1895


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Das neue Jahr brachte in der Gemeinde und Ephorie nicht viel Neues. In der Ephorie führte ich Anfang Mai in Holdenstedt den Pastor Kleinen als Nachfolger des Pastor Möller ein, keine wesentliche Bereicherung der Ephorie. In Sangerhausen traten Schwester Minna Tränker und Marie Heine in die Arbeit der Diakonie, zwei für diese Arbeit hervorragend begabte und schaffensfreudige Persönlichkeiten, die ich je länger desto mehr schätzen lernte, beide mit unserem Haus durch herzliche Freundschaft verbunden. Schwester Marie kam später als leitende Schwester nach Lützen zu Superintendent Joedicke.

Ostern wurde Erich konfirmiert. Lili hatte die Sangerhauser Schule durchgemacht, zu ihrer Weiterbildung hatte sie außer Musikstunden Unterricht in deutscher Literatur bei Pastor Wobersin, und ich trieb mit ihr und Hedwig Fulda Französisch, eine neue aber angenehme Belastung für mich.

Leider war der lieben Hausmutter Gesundheitszustand wenig günstig. Ihr Nervenleiden und die Lähmung der einen Gesichtshälfte und das Erblinden des Auges zwangen sie, den Prof. Seligmüller in Halle und Dr. Bunge aufzusuchen. Sie ist oft nach Halle gefahren, war im Juni 10 Tage ganz drüben in der Behandlung des Prof. Seligmüller. Das brachte uns unwillkommene Trennung, um so unwillkommener, als auch ich überarbeitet und elend war. Wir merkten es, dass mit der Länge unserer Gemeinschaft uns das Getrenntsein nicht leichter sondern immer schwerer wurde. Es hatte aber der Aufenthalt in Halle das Gute, dass sie Dorothee Kähler, der Braut Siegfrieds, näher kam, viel mit ihr und deren Elternhaus verkehrte.

Elektrisieren, massieren, baden wurde versucht, ohne entschiedenen Erfolg. Im Juli veranlasste uns des Prof. Rat zur Reise in die Schweiz, um in Höhenluft auszuruhen. Entscheidende Besserung aber brachten erst die Jahre, ganz ist das Nervenleiden nie gewichen. 

Ich arbeitete in dem Sommer fleißig an dem Katalog der Ullrichsbibliothek. Sie war aus dem Anbau der Ullrichskirche auf den Boden der neuen Schule an der Promenade gebracht worden, war dort in Unordnung geraten. Da machte ich mich mit Hilfe von Diakonus Joedicke, Cand. Hintze und Lehrer Friedr. Schmidt daran, einen gründlich gearbeiteten Katalog herzustellen, eine beträchtliche Arbeit, bei der in Bezug auf die vorhandenen Handschriften auch der Archivrat Jacobs in Wernigerode half.

Die Stadt ließ dann den Katalog auf ihre Kosten drucken, als Festgabe für die Teilnehmer an der Jahresversammlung des geschichtlichen Vereins der Provinz Sachsen in Sangerhausen. Die Bibliothek kam später in die Jacobikirche in den Raum über der Sakristei, den wir mit Hilfe des Baumeisters Köbe ausbauten.

Ich war im Februar mit Klein-Meta nach Elberfeld gereist, wir waren die Nacht durch in Kälte und Schnee gefahren. Ich weiß nicht die Veranlassung zu der Reise, wohl um meine Nerven etwas ruhen zu lassen, jedenfalls haben wir das liebe Elternhaus recht genossen, und Meta war aller Freude. Sie feierte dort ihren Geburtstag - stillvergnügt bei allen Herrlichkeiten, mit denen man sie erfreute.

In Elberfeld sah ich Frl. Else Johannsen wieder, die ich als kleines Kind seinerzeit in Sophienhof gesehen hatte. Sie war ein "schlankgewachsenes, zartes Mädchen, macht einen freundlichen lieben Eindruck". Und jetzt sah ich sie in diesem Winter 1917 hier in Hannover als Frau v. Platen wieder, ebenso sympathische Erscheinung wie früher, eine Mutter, deren Ältester bereits konfirmiert wird!

