1885


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Im Februar war ich zur Helleschen Missionskonferenz. Ich besuchte dort Onkel und Tante Roecke, die sich zur Ruhe gesetzt hatten und von Magdeburg nach Halle übergesiedelt waren. In ihrem einfachen traulichen Heim in Zinksgarten bin ich öfter gerne eingekehrt, solange sie dort wohnten.

Da erhalte ich eben (28. 5. 85) die Trauerkunde von dem Tode des Töchterchens des lb. Br. K. Neben dem Gefühl der Teilnahme mit seinem Schmerz steht bei mir das Gefühl des Dankes, dass Gott uns bisher vor so schwerer Prüfung gnädiglich bewahrt und uns unsere vier Kinder gesund erhalten hat; und die Bitte, dass er uns bewahre, unser Herz nicht in sündiger Weise an unsere Kinder zu hängen. Wie bald kann er gleiches Opfer von uns fordern! Es zu bringen ohne zu murren, vermag kein natürliches Herz, das immer dazu neigt, aus seinen Kindern einen Abgott zu machen. Neben der Freude an den Kindern fällt mir mehr und mehr, eben weil ich sie lieb habe, die Verantwortung für ihre Erziehung schwer aufs Herz. Immer mehr wachsen da die Sorgen und das Bewusstsein eigener Unfähigkeit zu so großem Werk, Seelen für den Himmel zu erziehen. Ich kann mir kein größeres Leid ausdenken, als ein missratenes gottloses Kind. Bei aller Freude scheint es da oft mehr Druck und Last, Vater zu heißen.

Vor einigen Tagen erhielt ich als Tübinger Philister einen Brief der dortigen Verbindung mit der Bitte um Beiträge zur Tilgung ihrer Schuld. Der Brief hat mich sehr geärgert, milde gesagt. Wozu soll solches Festefeiern führen! Und nun war es nur das 20jährige Stiftungsfest, wie soll es erst in 5 Jahren werden! Nach all den hohen Auflagen auf die Aktiven noch 920 Mark Schulden. Ich habe nicht Lust, der Verbindung eine Strafpredigt zu halten, noch weniger, für solche Schulden aufzukommen. Aber ich würde es für sehr angezeigt halten, wenn einmal die Philister insgesamt oder in größerer Anzahl gegen solchen Leichtsinn ihre Stimme erhöben. Solch Treiben kann nur zur Veräußerlichung des Verbindungslebens führen.

Im Januar war Paul bei uns gewesen, kehrte dann nach Düsseldorf zurück, wo er sich ein Haus in der Hohenzollernstraße gekauft und eingerichtet hatte. Er praktizierte wieder und wollte in der oberen Etage eine kleine Privatklinik für Damen einrichten. Durch den langen Gebrauch des Morphiums war der ganze Körper krank, es bildete sich Wassersucht aus und er wurde bettlägrig und musste seine Praxis aufgeben. So reiste ich am 23. April zu ihm und fand ihn in einem traurigen Zustand, leiblich und seelisch - von vielen aufgesucht und doch so allein - unter fremden Leuten. Ich hatte zu seiner Freude Lili mitgenommen, deren fröhliches harmloses Wesen ihn zuweilen aufheiterte. Aussicht auf wirkliche Besserung war nach Urteil der Ärzte nicht da, aber der Zustand war wechselnd und konnte sich noch lange hinziehen. Ich blieb bis zum 30. April bei ihm, konnte meine alten Düsseldorfer Freunde grüßen und kurz in Elberfeld bei den Eltern hineinsehen. Ich ließ Lili bei den Eltern, da ich voraussichtlich bald wieder zu Paul zurückkehren musste. Eine Beruhigung für uns war es, dass bei plötzlicher Verschlimmerung Papa von Elberfeld bald bei Paul sein konnte, die Krankheit zog sich den Mai durch hin. Anfang Mai trat eine Verschlimmerung ein, und als ich am 8. Juni wieder zu ihm kam, fand ich ihn sehr elend in bedauernswertem Zustand. Den argen Beängstigungen suchte er durch Gebrauch von Morphium zu begegnen, und so saß er meist in halbwachem Zustand am Fenster, die frische Frühlingslust begierig einatmend. Sein erster Wunsch war, dass Lili wieder zu ihm käme, so ließ ich sie von Elberfeld holen, nicht nur für Paul, auch für mich eine Freudenquelle in der traurigen Krankenstube. Da ich für Sonntag keine Vertretung hatte, musste ich schon am 12. wieder heim, brachte Lili wieder nach Elberfeld und reiste die Nacht durch nach Treffurt. Aber schon am 28. Juni wurde ich wieder nach Düsseldorf gerufen und fand den armen Paul, ein Leidensbild wie ich selten gesehen. Mein Kommen war der letzte Freudenstrahl in seinem Leben, sein leiblicher Zustand so angst- und qualvoll, dass man nur wünschen konnte, dass er bald davon erlöst würde. Das geschah auch bald, in der Nacht vom 29. zum 30. Juni saß ich von 2 bis 6 Uhr an seinem Lager, allein den furchtbaren Todeskampf mit ansehend und mit ihm leidend, bis er endlich seine Seele aushauchte, ein furchtbar schweres Scheiden für mich. Ich war nun allein übrig von der Familie - gut, dass ich Weib und Kinder hatte, von ihrer Liebe auch in diesen schweren Tagen getragen. Papa kam sofort von Elberfeld herüber und stand mir treu zur Seite.

