1889


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Das Jahr 1889 sollte uns die große Wendung in unserem Leben bringen: meine Berufung nach Sangerhausen. Ende Februar war ich mit Mutter nach Halle zur Missionskonferenz gefahren, von dort nach Leipzig, um Schwager Karl zu besuchen, und dann nach Pforta, um mit dem uns befreundeten Rektor Volkmann über die Aufnahme unseres Fritz in die dortige Anstalt zu verhandeln. Als wir am 1. März nach Treffurt zurückkamen, fand ich einen Brief des Generalsuperintendent Schulze vor, der mir mitteilte, dass das Konsistorium mich zum Oberpfarrer und Superintendenten in Sangerhausen ausersehen habe. Ob ich wollte? Das kam nun ganz überraschend, gab uns aber die Aussicht, unsere Kinder bei uns behalten zu können. Freilich war der Entschluss nicht leicht, unsere uns lieb gewordene Gemeinde in Treffurt zu verlassen, unser gemütliches Pfarrhaus mit einer Etagenwohnung ohne Garten zu vertauschen, und mir war der Gedanke, mehr Verwaltungsbeamter als Seelsorger zu werden, wenig verlockend. Aber die Rücksicht auf unsere Kinderschar überwog alle Bedenken, und so sagte ich zu. Im Mai fuhr ich über Oberdorla nach Sangerhausen, hielt hier die Lokalprobe und lernte meinen künftigen Amtsbruder und Mitarbeiter Diakonus Joedicke kennen, sah die Wohnung am Markte, in der damals der Cand. von Storkhausen (jetzt Diakonus in Mansfeld) hauste und kehrte mit nicht ungünstigen Eindrücken nach Treffurt zurück. Im Juni brachte ich Fritz nach Sangerhausen, den Joedickes bis zu unserem Umzug freundlichst bei sich aufnahmen, damit er nicht zu spät in die Quarta einträte und sich bis zu den großen Ferien einarbeiten könnte.

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Wohnung des Pfarrers in Sangerhausen in der zweiten Etage. (Heute, 1991, gelb gestrichen, darin Ambulatorium der Poliklinik, gut erhalten, am Markt gegenüber der Jacobikirche, unten Schnapsdestille, darüber Wohnung des Arztes. Beide Türen links neben der Toreinfahrt sind heute Fenster)

Was Br. O. über die örtlichen Superintendenten sagt, ist zum Teil richtig, aber auch nur zum Teil. Es gibt auch ganz anders geartete. So sieht eine Kirchenvisitation bei uns wesentlich anders aus, als er sie schildert... Wir haben eine ganze Reihe von Superintendenten,die aus dem Westen stammen oder dort gewesen sind. Da ist meist das Amtsbewusstsein sehr gemildert. Unser Superintendent z.B. ist ein prächtiger Mann, der davon keine Spur hat.

Mein Wunsch, um meiner Kinder willen in eine Gymnasialstadt versetzt zu werden, soll in Erfüllung gehen, wenn auch in ganz anderer Weise, als ich gehofft und gewünscht hatte. Anfang März war die zweite Dompredigerstelle in Naumburg erledigt worden, und ich wäre sehr gerne dorthin gegangen. Ich hätte da gar nichts mit Verwaltung zu tun gehabt und mich ausschließlich der Predigt und der Seelsorge widmen können. Dazu ist Naumburg ein sehr angenehmer und für Sachsen relativ guter Ort in Bezug auf christliches und kirchliches Leben. Ich schrieb deshalb an unseren Generalsuperintendenten und erhielt bald darauf von ihm die Antwort, dass das Konsistorium mich zum Pfarrer von Sangerhausen gewählt habe. Nun ist Sangerhausen, wie ich fürchte, ein in kirchlicher Beziehung trauriger Ort, und mit der Stelle ist die Verwaltung einer großen Superintendantur und Kreisschulinspektion verbunden. Das war für mich eine schlechte Überraschung, doch konnte ich nicht nein sagen im Blick auf die Kinder. Die Superintendanturen hier im Osten sind ja wohl wesentlich anderer Art als im Westen. Jedenfalls aber wird mir zeitlebens, wenn ich in dem Joch bleiben soll, Amtsmiene und Amtsbewusstsein fehlen, und meine Freude würde es besonders sein, wenn ich durch den persönlichen Verkehr mit jüngeren Amtsbrüdern diesen und dadurch ihren Gemeinden zum Segen werden könnte.

Nach unserer Rückkehr von Pforta war Schwager Calvino bei uns, predigte auch für mich über Röm 1, 16. In der Woche vor Palmarum reiste Meta nach Lemgo zur Hochzeit von Schwager Hermann mit Clara Tintelnot und dann auf einige Tage mit den Eltern und Geschwistern nach Elberfeld. Minna war damals Braut und mit ihrem Bräutigam, der zum Extraordinarius nach Königsberg berufen war, auch bei der Hochzeit. Ich hatte unterdessen nicht nur viel Arbeit in der Gemeinde und mit meinen Jungen, die ich möglichst gut vorbereitet für ihren Eintritt ins Gymnasium nach Sangerhausen bringen wollte, sondern auch viel Ärger durch einen Konfirmanden, der kurz vor der Konfirmation mich zu ernsten Strafen gezwungen hatte.