Ich fuhr im Anschluss an die Elberfelder Tour mit Mutter-Meta nach Halle zur Missionskonferenz. Im Juli machte ich wie gewöhnlich in den Sommerferien noch eine Menge Schulvisitationen auf dem Lande, bei denen mich das eine oder andere der Kinder gerne begleitete. Ich wollte dann meinen Urlaub antreten. Am 15. Juli war Mutter nach Elberfeld zum Besuch der Eltern gefahren, Erich folgte ihr auf die Einladung der Großeltern dorthin, Fritz reiste mit Erich Petersilie über Treffurt einige Tage in den Thüringer Wald, Martha und Bernhard waren von Onkel Müller in Lengefeld eingeladen, und Lili wollte mit Willi und Meta zu der Tante Bertha, die im Mai länger bei uns gewesen und die Kinder eingeladen hatte. Kurt blieb zu Hause, wo die Nachfolgerin von Frl. Friemel, Frl. Hempel, zuverlässig genug war, um ihr das Kind und das Hauswesen anzuvertrauen. Sie war uns längere Zeit bis zu ihrer Verheiratung mit Paul Hirsch in Jessnitz eine treue Gehilfin.

Als Lili abreisen wollte, erkrankte sie an Diphteritis. So verschob sich ihre und unsere Abreise bis zum 23. Juli. Meta war von Elberfeld nach Weilbach zu Karl und Paula gereist, ich fuhr die Nacht durch nach Frankfurt, wo wir uns trafen. Wir fuhren dann zusammen direkt nach Lugano, wo wir einige Tage bei Calvinos weilten. Das war köstlich an dem herrlichen See, und wie wunderbar der Blick vom Monte San Salvatore, wohin uns die steile Drahtseilbahn brachte. Und dann ein Ausflug nach dem Comersee. Das war mir eine besondere Freude, meiner lieben Frau die herrliche Villa Carlotta in Cadenabbia mit dem Meisterwerk Canovas (Amor und Psyche) zu zeigen, die ich früher mit Aug. Schmitz bewundert und das unvergleichlich schöne Bellagio zu besuchen. Aber unsere Zeit war kurz bemessen durch die unliebsame Verspätung, und die heiße Luft an den Seen war unseren Nerven wenig zuträglich. Unser Ziel war Kandersteg unter der Gemmi südlich des Thunersees. Wir hatten uns für einen Aufenthalt dort entschieden, da unsere Freunde Lejeunes aus Manchester dorthin mit ihren Kindern kamen, mit denen wir zusammen sein wollten. Außerdem versprach Kandersteg mit seiner Höhe von 1100 - 1200 m günstige Wirkung für unsere Nerven.

Ich benutzte die Reise dorthin zu einer kleinen Fußtour. Nach den wenigen aber desto schöneren Tagen bei den Geschwistern, die uns mit viel Liebe aufgenommen, fuhr ich abends von Lugano bis Göschenen, übernachtete dort und wanderte am anderen Morgen früh über Andermatt, Hospenthal, über die Trüka nach dem Rhonegletscher bis zu dem Hotel in Gletsch, ein Weg von 40 km, für eine Fußwanderung eine etwas eintönige Chaussee trotz vieler Naturschönheiten, bei Wagenfahrt genussreicher. Ich war mittags in Gletsch, hatte durch manchen Richteweg 7 Stunden gebraucht. Dann ging's nach einiger Ruhr die steile Maienwang in vielen Kehren hinauf zum Grimselpass und dann hinab ins Hasslital, das von der wilden Aar durchströmt wird, vorbei an dem Handegg-Fall bis nach Guttannen 22 km vom Höhl im Gletsch. Dort übernachtete ich und sparte mir die letzten 15 km bis Meiringen für den anderen Morgen auf. Beizeiten war ich wieder unterwegs und kam rechtzeitig auf dem Bahnhof in Meiringen an, um meine liebe Frau zu empfangen. Sie war den Tag vorher gereist, über Luzern und den Brünig gefahren. Nun ging's weiter zusammen über den Brienzer und Thunersee bis Spiez und von da mit einem Wagen hinauf nach Kandersteg, wo wir im Hotel Victoria Wohnung nahmen. Die Gesellschaft war vorwiegend englisch - kümmerte uns aber wenig - wir verkehrten viel mit Lejeunes, fanden wohl auch andere Gesellschaft, wenn wir sie suchten, so z.B. den Oberbürgermeister Adikes von Frankfurt, mit dem ich eine feine Tour auf den kleinen Lohner machte.

