1893


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Das neue Jahr brachte zwei neue Pfarrer in die Ephorie. In dem kleinen Hackpfuffel war Pastor Hitzschke versetzt, und der Patron Graf Kalkreuth wählte ohne viel Besinnen den Hilfsprediger Lieberoth; am 15. Jan. hielt Hitzschke seine Abschiedspredigt, am 22. Jan. führte ich Pastor Lieberoth ein. - Im März 92 war Pastor Schrader in Oberröblingen gestorben, und erst Mitte April 93 konnte ich Pastor Ullrich einführen. Der Patron Kreisrichter Schmidt war von unglaublicher Unentschlossenheit und Langsamkeit ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gemeinde. In beiden Fällen war die Wahl keine glückliche zu nennen. Nach meiner Erfahrung sind die Privatpatronate nicht zum Segen der Gemeinde, am allerschlimmsten sind die städtischen wie in Sangerhausen, wo ein zu ganz anderen Zwecken gewählter Magistrat das juristische Recht besitzt, der Gemeinde Kirchenbeamte und Geistliche zu setzen, in einer Zeit, wo die Kirchengemeinden ihre eigene Vertretung haben. Nicht viel besser sind die persönlichen Privatpatronate in den meisten Fällen. Es gibt Privatpatrone, die im Glauben der Kirche stehen und keine andere Rücksicht kennen, als das Wohl ihrer Gemeinden, den meisten aber fehlt das Verständnis für die geistlichen Bedürfnisse der Gemeinden, und persönliche Empfehlungen oder Rücksichten iregendwelcher Art sind meist entscheidend. Dass auch bei der Stellenbesetzung durch Konsistorium und Gemeindewahl sich Schäden zeigen, ist natürlich, aber beides sind wirklich kirchliche Instanzen. Das Privatpatronat - zumal das von allen Lasten befreite wie in der Sangerhauser Gegend - ist ein großes Unrecht trotz des jucidischen Rechtstitels. Mit dem Schulpatronat hat man leicht ein Ende gemacht, - mit dem Kirchenpatronat würde es ebenso gehen , wenn nicht die finanzielle Seite der Sache bei den kostenpflichtigen Patronaten so schwierig wäre. Meiner Anschauung nach wäre der beste Wahlmodus der: Einmal schlägt das Konsistorium der Gemeinde drei Bewerber vor, und die Gemeinde wählt einen, das andere Mal schlägt die Gemeinde drei vor, und das Konsistorium wählt einen aus.

Die Wahl in Hackpfuffel und Oberröblingen hat den Gemeinden wenig Segen und mir wenig Freude gebracht. Pastor Lieberoth hatte wenig zu tun und tat wenig - er fühlte sich in der wenig befriedigenden Arbeit und dem üblen Pfarrhaus nicht wohl -, versuchte oft fortzukommen, musste aber bis 1906 aushalten. Pastor Ullrich war ein nicht unbegabter Mann, blendete durch seine Beredsamkeit und wusste, den Leuten zu imponieren. Er wurde später - ob durch Unvorsichtigkeit oder Schuld - in böse Disziplinarverfahren verwickelt und in Klagen vor Gericht, wurde endlich mangelnden Beweises wegen freigesprochen. Es hing an der Frage, ob ein Mädchen, das gegen ihn zeugte, glaubwürdig sei oder nicht. Ich wusste mehr als mir lieb war, war aber froh, in den Verhandlungen nicht als Zeuge zu fungieren. Jedenfalls waren in der Gemeinde und der Umgegend die übelsten Gerüchte im Umlauf und dienten nicht zur Erbauung der Gemeinden und zur Mehrung des Ansehens des Pfarrstandes. Ich war froh, als der Pastor Ullrich 1904 nach Rossleben kam, von der dortigen Gemeinde gewählt trotz des früheren Skandals.

Ostern wurde Fritz konfirmiert, und Martha kam zur Schule. Bernhard, der strammste von allen, größer als alle neu aufgenommenen Schulkinder, obwohl er erst 4 1/2 Jahre alt war, begleitete seine Schwester oft zur Schule und saß 2 Stunden lang zu seiner großen Freude unter den 30 Mädchen. Gottseidank waren sie alle wohl, doch wurde der Mutter die Arbeit und Unruhe zuviel, so dass wir uns gezwungen sahen, eine "Stütze" zu nehmen, womit leider wohl ein Stück der Gemütlichkeit des Familienlebens schwand. Zunächst war Frl. Marie Veromphardt in diesem Jahr die Stütze, die auch schon bei Metas Geburt uns freundlich im Haushalt geholfen hatte. Sie blieb bis Ende des Jahres.

