aug. Schmitz mit Frau und Schwägerin bei uns ein.

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"Mutter Wiebel", Margarethe (Meta) Wiebel, geborene Voget (beerdigt auf dem reformierten Friedhof in Elberfeld)

In Treffurt wurde dieses Jahr unser Verkehr mit Amtsrichter Glimms immer reger und herzlicher, oft machten wir Touren zusammen, waren abends zusammen. Im folgenden Jahre wurde ihnen ein Töchterchen geschenkt, die Elisabeth, und wir feierten ein fröhliches Tauffest mit ihnen.

Noch erwähne ich, dass wir im Herbst unseren Viehstand vermehrten - zu Pferd, Ziegen und Hühnern kam ein Schwein, das wir mästeten bis zum Schlachtfest im Frühjahr.

Endlich noch eine wichtige Tatsache aus dem Jahre 1884: Unser Ältester wurde schulpflichtig. Ich schickte ihn aber Ostern nicht in die unterste Klasse, weil er da nur das Träumen gelernt hätte, bei dem langsamen Fortschreiten der Anfänger. Ich ließ ihn den Sommer über in wöchentlich zwei halben Stunden unterrichten, dabei erreichte er, das Pensum der ersten 1 1/2 Schuljahre zu bewältigen, trat im Herbst dann in die Klasse des 2. Jahrgangs ein, kam so nach einem Jahr in die Mittelklasse und konnte nach dreijährigem Schulbesuch mit dem Pensum der Sexta des Gymnasiums beginnen. Ich nahm ihn dann außer in Latein auch in Religion, Deutsch, Rechnen, Geschichte und Geographie selbst vor und ließ ihn an der Schule an dem Unterricht in den technischen Fächern teilnehmen, so dass er unter dem heilsamen Einfluss der Schulzucht blieb. Ich habe das probat gefunden, und er konnte Ostern 1889 gut vorbereitet in die Quarta des Gymnasiums eintreten. Mit Erich machte ich es im nächsten Jahre ebenso.

Ist auch die Arbeitslast (30. 3. 84) in den kommenden 14 Tagen fast zu groß hier, so habe ich Gottseidank doch auch etwas von dem Gefühl der Freude, in den Festtagen predigen zu können. Wieviel stärker sollte das Bewusstsein sein, dass es ja eine schwere Pflicht, aber auch ein seliges Recht ist, von unserem Heilande zu zeugen. Was A. über Kirchenschmuck sagt, billige ich völlig.... zum Schmuck gehört aber auch der Gesang, der viel reicher ausgestaltet und verwertet werden sollte. Hier ist das viel mehr der Fall als am Rhein in der Liturgie und liturgischen Gottesdiensten, die mir sehr erbaulich sind, z.B. am Karfreitagabend.... Auch beim Lutherfest war die liturgische Feier am Vorabend sehr schön. Auch zwei Gesangvereine hier am Ort ziehe ich sehr gerne zur Mitwirkung heran, wobei auch eine Anzahl Katholiken gerne mitsingen - so kürzlich an Kaisers Geburtstag.

Einen Nutzen erhoffe ich jedenfalls von der heutigen Reichstagswahl (28. 10. 84) für die Konservativen des Ostens: dass ihnen durch das Verhalten des Zentrums zur Fortschrittspartei die Augen über das Zentrum aufgehen werden und über die Möglichkeit des Zusammengehens der Kons. Partei mit dem Zentrum. Mich erfasst immer ein gewisser Ingrimm, wenn ich das Reden in manchen konservativen Kreisen hier höre, Ingrimm über die bodenlose Anerkenntnis über die Macht und Tendenz der katholischen Kirche und des Zentrums. Möchte doch eine konserv. national-liberale Majorität zustande kommen, aber ich glaube es nicht ...

Anstößig ist mir oft das Reden "vom lieben Gott", eine Redeweise, die in gewissem Sinne auch ihr Recht haben mag, tatsächlich aber der Ehrfurcht vor dem hohen und heiligen, über alles Irdische erhabenen Gott in dem Gefühl der Leute Eintrag tut. Grade bei meinen hiesigen Gemeindemitgliedern glaube ich diese Bemerkung oft machen zu müssen. Wo der Ursprung "des lieben Gottes" ist, weiß ich nicht, ob wohl in der Zeit des Rationalismus.

Die Frage der Krankenheilung ist eine, die mich hier gar viel beschäftigt, freilich von einer ganz anderen Seite als der von P. und O. berührten. Die Gefahr, dass die Leute zu keinem Doktor gehen - aus religiösen Bedenken - liegt hier nicht vor, wenigstens sehr selten. Mir ist nur ein Fall bekannt - ein Mann, chiliastisch angekränkelt. Hier ist ein anderes Übel: das Zaubern oder Besprechen, was eine von mir nie geahnte Ausdehnung unter unserer Bevölkerung hat und von dem allerübelsten Einfluss ist. Es ist sehr schwer, die Leute von dem Unrecht dieses Treibens zu überzeugen, und doch unterbindet es das ganze religiöse Leben, raubt das Vertrauen zu Gott, zum Gebet und bestärkt in der Eigenwilligkeit, die trotz Gottes Willen gesund werden und nicht sterben will. (Der Beter sagt: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Der Besprecher: Nicht dein, sondern mein Wille geschehe) Schwierig ist es dann, wenn Fälle eingetreten sind, "wo's geholfen hat". Ich kann zuletzt nicht umhin (soweit der Zufall nicht spielt), da gemäß der Anschauung des Alten Testaments dämonische Einwirkungen unter göttlicher Zulassung anzunehmen, zur Strafe der Verblendung und Verstockung derer, die den lebendigen Gott verlassen und zu Zaubermitteln ihre Zuflucht nehmen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04