Der Glanzpunkt von Kandersteg ist die Blümlisalp, deren herrlich weiße Gletscher im Osten aufragen, am Fuße des Oeschinensees, zu dem wir öfter durch das Oeschinental pilgerten, die gewaltigen Gletscher vor uns. Und dann wieder wanderten wir mit vielen anderen talaufwärts in das Gasterntal, von dem Kanderbach durchflossen, bis zu den Gasternhöfen. Da war für den Nachmittag ein Gottesdienst angesagt für die Sennen, die ringsum auf den Alpen die Herden weideten. Der Pastor von Trutigen hielt ihn. Da kamen viele der wettergebräunten alten und jungen Männer, prächtige Charakterköpfe. Im Freien unter Bäumen saßen sie und hörten wenigstens einmal im Sommer Gottes Wort. Dieser Gottesdienst ist uns immer besonders weihevoll erschienen. In Kandersteg war eine kleine Kapelle, wo der Pastor von Trutigen alle 14 Tage Gottesdienst hielt. Die Engländer aber hatten durch einen englischen Geistlichen alle Sonntage Gottesdienst. Da hielt ich an zwei Sonntagen dort den Gottesdienst, predigte in meinem dünnen schwarzen Röckchen, was dort nicht störte. Gegen Ende unseres Aufenthaltes machten wir eine Tour auf die Gemmi, den Pass vom Berner Oberland in das Rhonetal. Ich nahm für Mutter ein Pferd, wohl das einzige Mal, dass sie hoch zu Ross saß, und so ging's den steilen in vielen Windungen sich bergauf ziehenden Saumpfad zur Spitalmatte, zur Linken den steil emporragenden Altels, dann hinauf nach Schwarenbach, eine Stunde unter der Gemmi. Wer ahnte damals, dass in demselben Herbste ein gewaltiger Teil des Altels sich löste, ein Bergsturz, der die ganze Spitalmatte überschüttete und Herden und Hirten unter Geröll und Eis begrub. In Schwarenbach trafen wir am Abend zwei junge Herren aus Duisburg, leider habe ich ihre Namen vergessen, die am anderen Morgen mit einem Führer eine Tour auf das Balmhorn machen wollten. Da überkam mich die alte Lust, einmal wieder eine Bergbesteigung zu unternehmen, und da die Tour mehr mühsam als gefährlich war und meine liebe Frau nicht ängstlich, entschloss ich mich, mich den Herren anzuschließen, obschon ich für eine solche Tour wenig ausgerüstet war. Der Wirt lieh mir einen Eispickel, sorgte für Fourage, so brachen wir am frühen Morgen im Dunkel auf. Leider aber war mir das Wetter bei dieser letzten Hochtour nicht günstig. Es wurde, je höher wir kamen, immer nebliger, langsam ging's Schritt für Schritt auf den Stufen, die der Führer gehauen, stundenlang vorwärts. Endlich gegen Mittag waren wir auf dem Gipfel 3700 m hoch, aber keine Fernsicht, nur hier und da ein Blick auf die nähere Umgebung. Die übrige Herrlichkeit konnten wir uns nur nach dem Baedecker denken. Unter uns lag das Leukerbad - 2300 m tief - anzusehen, als ob man es mit einem Steinwurf erreichen könnte. Da überkam meine Wandergenossen die Lust, statt nach der Gemmi hinabzusteigen wie geplant war und von dort auf dem Saumpfad nach Leukerbad zu gelangen, direkt durch die Steinwüste nach Leukerbad zu gehen. Da der Führer bereit war, uns hinabzuführen, blieb mir nichts anderes übrig, als mich anzuschließen. Aber die Sache war nicht so einfach, als sie von oben aussah. Ohne Weg und Steg mussten wir klettern, oft wegen Schründen große Umwege machen, so kamen wir endlich todmüde unten an. Ich wollte nun die Nacht in Leukerbad bleiben. Es ängstigte mich aber der Gedanke, dass meine Frau auf der Gemmi mich vergeblich erwarte und sich Sorgen um mich machen könnte. Als ich nun einige Stunden geruht und der Führer gegen Abend erklärte, er wolle noch nach Schwarenbach zurück, entschloss ich mich, auch noch den Weg hinauf auf die Gemmi zu machen. Der Weg führt zuerst einen Abhang hinan bis an den Fuß einer 600 m hohen Felswand, in die ein Zickzackweg in vielen kleinen Kehren eingehauen ist, so steil, dass es verboten ist, den Saumpfad hinabzureiten. In 2 1/2 Stunden gelangt man von Leukerbad zur Gemmi, über 900 m ansteigend. Wie froh war ich endlich, oben meine liebe Frau zu finden, die geduldig auf mich gewartet hatte. Bei Tage waren Lejeunes auf der Gemmi gewesen und vor Abend nach Kandersteg zurückgekehrt, so hatte sie Gesellschaft gehabt. Aber das dicke Ende kam nach. Durch die große Überanstrengung besonders des letzten Anstiegs war mein Herz übel mitgenommen. Ich bekam in der Nacht so heftige Herzanfälle und Atemnot, dass Meta einen Herzschlag befürchtete. Gottseidank aber gingen die Anfälle vorüber, durch die Ruhe beruhigte sich das Herz wieder, und wir konnten uns am Morgen dankbar miteinander der herrlichen Aussicht auf die Alpenwelt erfreuen, besonders auf die mir so liebe Monte-Rosa-Gruppe, bei deren Anblick viele Erinnerungen an die frühere Reise mit Freund Schmitz erwachten. Froh über die schöne Tour stiegen wir dann nach Kandersteg hinab, froher immer wieder, uns einmal ganz anzugehören, wie es in Sangerhausen in der täglichen Hetze der Arbeit selten möglich war.

