1891


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Im Winter hatte ich außergewöhnliche Arbeit durch die Vorbereitung auf das Ephoralkollegium -- ein alter Zopf, der, nachdem ich ihn noch erlebt, abgeschnitten wurde. Es mussten eine prakt. theol. Arbeit und eine Predigt dem Konsistorium eingereicht werden. Ich glaube ich hatte eine Arbeit über evang. Polemik und Ironik. Am 24. Februar war der wichtige Tag des hochnotpeinlichen Examens. Wir waren vier Leidensgenossen: Sup. Allihn aus Battgendorf, Sup. Palmié aus Blerburg (mit Frau, da er lahm war und ihrer Hilfe bedurfte), Sup. Holzhausen aus Freiburg und ich fanden uns in einem Magdeburger Hotel zusammen, besuchten die Herren vom Konsistorium, darunter auch den Militäroberpfarrer Bähr, der ein Nachfolger meines Vaters in Saarlouis gewesen war und darum besonderes Interesse an mir hatte oder zu haben vorgab. Die meisten der Herren waren anständig, betrachteten die Sache als ein Kollegium, eine Unterhaltung über theolog.-kirchliche Fragen. Unanständig war Konsistorialrat Prof. Köstlin, der sich von der Vorstellung nicht freimachen konnte, er habe Kandidaten vor sich, die er zu prüfen habe. Eine klägliche Figur machte der Konsistorialrat Bähr, der in theologicis wohl weniger zu Hause war als wir vier. Es ist überhaupt ein Unding übelster Art, dass jeder Militärpfarrer, den der Feldprobst zum Militäroberpfarrer macht, damit in das Konsistorium kommt - ein noch ärgerer Zopf als das weiland Ephoralkollegium.

Der Glanzpunkt des Tages war der Abend bei Generalsuperintendent Schulze, wo das ganze Konsistorium, auch die Juristen, versammelt war zu gemütlichem Abendbrot und manchem interessanten Austausch mit diesem oder jenem der Herren.

Am 29. April kam dann meine Ernennung zum Superintendenten, und am 4. Juni wurde ich durch Konsistorialrat Schott aus Barby, den Dezernenten für meine Ephorie beim Konsistorium, als Superintendent eingeführt, nachdem ich über 1 1/2 Jahre tatsächlich Superintendent gewesen war. Wir waren die letzten gewesen, die das Colloquima gemacht, nun zwei von den vier tot, zwei pensioniert.

Kaisers Geburtstag brachte eine andere hochnotpeinliche Staatsaktion. Der Kaiser hatte sich ungünstig über die Gymnasien geäußert. Zur Strafe dafür nahm das ganze Lehrerkollegium nicht an dem allgemeinen Kaisergeburtstagsessen teil, sondern fand sich in einem anderen Lokal zu einem Essen zusammen. Ob sie dort ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht, weiß ich nicht. Aber der Landrat, der alte Herr von Doehirchern war noch törichter als das Lehrerkollegium und zeigte die Verschwörung bei dem Provinzialschulkollegium an. Das entsandte den Geheimrat Trosien zur Untersuchung, und der kam vorher zu mir, um sich nach der Sache zu erkundigen. Ich wusste natürlich auch nicht viel, da ich nicht der Vertraute der Herren vom Gymnasium war, suchte aber, die hohe Behörde zu beruhigen, und die Sache hat sich dann - vielleicht mit einem: Quos ego ! - im Sande verlaufen.

Schon im Vorjahre war der Sup. a.D. Wagner in Riestedt erkrankt. Ihm wurde der Cand. Burghardt zur Hilfe gesandt, und damit er auch alle Casnalien besorgen konnte, wurde ich vom Konsistorium beauftragt, ihn zu ordinieren. Am 19. August ist dann Sup. Wagner gestorben, aber bis zum nächsten Jahre blieb der Hilfsprediger Burghardt in Riestedt bis zur Wiederbesetzung der Stelle. Mir war er wenig sympathisch, und ich habe später keine Beziehungen zu ihm gehabt.