Von Jahr zu Jahr war die Konfirmation mir mehr und mehr zum Kreuz geworden. Ich litt sehr unter der Unwahrheit des Bekenntnisses und Gelübdes der meisten Kinder. Ich wusste wohl aus meiner eigenen Erfahrung, dass ein Kind in kindlicher Einfalt, wenn auch bei mangelhaftem Verständnis seinen Heiland lieben und seinen Glauben bekennen kann und dass es den guten, wenn auch noch schwachen Willen, ihm zu folgen, haben kann. Aber ich sah in der Praxis mehr und mehr ein, dass viele, wenn nicht die meisten Kinder innerlich unreif für die Konfirmation seien, wenn sie sich auch persönlich nicht bewusst seien, dass sie etwas bekannten, was sie nicht als ihre Überzeugung aussprechen konnten, etwas gelobten, wozu sie nicht wirklich entschlossen waren. Aber musste die darin liegende objektive Unwahrheit der Kirche nicht zum Schaden sein, konnte das Konfirmationsformular nicht geändert werden ? Der Segen der Einrichtung, die ja nicht biblischen Ursprungs ist, lag m.E. in dem Unterricht, nicht in der Konfirmationsfeier.

Wenn doch das Kreuz der Konfirmation und was damit zusammenhängt, schrieb ich damals, von uns genommen würde, ohne den Segen, der in der jetzigen Einrichtung liegt, zu zerstören. Mir widersteht es so furchtbar, Konfirmanden nur als ungezogene Schuljungen zu behandeln und den Stock nur walten zu lassen, und doch frage ich mich dann oft wieder, ob nicht größere Strenge oft nicht richtiger wäre. Da muss man freilich aufhören, das zu sein, was man im Konfirmandenunterricht sein soll: ein Lehrer des Evangeliums.
Meine Bedenken wurden später durch das Verhalten der Konfirmanden in Sangerhausen noch sehr verstärkt, wo bei vielen Kindern nicht nur Gleichgültigkeit, sondern offenes Widerstreben zutage trat, wo manche Konfirmanden nicht zu bewegen waren, die Kirche jemals vor ihrer Konfirmation zu besuchen. Die einzige Strafe müsste m.E. zeitweilige oder dauernde Verweisung aus dem Unterricht und Ausschließung von der Konfirmation sein. Aber wenn derartige Fälle sich mehrten, würde der Pfarrer in unlöslichen Konflikt mit der vorgesetzten kirchlichen Behörde kommen. Ich habe in Sangerhausen zwei solcher Fälle durchgekämpft, aber das hat doch wenig geholfen.

Diese Fragen der Konfirmation waren eine Differenz zwischen mir und meinem verehrten Generalsuperintendent Schulze, der darin ganz als Kirchenmann urteilte, weil er die Schäden nicht wie ich fühlte, zu optimistisch urteilte und der Überzeugung war, dass an dieser Einrichtung das Bestehen der Landeskirche wesentlich hing. Ich hoffe aber doch, dass unsere Kirche mit der Zeit zu einer anderen Praxis kommt, jetzt wo man sich daran gewöhnt, dass nicht Einzelne, sondern Tausende und bald Hunderttausende der Kirche den Rücken kehren und aus ihr austreten. Würde die Kirche mehr Energie in der Zurückweisung offenbar Unwürdiger von der Konfirmation beweisen, so würde ihr Ansehen beim Volk und ihr Einfluss auf die Jugend nur wachsen. Der Eindruck der Schwäche macht nur verächtlich.

Was die Frage der Konfirmation betrifft, so ist mir weniger wichtig die nach der Ausgestaltung des Ritus, als die Konfirmationsfragen selbst - aber das ist für viele ein noli me tangere. Warum, ist klar. Was mir Bedenken macht, sind die Gelübde und zugesprochenen Rechte, als seien nun die Konfirmierten volle Glieder der Kirche anders als vorher. Es liegt zweifellos in dem Akte eine innere Unwahrheit, die mir sehr schwer ist. Warum Gelübde verlangen, von denen man weiß, dass sie in den meisten Fällen unverstanden und ohne innere Überzeugung abgelegt werden. Und daraufhin das Recht des Abendmahls ! Warum nicht gründlicher Unterricht und feierliche Entlassung mit den Gelübden, die Wahrheit sein können: dem Versprechen des treuen Gebrauchs des Wortes Gottes, des Gehorsams gegen Gottes Gebote, des Besuchs der Kirche. Dann bliebe der Abendmahlsgenuss den früher oder später Bekennenden vorbehalten, ein Bekenntnisakt, bei dem ich gar nicht engherzig sein würde. Würden die Scharen der Abendmahlsgäste kleiner, die Kirche würde reicher an Wahrheit und damit an innerer Kraft. Dies Luthers Anschauung, leider nie verwirklicht ...

Was die im letzten Turnus besprochene Konfirmationsmeinung betrifft, so möchte ich zur Klarstellung meiner Meinung mit ein paar Worten noch darauf zurückkommen. Ich bezweifle durchaus nicht, dass ein Kind von 14 Jahren mit voller Wahrheit das Konfirmationsgelübde ablegen kann, und weiß wohl, dass Kinder von 14 Jahren oft frömmer sind als solche von 18. Aber die Frage bei vielen, wenn nicht den meisten unserer Konfirmanden ist die: "ob sie's aufrichtig meinen". Da denke ich nicht nur an meine hiesigen Konfirmanden, denke an die Düsseldorfer Zeit zurück und an die Scharen von Konfirmanden aus den höheren Schulen. Wo aber wird auch nur der geringste Versuch gemacht mit der Bedingung auch nur eines kindlichen Verlangens, wie es sich in einem gewissen Ernst und lebendiger Teilnahme zeigen müsste, ernst zu machen ? Nirgends fast, - weil's eben nicht geht, weil man einen Sturm der Entrüstung hervorrufen würde, wollte man ein Kind zurückweisen. Höchstens die allergröbsten sittlichen Vergehen werden ab und zu einen Aufschub der Konfirmation herbeiführen. An der Form des Bekenntnisses liegt mir nicht so viel, bin auch der Meinung: möglichst weit - und gern oder ungern wird man's schon so interpretieren. Dass manche unserer Formulare besserungsbedürftig sind, bezweifle ich nicht, ganz anders liegt es doch bei dem Konfirmationsformular wegen des darin enthaltenen Gelübdes. Was ich gelobe, muss ich zum mindesten verstehen, und das tun viele unserer Konfirmanden nicht, was nicht an ihrem Alter, sondern an ihrem sittlichen Zustande liegt...