Pauls Beerdigung auf dem Nordfriedhof fand schon am 2. Juli statt, und dann eilte ich so rasch wie möglich nach Hause, da in Treffurt die liebe Frau Helling schwer krank daniederlag und Glimms mit der Taufe ihrer Ältesten auf mich warteten. So kam ich am 4. Juli todmüde heim - körperlich von den letzten Monaten, den 6-maligen Nachtfahrten, den Aufregungen und dem Schmerz um Pauls Leiden und Sterben arg reduziert und doch froh, wieder bei meinen Lieben zu sein.

Frau Hellings Leiden verschlimmerte sich mehr und mehr, sie litt sehr, ich war froh, ihr noch etwas sein zu dürfen und sie auf ihrem Leidens- und Todesweg zu trösten. Dann legte sich auch Frl. Helling, ihre noch ältere, wohl 80jährige Schwägerin, ohne besondere Krankheit, Altersschwäche, und am 16. Juli starben beide in einer Nacht, Frl. Helling abends 8 Uhr, Frau Helling nach 11 Uhr, im Tode wie im Leben vereint. Das war neuer Schmerz - Frau Helling war uns so mütterlich begegnet, unseren Kindern wie eine gute Großmutter. Mit Frau Niemann aber, die nun allein zurückblieb, hat uns dauernde Freundschaft bis zu ihrem Tode verbunden. Ihr Bild ist ja allen Kindern lebendig vor Augen.

Am Tage vor Frau und Frl. Hellings Tod war Meta, wie schon lange geplant, mit Erich und Hans und dem Mädchen nach Elberfeld gereist, da sie sehr der Erholung bedurfte. Dort waren auch die Tanten aus Bremen, und bald kam auch Mutters Schwester Minni aus Italien zurück, wohin sie ihr Vater vor einem halben Jahr geschickt, um sie der Bedrohung durch Herrn von Below zu entziehen, - ohne dass sie dadurch ihrem Geschick entgangen wäre. Ich musste noch bis Ende Juli warten, ehe ich meinen Urlaub antreten und mit Fritz meinen Lieben folgen konnte.

In Großburschla war Cand. Hesse als Prädikant, in Schnellmannshausen seit Pfingsten Cand. Müller in der gleichen Stellung, so war meine Vertretung jetzt leichter zu regeln, und ich konnte in Ruhe die mir hochnötige Erholung suchen und finden.

