1892


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Das neue Jahr brachte unserm Haus einen neuen Zuwachs. Am 13. Februar wurde uns unsere 3. Tochter geboren. Meinem Wunsch gemäß erhielt sie ihrer lieben Mutter Namen Meta. Sie Octava zu nennen, weil sie die achte war, gefiel uns ebenso wenig wie Schwager Fritz' Vorschlag, sie Therese ("Thräs" nach rheinischer Mundart in Bezug auf ihren Geburtstag den 13.) zu benamsen. So wenig ihr ihr Name gefällt, so gut gefällt er mir bis auf den heutigen Tag. Am 10. März tauften wir sie, Vater und Siegfried waren zur Taufe gekommen. "5 Jungen und drei Mädels" schrieb ich damals, das ist gewiss ein Reichtum, und Gott dem Herrn danke ich von Herzen dafür. Sie zu haben ist Gottessegen, das spüre ich immer wieder, und sie alle gesund und frisch heranwachsen zu sehen, das ist besondere Gottesgüte. Hätte mir früher einer gesagt "Du sollst einmal für 8 Kinder sorgen", so wäre ich wohl erschrocken, aber mit den Aufgaben, die uns Gott stellt, wachsen auch die Kräfte. Ich habe keine Sorge um die Zukunft, wenn ich mir auch wohl sage, dass die Erziehung namentlich der Jungen mir wohl noch graue Haare machen kann. Aber gut, dass wir auch diese Sorgen auf Gott werfen dürfen."

Mitte März starb der liebe Bruder Schrader in Oberröblingen. Er war mir einer der liebsten in der Ephorie gewesen und sein Tod mir ein schmerzlicher Verlust. Bei der Beerdigung von Geistlichen (ich habe 9 Amtsbrüder zu Grabe geleitet) war es meine nicht immer leichte Aufgabe in der Kirche ein Wort an die Gmeinde zu richten, während im Pfarrhause ein Freund des Verstorbenen an die Familie ein Wort zu richten pflegte. In diesem Falle konnte ich mit Freudigkeit über Joh. 12, 26 dem Bruder Schrader einen Nachruf widmen.

Im Anfang des Jahres war Pastor Keller aus Berlin zweimal zu einem Vortrag in Sangerhausen. Er war damals als Agent des Sittlichkeitsvereins in Berlin angestellt, nachdem er glücklich durch die Flucht der Verschickung nach Sibirien entgangen war. Er reiste in Deutschland herum, um zum Kampfe gegen die Unsittlichkeit aufzurufen. Er hatte sich an Pastor Eger als den Synodalvertreter für Innere Mission gewandt, um einen Vortrag in Sangerhausen zu halten. Mir war Keller damals ganz unbekannt, und ich hatte Bedenken, einen uns Fremden über ein so heikles Thema reden zu lassen. Dann kam Pastor Eger auf den Gedanken,, ihn zu bitten, erst einmal in einer Versammlung des evangel. Bundes über seine Erlebnisse in Russland zu berichten. Das geschah, Keller begeisterte alle durch seinen packenden Vortrag, und ich lernte ihn im persönlichen Verkehr kennen und gewann die Überzeugung, dass er auch der geeignete Mann sei zu einem Vortrag in der Sittlichkeitsfrage. So kam er nach einigen Wochen wieder, sein Vortrag über Russland hatte die beste Reklame für ihn gemacht, und am Abend war der große Schützenhaussaal Kopf an Kopf mit Männern gefüllt - wohl 800 -, und zwei Stunden lang lauschten sie gespannt den Worten Kellers. Ich habe nie eine Versammlung mitgemacht, , die so unter der Macht der Worte des Redners stand wie diese, und Keller sprach so unumwunden von ernstchristlichem Standpunkt aus, gepackt haben seine Worte wohl die meisten. Ob sie auch Frucht gebracht haben?

Der Sommer brachte uns zum jährlichen Missionsfest am Riestedter Wald einen Vortrag Stöckers und beim Missionsfest Ende Oktober in Sangerhausen Konsistorialrat Dalton aus Berlin als Festredner. So gab's in diesem Jahr viel Anregung durch hervorragende Festredner. C. R. Dalton war mehrmals bei uns in Sangerhausen, und ich habe ihn öfter in Berlin aufgesucht, immer mit gleicher Liebenswürdigkeit von dem geistvollen interessanten Manne und seiner feinen Frau aufgenommen. Seine Lebenserinnerungen aus seiner Amtstätigkeit in Petersburg sind hochinteressant.