In Sangerhausen war zu der Zeit der Cand. Mellin als Hilfsprediger an St. Ullrich. Diakon Joedicke hatte auf fünf Jahre die Verwaltung des Diakonats an Ullrich übernommen. Waren die um oder legte er die Stellung nieder wegen des unkollegialen und groben Verhaltens des Pastor Voigt, - jedenfalls kam, wohl Ende 1889, Cand. Mellin nach Sangerhausen, ein tüchtiger, gemütlicher Mann. Er befreundete sich bald sehr mit Joedicke, aber das war wohl sein Schaden. Er wäre gerne zum Diakonus an St. Ullrich gewählt worden, aber er war dem wohlweisen Magistrat als Patron verdächtig, konnte nicht der schwarze Sinn Joedickes auf den ihm befreundeten Mellin abgefärbt haben ? So ließ man den tüchtigen Mellin gehen - im folgenden Jahre - und berief stattdessen Pastor Koetzsche zum Diakonus, eine Wahl wie viele in Sangerhausen, wo man eine große Kunst besaß, den Ungeeignetsten aus irgendwelchem Grunde zu bevorzugen.

In diesem Jahre begannen auch die Verhandlungen über die Renovation der Ullrichskirche, die sich lange hinzog. Ich werde bei Gelegenheit der Wiedereinweihung der Kirche etwas darüber sagen.

Im Januar reiste Meta mit Martha und Bernhard nach Elberfeld zu den Eltern, zur großen Freude aller. Sie erlebten in Elberfeld furchtbaren Schneefall und beim Tauen Überschwemmung der unteren Räume des elterlichen Hauses, die Stadt fast unpassierbar für mehrere Tage. In Elberfeld war damals Käthe Voget, sie kam oft und gern, um sich an den Kindern zu freuen und mit ihnen zu spielen. Es hat sich mit ihr ein Band geknüpft, das bis in diese Tage uns verbunden hat. In Sangerhausen kam unterdessen Frl. Marie Kromphardt, um die zurückgebliebenen Kinder zu betreuen. Auf der Rückreise traf ich mich mit den drei Ausreißern in Ahlfeld, wo damals Schwager Hermann erster Seminarlehrer war, zur Taufe von Liese, die ich vollzog. Nach frohen Stunden im Geschwisterhaus kehrten wir Ende Januar heim.

Ich las während Metas Abwesenheit Bebels "Frau" und schrieb darüber an meine Frau: "Es ist bei seinem materialistischen, atheistischen Standpunkt doch viel Wahres darin. Der Mann hat jedenfalls ein offenes Auge und scharfen kritischen Verstand und ist nicht ohne einen gewissen sittlichen Ernst, der der Masse unserer Gebildeten nur allzusehr fehlt." Später las ich mit gleichem Interesse seine Lebenserinnerungen - gewiss nicht unverdient der große Einfluss, den er in seiner Partei ausübte.

Vom 6. - 16. April war ich in Elberfeld. Was mich veranlasste, die Eltern eines Morgens früh nach durchfahrener Nacht zu überraschen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls taten mir die Tage der Ruhe - wohl nach der arbeitsreichen Passions- und Osterzeit - sehr gut, wie meine Briefe bezeugen. Ich war von Elberfeld aus auch in Relbinghausen bei Freund Karsch zu einer Konvention des Briefkränzchens, in Bochum bei Ernst Poensgen, war in Kaiserswerth bei Bopps (Bangeroth) und sah im Fluge einige der alten Freunde in Düsseldorf und in Barmen Eduard Bausch, Missionsinspektor Schreiber und Spiecker. So kehrte ich sehr befriedigt heim, zumal ich die lieben Eltern sehr wohl angetroffen und die Freudenbotschaft miterlebte, dass Georg und Minni von Königsberg nach Münster versetzt wurden, für die Eltern besondere Freude, dies Kinderhaus wieder so nahe zu haben.

