1894


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"Unsere Kinderschar hat sich wieder vermehrt, so dass wir jetzt 6 Jungen zu den 3 Mädchen haben", schrieb ich nach der Geburt unseres Jüngsten,Konrad Martin, der am 28. 3. geboren und Sonntag, den 22. April getauft wurde." Der Jüngste ist ein Prachtbengel, das Vorletzte ein recht zartes, kleines Mädchen von 2 Jahren, hoffentlich wird sie auch noch kräftiger. Für meine liebe Frau ist der große Haushalt eine gewaltige Aufgabe, und es ist kein Wunder, wenn sie zuweilen müde wird. Hoffentlich halten ihre Kräfte diese Sturm- und Drangperioden aus.

Auch für mich war es die Sturm- und Drangperiode, der Arbeit und damit der Hetze wurde immer mehr. In diesem Jahre kamen zu der alten Arbeit die monatlichen Kandidatenkonferenzen hinzu. Ich hatte damals in der Zeit des Kandidatenüberflusses 7 Kandidaten in der Ephorie. Da sie bei den Pastoralkonferenzen nicht zu ihrem Recht kamen, sammelte ich sie monatlich einmal, um mit ihnen theologische Arbeit zu treiben. Natürlich musste ich mich sehr gründlich auf jede Konferenz vorbereiten. Ich habe aber viel Freude an der Arbeit gehabt. Damals gab es viele Kandidaten, die 30 - 35 Jahre alt wurden, ehe sie in ein Pfarramt kamen, viele verbittert, dass von Gemeinden und Patronen bei den Wahlen oft viel jüngere bevorzugt wurden. So lernte ich einen Cand Dörge kennen, der nirgend ein Heim und Arbeit fand. So nahm ich ihn im Januar 94 in unser Haus und beschäftigte ihn mit Büro- und anderen Arbeiten. Er blieb 2 Monate bei uns, kam dann als Vikar nach Bornstedt nach der Pensionierung von Superintendent Burckhardt und wurde dann Nachfolger von Pastor Klintzsch, als der nach Bornstedt gewählt wurde. Erich und Hans werden sich wohl des Cand. Dörge noch erinnern.

Nach Pfingsten ging ich, um etwas auszuruhen, auf ein paar Tage nach Treffurt und Oberdorla, dann aber während der Sommerferien mit Freund Schmitz in den Thüringer Wald. Wir trafen uns in Oberhof am 16. 7., durchstreiften bei oft ungünstigem Wetter die schöne Umgegend. Die zweite Woche nahmen wir dann unser Standquartier in Schmiedefeld, haben aber dort weniger laufen können, da furchtbare Hitze eintrat. Ich fand aber von Schmiedefeld aus das Stutenhaus bei Vesser, ein alleinliegendes Pensionshaus (früher Gehöft) ganz von Wald umgeben, vor dem Hause aber ein freier Blick über eine große sich senkende Waldwiese. Das Haus war damals noch sehr primitiv, aber die Verpflegung sehr gut und feine Gesellschaft. Ende des Monats verließ Aug. Schmitz mich, ich besuchte auf einen Tag Pastor Berg in Hinternah, der im Juni mein Gast in Sangerhausen gewesen war, und traf dann mit Mutter zusammen, um noch 8 oder 10 Tage mit ihr im Stutenhaus zu verbringen. Wir haben die Tage sehr genossen, einmal ganz nur einander zu leben, ohne alle häuslichen Sorgen. Die Kinder, die wieder Schule hatten, waren durch unser Fräulein "Stütze", damals Lisbeth Friemel, für die 8 Tage gut versorgt. Dazu hatten wir die Freude, eine sehr angenehme Bekanntschaft zu machen: den Unterstaatssekretär Lohmann aus Berlin mit seiner Tochter. Er gehörte zu dem Zentralausschuss für Innere Mission, ein ernster frommer Mann. Er stammte aus Hannover und war nach 1866 in preußischen Dienst gegangen. Geh. Rat Lohmann hatte besonders mit Fortbildungsschulwesen und den sozialen Fragen zu tun. Ich war viel mit ihm zusammen, wanderte mit ihm, während die beiden Damen sich anfreundeten und Gesellschaft leisteten. Da habe ich mich gefreut, dass an solcher Stelle ein so vortrefflicher Mann stand, der gesunde Anschauungen mit einem warmen Herzen für unser Volk und die Kirche verband, merkte aber auch, dass solche Männer oft nicht können, wie sie möchten - bald fehlt es an Geld - bald hindern andere Rücksichten.

