1888


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Friedrich W.B. Höhndorf 1988

Das Jahr 1888 brachte uns mehrfache Trennung. Anfang Februar reiste ich zur Halleschen Missionskonferenz und hatte Gelegenheit, die alten Treffurter Freunde, Glimms und Frau Oberstleutnant Gross zu grüßen, auch Onkel und Tante Roecke, und Onkel Höhndorf in Redewell zu besuchen. So kam ich dankbar für viel geistige Anregung und viel erfahrene Freundschaft nach Hause.

Bald darauf reiste Mutter Meta mit dem kleinen Hans, 4 Jahre alt, zu den Eltern nach Elberfeld, wo sie bis zum 5. März blieb, lange, schwere Trennung, aber für die Eltern eine große Freude. Ganz besonders freute sich der Großvater an dem kleinen Enkel, der nach aller Urteil ganz besonders artig, freundlich und zutraulich war - niemandem zur Last, allen zur Freude.

Im Elternhaus waren damals nur noch Minni und Siegfried (Primaner), Fritz war seit einem Jahr vorher verheiratet, leider kein freundliches Verhältnis zwischen seiner Frau und der 1. Mutter und Minni. Da hatte meine liebe Frau die schwere Aufgabe, soweit möglich zu vermitteln und zu versöhnen. Wieviel besser haben wir es doch mit allen unseren Schwiegertöchtern als die Eltern in Elberfeld!

Hermann, Lehrer in Vlotho, verlobte sich damals mit Clara Tintelnot in Vlotho oder Lemgo, und Karl (noch Student) mit Paula Raab aus Hochheim, und Minnis Verlobung mit H. von Below stand in Aussicht. Sie hatten schon lange sich einander genähert, korrespondierten, aber er wollte sich nicht erklären, bis er eine Professur bekäme und pekuniär in der Lage wäre zu heiraten. Er war damals Privatdozent in Marburg und wartete lange auf seine Ernennung in Königsberg. Seinen Standpunkt, so schwer er auch für Minni war, konnte und kann ich nur loben, so veraltet er auch bei der heutigen Jugend leider gilt.

Im Elternhaus war damals auch Paul Calvino jr. (Nino genannt), den die Eltern Wiebel ganz erzogen resp. Minni. In der Schule war er immer der erste, aber sonst gab es manche Schwierigkeiten in der Folgezeit.

Während Metas Anwesenheit im Elternhaus starb Mutter Wiebels letzter Bruder, Ludwig Voget, damals Fabrikbesitzer in Zeitz, hinterließ seine Frau mit vielen Kindern, für seine 4 Schwestern ein großer Schmerz. Die Rückreise machten die beiden lieben Ausreißer über Koblenz, wo sie Freund Seger und seine kleine Frau besuchten, und über Wiesbaden, wo Tante Pauline sie eingeladen hatte und vom 6. - 12. März bei sich mit viel Freundlichkeit aufnahm. Die Tante lebte dort mit ihrer kleinen Pflegetochter Margarethe d'Allinge, die den kleinen Hans besonders liebte, mit ihm spielte und ihn verwöhnte.

In jenen Tagen starb der alte Kaiser Wilhelm, und Meta erlebte die rührendsten Szenen, die die große Liebe des ganzen Volkes zu ihm als des Vaterlandes Vater bezeugten. Und dann kam der todkranke Kaiser Friedrich durch Wiesbaden auf der Reise von St. Remo nach Berlin, wie bald ist er dem Vater im Tode gefolgt! Wer ahnte damals die neue Zeit, die mit der Thronbesteigung des Enkels sich anbahnte und nun in dem furchtbaren Kriege zu einem Abschluss kommen muss.

Von Wiesbaden ging Meta mit Hans noch einige Tage nach Hanau zu Schmitzens und kehrte endlich am 14. 3. nach 4-wöchentlicher Abwesenheit nach Hause zurück.

Das war für mich eine lange Zeit des Alleinseins, wenn auch die Sorge für die 4 Kinder und das Hauswesen, für den Unterricht der beiden ältesten und die Amtsarbeit, auch mancher Verkehr mit den Amtsnachbarn mir die Zeit verkürzte. Wir sind in unserer Ehe oft getrennt gewesen, aber wir haben beide die Erfahrung gemacht, dass die Trennungszeiten uns nicht leichter, sondern schwerer wurden.