Die letzten Monate in Treffurt brachten uns im Mai den Besuch von Past. Dahlhaus mit seiner Frau und im Juni noch einmal den Freund Schmitz aus Hanau. Dann ging es ans Abschiednehmen von den Amtsbrüdern in der Ephorie, in unserm Umkreis und in der Gemeinde. Mitte Juli siedelten wir dann in die neue Heimat über. Ich hatte mir zwischen Abschiedspredigt in Treffurt und der Antrittspredigt in Sangerhausen einen freien Sonntag behalten, den brachte ich mit Mutter in der Stille in Welbra zu, wo wir in der schönen Natur des Kyffhäuser ausruhten und ich mich für meine Antrittspredigt rüstete. Montag, den 19. Juli fuhren wir von dort nach Sangerhausen, von Br. Joedicke freundlich empfangen. Die Gemeinde resp. ihre Organe nahmen keine Notiz von unserem Kommen bis zum nächsten Sonntage.

Nun ging's ans Auspacken und Einrichten. Ende der Woche kam die gute Tante Bertha mit den Kindern, die sie uns verwahrt hatte, und Sonnabend war alles fertig, als Generalsuperintendent Schulze kam, der freundlichst selbst meine Einführung vollziehen wollte und so unser erster Gast im neuen Heim war. Mein Vorgänger, Konsistorialrat Armstroff, war nur kurze Zeit in Sangerhausen gewesen als Nachfolger von Superintendent Kromphardt, und Gen.Sup. Schulze meinte damals im Blick auf die üble Wohnung und das mangelhafte Gehalt, ich würde auch nicht lange in Sangerhausen bleiben, - etwa 4 Jahre, dann würde sich Besseres für mich finden. Aber aus den 4 Jahren sind 20 geworden. Immer wieder, sooft sich die Möglichkeit einer Versetzung bot, haben mich zuletzt - neben anderen Gründen - meine Kinder in Sangerhausen festgehalten, da sich kein Ort mit Schulen für mich fand.

Zu meiner Einführung war auch mein alter lieber Superintendent Georgi gekommen, der neben dem Verwalter der Ephorie während der Vakanzzeit Superintendent Osswald in (??) bei der Einführung assistierte. Bei dem Essen nach dem kirchlichen Akte lernte ich die Mitglieder des Gemeindekirchenrates auch kennen. Es galt nun für mich, mich in meiner Gemeinde und in der Ephorie zu orientieren. In der Gemeinde war Diakon Joedicke mein Mitarbeiter. Er hatte die meisten Amtshandlungen - predigte jeden 3. Monat im Hauptgottesdienst - der Konfirmandenunterricht war schon unter Superintendent Armstroff zwischen beiden Geistlichen gleichmäßig geteilt. Joedicke hatte auch in der Vakanzzeit den von Armstroff gegründeten Kindergottesdienst übernommen und wollte ihn gerne behalten. Die Seelsorge war für beide Geistlichen nicht getrennt, und ich vermochte Br. Joedicke nicht zu bewegen, auf die Einrichtung von Seelsorgebezirken einzugehen. Er wollte seine Beziehung zur ganzen Gemeinde nicht aufgeben, was auch bei Teilung der Gemeinde für ihn nicht nötig gewesen wäre. So stand ich in der Gemeinde ziemlich isoliert, hatte wenig Gelegenheit, persönliche Beziehungen zu den Familien anzuknüpfen, außer durch die Konfirmanden und die Gemeindeorgane - hatte dazu den Ärger, nach altem Herkommen bei Beerdigungen mit halber oder ganzer Schule als Statist zu fungieren, während der Diakonus amtierte. Die Schulkollegen, früher fünf (Rektor, Konrektor, Baccolaureus, Quartus und Quintus) hatten sich längst von der Statistenpflicht emanzipiert - nur der Küster ging mit den Kranzträgern. Später habe ich mich auch davon dispensiert, ohne, wie ich gefürchtet, von Seiten der Gemeinde darüber verklagt zu werden. Das ging aber erst nach der Holgebührenablösung.

Mit Br. Joedicke stand ich von Anfang an in sehr gutem kollegialem Verhältnis, und unsere Freundschaft ist uns auch nach seinem Weggang nach Lützen 1899 geblieben. Wir besprachen alles Amtliche die Gemeinde betr. zusammen, und haben daraus beide Vorteil gehabt. Wir verkehrten auch viel miteinander, gingen zusammen spazieren, und auch unsere Frauen und Kinder fanden sich bald so, dass ein lebhafter Verkehr zwischen beiden Familien sich entwickelte. Ein so gutes - fast ideales Verhältnis zwischen zwei Amtsbrüdern an einer Gemeinde ist leider selten.

Der Gemeindekirchenrat bestand aus wohlgesinnten Leuten, meist aber ohne kirchliches oder gar christliches Verständnis und Interesse, meist alte Herren, die ihre Arbeit für die Gemeinde in der Teilnahme an den Sitzungen erschöpften und unter dem Einfluss des Bürgermeisters Knobloch oft mehr nach städtischem als nach kirchlichem Interesse urteilten. Doch ist auch des Bürgermeisters Einfluss bei manchen äußeren Angelegenheiten (Bau- und Finanzsachen) sehr fördernd gewesen, - ja auch für Kirchenzuchtfragen war er zugänglich und hat mich oft darin unterstützt. Leider war er eine kalte, wenig umgängliche Natur, dem näherzukommen fast unmöglich war. Nur während der Krankheit seiner von ihm sehr geliebten Mutter, die mit ihm zusammen lebte und die ich oft besuchte, hatte ich zuweilen das Gefühl, als wäre ich ihm menschlich näher gekommen. Nach dem Tode der Mutter war es wieder die alte Sache. Wieviel leichter wäre es für mich gewesen, wenn ich ihm persönlich hätte näher kommen können, umso mehr, da wir nicht nur in der Verwaltung der Jacobigemeinde, sondern auch in allen Stiftssachen, im Synodalvorstand und bei manchen besonderen Gelegenheiten zusammenarbeiten mussten.