Dann ging es bald über Thun, Bern, Basel heimwärts, und am 22. August waren wir wieder mit den Kindern vereint in unserem eigenen Heim.

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Meta und Kurt 1895

Lili hatte in Treffurt inzwischen eine böse Zeit gehabt. Die kleine Meta hatte dort auch einen schlimmen Hals bekommen, der Arzt hatte sie mit Diphterieserum geimpft. Aber zum Glück war die Sache gut verlaufen, doch Lili und die gute Tante Bertha hatten Schrecken und Angst davon gehabt.

Im Mai war ich, wie ich oben vergaß, mit Wilhelm Gräber zusammen in Berlin bei der landeskirchlichen Versammlung der Positiven Union. Der Gesamteindruck war auf mich günstig, besonders Stöckers Rede machte mächtigen Eindruck. Wie lagen ihm die Nöte der evangelischen Kirche am Herzen, wie vermochte er es, für die Befreiung der Kirche aus den unwürdigen Banden des Staates aufzurufen und die Herzen zu erwärmen. Aber leider sind alle dahin gehenden Bestrebungen des positiven Kreises bis jetzt vergeblich gewesen. Die Linke bekämpfte sie mit allen Mitteln, weil sie ihren Halt und Förderung beim Staat suchte und fand. Je freier die Kirche, umso weniger blüht ihr Weizen.

"Miserabel ist die Art der blauen Blätter (Reyschlags), diese Versammlung schlecht zu machen," schrieb ich im Juli im Briefkränzchen. "Greulich ist der Professorenhochmut, der in den meisten Dozenten steckt, als ob sie allein die göttliche und menschliche Weisheit gepachtet hätten, und ihre ist doch oft recht fadenscheinig. Noch greulicher ist der Hochmut der Professorinnen, die stolz auf den Ruhm ihres Mannes sind."