Letzten 27. 11. 1916 ließ sich Frl. Lohmann bei uns melden, sie brachte im Auftrage meiner Schwägerin Hanni Calvino mir Grüße und Blumen - so sahen wir uns nach 22 Jahren hier in Hannover unerwartet wieder, und es lebte manche Erinnerung aus dem Zusammensein im Stutenhaus wieder auf. Ich kehrte am 6. August nach Sangerhausen zurück, Mutter fuhr noch nach Ahlfeld, wo Mutter Wiebel noch weilte, um diese zu sehen und noch etwas auszuruhen. Aber die kurze Ruhezeit hatte nicht genügt, sie genügend zu kräftigen. Sie litt an Nervenschmerzen in den Armen und im Kopf, dazu zeigte sich wieder eine Muskellähmung in der einen Gesichtshälfte, an der sie schon als Mädchen vor unserer Verheiratung gelitten hatte. So entschloss sie sich, auf der Tanten freundliche Einladung am 13. September mit Meta und Kurt wie im Vorjahre nach dem Grohn zu gehen und genoss die Zeit unter der Pflege der Tanten. Aber für Klein-Meta war der Erfolg des Aufenthaltes größer als für Mutter-Meta, deren Nervenleiden sich als hartnäckiger erwies, als wir gehofft hatten. Während Metas Abwesenheit hatte ich mehrfach Gelegenheit, in dem Haus des Staatsanwalts Schrader und seiner Tochter, Frau Dr. Eckardt, zu verkehren. Wir hatten mit der Familie Schrader wohl bald Beziehungen angeknüpft, da er ein Bruder des Pastor Schrader in Oberröblingen war, ich traute dann die Tochter und danach den Sohn. Die alten Leute waren ernste Christen, tadellos in ihrem Leben. Er war damals schon leidend, wohl asthmatisch, aber doch umgänglich und anregend. Sie hatten 4 Kinder, einer Jurist, wohl Amtsrichter in Mansfeld, der andere Arzt, in seinem Beruf tüchtig, aber solange ich ihn kannte krank (wohl auch Morphium). Beide waren unverheiratet, machten den Eltern viele Sorgen, starben beide früh. Der Schwiegersohn entgleiste völlig, war Kreisarzt in Sangerhausen, musste wegen Meineidverdacht mit seiner Familie nach Amerika fliehen. Nach dem Tode der Eltern musste der jüngste Sohn, den ich von seiner Kandidatenzeit her kannte, sein Pfarramt aufgeben - wegen Verfehlungen - und ging ins Lehramt über. Ich habe mit der Mutter nach dem Tode des Herrn Staatsanwalts viel seelsorgerlich verkehrt und gesehen, wie sie litt. Oft habe ich mich gefragt, wie es doch komme, dass auf den Kindern von so frommen Eltern so wenig Segen ruht. Alle 4 mehr oder weniger auf Irrwegen - waren die Eltern zu schwach gegen die Kinder gewesen ? Ich weiß es nicht. Gott bewahre uns vor solchem Geschick, wie er es bisher gnädig getan hat.

Ende September wurde die restaurierte Marienkirche wieder eingeweiht. Die Kirche gehörte wie die Gottesacker den Stiftungen, sie war den Katholiken und Altlutheranern zur Benutzung überlassen. In dem hohen Chorraum hatten die Katholiken ihren Gottesdienst, in dem niedrigen Mittelbau die Altlutherischen. Nachdem die Katholiken sich eine eigene Kirche gebaut hatten, wurde die Kirche restauriert und der Mittelbau zu einem Saal ausgebaut, für mich wichtig, da ich nun einen Raum gewann für meine Bibelstunden, den ich benutzte bis wir das neue Pfarrhaus bezogen. Wie oft bin ich mit Mutter am Mittwochabend ins Neuendorf zur Bibelstunde gewandert und habe da schöne stille Stunden im kleinen Kreise suchender Seelen erlebt. In diesem Jahr kam als altlutherischer Geistlicher der Pastor Wobersin - Wingolfit - angeregt und anregend. Wir haben viel mit ihm und seiner Frau verkehrt und auch nach ihrem Weggang von Sangerhausen lange Zeit die Beziehungen zu ihnen aufrecht erhalten. Lili erinnert sich seiner am besten, da er ihr mit Hedwig Fulda zusammen Unterricht in Literatur gab. Später haben Fritz und Ria von Hellerau aus öfters mit ihnen verkehrt, da er inzwischen Pfarrer in Dresden-Neustadt geworden war. Da haben wir sie auch aufgesucht und sie uns zuletzt in Edersleben. Und dann ist er allzu früh in geistige Umnachtung gesunken und gestorben. Was aus seiner Frau und dem einzigen Sohn wohl geworden sein mag?

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Das neue Pfarrhaus in Sangerhausen