Im Juni war Meta 8 Tage in Völkershausen und Treffurt, ich war wieder einige Tage in Hagental zur Ephorenkonferenz. Dann reisten wir zusammen mit Willi Anfang Juli wieder nach Borkum, wo wir unser altes Quartier bei den Haas bezogen. Im Hause mit uns wohnte damals eine Frau Luther aus Braunschweig mit ihren Kindern. Ihr Mann war Ingenieur, bei der Sprengung des eisernen Tores der Donau angestellt und tätig. Das eine ihrer Kinder sahen wir hier in Hannover als Idas Freundin, Frau Fischer, wieder. Während unserer Abwesenheit waren die Kinder wieder zerstreut: Fritz und Lili in Elberfeld, Bernhard bei seinem Patenonkel Müller in Lengefeld, Hans und Martha (ob auch Meta?) in Treffurt und Erich bei Pastor Löffler in Obersdorf - letztere Pension offenbar ein Missgriff. Was mich damals veranlasste, sie zu wählen, weiß ich nicht mehr. Ende Juli fuhr Meta mit Willi heim, ich besuchte die Geschwister Below in Münster und die Eltern in Elberfeld und kehrte dann am 3. 8. auch neugestärkt nach Hause zurück.

Vom 4. - 6. Oktober war ich zur Taufe meines Patenkindes Elisabeth Schmitz in Hanau, benutzte auch die Gelegenheit zu einem Besuch in Weilbach (oder schon Rüsselsheim?). Ich hatte früher nur ein Patenkind gehabt, die Dora Glimm, die am 30. 12. 89 geboren war. Nun bekam ich gleich drei dazu, außer Elisabeth Sch. Sophie Joedicke, die am 17. August, und Hedwig Müller, die am 30. September geboren war. So war ich mit einem Mal ein reicher Patenonkel. Später kamen dann noch Hilde Bodeschuh und Georg Dietzel, Lieschens Junge, dazu.

Am 28. Oktober fuhr ich zu der Beerdigung des Generalsuperintendenten Schulze nach Magdeburg. Ich hatte ihm in mancherlei Beziehung viel zu verdanken und viele andere in der Provinz mit mir. Zwei Generalsuperintendenten wie den alten Möller und Schulze hat die Provinz nie wieder gehabt. Nun war nur Textor da - ohne Bedeutung für die Provinz.

Am 8. Dezember war die Einweihung der Ullrichskirche. Die Kirche war früher an ein Frauenkloster angebaut, der eine Kreuzarm bei einer Feuersbrunst zerstört und nicht wieder aufgebaut, das Innere durch allerlei Einbauten verunstaltet. So war das Innere eng und düster, und nach außen war sie z.T. verfallen, das Erdreich aufgeschüttet, so dass man auf vielen Stufen in die Kirche hinabsteigen musste. Die königlichen Bauräte Persius und Adler hatten schon lange den Wert des Bauwerkes erkannt und auf eine Herstellung gedrungen, aber alle Verhandlungen hatten zu nichts geführt. Die Gemeinde wollte für den Zweck keine Steuerlast auf sich nehmen. Endlich bewilligte das Ministerium 15 000 Mark für den Zweck, das machte die kirchlichen Organe williger, auf die Pläne einzugehen. Besonders Bürgermeister Knobloch machte sich um das Zustandekommen des Werkes verdient. Durch den staatlichen Zuschuss bekam aber die Regierung die Ausführung des Baus in ihre Hand und führte ihn sachgemäß aus. Der Gemeinde aber erwuchsen dadurch viel höhere Kosten als vorher berechnet waren. Gut aber, dass nun das alte herrliche Bauwerk wieder in neuer Schönheit erstand. Eine Predigtkirche wurde es nicht, die Akustik ist schlecht, viele Sitzplätze ohne Blick auf Kanzel und Altar. Im Verhältnis zur Größe wenig Plätze, Mängel, die sie mit vielen ursprünglich katholischen Kirchen teilt, aber als Bauwerk ist sie sehr schön, eine Zierde der Stadt.