Die Gemeindevertretung war noch mehr als der Kirchenrat ohne tiefere kirchliche Interessen - aber wohlwollend und verständigen Gründen zugänglich. Er machte mir anfangs nur oft durch Beschlussunfähigkeit Verdruss, das wurde aber anders, seitdem ich nicht mehr durch Zirkular, sondern durch Einladungszettel einladen ließ. Es war nicht übler Wille, sondern Vergesslichkeit die Ursache gewesen.

Die Gemeindekirchenräte hier bedeuten tatsächlich noch weniger als am Rhein, sind am liebsten in Ruhe gelassen, bekümmern sich selten gerne um solche für sie heikle Fragen wie Anwendung der Disziplinargesetze. Ja hätten wir wieder in unseren Gemeinden etwas mehr Kirchenzucht! Die ist aber nur möglich, wo der Zeit- und Gemeindegeist sie nicht perhorresziert, sonst wird sie zu einem Kampf des Geistlichen nicht nur mit den in Zucht Genommenen, sondern mit der Gemeinde. Auch ist bis jetzt der ganze Apparat viel zu weitläufig und juristisch, zu wenig seelsorgerisch. Wie ganz anders die kath. Kirche auch hierin. Freilich wozu gebraucht sie ihre Macht, die sie in ihrer Kirchenzucht besitzt? Schwerlich Menschenseelen zu retten und selig zu machen, und das ist doch der letzte Zweck aller Zucht.

Ich erwähnte die Stiftssachen. Es gibt in Sangerhausen fünf alte Stiftungen: das Stift St. Spiritus für Alte, die Waisenstiftung, Kirchenkasten, Armenkasten und Stift St. Julian. Die Verwaltung derselben haben der Superintendent und der Magistrat, so dass jeder eine Stimme hat, beide also auf gegenseitige Verständigung angewiesen sind. Die meisten Angelegenheiten wurden auf schriftlichem Wege erledigt, bei wichtigen Sachen nahm ich an den Sitzungen des Magistrats teil. Die ganze Verwaltung der Stiftungen machte aber viel Arbeit, doch war ich dankbar, dass ich dadurch auf die Waisenpflege in der Gemeinde entscheidenden Einfluss hatte. Die Bearbeitung der Stiftssachen hatte der 2. Bürgermeister, mit dem ich deshalb viel auch persönlich zu tun hatte. Es war zuerst der alte gute Herr Rechenbach, der wie seine Frau Herz und Verständnis für die Waisen und Alten hatte, mehr als seine Nachfolger, Schnitzer und Seedorf, die alles mehr geschäftsmäßig, wenn auch wohlwollend behandelten. Besonders schön waren die Weihnachtsfeiern mit unseren Waisenkindern im Stift, die auch bei den Insassen des Stifts St. Spiritus immer sehr beliebt waren. Die Kinder kamen mit ihren Pflegeeltern und wurden reichlich bedacht.

In der Ullrichsgemeinde war Pastor Voigt - ohne geistige Bedeutung und geistliches Verständnis - von sich selbst eingenommen, ohne viel zu tun - er war Ortsschulinspektor, ohne da dem tüchtigen Rektor Lembke oder den Lehrer zu imponieren. Das Diakonat wurde 5 Jahre lang von Diakon Joedicke mitverwaltet, um das Kapital der Stelle zu erhöhen und das Gehalt zu bessern. Natürlich litt die Gemeinde darunter, da Diakon J. keine Zeit hatte, mehr als die Predigten und Amtshandlungen zu verrichten. Diese Anordnung des Konsistoriums ist nur mit dem damaligen Theologenmangel zu entschuldigen. Und nun die Ephorie: Es waren 22 Gemeinden und 7 Fialialgemeinden mit 24 Geistlichen. Unter denen war ich einer der jüngeren, erst zuletzt gehörte ich zu den älteren und ältesten. Aber gerade mit den alten Amtsbrüdern bin ich meist gut ausgekommen. Es waren drei frühere Superintendenten in der Ephorie, und davor bangte mir etwas bei meiner Jugend. Der älteste war Sup. Dr. Burkhardt in Bornstedt. Er war in den 60er Jahren Superintendent in Sangerhausen gewesen, dann nach Stendal gekommen und von dort nach Bornstedt. Er war der Schwager von Frau Pastor Stein, seine Frau, ihre Schwester, aber war geisteskrank und lebte in einer Anstalt. Er lebte mit einer Tochter, die junge Mädchen als strenge Pensionsmutter vortrefflich erzog. Er war ein freundlicher alter Herr, der mit mit großer Liebenswürdigkeit entgegen kam. Er kam zu allen offiziellen Versammlungen und Konferenzen, sagte aber grundsätzlich nie ein Wort.

In Riestedt war Sup. a.D. Wagner, früher Nordhausen, der Vater von Hans' Nasendoktor Wagner in Halle. Er war weniger bedeutend als Burkhardt, ich bin ihm wenig näher gekommen, er hat mir aber keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Er starb schon im August 91.