Mitte Juni hatten wir die Ephorenkonferenz in Haus Hagental bei Gernrode. Sie fand sonst gewöhnlich in Halle statt, jetzt hatte sie einen eigenen Reiz in dem freundlichen Hagental. Es war damals eine freie Konferenz der Superintendenten der ganzen Provinz, die manche das kirchliche Leben berührende Fragen zu gründlicher Besprechung brauchte und die persönliche Bekanntschaft zwischen den Superintendenten pflegte. Letzteres war in Hagental noch besser möglich als in Halle. Später wurden neben und dann anstelle der freien Konferenz die amtlichen Ephorenkonferenzen unter Vorsitz der Generalsuperintendenten gesetzt - dadurch aber der Zusammenhang der Ephoren der Provinz zerrissen, da es nun 2, später 3 ganz getrennte Bezirke gab. Welche Art der Konferenzen den Vorzug verdient, ist schwer zu sagen. Ich möchte fast der freien Art den Vorzug geben - wobei viele freilich sich ausschlossen, die an der Bildfläche erschienen, als es Diäten gab und die Sache offiziell wurde.

Zu der Herbstkonferenz der Ephorie am 18. Oktober kam zum ersten Male der neue Generalsuperintendent Textor, der an die Stelle des verstorbenen Generalsuperintendenten Möller getreten war, zu uns. Er war Gast in unserem Hause, - wie anders er als Gen. Sup. Schulze (der Möllers Bezirk übernommen hatte), er war Militäroberpfarrer in Breslau gewesen. Der Kaiser hatte ihn dort kennengelernt, wohl Gefallen an ihm gefunden und ernannte ihn - so ging die Fama - ohne jemand zu fragen, zum Generalsuperintendenten. Textor war ein guter Mensch, aber von keiner überragenden Bedeutung. Ich war wiederholt auch bei ihm in seiner Familie, da war er die Liebenswürdigkeit selbst. Aber er war seiner Stelle nicht gewachsen, die Arbeit und vornehme Geselligkeit Magdeburgs war zu viel für seine Kraft, unrühmlich musste er vor der Zeit seinen Posten verlassen. Es tat mir leid um ihn, aber es zeigte mir, welch Verhängnis, wenn ein Missgriff bei solcher Wahl geschieht. Im Juli hatte ich in Riestedt als Nachfolger des Superintendenten Wagner den Superintendenten a.D. Langguth aus Tangermünde einzuführen. Er blieb dort bis zu seinem Tode im Jahre 1908, wir haben viel zusammen verkehrt, da er später in unser Kränzchen eintrat. Er hat mich, wenn ich verreiste, in den Superintendanturgeschäften vertreten, aber innerlich sind wir uns nicht näher gekommen. Es blieb gegenseitig bei freundlicher Höflichkeit. Er hatte etwas Herrisches in seinem Wesen, war ein Haustyrann, vor dem im Hause wohl alles zitterte. Seine Frau machte oft den Eindruck von Verschüchtertsein. Dass er in seiner früheren Ephorie mancherlei Kollisionen hatte, die ihn zwangen, sich versetzen zu lassen, war mir nicht verwunderlich. Mir gegenüber aber ist er immer korrekt gewesen. Mit Superintendent Osswald kam auch er bald in Kollision. Er war ein sehr tätiges Mitglied in dem Evangel. Bund sowie in den in dieser Zeit entstehenden Pfarrvereinen, die mir beide nicht nach dem Sinne waren. Ich hatte ernste Bedenken gegen letztere. Die Lehrervereine mit ihrem falschen Korpsgeist und dem von ihnen ausgeübten Terrorismus machten mich ängstlich, und an die vielgepriesene censura fratrum anstelle der Aufsicht der vorgesetzten Behörden glaubte ich nicht. Ihr Streben, die Wahlen zu den Provinzial- und Generalsynoden durch Organisierung der Pfarrer zu beherrschen, hielt ich für gefährlich. Meine Erfahrungen bei drei Provinzialsynoden und meine Beteiligung am Pfarrverein nach Übersiedlung nach Edersleben, sowie meine sonstigen Beobachtungen lassen mir auch heute meine damaligen Bedenken als berechtigt erscheinen. Kurz nach der Einführung des Superintendenten Langguth hatte ich den Diakonus Koetzsche an St. Ullrich einzuführen. Wie die Sangerhäuser auf ihn gekommen sind, weiß ich nicht mehr, jedenfalls haben die, die ihn gewählt, d.h. die Herren vom Magistrat, die Wahl bitter bereut.