In dieser Zeit kam mir der Gedanke, für die Arbeiterbevölkerung eine Kleinkinderschule zu errichten. Ich habe viel in der Sache beraten, viel Geld dafür von allen möglichen Enden erbettelt, habe an die drei Kaiserinnen Bittschreiben gerichtet, von einer eine Gabe erhalten, aber bei meiner baldigen Versetzung nach Sangerhausen gelang es mir nicht, den Plan zu verwirklichen. Erst unter meinem Nachfolger wurde sie gebaut und eingerichtet, dadurch dass Herr von Scharfenberg im Kalkhof bei Wanfried für die Sache Interesse gewann und zur Verwirklichung half. In Verbindung mit der Kleinkinderschule ist dann auch eine Schwester zur Gemeindepflege angestellt worden.

Eine besondere Freude hatte ich noch in diesen Tagen: die Bewilligung einer Hauskollekte in unserem Regierungsbezirk auf zwei Jahre für unsere zu gründende Kleinkinderschule, für die ich lange gesammelt habe und deren Erstehen dadurch vor meinem Weggang wohl als gesichert angesehen werden kann. Damit verbindet sich dann hoffentlich Gemeindepflege durch eine Schwester. Ich erwähne hier noch einige andere Arbeiten aus der Treffurter Zeit, die mich in jener Zeit besonders beschäftigten. Wir hatten, ich weiß nicht mehr genau wann, einen Missionsfrauenverein eingerichtet zur Belebung des Missionsinteresses. Die Frauen und Mädchen, ein großer Kreis, versammelten sich in unserem Hause abends, wir sangen, ich las vor, und die Frauen machten viele und schöne Handarbeiten allerlei Art, die dann auf dem jährlichen Missionsbazar in Elberfeld durch eine Freundin der Pfarrfrau verkauft wurden und ansehnliche Beträge brachten.

Auch zur Beschaffung neuer Paramente - Altarbekleidungen - hat die Opferwilligkeit in Hilfe unserer Frauen mehrmals geholfen. Überhaupt war damals noch viel kirchlicher Sinn in der Gemeinde, der sich mannigfach betätigte, z.B. war es alte Sitte, dass für die Abendkirchen am Totenfest und Karfreitag vorher Lichter gespendet wurden. Da lief es dann vorher oft ununterbrochen im Pfarrhause aus und ein: lichterbringende Kinder und Frauen, meist so viele, dass wir für das ganze Jahr zur Beleuchtung der Kirche genug hatten, auch als die Abendgottesdienste wesentlich vermehrt waren und ein aus freiwilligen Gaben angeschaffter neuer Kronleuchter mehr Lichter erforderte. Und in der Gemeinde mit kirchlichem Sinn gab es auch eine kleine Zahl von Gemeindemitgliedern, bei denen eine tiefere christliche Erkenntnis und ernst christliches Leben sich zeigte. Leider bemühten sich die Altlutheraner von Mühlhausen aus und nach meinem Weggang auch andere sektiererische Gemeinschaften, diese Leute an sich zu ziehen. Leider nicht immer ohne Erfolg. Aber dass Sekten hier Anhänger zu gewinnen suchten, beweist, dass geistliches Leben vorhanden war. In geistlich tote Gemeinden pflegen sie nicht zu gehen.

Dann noch ein Wort über mein Verhältnis zur Schule. In den Gemeinden der Gauerbschaft Treffurt waren 12 Lehrer, die zur Kreisschulinspektion Oberdorla gehörten. Ich war Ortsschulinspektor für Treffurt, Schnellmannshausen und Großburschla - bis P. Müller und Hesse dort fest angestellt waren. Nach einigen Jahren, ich weiß nicht mehr genau wann, wurde ein Kreisschulinspektionsbezirk Treffurt gebildet und ich wurde Kreisschulinspektor.

Unter den 12 Lehrern waren allerlei Geister, der alte Rektor Helbig, viele Jahrzehnte dort im Amte, der im Singen die Chorschüler gut im Zuge hatte, aber auf Brüllen mehr Wert legte beim Singen hinter oder vor dem Leichenzuge als auf besondere Schönheit. Er aß gerne, war von behäbigem Umfang aber wenig peinlicher Sauberkeit und liebte es nicht, sich anzustrengen. So leistete er in der Schule nichts, und der katholische ( ! ) Schulrat der Kulturkampfzeit hatte angeordnet, dass er die obere Knabenklasse mit der Mittelklasse vertausche (außer im Singen). Er hatte einen Sohn, der Lehrer in Schierschwende war, dem in einem engen Hochtal nördlich von Treffurt liegenden Dörflein, in dem der nachmals zu einiger Berühmtheit gelangte Schulrat Polack seine erste Lehrertätigkeit entfaltete. Aber so tüchtig Polack war, so untüchtig Helbig jr. Das Gemeindlein war in Falken eingepfarrt, ganz evangelisch - da kam alles auf den Lehrer an in Bezug auf Pflege der Gemeinde, da der alte Pfarrer Weidemann den beschwerlichen Weg hinauf nach Schierschwende nur selten machen konnte, und die Leute auch selten zur Kirche nach Falken kamen. Während aber Polack das evang. Leben dort oben mit Erfolg dem andrängenden Katholizismus vom Eichsfeld her stärkte, ging unter Helbig Schule und Gemeinde mehr und mehr zurück. Die Kinder verdummten, die Familien zogen, wenn sie konnten, fort, zuletzt kam das kleine Gut in katholische Hände, und heute sind Schule und Gemeinde ganz katholisch.