Das Zusammensein mit Br. Gräber war mir eine besondere, weil so seltene Freude seit unserer Übersiedlung vom Westen nach dem Osten.

Am 13. Oktober hatten wir Missionsfest in Sangerhausen, das ich erwähne, weil es Missionsdirektor Gensichen und Pastor Hoffmann, Rathmannsdorf, uns als liebe Gäste ins Haus brachte, beide Wingolfiten. Br. Hoffmann in seiner originellen Art und seinem liebenswürdigen Wesen ist wohl allen Hausgenossen unvergesslich. Nun sind schon beide tot.

Im Herbst des Jahres begannen die unliebsamen Verhandlungen gegen P. Koetzschke wegen seiner sozialen und sozialistischen Agitation und sein Kampf gegen Herrn von Stumm in Neunkirchen b. Saarbrücken. Er war vom Gericht dort wegen Beleidigung bestraft worden und wurde dann nach langen Disziplinarverhandlungen im Mai 96 nach Sierakowiz in Preußen strafversetzt, weigerte sich aber, dorthin zu gehen, und wurde dann am 5. Juni 1997 in neuem Disziplinarverfahren seines Amtes enthoben und siedelte nach Berlin über. 

Die langen Verhandlungen machten auch mir viel Ärger und Schererei. Ich schrieb damals: "Wir besprachen neulich in einer freien Konferenz, was an dem neuen sozialdemokratischen Parteiprogramm unberechtigt sei, einige Amtsbrüder fanden zu ihrem Erstaunen, dass kein einziger fast sei, der nicht sozialdemokratisch infiziert sei. Das muss freilich noch besser kommen, und wenn die brutale Art des Herrn von Stumm und Genossen fortfährt sich zu äußern, werden manche noch sozialistisch angekränkelt werden, von denen man's nicht gedacht. Es ist mir oft, als hätte Gott unseren Besitzenden und Reichen eine Binde vor die Augen gelegt, dass sie nicht mehr sehen können, wie ihre Selbstsucht unser Volk in den Abgrund bringt." Und heute 1917?

Und im folgenden Jahr schrieb ich: "Mit der Versetzung unseres Diakonus K. scheint man es nicht eilig zu haben. Seit schier einem halben Jahr liegt die Sache nun beim Oberkirchenrat, der aber, wie es scheint, noch wichtigere Dinge hat, und mittlerweile geht die Unruhe in der Gemeinde Fort. Als wir aber seitens unserer Kreissynode an die Provinzialsynode den Antrag brachten, Wege zu suchen, die Disziplinarsachen gegen Kirchenbeamte zu beschleunigen, fasste das kgl. Konsistorium dies als einen persönlichen Angriff gegen dasselbe auf. Das alte Tempo wird wohl bleiben." Arme evangelische Kirche !

