1887


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Das Jahr 1887 verlief in gewohnter Arbeit, ohne besondere Ereignisse.

Wie wird's mit dem Krieg? Wird es bald Krieg geben? Ich habe im Blick auf die Bilder, die ich von 1870 noch lebendig vor mir sehe, nur die eine Bitte: Gott bewahre uns in Gnaden davor! Was wird's für ein Kampf werden! Und doch scheint es, als sei in Frankreich nicht mehr lange die Kriegsfurie zu zügeln.

Den von Bergschlag ins Leben gerufenen Evangelischen Bund betrachte ich noch etwas skeptisch, ich mag aber nicht aburteilen, ehe wir die Früchte sehen. Ich fürchte aber, es wird die Tätigkeit wenig Positives gegen Rom zustande bringen.

Da ich Schnellmannshausen und Großburschla nicht mehr zu bedienen hatte, blieb mir Zeit, meinen Ältesten und Zweiten zu unterrichten. Mit Fritz fing ich Latein an. Aus meiner Lehrpraxis in Düsseldorf wusste ich, welchen Wert es hat, wenn die Elemente einer Sprache unverlierbar fest eingeprägt sind. So legte ich in dem Unterricht vor allem Wert nicht auf schnelles Fortschreiten, sondern auf sichere Aneignung, und das ist später Fritz auf dem Gymnasium sehr zugute gekommen. Das wichtigste Ereignis außer einer kleinen Tour nach dem Meißner war meine Reise nach Juist ins Seebad im Juli und August. Leider konnte Meta mich nicht begleiten, und das lag an dem allerwichtigsten Ereignis des Jahres: Am 1. März wurde uns die kleine Martha geboren, zur Freude der Eltern, zum Jubel der Geschwister, ein rechter Sonnenschein von Anfang an.

Also am 25. 7. verließ ich schnöde Weib und Kind und reiste nach Emden, wo ich mit Freund Karsch zusammentraf. Wir reisten dann über Norden nach Juist, damals noch eine sehr umständliche Sache: Von Norden nach Norddeich mit Wagen, dann mit einem Segelschiff nach Juist. Von der Reede, denn Anlegebrücken gab es noch nicht, auf hohen Wagen zum Strand. Juist war damals noch sehr primitiv, aber verhältnismäßig teuer, von vielen besucht, die das Getriebe in Norderney nicht liebten. Es hat einen prachtvollen Strand ohne Buhnen, so dass man stundenweit bei Ebbe ohne jedes Hindernis laufen konnte. Das Leben in solchem Inselbad ist sehr eintönig, aber für erholungsbedürftige Nerven umso besser, dazu die herrlichen Bäder und der immer wachsende Hunger, wohl geeignet, den Körper zu kräftigen und zu neuer Arbeit zu rüsten.

Wir hatten dort einen sehr netten kleinen Kreis, außer Karsch und mir Freund Seger aus Koblenz mit seiner reizenden Frau und zwei kleinen Mädelchen, er ein Studienfreund von Tübingen her. Wir vier kamen jeden Abend zusammen, abwechselnd bei dem einen und anderen, aßen zusammen und lasen oder plauderten über allerlei kirchliche oder theologische Fragen bei der langen Pfeife, die jeder mitbrachte. Nie habe ich wieder auf Reisen einen so angenehmen Verkehr gefunden, wie damals auf Juist.

Sehr traurig sah es damals und noch lange in Bezug auf die geistliche Versorgung der Insel aus. Der Pastor war ein ganz unglaublicher Mensch, miserabler Prediger, dessen Gewäsch man nicht anhören konnte. Dazu lebte er in Streit mit seiner Gemeinde - die hatte ihm gewehrt , in seinem Pfarrhause Badegäste aufzunehmen - aus Brotneid -. Da baute er ihnen ein großes Logierhaus hin, das seine Frau bewirtschaftete. Es ist ein Jammer, dass unsere Kirchenbehörden nicht dafür sorgen oder sorgen können, dass an solche Orte grade recht tüchtige anregende Geistliche gesetzt werden. Ein Nachteil, dass fest angestellte Geistliche nicht gegen ihren Willen versetzt werden können, und der tranige Pastor O. hat bis voriges Jahr (1916) gelebt. In Verbindung mit dem jungen, sehr netten Lehrer (der zugleich Postverwalter war!) hielten wir in der Woche eine Bibelstunde in der Schule, und als der Pastor das hinderte, verlegten wir sie in den Saal des Gasthauses, wo wir aßen. 