Charakteristisch für die Schulwirtschaft in der Kulturkampfzeit ist die Gestaltung der Schierschwender Ortsschulinspektion. Ortsschulinspektor war der Pastor von Falken. Da der Lehrer nichts leistete, wollte der katholische Erfurter Schulrat den Pfarrer verpflichten, wenigstens einmal wöchentlich die Schule in Schierschwende zu besuchen. Der alte klapprige Herr war dazu bereit, wenn die Regierung ihm die Kosten für einen Wagen ersetzte. Abgelehnt, dem Pastor die Ortsschulinspektion genommen und Bürgermeister Hochbaum von Treffurt (früher Feldwebel!) zum Ortsschulinspektor ernannt, natürlich mit einer Remuneration, die viel höher war als die von Pfarrer Weidemann beanspruchten Fuhrkosten. Und der Bürgermeister war so klug, dass er bald einsah, dass seine Schulbesuche nichts nützten. So beschränkte er sie auf die jährliche Osterprüfung, und als er den Ärger mit dem Lehrer H. leid war, legte er die Würde nieder. Die kgl. Regierung ernannte den Gutsbesitzer Hase in Taubental zum Ortsschulinspektor - natürlich mit gleicher Remuneration und gleichem Erfolg, er kümmerte sich wohl überhaupt nicht um die Schule, war seinem Bildungsstand nach auch gar nicht dazu imstande. Als ich nun Kreisschulinspektor wurde, übertrug mir die kgl. Regierung das Amt, aber nicht die Remuneration des Ortsschulinspektors, da ich ja als Kreisschulinspektor in die Schule käme. So hatte ich auch keine Veranlassung, monatlich nach Schierschwende zu pilgern, habe mich aber aus Interesse an der Schule und dem Lehrer bemüht, diesen aus seiner Schlaffheit und Trägheit aufzurütteln - aber alles vergebens, bis er schließlich kurz vor meiner Versetzung nach einer Revision des Schulrates zur unfreiwilligen Pensionierung gezwungen wurde. Als ich im nächsten Jahre Treffurt verließ und der Fuhrmann Mengis auf dem Bahnhof Abschied nahm, erzählte er mir, dass sie, als der Schulrat einen Wagen nach Schierschwende bestellte, geahnt hätten, dass es dem armen Helbing an den Kragen gehen würde. Da hatte er in der Nacht noch einen Boten nach Schierschwende geschickt mit der Botschaft: Der Schulrat kommt! - damit alles in Ordnung wäre. So war denn der Lehrer am Morgen ausnahmsweise an seinem Platze, aber sein Geschick war unabwendbar, die Unwissenheit der Kinder zu bodenlos.

Neben dem alten Helbing war Lehrer Korn in Treffurt - steif, pedantisch, aber ein tüchtiger Lehrer, Junggeselle, bis er endlich doch noch eine frühere Schülerin heiratete. Er hoffte, es weiter zu bringen, ist aber nie über Treffurt hinausgekommen. Von den jüngeren Lehrern waren die tüchtigsten Herr Schulz und die beiden Herren Fischer, die Lehrer unserer Kinder, die bei ihnen noch in gutem Andenken sind.

Von den anderen Lehrern des Bezirks ist mir besonders in der Erinnerung der Kantor Stichten in Großburschla, der aus Hessen stammte, ein nicht untüchtiger Lehrer, aber ein Charakter, dem nicht zu trauen war, gegen mich sehr devot, aber bereit, hinter dem Rücken zu stänkern - hatte ein kinderreiches Haus, das er auf allerlei Weise versorgte: Ackerbau, Privatstunden etc. Eine eigentümliche Sitte war in Treffurt, dass die vier Lehrer der Reihe nach an vier Sonntagen der Passionszeit im Nachmittagsgottesdienst mit ihrer Schulklasse ein "Examen" hielten, das von der Gemeinde resp. den Eltern der Kinder gut besucht war. Am 5. Sonntag war dann die Prüfung der Konfirmanden durch den Pfarrer. Solche Beteiligung der Lehrer am kirchlichen Leben scheint mir sehr empfehlenswert.

