1886


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Das Jahr 1886 brachte uns wenig Wichtiges.

Ich weiß nicht durch wen (ich vermute durch Freund Bausch) wurde ich der Wupperfelder Gemeinde bei einer Pfarrvakanz vorgeschlagen und von P. Kirstein zu einer Predigt am letzten Tag der Festwoche aufgefordert. So reiste ich am 8. August nach Elberfeld und hatte im Lauf der Woche viel Anregung durch Predigten und Vorträge, freute mich, den alten Blumhardt aus Boll wiederzusehen und viele meiner rheinischen Freunde, Wilh. Gräber, Ohl u.a. Aber bei einem Besuch bei P. Kirstein erfuhr ich schon, dass die Gemeindevertretung nur einen erstklassigen Redner wählen würde, alle, die gepredigt hatten, seien ihr nicht gut genug. So war mein Predigen im Blick auf die Wahl zwecklos, aber doch war mir die Predigt vor der vollen Kirche nicht schwer. Ich hatte danach die Freude, einen alten Verehrer meines Vaters, der ihn in Elberfeld in seiner Jugend gehört hatte, kennenzulernen. Er war von Elberfeld nach Wupperfeld gekommen, um den Sohn seines alten Predigers zu hören, das war mir ein kleiner Ersatz für die verflogene Aussicht, nach W. in die Nähe der Eltern und alten Heimat zu kommen. Am Nachmittag predigte Martin Gräber in derselben Kirche, viel besser als ich, aber ebenso vergeblich.
Ich reiste dann mit Schwager Siegfried zu dessen großem Entzücken den Rhein hinauf nach Frankfurt, traf dort mit Tante Pauline, die inzwischen nach Wiesbaden gezogen war, und ihrer Pflegetochter Margarethe d'Allinge zusammen und reiste mit ihnen über Eisenach nach Treffurt. Tante Pauline blieb gut 8 Tage, Siegfried 4 Wochen bei uns.

Auch viel anderen lieben Besuch brachte uns das Jahr. Tante Adelheid war wieder mehrere Wochen im März, Superintendent Georgi mehrere Male da, Schwager Karl, dann Missionsinspektor Spiecker von Barmen, der zu unserem Missionsfest gekommen war, und Metas Freundin, Marie Bouterweck. Eine Zeit lang war auch ein Engländer, A.B. West, bei uns, um Deutsch zu lernen. Ein wunderlicher Kauz, der wenig deutsch profitierte, er heiratete später die Schwester von Frau Lejeune. Ich erinnere, dass er mit Eifer unser Haus zeichnete, sein Opus das einzige, was uns von ihm geblieben ist.

Die neueste Phase der Kirchenpolitik Bismarks hat mich vielfach entrüstet, alles Mittel zu rein politischen Zwecken. Zuerst der Versuch, durch den Kulturkampf die polnische Gefahr zu überwinden. Als das vergeblich ist und durch das Zentrum alle anderen Bestrebungen der inneren Politik lahmgelegt sind, werden die Polen mit Zwangsmaßregeln attackiert und Rom gehätschelt, und die Folge wird sein, dass das Zentrum nicht seine Tätigkeit einstellt und willige Heerfolge im Schnaps- und Tabakmonopol leidet, sondern dass es seine Opposition fortsetzt, um immer mehr zu erhandeln und zu erzwingen. Unterdessen mag die evangel. Kirche ihre Fesseln weitertragen, ja ich glaube, man würde sie noch strammer machen, wenn es ginge, um ihr ja jede Lust zu nehmen, Opposition zu machen. Größere Freiheit wird die evangel. Kirche erst erlangen nicht in einem freieren Verhältnis zum Staate, sondern nur in der Freikirche. Aber wir alle werden es kaum erleben. In der Mischehenfrage habe ich die Trauung verweigert, wo katholische Kindererziehung folgen sollte. Bei den Mischehen wirkt hier in Bezug auf Kindererziehung oft mehr die Magen- und Erbfrage als die Glaubensfrage, darin sind die Katholiken viel roher, dass sie mit Erbschafts- und Verdienstentziehung mangelhaftes kirchliches Verhalten bedrohen. In diesem Kampf mit Rom werden die Waffen allezeit ungleich bleiben. Im Oktober machte ich, da ich das Jahr über keine Ausspannung gehabt hatte, eine kleine Fußtour nach dem Haustein, Meißner und Kassel. Den Kindern brachte das Christkind den Bockwagen mit 2 Böcken, auch das Vogelbild stammt aus dieser Zeit - für alle Kinder liebe Erinnerungen an Kinderzeit und Kinderstube.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04