1890


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Das neue Jahr brachte mir mehrfache neue Arbeit. Ich erkannte bald, dass es ein dringendes Bedürfnis sei, für die Gemeinden Schwestern (Diakonissen) für die Armen- und Krankenpflege zu haben. Nach mancherlei Verhandlungen gelang es mir, die Diakonissenstation als eine Einrichtung der Kirchengemeinden ins Leben zu rufen. Ein Ausschuss aus den beiden Gemeindekirchenräten übernahm die Leitung. Die Stadt kam der Sache freundlich entgegen und gab im alten Krankenhaus die Wohnung unentgeltlich. Die Einrichtung wurde durch freiwillige Gaben aufgebracht, und Ende 1891 erst konnte eine Diakonisse aus dem Halleschen Mutterhause und eine Johanniterin in das gemütliche Heim einziehen. Später hatten wir zwei Schwestern aus Halle, und dann wurde eine dritte im Lauf der Jahre für die Landgemeinden zugesellt. Die Sache fand bald viel Anklang bei allen Kreisen, und die nötigen Mittel waren immer vorhanden. Ich behielt die Leitung in der Hand und habe viel Freude dadurch gehabt, zumal seitdem die liebe und überaus tüchtige Schwester Minna Tränker als leitende Schwester bei uns eintrat. Ärger habe ich nur durch die oft unerquicklichen Verhandlungen mit dem Halleschen Mutterhaus resp. mit Pastor Jordan gehabt. Aber der Fortgang und Segen dieser Arbeit wurde dadurch nicht gestört.

Im Winter 1890 fing ich an, Bibelstunden zu halten, zuerst über das Leben des Apost. Paulus nach der Apostelgeschichte. Im Laufe der Zeit habe ich viele größere Abschnitte der Hl. Schrift, Briefe und Evangelien im Zusammenhang behandelt. Die Zahl der Besucher ist nie groß geworden, das lag zum größten Teil daran, dass ich es nicht vermochte, die Sache anziehend zu machen. Einzelne aber haben Segen davon gehabt, am meisten ich selbst. Mir waren die stillen Stunden am Mittwochabend in der oft großen Unruhe und Vielgeschäftigkeit meines Lebens wie Oasen in der Wüste, eine Erquickung für meinen inneren Menschen, umso mehr, da ich selten Zeit und Ruhe zu stillem Bibelstudium fand.

Endlich kam im Herbst des Jahres die Gründung eines evangelischen Arbeitervereins hinzu, leider hatte ich daran nicht die Freude des Erfolges wie an der Diakonissenstation.

Ich war Ende Mai in Berlin zum evang. sozialen Kongress gewesen. Ich hörte da Bodelschwingh mit seinem warmen Herzen für die Nöte des Volks und der Kirche, vor allem aber wurde Stöckers Vortrag mir wichtig. Ich hatte den Eindruck: Das ist ein ganzer Mann, der in der Kraft lebendigen Glaubens und heißer Liebe zu seinem Volk ohne Furcht vor dem Wutgeschrei seiner Feinde unten und oben nicht nur redete, sondern handelte und viele zu sozialem Denken und Handeln antrieb. Ich wurde dadurch veranlasst, mich mehr als bisher mit der Sozialdemokratie zu befassen. Ich las dann zwei sozialistische Zeitungen der verschiedenen Richtungen, Bebels "Frau" und vieles aus der einschlägigen Literatur. Auch in Sangerhausen hatte die Sozialdemokratie viele Stimmen gewonnen bei der Reichstagswahl. Ganze Beamtenkategorien - Post, Eisenbahn hatten in den unteren Stellen offenbar für sie gestimmt, und es drohte immer mehr, die Bewegung auf das Land überzugreifen. Da schien es mir Pflicht zu sein, die noch nicht verseuchten Kreise zu sammeln und zu bewahren, soweit es möglich. In unserer Provinz entstanden unter dem Einfluss des Pastor Weber in Gladbach und des sehr rührigen Pastor Lorenz in Erfurt evangelische Arbeitervereine, und so entschloss ich mich, in Sangerhausen auch einen solchen Verein ins Leben zu rufen. Nach manchen Verhandlungen trat ein Kommitee zusammen, leider aber fand sich kein geeigneter Mann, der willig war, die Leitung zu übernehmen. So musste ich sehr gegen meine Meinung den Vorsitz selbst übernehmen, und mir war und wurde immer mehr klar, zum Schaden der Sache, denn es fehlte mir an Zeit und Geschick, dazu vor allem an der Fähigkeit, volkstümlich packend zu reden. Der Aufruf fand viel Beifall, und Anfang 1891 zählte der Verein schon 300 Mitglieder, aber leider wenige aus den Kreisen, die wir am meisten zu gewinnen wünschten. Wir hatten auf unsere Fahne geschrieben: Annäherung der Stände - der Arbeitgeber und Arbeitnehmer - es kam wohl eine Anzahl Arbeiter, die nicht Sozialdemokraten werden wollten und bei uns einen Halt suchten, aber die Arbeitgeber hielten sich grundsätzlich fern, fürchteten in ihrer Kurzsichtigkeit, dass wir den Arbeitern zu viele Konzessionen machten, manche stießen sich auch an dem evangelischen Arbeiterverein, begriffen nicht, wie eng das soziale und religiöse Gebiet zusammenhingen. Auf katholischer Seite hatte man das viel besser verstanden. Ich hatte von dem Verein den großen Nutzen, mit vielen Männern zusammenzukommen und bekannt zu werden, die mir sonst unerreichbar waren. Aber der Verein hat nie rechtes Leben gehabt, zuerst große Begeisterung dafür, da es aber an positiven, praktischen Zielen fehlte, so erlahmte das Interesse auch bei wohlgesinnten Arbeitern bald. Das ist erst anders geworden durch die Berufsorganisationen und ihre praktischen Ziele. Es wurden manche sehr guten Vorträge gehalten, aber die Versammlungen blieben immer weniger besucht, während bei den Vereinsvergnügungen, Weihnachtfeier, Stiftungsfeste und dergl. - zumal wenn theatralische Aufführungen damit verbunden waren - der große Schützenhaussaal die Menge der Besucher nicht zu fassen vermochte. Von Nutzen war gewiss die gute Vereinsbibliothek, die manchen Arbeiter gefördert hat, aber auch hier waren die unterhaltenden Bücher mehr begehrt als die belehrenden sozialen Bücher. Mir brachte der Verein viel Arbeit, aber wenig Befriedigung. Er hat lange Jahre vegetiert, bis er endlich zu Grab getragen und seine Bücherei und Kassenbestand dem Jünglingsverein vermacht wurde.