Eine Zeitlang war auch der ältere Herr Bischof aus Treffurt in Juist und schloss sich uns an. 

Auf der Rückreise fuhr ich über Wilhelmshaven, wo ein Schwager von Freund Karsch Regierungsbaumeister war. Ich kannte Herrn Krebs schon von Gütersloh her, und durch ihn, der damals den neuen Torpedobootshafen baute, hatte ich die Möglichkeit, die Werft und Häfen und Schiffe zu sehen, höchst interessant für mich, und nie wieder.

Von Wilhelmshaven fuhr ich nach Bremen, um noch einige Tage bei den Tanten auf dem Grohn zu verbringen. Sie waren als Schluss ihrer Sommerreise einige Tage in Treffurt gewesen und brachten nun zu meiner Überraschung und Freude meine liebe Frau mit, die mich plötzlich im Hotel überfiel. Wir hatten dann noch einige schöne Tage auf dem Grohn zusammen. Wer unterdessen für unsere 5 Kinder sorgte, weiß ich nicht: Wir waren oft leichtsinnige Eltern.

Was P. ausführt (am 14. 8. 87 in Juist geschrieben), entspricht dem, was ich in Treffurt immer wieder finde: Der erste Artikel wird in flach jüdischer Auffassung missverstanden, mit dem Gott dem Vater wird kein Ernst gemacht, weil die Gotteskindschaft nicht auf dem 2. und 3. Artikel ruht, sondern als etwas angesehen wird, was jeder ohne weiteres besitze. Der Herr Christus ist den meisten entbehrlich und das "Denen, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben" (Joh. 1) ist gänzlich fremd. Das habe ich mir immer wieder als nächstes Ziel in Predigt und Unterricht vorgesetzt, der Gemeinde zum Bewusstsein zu bringen, dass ohne den Herrn Christus, den lebendigen Heiland, und ein lebendiges Verhältnis zu ihm kein Christentum ist, und es ist schon viel erreicht, wenn die Leute anfangen zu ahnen, dass ihre Frömmigkeit und ihre religiösen Gedanken noch kein Christentum sind.

... Ich las hier den Briefwechsel Friedrich Wilhelm IV. mit Bunsen, von Ranke herausgegeben. Es hat mir ganz neues Licht über die Bedeutung der Person des Königs und seiner Regierung gegeben. Das große Ziel, das sein größerer Bruder erreichen durfte, hat ihm klar vor Augen gestanden, und seine Haltung war wesentliche Vorbedingung für das, was unser Kaiser erreichte. Zweierlei ist da von besonderer Bedeutung: Obwohl er keinen höheren Ehrgeiz kannte, als die deutsche Kaiserkrone zu tragen, hat er sie mit Recht ausgeschlagen, wollte er nicht das monarchische Fundament unseres Staatslebens gefährden. Und das andere: Ohne sein treues Festhalten an der russischen Freundschaft hätten wir 66 und 70 nicht das Glück der russischen Neutralität gehabt. Ich verstehe aus Rankes Bemerkungen nun auch Bismarcks Politik besser. Wozu Friedr. Wilh. IV. der Mut fehlte, war der Bruch mit Österreich, den er als unvermeidlich erkannte und doch um seiner historischen Anschauung willen nicht vollziehen wollte. Auf kirchlichem Gebiet erscheinen seine Bedenken vielfach als Absonderlichkeiten und Utopien.

Außer den Tanten kehrten im Jahre 87 auch Schwester Hanni Calvino und später die liebe Mutter aus Elberfeld - auch mein Onkel Karl Höhndorf, der Lehrer aus Redewell, und Freund Schmitz bei uns ein.

Eine vergebliche Reise machte ich im September nach Halberstadt, wo ich eine Probepredigt in der Martinikirche hielt, bei der es mir nicht anders ging als in Wupperfeld. Man war bereits, wie ich erfuhr, entschlossen, den zweiten Geistlichen für die erste Stelle aufrücken zu lassen, und ließ ich glaube 7 Geistliche wohl des Spaßes halber Probepredigten halten, - schier unglaublich, aber wahr.

Ich glaube im Jahre 1887 siedelte Amtsrichter Glimm nach Halle über, wo er Rechtsanwalt wurde, da es ihm nicht gelingen wollte, als Richter in eine größere Stadt zu kommen. Für uns damals ein großer Verlust.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04