Ja schon bei seinem Einzug in Sangerhausen fand er keinen angenehmen Empfang, niemand kümmerte sich um ihn, die Ullrichsgemeinde, deren Kirche umgebaut wurde, hielt sonntäglich einen Gottesdienst in der Jacobikirche um 1 Uhr, eine für die Einführung wenig günstige Zeit. Koetzsche war ein gutmütiger Mensch, der von dem schwärmerischen Gedanken beseelt war, allen Menschen helfen zu können. Selbstlos gab er alles weg um zu helfen, wurde aber oft böse hintergangen und ausgenutzt. Er war begeistert von Naumanns sozialen Ideen, hatte aber dessen Geist und Verstand nicht, war unklar in seinem Denken und oft unbesonnen in seinem Vorgehen. So kam er bald durch seine Schriftstellerei in allerlei Kollisionen, bis ihn sein "Offener Brief an Herrn v. Stumm" über die Ausbeutung der Arbeiter im Saargebiet in Kampf mit dem übermächtigen Herrn v. Stumm brachte. Und mochte K. noch so recht haben, vieles war nicht von ihm zu beweisen, schließlich unterlag er und wurde abgesetzt. In Sangerhausen hatte er durch seine Wohltätigkeit und seinen Kampf für die "unterdrückten Arbeiter" manche Anhänger, aber Segen hat es nicht gestiftet, wohl aber große Verwirrung angerichtet. Seine Predigt war wenig packend, moderne Ideen, verwässertes Evangelium. Mir hat er, zumal in der Zeit der Disziplinaruntersuchung gegen ihn, viel Arbeit und Ärger gemacht. Er lebte damals unverheiratet mit einer Schwester, die besser war als er, Später als Reporter in Berlin hat er eine Tochter von Pastor Hann geheiratet, die aber früh starb.

Das Jahr 92 brachte uns viel Trennung, wohl infolge des Wochenbettes und vieler Arbeit der letzten Jahre war meine liebe Frau elend und ruhebedürftig. Sie hatte nach der Geburt der kleinen Meta 7 Wochen mit einer bösen Venenentzündung gelegen, aber sich nicht recht erholt. So reiste sie am 11. Juli mit Willi nach Elberfeld. Fritz reiste mit Lili und Hans nach Großburschla und Treffurt, ich hielt mit den 4 anderen Kindern Haus. Frau Lessing, die Meta auch in der Wochenzeit gepflegt hatte, versorgte mit dem Mädchen den Haushalt. Ich machte unterdessen viele Schulvisitationen auf dem Lande ab und hatte durch die damit verbundenen Fußtouren etwas Erfrischung.Aber als Meta Ende Juli über Münster und Treffurt wieder heimkehrte war ihr Zustand wesentlich gebessert. Um einmal auszuspannen, lief ich Anfang August in den Harz: Braunlage, Schierke, Brocken, Ilsenburg, Herzburg, Sonnenberger Chausseehaus, Andreasberg. Waren es nur wenige Tage, sie taten gut und die Eindrücke dieser kleinen Reise haften bis heute. Wie habe ich damals und noch oft unseren schönen Harz genossen.