Aus meinem Amtsleben im Jahre 1890 erwähne ich die Kirchenvisitation in Holdenstedt, die mich zuerst in das liebe Moellersche Pfarrhaus führte (im Februar), und die in Blankenheim - Liedersdorf im Mai. In Blankenheim stand Pastor Hübner. Ich habe in seinem Hause viel Freundlichkeit erfahren - sie war eine treffliche Frau - aber mit ihm wurde man nicht leicht warm. Er war ein überaus ordentlicher Mann, ein unvergleichlicher Mitarbeiter bei der Revision der Kirchenrechnungen, aber ohne jeden Schwung und Begeisterung, der geneigt war, alles in Paragraphen zu fassen, dadurch den Eindruck des Steifen machte. Er ist in meiner Erinnerung einzig in seiner Art, mir persönlich nicht sehr sympathisch, aber wir haben dank seiner und der Seinen Freundlichkeit gerne mit ihm verkehrt und angenehme Stunden in seinem Hause verbracht.

Im Herbst hatte ich Pastor Thiemann in Rotha und Pastor Überhagen in Großleinungen einzuführen.

Im Juli war ein Pastor Kelm aus Magdeburg unser Gast, als er, für Rotha bestimmt, zur Lokalprobe kam. Aber ganz kurz darauf erhielten wir die erschütternde Nachricht, dass er plötzlich gestorben sei. Es wurde dann Pastor Thiemann aus Frauenwald, der "höchste" Geistliche der Provinz (Frauenwald der höchstgelegene Ort der Prov.), für Rotha bestimmt und am 19. 10. eingeführt. Er war ein Vereinsgenosse von Pastor Müller und wie er in steter Kampfbereitschaft gegen alle Vorgesetzten, Superintendent wie Konsistorium oder gar Oberkirchenrat. Thiemann war ein guter Mensch, wohlmeinend, freundlich, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er immer noch nicht den Studenten ausgezogen habe, der sich nichts gefallen lassen konnte. Ich habe dadurch manchen Ärger gehabt, aber ich war ihm innerlich gut, weil er ein ehrlicher Mensch war und er wie seine Frau schlichte freundliche Leute im persönlichen Verkehr. Später nach der Rothaer Zeit hat er sich innerlich sehr zu seinem Vorteil umgewandelt und nun auch mich als Superintendenten gerechter beurteilt.

Über Pastor Überhagen, jetzt in Brücken, brauche ich nichts zu bemerken, er ist allen Kindern wohlbekannt. Der hervorstehendste Zug an ihm sind sein Fleiß und Treue in seiner Arbeit - tüchtiger Verwaltungsmann, aber auch voll Verständnis für die geistlichen Bedürfnisse seiner Gemeinde. Mir war er immer freundschaftlich ergeben, und ich konnte auf ihn zählen. In seinem Hause waren wir immer willkommen und freundlich aufgenommen, von seiner Frau fast zu zuvorkommend behandelt.