Generalsuperintendent Textor kam am Abend vor der Einweihung, dem 8. Dezember. Er hatte in der Ephorie Eisleben am 7. 12. die Einweihung einer Kirche gehabt, er wollte dieselbe Rede an beiden Tagen benutzen. Aber o weh ! Der Regierungspräsident fuhr mit ihm von Eisleben nach Sangerhausen, um auch dort der Einweihung beizuwohnen. So musste er zu seinem Schmerz sich noch auf eine neue Rede präparieren und war deshalb den ganzen Abend für die Hausgenossen nicht sichtbar. Von der Rede aber haben wenige in der Kirche etwas verstanden, da sie vom Altar aus gehalten wurde. Pastor Voigt aber, der alles mögliche getan, um es nicht zum Bau kommen zu lassen, erhielt einen Orden. Zu meiner Freude hatte ich zeitig davon gehört und hatte den alten Herrn Landrat veranlasst, eine Ordensauszeichnung auch für den Bürgermeister Knobloch zu beantragen, da dieser das größte Verdienst um das Zustandekommen der Erneuerung der Kirche hätte.

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Willi und Meta 1893

Am Tag der Einweihung fuhr Mutter mit Klein-Meta nach Elberfeld zu ihren Eltern, fand den Vater sehr frisch, aber die Mutter alt geworden, von Atemnot geplagt. Sie blieb bis zum 19. Dezember, so dass wir vor Weihnachten alle wieder vereinigt waren.

Unterdessen hatte ich in Totha Horla Kirchenvisitation gehalten und die Freude der Fahrt in den Harz im Winter genossen, die Kinder aber die Freuden des Weihnachtsmarktes, zu dem die drei Kleinen im großen Jubel mit je 5 Pfennig abzogen. Wie gut, wenn Kinder sich über so kleine Gabe so herzlich freuen können, wie unsere Kinder es taten.

Inzwischen zog wie eine Gewitterwolke die Aussicht, von Sangerhausen nach Salza bei Nordhausen versetzt zu werden, über mich hin. Nach langen Verhandlungen war beschlossen worden, das Gymnasium aufzulösen resp. in eine Realschule umzuwandeln. Direktor Menge und Oberlehrer v. Hagen wurden als Altphilologen versetzt und damit die beiden besten Lehrkräfte der Schule entzogen. Aus Rücksicht auf die geringen Kosten wurde kein neuer Direktor berufen, sondern Oberlehrer Daunehl zum Direktor gewählt. Was das bedeutete, wissen unsere Söhne. Da aber dadurch für unsere Jungen, die nachwachsenden wenigstens, die Möglichkeit der Gymnasialbildung zu schwinden schien, wollte das kgl. Konsistorium mich nach Salza versetzen, damit die Kinder die Schulen in Nordhausen besuchen könnten. Als ich aber selbst in Salza gewesen war und die dortigen kirchlichen Zustände kennengelernt hatte, bekam ich einen solchen Schrecken, dass ich das Konsistorium bat, von seiner freundlichen Absicht abzusehen und mich in Sangerhausen zu lassen, bis ich etwas anderes fände. Die Verhältnisse erschienen mir in Sangerhausen schon miserabel genug, dass ich nicht gern mich in noch miserablere begeben mochte.

In diesem Winter lasen wir in unserem Kränzchen Sohns Kirchenrecht. Es ist davon nur der erste grundlegende Teil erschienen. Das Buch gehörte zu den bedeutendsten der damaligen theol. Literatur. "Die biblischen Anschauungen und die reformatorischen Grundsätze Luthers in Beziehung auf die Kirche und Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse sind so klar und überzeugend, wie ich sie nirgend gefunden, ebenso die Darlegung, wie in der alten Kirche in der Zeit nach Luther die Rechtsbildung in kirchlichen Dingen die Folge des sinkenden Glaubenslebens, die Macht der Sünde war." (Brief 7.1.94)

Dass wir Anfang Oktober endlich zwei Schwestern für unsere Diakonissenstation bekamen, erwähnte ich wohl schon - eine kostbare Bereicherung für die kirchliche Arbeit in den Gemeinden.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04