Anders war das mit Sup. a.D. Osswald in Beyernaumburg. Er hatte in der Vakanzzeit die Verwaltung der Superintendantur und Kreisschulinspektion gehabt, war körperlich der leistungsfähigste unter den 3 Sup.a.D., geistig aber der unbedeutendste, zerfahren, brachte oft keinen Satz zuende, unruhig bestrebt, etwas zu tun, ohne irgendwo etwas Rechtes zu erreichen. In seinen Gemeinden tat er wohl nicht viel, dafür reiste er beständig in allerlei Vereinsangelegenheiten und war überall bekannt wie ein bunter Hund. Das Üble aber war, dass er gerne Einfluss haben wollte, er kroch bei allen Behörden, Oberkirchenrat und Ministerium, Konsistorium, Regierung, Landrat etc. herum und suchte für sich oder die Seinen, aber auch für allerlei Geistliche und Lehrer oder andere etwas herauszuschlagen - manchmal nicht ohne Erfolg. Er versuchte, wohl im Vertrauen auf meine Jugend und Unerfahrenheit, eine Nebenregierung zu etablieren und meinem Einfluss entgegenzuarbeiten. Ich durchschaute erst allmählich die Situation und ging ruhig meinen Weg, zum Krach kam es erst nach einigen Jahren, als auf einer Besprechung der Wahl zur Provinzialsynode er meine von vielen Amtsbrüdern gewünschte Wahl hintertrieb, um selbst gewählt zu werden. Ersteres gelang ihm, letzteres nicht. Pastor Eger wurde gewählt. Ich hatte wegen der unlauteren Machenschaften hinter meinem Rücken lange Jahre keinen Verkehr mit dem Osswaldschen Hause, und als er auch mit Sup. Langguth sich verkrachte, stand er immer mehr in der Ephorie einsam da. Erst in den letzten Jahren meiner Amtstätigkeit suchte er wieder meinen Verkehr, und ich habe dem nicht widerstrebt. In Naumburg war er dann immer sehr freundlich und hat mich oft besucht. In Sangerhausen aber war das Missverhältnis zu ihm mir ein rechtes Kreuz. Zum Glück war er der Einzige, der mir Schwierigkeiten machte. Unter den anderen Geistlichen waren manche tüchtige und liebe Männer, aber auch faule Köppe.

P. Eger in Nienstedt war ein wissenschaftlich interessierter Mann, las sehr viel, schrieb oder redigierte einen Literaturbericht, war aber etwas verbittert, dass es ihm nicht gelungen war, in eine größere Tätigkeit in einer Stadt zu kommen. Sein Sohn war darin glücklicher. P. Eger war im Privatverkehr ein liebenswürdiger und anregender Gesellschafter, in Konferenzen ein schätzenswerter Mitarbeiter, mir immer freundlich gesinnt. Er hatte lange Zeit Kandidaten im Haus, auf die er anregend wirkte.Seine Frau war tot, seine liebenswürdige Schwester führte ihm den Haushalt. Wir haben viele schöne Stunden im Nienstedter Pfarrhaus verlebt.

In Oberröhlingen war P. Schrader, eine anima candida - innerlich, treu in seiner Gemeinde, er hatte ein schönes Familienleben, wohlgeratene Kinder. Seine Gemeinde hat seinen milden ernstchristlichen Einfluss leider nicht gewürdigt. Er war mir einer der liebsten unter den Amtsbrüdern. Leider starb er schon im März 92.

Am meisten habe ich mit Pastor Hermann in Wallhausen und Pastor Schröter in Brücken verkehrt. Sehr bald gelang es mir, neben den halbamtlichen monatlichen Konferenzen ein wissenschaftliches Kränzchen mit Br. Joedicke, Hermann und Schröter ins Leben zu rufen. In den Konferenzen wurden theologische Dinge erörtert, aber nur der Referent arbeitete vorher, und so kam (wie bei vielen Versammlungen) bei der Diskussion nicht viel heraus. - In unserem Kränzchen, das wohl alle 14 Tage stattfand, lasen wir wissenschaftliche theolog. Werke. Der Gastgeber referierte, aber die drei anderen hatten die Verpflichtung, den zu besprechenden Abschnitt vorher gründlich durchzuarbeiten, und das förderte alle sehr in der theolog. Erkenntnis, klärte den gegenseitigen Austausch, die eigene Anschauung. Das größte Werk, das wir durcharbeiteten, war die Kählersche Wissenschaft der chrl. Lehre, daneben Jülicher, Gleichnisse und andere der modernen Richtung. Das vierblättrige Kleeblatt war sehr günstig zusammengesetzt. P. Schröter in Brücken, der älteste unter uns, war ein scharfdenkender, wissenschaftlich tüchtiger und fleißig arbeitender Mann, Lutheraner alter Observanz, milde in seiner Art, von dem man immer profitierte. P. Hermann, Wallhausen, Bruder des Prof. Hermann in Marburg, vertrat dessen Ritschelschen Standpunkt ohne Fanatismus, eine ruhige, freundliche Natur. Zwischen beiden Br. Joedicke und ich, in unseren theologischen Anschauungen nahe verwandt, ohne (nach unseren unterschiedlichen theol. Bildungsgängen) überall in unserem Urteil übereinzustimmen. So ergab sich immer eine für alle fruchtbare Aussprache, und ich danke diesem Kränzchen viel. Ergänzt wurde es durch die gemeinsame Lektüre von 4 theol. Zeitschriften resp. Kirchenzeitungen, die zirkulierten, so dass wir dadurch stets auf dem Laufenden waren über das, was in den verschiedenen theologischen und kirchlichen Lagern vorging. Später kamen auch die Frauen mit zum Kränzchen, gemeinsames Kaffeetrinken und Abendessen, dazwischen für die Herren die Wissenschaft. Leider war bei den Frauen nicht so allseitige Harmonie wie bei den Männern. Frau Joedicke, ruhig und gemessen - Frau Hermann, lebendig, aufgeregt, originell - standen beide meiner Frau nahe, - aber Frau Pastor Schröter ! ! ! Pastor Schröter hatte aus seiner ersten Ehe keine Kinder, lebte nach dem Tode seiner Frau mit seiner lieben Schwester, Frl. Schröter, die später ins Stift St. Spiritus in Sangerhausen ging, glücklich zusammen. Da sah P. Schröter öfter in Wallhausen eine Pfarrerstochter, die mit ihrer Mutter lebte. Sie war sehr schön. Der nicht mehr junge P. Schröter vergaffte sich in sie, heiratete sie und bekam mit ihr eine ganze Reihe Kinder, hatte aber ein Höllenleben. Die Frau war im höchsten Grade hysterisch, verschwenderisch, konnte nicht haushalten und brachte nach und nach sein nicht unbeträchtliches Vermögen fast ganz durch. Im Hause lebte der arme Mann meist auf seiner Stube, für ihn war der Verkehr im Kränzchen eine noch größere Wohltat als für uns andere.