Aus meinen Briefen ersehe ich, dass ich damals auch schon angefangen hatte, Samstagnachmittag die Kranken im städtischen Krankenhaus zu besuchen. Das Haus lag in der Ullrichsgemeinde, aber kein Geistlicher war mit der Seelsorge beauftragt, und den städtischen Behörden war es wohl nicht unlieb, dass kein Geistlicher das Haus - der Regel nach - betrat. Ich finge, ohne jemanden zu fragen, meine Besuche an, vermied Kollisionen mit dem Arzt, und so erhob niemand Einspruch. Ich erkannte im Laufe meiner Besuche immer mehr, wie schwer in solchem Haus es ist, Seelsorge zu treiben, da man den einzelnen Kranken fast nie allein hat. So beschränkte ich mich darauf, ein Bibelgebet zu sprechen, nachdem ich mit den Einzelnen geplaudert, meine Teilnahme bezeugt hatte. Später ist die Seelsorge ordnungsmäßig geregelt worden, und Diakonus Kaiser resp. ein Nachfolger hat sie übernommen, so dass ich davon entlastet wurde.

Bei Beginn der Sommerferien reiste ich mit Mutter und Hans nach Borkum. Wir trafen dort mit Schmitzens aus Hanau zusammen, die ihre kleinen Mädel Maria und Bertha mitgebracht hatten. In ihrem Gefolge war ihre Schwester, Frl. Bertha Bach, Lehrerin in Marburg, und deren Freundin, Frl. Buchenau. Wir wohnten alle in dem Haus des Fuhrmanns Haan, prächtige fromme Leute, die aufs beste für ihre Gäste sorgten, mit denen wir wirklich befreundet wurden. Außer uns wohnte noch Pastor Kriege aus Ladbergen in Westf. in dem Haus, mit denen wir bald bekannt wurden und viel verkehrten. Die ganze Hausgenossenschaft ist auf einer Fotografie vereinigt, die wir machen ließen, als wir alle am Ende der schönen Zeit reisefertig waren, aber der Dampfer des Wetters wegen nicht abfuhr. Wir verbrachten die drei Wochen in ungetrübter Ruhe, da wir unsere Kinder gut versorgt wussten. Fritz und Lili waren in Elberfeld bei den Großeltern, tagsüber bei Fritz und Anna in der Oberstraße. Erich war bei Joedickes, Martha und Bernhard bei Tante Bertha in Treffurt, und Willi hatten wir auf der Durchreise den Tanten in Bremen gelassen, die ihn mit nach Sophienhof nahmen.

In Borkum wurden wir damals mit Pastor Stuyter bekannt - ein guter, freundlicher aber unbedeutender Mann, der das Evangelium predigte, aber wenig anregend wirkte, und im Verkehr steif und hölzern war. Er hat uns aber namentlich bei Metas schwerer Krankheit in Borkum 1896 treu zur Seite gestanden. Schade, dass es ihm nicht früher gelang, versetzt zu werden, wie er es wünschte. Er hat aber das Verdienst, die schöne neue reformierte Kirche gebaut zu haben, für die damals 1891 die Sammlungen begannen. Am Ende unseres Aufenthaltes reiste Meta nach Sophienhof, um Willi abzuholen, ich mit Hans nach Hause zurück. Anfang August waren wir wieder alle in Sangerhausen vereinigt.

Ein angenehmes Nachspiel hatte die Reise, da ich bei meiner Rückkehr eine Verfügung des Ministers vorfand, durch die mir 400 Mark Unterstützung bewilligt wurden, dank der Fürsorge des Generalsuperintendenten Schulze.