Zunächst gab es noch arbeitsreiche Tage in Düsseldorf. Dort mussten Pauls sehr in Unordnung geratene Angelegenheiten geordnet werden. Der Haushalt wurde aufgelöst, ein Teil seiner Möbel wurde nach Treffurt gesandt, ein Teil in Elberfeld in gemietetem Raum untergestellt, der Rest in einer Auktion verkauft. Dann reiste ich mit Meta in die Schweiz, während die Eltern die vier Kinder bei sich behielten bis zu unserer Heimkehr.

Wir waren in Wengen in der Pension Lauener, damals noch still abgelegen und einfach. Mit uns war Rev. Mac Laren mit seiner Tochter, der Vater von Miss Lejeune - in Wengen - ein feiner, geistvoller alter Herr, mit dem ich leider nur Englisch radebrechen konnte. Von sonstigen Gästen erinnere ich nur des Prälaten Doll aus Karlsruhe, ein Kirchenfürst der badischen Kirche. Er und ich hielten sonntags Gottesdienst für die Deutschen in dem Saale der Pension.

Auf der Rückreise fuhren wir nur zusammen bis Interlaken, ich fuhr über Basel, Frankfurt, Hanau heim, hatte einen schönen Tag bei Freund Schmitz und war am 27. August wieder daheim. Welch glücklich Gefühl, als ich, von Eschwege zu Fuß nach Treffurt wandernd vom Siechenrain aus mein liebes Treffurt wieder erblickte, nun daheim, aber im leeren Heim. Bald kam Friederike (Falke, unser Mädchen, jetzt Frau Hossbach im Amtsgericht) mit Fritz und Lili von Elberfeld zurück, und so war das Haus wieder voll Leben.

Meta war von Interlaken über den Brienzer See, den Brünig nach Luzern gefahren und von dort am anderen Tag nach Biasca, wo damals Calvinos wohnten. Am 3. reiste sie über Hanau, wo sie einen Tag ausruhte, nach Elberfeld und brachte den Großeltern den kleinen Theo Calvino, der nur italienisch sprach, aber deutsch verstand, mit. Endlich kehrte sie mit Erich und Hans am 9. September wieder zu uns zurück, nun endlich nach all den Fahrten und Nöten des Sommers wieder alle vereint. Aus dem Jahr 1885 erwähne ich noch lieben Besuch von Anna Martin, Fritz Wiebels Braut, im April und Mai, Pfingsten Vater und Karl, der damals in Marburg studierte, und im August Marie Imhäuser, Metas Düsseldorfer liebe Freundin, die nun auch schon lange heimgegangen ist. Im Frühjahr habe ich das erblindete Pferd abgeschafft und da ich, seit Cand. Müller in Schnellmannshausen war und Cand. Hesse in Großburschla, nicht mehr so viel über Land musste, habe ich auch kein neues angeschafft. Aber unsere Bewegungsfreiheit war doch sehr eingeschränkt, und ich vermisste das Reiten, das mir körperlich oft Erholung war, schmerzlich.

Noch ein paar Worte über die beiden Vikare:

Cand. Hesse war ein sehr liebenswürdiger, freundlicher Mann; theologisch nicht sehr hochstehend, ohne eigentliche wissenschaftliche Interessen, aber praktisch veranlagt. Selbst vom Lande stammend, aus Großengoltern, aus einer Bauernfamilie, wusste er den rechten Ton zu treffen für die Landleute und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. So war er bald in der Gemeinde beliebt und wurde nach seinem zweiten Examen bald ihr Pastor. Er soll mit seiner Cousine verlobt gewesen sein, die Verlobung aber war wieder gelöst oder vielleicht auch nicht perfekt geworden. In Großburschla lebte auf dem Gute die Familie von Einau, Mutter mit zwei Töchtern. Die eine Tochter gewann H. lieb und verlobte sich mit ihr. Seine Eltern und die Eltern seiner Cousine aber ruhten nicht, bis das Verhältnis abgebrochen war und er doch seine Cousine im August 1887 heiratete (damit die zwei Geldsäcke zusammenkämen). Die traurige Frucht dieser Verwandtenheirat ist die epileptische Tochter, durch die sein ganzes Leben ein tragisches Schicksal wurde, der er früh sein Amt und seine Gesundheit und jede Lebensfreude opferte. Und dazu der Tod des hoffnungsvollen Sohnes im Kriege im Jahr 1914, seit langen Jahren kann ich an den guten P. Hesse nur mit dem innigsten Mitleid denken. Wie anders Cand. Müller: Er war der Sohn eines Lehrers, hatte eine Stiefmutter und zwei Stiefbrüder. Er war eine borstige, zunächst wenig liebenswürdige Natur, fragte nichts nach dem Urteil der Menschen, stieß bei den meisten an, hatte seine Freude daran, die vorgesetzten Behörden anzukrakehlen. Aber er war durch und durch ehrlich und meinte es gut mit seiner Gemeinde und seinen Freunden. Er hatte eine ernst christliche Überzeugung. Schwer verständlich war mir an ihm, wie schwer es ihm bei seinem starren Sinn wurde zu vergeben und zu vergessen. Uns war er immer ebenso wie Hesse ein treuer Freund, und ich habe oft, auch später als sein Superintendent, viel über ihn vermocht. Auch sein Leben hat viel Schweres gehabt. Seine Stiefmutter zog nach ihres Mannes Tod zu ihm nach Schnellmannshausen, er sorgte für sie und mit seinem mütterlichen Vermögen auch für die Brüder. Die Mutter spekulierte darauf, dass er unverheiratet bleiben sollte und seine Brüder seine Erben würden. Als er aber später in Lengefeld sich mit der Frl. Wolf aus Homburg verlobte, schlug der Mutter Liebenswürdigkeit und der Brüder Freundschaft in Hass um, der in vielen Gemeinheiten sich offenbarte und ihm das Leben oft sehr verbitterte. Aber er hatte in seiner trefflichen Frau sein Glück gefunden, von ihr brauche ich nichts zu sagen, sie ist bis heute von uns allen verehrt und geliebt. In jener Treffurter Zeit war unser Haus der Mittelpunkt für die beiden Vikare und Schuchardts, die mich schon "Vater Höhndorf" titulierten, obwohl ich mir noch arg jung vorkam. Uns aber hat die Freundschaft der drei das Leben bereichert, und auch unsere Kinder haben viel Freundlichkeit von ihnen erfahren und sind immer gern bei ihnen eingekehrt und herzlich aufgenommen worden. Welche lieben Erinnerungen knüpfen sich an das Lengefelder Pfarrhaus!

Möchten wir es immer besser lernen, aus dem Gottesworte immer reichere Gnadenzuflüsse unsern Gemeinden zu eröffnen; möchte Gott durch unser schwaches Wort immer mehr Leben wecken. Bei aller Freude an meinem Amte und vielem Segen, den ich persönlich darin erfahre, ist es mir oft sehr schwer, dass ich so wenig von dieser Leben weckenden Kraft in der Gemeinde spüre, und weil ich es glaube, dass das Wort Gottes heute noch wie immer lebendig und kräftig ist, so muss ich zu meiner Demütigung die Ursache davon in mir suchen. Gott der Herr schenke mir und uns allen mehr von seinem Lebensgeist, zum Segen für unser Amt und Gemeinden! 

In der Gemeinde ist es im ganzen wie es war. Leider! Ich denke und studiere mehr als früher daran, was zu tun ist, dass es anders werde. Unser Hausmittel ist und bleibt doch die Predigt, aber wie es anfangen, dass sie mehr packe? An der Form liegt es gewiss nicht, denn in jeder homiletischen Form oder Formlosigkeit haben Gottesmänner die Herzen erfasst. Was das Schwerste bleibt, ist das Hinabsteigen zu den Niedrigen; konkret ohne trivial, einfach ohne platt zu werden, ist da erstes Erfordernis ...

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04