Leider wurde das Kränzchen durch P. Hermanns Übersiedlung nach Altenweddingen im Jahre 1896, durch P. Schröters Tod 1897 und Joedickes Weggang 1899 auseinandergerissen, und es ist später nie wieder für mich so anziehend und fruchtbar gewesen wie in der ersten Zeit. Das gründliche Arbeiten hörte auf, der Kreis erweiterte sich durch den Diakonus von St. Ulrich und den Sup. Langguth in Riestedt, während Brücken ausschied. Die alte Harmonie fehlte, und es kam nicht viel bei der Lektüre heraus. Kaffee und Abendessen und angenehmes Geplauder waren oft die Hauptsache.

P. Müller von Schnellmannshausen war ein halbes Jahr, ehe wir nach Sangerhausen kamen, mitten im Winter nach Lengefeld gekommen und wieder unser Nachbar. Von ihm brauche ich nicht zu berichten. Das Lengefelder Pfarrhaus war, besonders seit der Zeit, wo "Onkel Müller" die "Tante Müller" gefreit (November 1892), unseren Kindern wie eine zweite Heimat. Wie oft haben sie mit und ohne Eltern das allezeit gastliche Haus überfallen.

Von den anderen Pastoren nenne ich noch Pastor Moeller in Holdenstedt, der wie seine Frau uns gleich sympathisch war. Er war körperlich sehr zart, der Weg nach Sangerhausen sehr weit, so war ein häufiger Verkehr mit ihm leider nicht möglich. Besonders erinnere ich mich gerne der alten Frau Prof. Kegel, der Mutter von Frau P. Moeller, die dort lebte. Sie hatte mich in ihr Herz geschlossen, ich weiß nicht warum. In dem ganzen Haus war ein Geist und Ton, der es einem heimelig machte, auch wenn die Berührungen nur sporadisch waren.

In Obersdorf war P. Loeffler, eine gutmütige bäuerliche Natur, ohne Schliff und Kultur, aber wohlmeinend und in seiner Gemeinde wohlgelitten, ohne tiefere theolog. Interessen, in seinen Urteilen oft wunderlich paradox. Seine Frau war sein Kreuz, und nach seinem Tode, als ich die Vormundschaft über die Kinder hatte, für kurze Zeit auch meins.

In Gonna Pastor Rückmann, der in der Gemeinde nicht viel tat. Ich kann nicht entscheiden, ob er oder seine Frau mir unsympathischer waren, ich glaube fast: sie. Das Gonnaer Pfarrhaus ohne geistlichen Hauch, aber auch ohne höheres geistiges Interesse, so dass wir dort trotz der Nähe keinen Verkehr suchten.

Der gesellige Verkehr in Sangerhausen enttäuschte uns sehr. Als wir dorthin berufen wurden, hofften wir, dass wir angenehmen freundschaftlichen Verkehr, den wir in Treffurt sehr vermisst hatten, finden würden. Bald aber zeigte es sich, dass wir uns in der Beziehung nicht verbessert, sondern verschlechtert hatten. Die Art des Verkehrs konnte uns nicht zusagen. Der Herren verkehrten abends in der Kneipe, die Damen fanden sich in großen Kaffeegesellschaften zusammen. Außerdem gab es große, oft sehr luxuriöse Diners und Soupers. Aber so sehr wir uns bemühten, einen einfachen Verkehr mit gebildeten Familien zu pflegen, es gelang uns nicht. Ins Wirtshaus ging ich grundsätzlich nicht, zu den häufigen Kaffeegesellschaften zu gehen, hatte meine Frau bei dem großen Haushalt und den Ansprüchen der Kinder an die Mutter keine Zeit und zu den kostspieligen Festlichkeiten hatten wir kein Geld. So standen wir sehr isoliert da, was ja freilich auch in anderen Dingen seinen Grund hatte. Ich war den Sangerhausern zu schwarz, und ich hatte wenig Lust, schon um des Einflusses auf die Gemeinde willen, mit ganz unkirchlichen Leuten gesellschaftlich intim zu verkehren. In einem kleinen Kreis aber haben wir gerne verkehrt, und bei meiner vielen Arbeit war es gut, dass der gesellschaftliche Verkehr nicht zu hohe Anforderungen an Zeit und Kraft stellte.

Neben Gemeindearbeit und Superintendantur war es besonders die Kreisschulinspektion, die mich stark belastete. Ich war selbst lang genug Lehrer gewesen, um die Schwierigkeiten des Amtes zu ermessen, und hatte durch meine kleine Arbeit in der Treffurter Kreisschulinspektion etwas Vorübung für das Amt. Schon in Treffurt stand ich gut zu meinen Lehrern, sie hatten Vertrauen zu mir, wenn ich ihnen auch nicht immer bequem war. Dass sie mir bei meinem Weggang von Treffurt als Andenken das vergoldete Tintenfass (mit der Schelle) schenkten, freute mich, je ungewöhnlicher solches Geschenk war, umso mehr.