Noch schmerzlicher aber als die Sache mit Diakonus Koetzschke und die dadurch hervorgerufene Beunruhigung der Gemeinden, war mir der Selbstmord des Pastor Treuding in Martinsrieth am 13. Nov. 1895, den ich am 13. Oktober 1889 als ersten eingeführt hatte. Er hatte am Sonntag vorher noch gepredigt (am 10. 11.), war also nicht in dem Sinn der Leute für geisteskrank gehalten (verrückt). Er war zweifellos ein merkwürdiger Mensch gewesen, aber doch nicht so schwermütig, dass man an einen solchen Ausgang je hätte denken können. So kam mir die Nachricht ganz überraschend und umso erschütternder. Was ihn zu der unseligen Tat veranlasst hat, weiß ich nicht. Ich stand nun vor der schweren Entscheidung, ob ich ihn "mit kirchlichen Ehren" beerdigen sollte oder nicht. Ich hatte mehrfach traurige Ursache gehabt, meinen Standpunkt dahin zu kennzeichnen, dass ich Selbstmörder nach kirchlicher Ordnung nur beerdigen könne, wenn sie in geistiger Umnachtung gehandelt. Entscheidend aber war mir immer das Urteil der Gemeinde, nicht der Ärzte, ob einer bei Verstand gewesen oder nicht. So war für mich die Entscheidung gegeben, nachdem Pastor Treuding noch 3 Tage vor seinem Tode ganz normal gepredigt hatte und auch an den folgenden Tagen in seinem Verkehr nichts Auffallendes hervorgetreten war. Sollte man sagen: Bei einem Pastor urteilt er anders, milder als bei einem anderen ? So hielt ich mich von der Beerdigung fern, mit schwerem Herzen, aus Pflicht, die ganze traurige Frage ist von vornherein vergiftet durch den üblen Begriff "mit kirchlichen Ehren beerdigen". Sähe das Volk nicht in der "Beerdigung mit kirchlichen Ehren" eine Rehabilitation und Lossprechung des Selbstmörders, wäre der Pfarrer in seinem Amte am Grabe nur Tröster für die Betrübten, Wegweiser für die Lebenden, so würde ich ohne Bedenken an jedes Grab getreten sein, - gleichviel welche Todesursache den Verstorbenen vom Leben gebracht hat.

Am Sonntag danach, 17. 11., hielt ich in der Kirche zu Martinsrieth den Gottesdienst. In der Einleitung zu der Predigt: "Unser aller Herzen sind erfüllt von Schrecken und Entsetzen über den furchtbaren Tod des Geistlichen, der 6 Jahre auf dieser Kanzel Gottes Wort verkündet hat. Wie sollte ich heute mit Stillschweigen das übergehen können, was unser aller Gedanken bewegt ? Aber wenn ich von dem traurigen Ereignis rede, so geschieht das nicht, um über den Verstorbenen Richter zu sein, nicht nach der einen Seite hin ihn freizusprechen, nicht nach der anderen ihn zu verdammen. Wie wollten wir kurzsichtigen Menschen, die wir nicht ins Herz hineinschauen können, uns anmaßen, darüber abzuurteilen, wie weit bei solcher unseligen Tat Schuld vorliegt, wie weit nicht. Der Verstorbene steht vor einem ganz anderen Richter als wir Menschen sind, vor seinem Gott, der gerecht und barmherzig ist. Das aber darf die Kirche in solch traurigen Fällen nicht verschweigen, dass sie nach dem Worte Gottes den Selbstmord, der mit eigenem Bewusstsein und freiem Willen geschieht, als schwere Sünde beurteilen muss, und das spricht sie aus, wenn sie fordert, dass bei solchem Tode das Begräbnis in der Stille geschehe. Nicht zum Gericht über den Toten, was könnte es ihm nützen oder schaden, sondern zur Warnung für die Lebenden. Und darauf kommt für uns doch alles an, dass wir solch erschütterndes Erlebnis uns dienen lassen, dass wir bedenken, was zu unserem Frieden dient." Ich predigte dann über Math. 26, 41 Jesu Wort: Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet etc. Groß sind die Anfechtungen, gegen die wir zu kämpfen haben, Geisteswilligkeit hilft nicht, denn das Fleisch ist schwach, zum Sieg führt nur wachen und beten in der Versuchung. Später habe ich öfter unabhängig von der Beerdigung im Kreis der Familie des Selbstmörders eine stille Feier gehalten, für die mir mehrfach besonders gedankt ist. Ich habe auch mehrere Selbstmörder beerdigt, die notorisch geisteskrank waren, so die Frau des Kaufmanns Wilh. Rose.

Die verwaiste Stelle wurde zunächst von einem Vikar Höfer, der das leere Pfarrhaus benützte, um Seidenaupen zu ziehen, betreut. Seine Wahl zum Pfarrer wurde angefochten, und nach vielen Verhandlungen wurde endlich am 20. 9. 1996 Cand. Kästner gewählt und am 6. 12. 96 von mir eingeführt. Er stammte aus Lengefeld, ist jetzt noch in Martinsrieth, mit dem jetzt Riethnordhausen verbunden ist.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04