Im Januar besuchte ich meinen Onkel Karl, der sich in Delitzsch zur Ruhe gesetzt hatte, weil dort sein Sohn Fritz das Seminar besuchte. Er war schon recht klapprig, es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Am 23. 8. 1890 starb er, der letzte von Vaters Geschwistern.

Und Ende November rief mich die Nachricht vom Tode meiner Tante Pauline nach Wiesbaden. Sie war schon länger leidend gewesen. Leider aber hatte ich sie nicht mehr besuchen können, nun konnte ich nur an der Leichenfeier teilnehmen, hatte aber nicht Zeit, mit den anderen Verwandten die Leiche nach Eupen zu begleiten, wo sie an der Seite ihres Mannes beigesetzt wurde. Mit ihr war auch die letzte der älteren Generation meiner Familie hingegangen, und ich gehörte allmählich mehr und mehr zu den Alten, obwohl ich gerade damals mich recht frisch und schaffensfreudig fühlte. Ich war auf dem Höhepunkt meines Lebens, - bald genug sollte es abwärts gehen. Zu einer großen Reise fehlte auch in diesem Jahr Zeit und wohl auch das Geld, aber eine Menge kleinerer Touren in die schöne Umgegend dienten immer wieder zu meiner Erfrischung, und mancher liebe Besuch gab dazu ebenso wie die Ferien der Kinder, mit denen ich so gerne wanderte, oft genug Veranlassung. So wanderte ich im April nach Ostern mit Fritz und Lili nach dem Kyffhäuser und dann wieder mit Glimms von Halle im Juli noch einmal zu demselben Ziel. Dann wieder waren Stolberg, Questenberg, Wippra, Allstedt das Ziel unserer Wanderungen. Immer aber zog es uns wieder am meisten zu dem sagenumwobenen Kyffhäuser, damals noch ohne Kaiserdenkmal und große Volksmengen und befrackte Kellner - damals noch Waldesstille um die alte Ruine und ein kleines Hüttchen neben dem Erfurter Tor zur notdürftigen Bewirtung der ermüdeten Wanderer. Idyll und Poesie sind mit dem Denkmalbau zum größten Teil verschwunden. In jenem Jahre 1890 fing der Bau an und hat 6 Jahre gedauert bis zu seiner Vollendung.

Im Juli waren die Tanten aus Bremen in Sachsa. Das gab uns Veranlassung, sie dort 2 oder 3 Tage aufzusuchen und mit ihnen zu wandern, dann brachten wir sie auf 14 Tage mit nach Sangerhausen. Hans war unterdessen mit Lili bei Hessens in Großburschla und bei Schuchardts in Völkershausen. Da erkrankte Hans, es schien eine Lungenentzündung zu werden. Tante Schuchardt pflegte ihn sorgsam, und als die besorgte Mutter in Völkershausen ankam, fand sie ihren Jungen schon auf der Besserung und konnte nach kurzem Besuch bei Tante Bertha bald mit ihm heimreisen. Damals schon zeigte sich, dass bei Hans die Lunge der schwache Teil war, die ihm hernach durch das böse Asthma so viel zu schaffen machte.

Ende September gab mir der Besuch von Freund Schmitz noch einmal Veranlassung zu einer zweitägigen Harzwanderung. Ich habe oft zu kurzer Erholung solche kleinen Touren kreuz und quer durch den schönen Harz gemacht und ihn so in den meisten Teilen gründlich kennen und lieben gelernt.

Auch im Jahr 1890 war unser Haus oder vielmehr unsere Etage "Taubenschlag". Viel Besuch kehrte ein und brachte viel Liebe und dazu manche Anregung und Auffrischung mit. Im Januar Pastor Mertens, mein Nachfolger in Treffurt, mit seiner Braut Marie Georgi, der Tochter unseres alten lieben Freundes in Oberdorla. Im Mai zog sie als Pfarrfrau in Treffurt ein, und im September war dann das Ehepaar Mertens wieder einige Tage bei uns auf ihrer Reise in seine Heimat in der Altmark.

Dann kam Freund Hesse mit seiner Frau, die mit uns bei der Halleschen Missionskonferenz gewesen waren, und mit ihnen wurden Müllers in Lengefeld besucht und der schönen Zeit in Treffurt im alten Kreise gedacht. Ostern kam Bruder Karl, Im Juli Wilhelm Gräber auf 2 Tage, im August Siegfried, im Oktober zuerst Fritz und Anna und dann Georg und Minni - alle willkommen -, wenn auch für die vielbeschäftigte Mutter und Hausfrau die Unruhe oft fast zuviel war. Und es ist in der Folgezeit des Besuches nicht weniger geworden, und das hat auch dazu beigetragen, unser Leben reicher zu machen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04