Auch in Sangerhausen kam man mir in Lehrerkreisen mit Vertrauen entgegen, weil ich 10 Jahre Lehrer gewesen, hatte ich es besser als andere Schulinspektoren. Ich hatte in dem Bezirk über 100 Lehrer, die Zahl wuchs beständig, und im Laufe der Jahre sind mehrere hundert Lehrer zu mir in Beziehung getreten. Aber meine Achtung und Liebe zu dem Lehrerstand ist leider nicht gewachsen. Ich habe großen Respekt vor dem energischen Streben des Standes, in die Höhe zu kommen, aber es ist im ganzen wenig idealer Sinn bei den meisten Lehrern. Gehaltsfragen, soziale Stellung des Lehrerstandes beherrscht das Denken der meisten. Freude an der Schultätigkeit und Liebe zu den Kindern ist weit seltener. Es gab unter den mir unterstellten Lehrern prächtige Leute, namentlich unter den älteren Herren. So der Kantor Schuster in Obersdorf, der Riesenarbeit an einer einklassigen Schule mit 150 Kindern leistete und auf das ganze Dorf einen guten Einfluss hatte. Oder der alte Kantor Schmidt in Nielstedt, ein sehr schwacher Lehrer, aber ein prächtiger Mensch, der mit Recht in seiner Gemeinde in gutem Ansehen stand. Ich habe um seines sittlich-religiösen Einflusses auf die Gemeinde willen immer den Behörden gegenüber meine Hand über ihn gehalten - und manche andere.

Aber viele gab es auch, namentlich unter der jüngeren Generation, die wenig vorbildlich waren, tüchtige Lehrer z.T., aber wenig tüchtige Menschen, und ich hatte manche trübe Stunde durch viele böse Disziplinarfälle, namentlich wegen geschlechtlicher Verfehlungen. Es ist erschreckend, wie rasch im Laufe meiner Amtsführung das 2-Kindersystem bei den jungen Lehrern zunahm. Und dabei scheint mir im Laufe der Jahre der Dünkel in den jüngeren Lehrern mehr und mehr gewachsen zu sein. Ich glaube es sind drei Gründe hierfür:

  • die unzureichende Seminarbildung, sehr viel unverarbeiteter Wissensstoff und wenig Gemütsbildung
  • die hetzende Lehrerpresse
  • der Lehrerverein mit seinen Lehrerversammlungen.

Es ist erstaunlich und betrüblich, wie auch wohlgesinnte ja christliche Lehrer und Lehrerinnen sich dem Terrorismus des allg. Lehrervereins fügen. Frl. Stein und ihre Kolleginnen Mitglieder des offen antichristlichen Vereins !

Trotz aller üblen Stunden, die mir mein Amt als Kreisschulinspektor brachte, hatte ich doch auch Freude dadurch, Freude an mancher tüchtigen Leistung und an manchem tüchtigen Menschen, Freude auch an den Wegen in die Berge, zu denen das Amt mich zwang. Die waren ein heilsames Gegengewicht gegen das viele Sitzen hinter den Akten. Welche Lust, im Sommer zwischen 4 und 5 Uhr aufzubrechen, um früh um 7 Uhr in Horla in der Schule zu sein - und wie viele andere Wege, die ich oft allein, oft mit Kindern machen durfte, von denen ich neue Frische heimbrachte.

Ich schrieb damals in dem Briefkränzchen in Bezug auf meine neuen Ämter als Superintendent und Kreisschulinspektor: "Jedenfalls wird mir zeitlebens, wenn ich in dem Joche bleiben soll, Amtsmiene und Amtsbewusstsein fehlen, und meine Freude würde es besonders sein, wenn ich durch den persönlichen Verkehr mit jüngeren Amtsbrüdern diesen und dadurch ihren Gemeinden zum Segen werden könnte." Ich denke, dass ich diesem Grundsatze treu geblieben bin, und dass darauf mein gutes Einvernehmen mit fast allen Geistlichen ruhte.

(Nachtrag) Zum ersten Mal schreibe ich von hier, wo ich nun schon über vier Monate bin. Ich bin dankbar, dass hier durch die Schulen für meine Kinder gesorgt ist und ich sie bei mir behalten kann. Der Unterricht derselben, den ich mehrere Jahre betrieben, worüber viel anderes liegen blieb, war mir oft eine große Pein. Nun ist es leider umgekehrt, dass ich vor anderen Anforderungen mich kaum um sie kümmern kann. Sangerhausen ist, wie ich erwartet, wenig kirchlich. Ich habe einen tüchtigen Vorgänger (Armstroff) gehabt und einen sehr treuen fleißigen Kollegen an meiner 4500 Seelen zählenden Gemeinde. Ich selbst kann leider gar wenig mich um meine Gemeinde kümmern, und das ist augenblicklich mein größtes Kreuz. Ich bin durch die Verwaltung der Superintendantur mit so vielem befasst, dass die Hausbesuche immer wieder unterbrochen werden. Schreiberei in infinitum, Sitzungen, Konferenzen, Visitationen etc. reißen nicht ab. Und dabei kommt oft gar wenig heraus. Doch habe ich den Eindruck, dass es mit dem kirchlichen Leben fortgeht - nicht rückwärts (war leider Irrtum). Stellenweise gibt es ja recht faule unter den Geistlichen, die rein nichts tun, aber es gibt auch viele wackere und fleißige Leute, die dann, wie Br. K. es schildert, in kleinen Gemeinden oft viel Geld und wenig Arbeit und Gelegenheit dazu haben. Im Orte selbst habe ich einen kleinen Stamm ernster Christen, und das ist viel wert ...

Ich habe in der Ephorie einen Bruder von Prof. Hermann, ein guter Mensch, der natürlich seinen Bruder zu retten versucht, wenn sich (in unserem Kränzchen) die Kritik gegen seinen Standpunkt erhebt, dabei aber selbst für sich mehr retten und festhalten möchte, als bei dem Standpunkte seines Bruders möglich ist. Ich glaube, in diese Kollision kommen manche im praktischen Amte mit seinen geistlichen Bedürfnissen.

Ich bin in diesem Jahre keinen Tag herausgekommen und fühle das jetzt an Leib un Geist, da ich so stramm von Tag zu Tag arbeiten muss ..