Und nun noch eine Tragödie aus diesem Jahre: die Hochzeit des Frl. Johanna Stein mit dem Fotografen Reimer. Frau Pastor Stein war früh verwitwet, hatte dann bei ihrem Vater Blankenburg mit ihren beiden Töchtern gelebt. Als wir nach Sangerhausen kamen, war der Vater schon tot. Da die Damen in der oberen Gemeinde wohnten, kamen wir ihnen wohl nicht sogleich näher. Aber sie hielten sich ganz zur Jacobigemeinde, waren unsere regelmäßigsten Kirchgänger, und die Töchter halfen im Kindergottesdienst. Martha war als Lehrerin ausgebildet, Johanna aber, der Liebling des Großvaters und wohl auch der Mutter, hatte keinen Beruf, aber eine schöne Stimme und musikalische Begabung. Da setzte sie ihren Willen durch, nach Berlin zu gehen, um sich in Musik auszubilden. Sie lebte in einer Pension und lernte dort einen Herrn Reimer kennen. Er stammte aus einer angesehen Familie, ich glaube in Ostpreußen, war aber ein Tunichtgut, der schließlich Fotograf geworden war, der aber nicht gerne etwas tat und lieber sich von anderen füllen ließ. In den verliebte sich Frl. Johanna Stein und bestand darauf, ihn zu heiraten. Der glückliche Bräutigam saß Monat auf Monat in Sangerhausen herum, ließ sich von seiner Schwiegermutter unterhalten, verkehrte in den Kneipen, und es wurde zum allgemeinen Skandal. Aber die gute Frau Pastor Stein war zu kurzsichtig, um den Herrn Schwiegersohn zu durchschauen, zu schwach, um der Sache ein Ende zu machen, und so kam es endlich im November 94 zur Hochzeit. Nun musste ein Geschäft in Karlsruhe gekauft werden, der Herr Reimer konnte doch nicht als Gehilfe arbeiten. Das Vermögen der Frau Pastor und ihrer Töchter (auch Marthas) wurde hineingesteckt und war bald verloren. Der Schwiegersohn machte bankrott, und die Familie musste erhalten werden. Am meisten hat die arme Martha jahrzehntelang unter den Folgen dieser traurigen Liebschaft und Heirat gelitten. Der Schwager wurde krank - schwindsüchtig- und starb. Die Schwester hatte zwei Kinder und hat wie ein Vampir die arme Martha ausgesogen und ihr all ihre Aufopferung nur mit schnödem Undank gelohnt. Ich bin ihr in den schweren Zeiten nähergekommen, habe ihr oft eine Stütze sein können, wurde aber von der Frau Reimer gehasst, da ich immer wieder Martha dahin zu bringen versuchte, der Unverschämtheit der Schwester gegenüber hart zu werden. Die gute alte Frau Pastor hat wohl manche traurige Stunde gehabt, aber viel weniger gelitten, da sie in ihrem Gottvertrauen sich immer damit tröstete: es wird schon alles gut werden. Aber die Sorgenlast um die Kinder ist bis heute nicht von Martha genommen - ein gut Stück ihres Lebensglücks ist zugrunde gegangen. Gott gebe, dass sie an den Kindern Freude und nicht neue Enttäuschungen erlebt. Ein selbstloseres Menschenkind als sie habe ich kaum je kennengelernt. Gott soll es ihr lohnen!

Im September hatte ich Pastor Klintzsch in Bornstedt einzuführen. Er war eine freundliche friedliche Natur, hatte eine wohlgeordnete, einfache Häuslichkeit, suchte seine Kinder wohl zu erziehen. Leider waren mehrere der Kinder infolge von Verwandtenheirat - seine Frau war seine Cousine - geistig minderwertig. Andere waren sehr begabt, so zwei Söhne, die sich prächtig entwickelten und des Vaters Stolz waren. Der Vater Klintzsch war behäbig, oft etwas bequem, kam je länger je weniger aus seinem Bau heraus und starb schließlich während des Krieges am Schlagfluss. Und seine beiden tüchtigen Söhne, Mediziner und Theologe, fielen als Opfer des Krieges.

In diesem Jahre 1894 habe ich zuerst angefangen, mich mit Prof. Kählers Theologie näher zu beschäftigen. Nachdem wir im Kränzchen mit Sohns Kirchenrecht fertig waren, lasen wir Kählers Schriften, vor allem seine "Wissenschaft der christlichen Lehre". Es ist nur ein Grundriss, von ihm herausgegeben als Grundlage für seine Vorlesungen und setzt seinen erläuternden Vortrag voraus. Leider hat er die "Ausführung" des Werks nicht herausgegeben, hat nur einzelne Partien als dogmatische Zeitfragen in mehreren Bänden veröffentlicht. Es war für uns eine saure Arbeit, uns ins seinen Grundriss hineinzuarbeiten und uns seine Gedanken klarzumachen. Als ich ihm selbst einmal davon erzählte, staunte er darüber, dass wir es fertiggebracht hatten, ihn durchzuarbeiten. Später habe ich ihn aus vielen seiner kleinen Aufsätze und Vorträge, besonders den dogmatischen Zeitfragen noch besser kennengelernt und bin zu dem Urteil gekommen, dass er weitaus der bedeutendste unter den neueren systematischen Theologen war. Keiner außer Ritschl ist ihm an Bedeutung zu vergleichen. Ritschl aber ist bereits durch seine eigenen Schüler überholt. Ich glaube, dass auch heute es für jeden Theologen fruchtbar ist, sich mit Kählerscher Theologie zu beschäftigen, und hoffe, dass, wenn Kurt nach dem Kriege zur Theologie zurückkehrt, er auch von Kähler soviel Segen haben wird wie sein Vater. Zu bedauern bleibt seine schwere Sprache, die viele von ihm abgeschreckt hat. Bei Schleiermacher und Ritschl ist das ebenso.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04