Metas Befinden war nicht besser, eher schlimmer geworden. Kopfschmerzen, Herzklopfen, nervöse Schmerzen in den Armen plagten sie beständig. So entschlossen wir uns schweren Herzens zu neuer Trennung. Die Tanten auf dem Grohn hatten sie freundlich eingeladen, so fuhr sie am 24. August mit Bernhard und der kleinen Meta zu den Tanten, die sie mit rührender Sorgfalt hegten und pflegten. Für uns aber wurde die Zeit doppelt schwer, da kurz nach unserer Trennung die furchtbare Choleraepidemie in Hamburg ausbrach, die trotz aller Vorsicht nicht auf diesen Herd beschränkt blieb, sondern auch in Bremen und vielen anderen Orten Opfer forderte. Auf dem Grohn waren die Verhältnisse die denkbar günstigsten, so entschlossen wir uns, dass Meta mit den Kindern zunächst dort blieb. Aber trotz Ruhe, guter Luft und Verpflegung wurden die Beschwerden nicht besser. Klein-Meta gedieh täglich mehr und mehr, aber die liebe Mutter kehrte am 20. September über Ahlfeld, wo sie bei den Geschwistern einkehrte, ohne wesentliche Besserung zurück.

Während Mutters Abwesenheit blieben die Kinder Gottseidank gesund, nur der arme Hans wurde wieder bös von seinem Asthma geplagt, musste viel im Bett stecken, während die Geschwister sich draußen vergnügten. Aber er war immer geduldig und zufrieden, auch bei mangelhafter Pflege in Abwesenheit der Mutter.

Zu den wenigen Familien, mit denen wir häufiger verkehrt hatten, gehörte der Mittelschullehrer Bodesohn. Er war kurz nach uns nach Sangerhausen gekommen. Ein tüchtiger Lehrer und liebenswürdiger Mann, hatte eine nette kleine, schüchterne Frau. Wir waren gerne abends zwanglos zusammen, so war es uns ein Verlust, dass er Ende des Schuljahres als Rektor nach Aken a.E. übersiedelte.

Am 31. Oktober 1892 fand in Wittenberg die Einweihung der restaurierten Schlosskirche statt. Kaiser Friedrich hatte sich lange Jahre für ihren Ausbau bemüht, sein Sohn vollendete das Werk. Er hatte alle evangelischen Fürsten Deutschlands und die Vertreter der freien Städte dazu eingeladen, aber auch alle Generalsuperintendenten Preußens und alle Superintendenten der Provinz Sachsen nicht vergessen.

Generalsuperintendent Schulze hielt die Weihe - Hofprediger Vieregge, wenn ich mich recht entsinne, die erste Predigt in der neu geweihten Kirche. Wir Superintendenten standen unmittelbar vor der Kirche, als der Festzug von dem Lutherhause her sich nahte, der Kaiser voran, Fürsten und Großwürdenträger aller Art - der imposanteste Zug, den wohl seit langem Deutschland gesehen hat. Der Kaiser und die Fürsten nahmen im Chorgestühl Platz, davor unter der Kanzel Luthers und Melanchtons Gräber, bei denen die letzten Nachkommen Luthers ihren Platz hatten. Wir Superintendenten hatten unsere Plätze in den Logen oben rechts und links des Chores, so dass wir alles gut sehen und hören konnten. Der erhebendste Anblick und Augenblick war, als bei dem Weihegebet die ganze Versammlung, allen voran der Kaiser, niederkniete und sich vor dem Herrn aller Herren und dem König aller Könige in Demut beugte.

Als Andenken bewahre ich die auf den Tag geprägte Medaille und die allen Teilnehmern ebenso geschenkte Textschrift Prof. Koestlins über die Schlosskirche in Wittenberg.

Im November hatte Pastor Müller Hochzeit. Er hatte böse Zeit hinter sich durch die Feindschaft seiner Mutter gegen seine Braut. Endlich konnte er das lang ersehnte Ziel, seine Pfarrfrau in sein Pfarrhaus zu bringen, erreichen. Wir waren zur Hochzeit geladen. Die Trauung hielt Superintendent Holzhausen aus Freiburg a. U., in dessen Haus Pastor Müllers Braut viel Segen erfahren hatte, als sie dort ihrem Bruder, dem Diakonus Wolf, haushielt. Namentlich die immer kranke Frau Sup. Holzhausen hatte auf sie wie auf manchen anderen einen entscheidenden Einfluss gehabt und hatte sie zu einer trefflichen Pfarrfrau herangebildet. Auf dieser Hochzeit sahen wir den damaligen Stud. Ehrke zum ersten Mal, der später in Sangerhausen uns befreundet wurde.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04