Wir haben hier einen Kindergottesdienst mit Gruppensystem, im Verhältnis mehr Kinder als Helferinnen, in dem unkirchlichen Sangerhausen ist dieser Kindergottesdienst doch sehr im Zuge und wird offenbar von den Eltern begünstigt. Mir ist es immer eine Freude, wenn ich unter den Kindern sein darf ...

Am 14. 8. war das Missionsfest in der Ephorie Liedersdorf, die erste Gelegenheit, in die auswärtigen Gemeinden zu kommen und ihnen ein Wort zu sagen. Anfang September hielt ich zum ersten Mal die Pastoralkonferenz, am 22. Oktober die erste Lehrerkonferenz, am 13. Oktober führte ich in Martinsried Pastor Trending ein, am 3. November Pastor Müller in Emseloh. Er war wie Pastor Müller in Lengefeld Mitglied des Vereins deutscher Studenten, da hieß der Lengefelder "Schnauzmüller", der Emseloher "Tanzmüller", beides Charakteristisch. Beide, Trending und Müller Emseloh haben mir in der Folge viel Kummer gemacht.

Am 8. Dezember hielt ich die erste Kirchenvisitation in Rieknordhausen, wo Pastor Roediger schon damals stand. Er gehörte auch zu den ungeistlichen Geistlichen, der in seiner Gemeinde kaum viel wirkte, ja - wie ich später erfuhr  - durch sein in mancher Beziehung wenig vorbildliches Leben wohl schadete. Er war nicht unbegabt (Pfortenser Klassengenosse, aber nicht Gesinnungsgenosse von Nietzsche, von dem er gerne erzählte), lebte ausschließlich in seiner Studierstube und arbeitete seine Predigten sorgfältig aus. Er las viel Theologica, stand aber dem kirchlichen Leben außerhalb seiner Gemeinde fern. Seine Frau war gutmütig aber ungebildet und hatte nur für Hauswirtschaft und Garten Sinn. Sie verdarb ihren Sohn gründlich, indem sie ihn dem Vater gegenüber schützte und heimlich mit Geld versah. Später, als der Sohn (leider) Pfarrer geworden, kneipten Vater und Sohn zusammen.

Bei den Kirchenvisitationen kam es mir nicht zumeist darauf an, den Pastor zu visitieren - ich kannte sie bald genug - sondern vor allem der Gemeinde, soviel ich es vermochte, eine Anregung und Gabe für ihr geistliches Leben zu bringen. Dann predigte ich meist abends (oder in den Filialen früh) und hielt mit den Konfirmierten eine Unterredung. Ich sprach da freier und oft mehr vom Herzen und zum Herzen als auf meiner eigenen Kanzel, wo ich sonntäglich predigte. Oft gelang mir auch der rechte Ton im Gespräch mit den jungen Leuten - nicht immer -, wenn sich bei ihnen etwas von Entgegenkommen zeigte. Oft aber waren sie stumpf und still, und es wollte mir nicht gelingen, an sie heranzukommen. Das gab dann inneres Seufzen, - noch mehr aber bei der Besprechung mit den Mitgliedern der Gemeindeorgane über die Visitationsfragen. Da wurde mir noch klarer als zuvor, wie wenig unsere Gemeinden an ihren / von ihren selbsterwählten Vertretern für das Gemeindeleben haben. Lebendig wurden die Herren meist nur, wenn es sich um Geldsachen handelte. Bei Fragen des geistlichen und kirchlichen Lebens blieben sie fast immer stumm. Im ganzen habe ich keine große Meinung von dem Einfluss der Kirchenvisitationen, zumal da, wo kein Pfarrer war, der die gegebenen Anregungen zu vertiefen und festzuhalten sich bemühte. Aber mir waren sie in den ersten Jahren wichtig, um die Gemeinden und Pfarrer kennenzulernen.

Wenig Anerkennung werde ich bei vielen Pfarrfrauen gefunden haben, deren Anstrengungen, mich gebührend zu bewirten, ich wenig Verständnis entgegenbrachte. Ich erreichte aber, dass nach dieser Seite alles Unnötige bald unterblieb.

Am 7. August feierten Eltern und Geschwister in Elberfeld die Hochzeit Minnis mit Prof. von Below. Leider konnten wir nicht teilnehmen, ich wegen meiner neuen Arbeit, meine Frau wegen neuer süßer Hoffnung. Ende September besuchte das junge Ehepaar uns dafür in Sangerhausen.

Am 11. November wurde uns dann unser Willi geboren, und am 30. November wurde er getauft. Schwager Karl, sein Patenonkel, und Siegfried waren dazu gekommen.

Zum ersten Weihnachtsfest im neuen Heim kamen die Eltern aus Elberfeld und die beiden Brüder, Carl aus Leipzig und Siegfried aus Halle, aber leider wurde das Zusammensein durch die böse Influenza, die damals herrschte, arg gestört. Fast alle Hausgenossen erkrankten, nur Vater Wiebel und meine Frau blieben verschont, auch das Dienstmädchen lag zu Bett. Ich war elend, vom Fieber geschüttelt, aber ich hielt mich aufrecht und predigte mich gesund.

Auf eine Anfrage im Briefkränzchen schrieb ich damals: "Die Zahl meiner fast unzählbaren Kinder ist 7, alle Gottseidank frisch und wohl, die jüngsten die strammsten. Gott wolle sie uns und uns ihnen erhalten, ich freue mich täglich meines Reichtums, wenn auch oft mit Zittern im Blick auf die Verantwortung und mancherlei Sorgen." Wie gnädig hat Gott der Herr unseren Wunsch erfüllt - nun aber ist durch den grausamen Krieg unser Ältester aus der Schar herausgerissen. Aber unsere Freude an unserem Reichtum ist heute noch viel größer als damals.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04