In dem Briefkränzchen war die Frage nach der Stellung zur Hl. Schrift besprochen worden. Ich schrieb damals am 30. 8. 91: hier bei uns kümmern sich leider wenige um dergl. Fragen ... Obgleich die persönliche Heilserfahrung mir der letzte und festeste Halt ist, auch gegenüber allen Anfechtungen der Kritik, so ist mit dem Standpunkt bei der großen Menge unserer frommen Christen, denen die äußere Autorität der Schrift alles ist, nichts zu machen. Ich weiß es aus manchem persönlichen Gespräch früherer Zeiten, wie leicht man bei denen in den Geruch der Ketzerei oder Heuchelei kommt, doch wird sich mit der Zeit auch in diesen Kreisen die Anschauungsweise ändern. Aber mit der veränderten Anschauung wird die Autorität der Hl. Schrift bei der großen Masse verlieren, und es wird immer mehr auf persönlich bewusste Heilsaneignung ankommen, was an sich nur die notwendige Entwicklung der evangelischen Kirche ist. Dass aber auch an diesem Punkte die Fundamente der Volkskirche abbröckeln, ist mir gewiss. Aber so sehr die römische Kirche hier im Vorteil zu sein scheint, die mit ihrer starken Autorität die Hl. Schrift stützt, so gibt es doch für die evangelische Kirche keine äußere Autorität, die die Schrift stützt, nicht einmal die des Herrn, dessen Aussprüche doch nur dem Alten Testamente gelten. Aber ich bin gewiss, die Hl. Schrift braucht solche äußeren Stützen nicht, sie stützt sich selbst durch die Macht der Wahrheit, die überzeugend genug für jeden ist, der aus der Wahrheit ist. 

Im September 1892 aber schrieb ich zu der gleichen Frage:" Nachdem man fast allgemein die alte Inspirationstheorie hat fallen lassen, ist soweit ich sehe noch nirgend eine Anschauung hervorgetreten, die einigermaßen genügte. Persönliche Heilserfahrung mag den Einzelnen der Wahrheit gewiss machen, aber für die Kirche und ihre Lehre genügt das nicht, wenn nicht alles in Verwirrung geraten soll ... Ich komme immer wieder darauf zurück, dass Gott durch Erfahrung der Jahrhunderte gezeigt hat, dass er dieses Bibelbuch, wie es vorliegt, mit allen möglichen Menschlichkeiten behaftet, und kein anderes benützt hat, um geistliches Leben in den Einzelnen und in der Kirche zu wecken und zu nähren -, und das ist der Kirche Grund genug, an der Autorität dieser Bibel unentwegt festzuhalten."

Ende September 1891 reiste ich zu der Hochzeit meines Schwagers Karl nach Hochheim. Die Trauung vollzog der Schwager der Braut, ein wenig geistlicher Geistlicher, Paula war damals schon so schwerhörig, dass sie die Worte des ihr wohlbekannten Schwagers, der unmittelbar vor dem Brautpaar stand, ohne Hörrohr nicht verstand, ein trauriger Anblick. Dazu das ganze Milieu der Hochzeitsgesellschaft, von den Kreisen des Elternhauses in Elberfeld und von unseren so grundverschieden, dass es mir damals schon leid war - namentlich für Vater Wiebel -, dass Karl in diesen Kreis hineinheiratete. Welch Elend aber diese Ehe später bringen sollte, ahnte damals wohl noch keiner. Ich glaube fast, dass es dem armen Karl damals schon bei seinem "Glück" nicht geheuer war, aber aus einer Ehrenhaftigkeit hielt er sich wohl an das in studentischer Liebschaft geschlossene Verlöbnis gebunden. Hätte er doch das Verhältnis vor der Ehe gelöst, ehe es zu spät war!

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Im Anschluss an die Hochzeit in Hochheim besuchte ich mit Vater das Heim des jungen Paares in Bad Weilbach und dann die elektrische Ausstellung in Frankfurt. Wie staunte ich damals über die mir noch ganz fremden Wunder der Elektrizität - und doch waren es damals nur geringe Anfänge auf allen Gebieten gegen das, was heute die Elektrizität leistet. Wie dürftig das Wägelchen, das damals elektrisch betrieben durch die Ausstellung fuhr, oder die Lichteffekte, die dem staunenden Publikum vorgeführt wurden - und heute! Welche gewaltige Entwicklung haben wir in den letzten 30 Jahren miterlebt, größer als früher die Entwicklung von 3 Jahrhunderten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04