Interessant noch aus dem Februar 1888:

Fritz, fast 10 Jahr, maß 1,43 m - Erich, 8 1/2 Jahr, maß 1,36 m - Lili, 6 J./8 Mon., maß 1,25 m.
Im Juli machte ich eine kurze Fußtour mit Aug. Schmitz in die Röhn und den Spessart. In Fulda trafen wir uns, gingen über Kleinsassen, Gersfeld, Brückenau, Johsa, Gemünden, Heigenbrücken nach Hessental und nach Aschaffenburg (Pompejanum dort - Kopie eines Hauses in Pompeji) und landeten dann in Hanau. Von dort aus besuchte ich Tante Pauline noch in Soden amTaunus und die Familie Raab in Hochheim.

Den Besuch der Röhn und des Spessarts kann ich allen, die gerne Fußwanderungen machen, sehr empfehlen. Es wird dort auch heute noch einfacher sein als in manchen vielbesuchten Gegenden Deutschlands, und landschaftlich bieten diese vulkanischen Gebirge manche Reize.

Das Jahr 88 brachte uns Ostern den Besuch des Bruders Karl und Vater Wiebels, im Juni war Minna wieder länger bei uns. Am 24. September wurde unser 6. Kind, der liebe, lange Bernhard geboren. Seine Paten: Pastor Müller und Frau Pastor Schuchardt feierten mit uns am 17. Oktober seine Taufe. Ob die dritte Patin, Tante Adelheid Voget, dabei war, erinnere ich mich nicht. Über die Kinder verweise ich gerne auf der Mutter Aufzeichnungen "Aus der Kinderstube", die leider mit der Treffurter Zeit fast aufhören.

In meiner Nähe ist in den letzten Tagen am 30. und 31. Oktober in einem Dorfe nur von den Leuten der Gemeinde das Henigsche Lutherfestspiel aufgeführt worden, wohl der erste Versuch in solchem Kreise. Da ist wieder Volksschauspiel im eigentlichen Sinne. Im Sommer fuhr ich von dort mit einem Bauern, der Rosslenker war, der Darsteller des Luther. Am erfreulichsten aber war mir, dass mir der Ortspfarrer sagte, dass durch das Lernen und Einüben eine geistige Regsamkeit in viele Kreise der Gemeinde gekommen sei, von denen man das nicht vermutet hätte. Allerlei durch das Stück angeregte religiöse Fragen wurden oft an ihn gerichtet. Das Unternehmen war ganz von den Leuten ausgegangen, zuletzt nur der Pfarrer zitiert, um den Vortrag und die Darstellung noch etwas zu polieren. Er gestand, dass die Leistung seiner Leute weit über seine Erwartung sei. Wie viel edler und fruchtbringender solches Fest als unsere vulgären Volksbelustigungen. Zur Hebung evangelischen Bewusstseins wird solche Aufführung gewiss nicht wenig beitragen.

Der Fall Harnak ist mir ein überaus trauriges Symptom dessen, was wir für die Zukunft zu erwarten haben. Von Bismark haben wir für die evangelische Kirche nichts zu erwarten, als dass er sie zu seinen politischen Zwecken gebraucht. So auch im Fall Harnak, den Bismark nicht aus Vorliebe für die Ritschlsche Richtung gegenüber dem Oberkirchenrat durchgesetzt hat, sondern als Köder für die Nationalliberalen. Gut, dass in diesem Falle wenigstens der Oberkirchenrat fest blieb. Die verächtliche Behandlung desselben durch das Ministerium wird ihm durch vermehrtes Vertrauen seitens der kirchlichen Kreise ersetzt werden ...

Es ist richtig, dass bei Leichenreden gründliche Vorbereitung von Nutzen sein würde, ist aber selten möglich, möglich nur dann, wenn ein besonderer Fall vorliegt, wo man das Auditorium vorher kennt. Meist ist das nicht möglich, und ich meditiere meinen vorher gewählten Text meist erst auf dem Wege zum Gottesacker, wenn ich ihn mir auch vorher exegetisch und die praktische Verwertung zurechtgelegt habe. Von dem Verstorbenen rede ich möglichst wenig, selten kann man ihn als Vorbild hinstellen, als warnendes nur dann, wenn öffentliches Ärgernis, das er gegeben, Schweigen als Gleichgültigkeit erscheinen lassen müsste. Dagegen suche ich gerade an den Gräbern dem Vorurteil, als ob ein guter Bürger ein prädestinierter Erbe des Himmelreiches wäre, gründlich durch Betonen des einen Heilswegs zu begegnen, und hoffe gerade da, im Angesicht des Todesernstes am ersten offene Herzen dafür zu finden. Sentimentale Trauerreden sind mir gründlich zuwider...

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04