1897


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Hatte uns schon das Jahr 1896 viel Trennung gebracht, das neue Jahr brachte noch viel mehr - über 12 Wochen. Gleich am Anfang des Jahres, am 12. Februar, reiste Mutter mit Kurt nach Elberfeld, um den einsamen Vater zu besuchen. Er war durch seine Nichte Laura Dahlmann leiblich gut versorgt. "Läurken" hatte sich schon in den letzten Jahren der verstorbenen Mutter als deren Stütze trefflich bewährt und ist für den Vater bis an sein Ende eine treue Pflegerin gewesen. Und an das Alleinsein war Vater auch schon früher gewöhnt. Aber doch empfand er überall schmerzlich das Fehlen seiner Lebensgefährtin, und es war ihm große Freude, wenn die Kinder und Enkel bei ihm einkehrten. Kurt, fast 3 Jahre alt, ein reizender, kräftiger Bengel, gar nicht scheu, lebendig und sonnig, damals sehr artig, war Großvaters ganze Freude. So waren die 14 Tage für alle Freude und Wohltat. Meta hatte auch Gelegenheit, in Mülheim unsere alte Luise Renard, in Düsseldorf und Düsseltal viele alte Freunde zu grüßen, besonders ihre Freundin Marie Imhäuser, die damals schon leidend war und im September d.J. starb. Über Münster nach kurzem Besuch bei den Geschwistern kehrte sie am 25. Februar zu uns zurück. Inzwischen war in Brücken der Pastor Schröter nach langem schwerem Leiden gestorben. Ich hielt ihm die Leichenpredigt in der Kirche, aber außer den Amtsbrüdern und den Mitgliedern des Orts- und Kirchenvorstandes keine Anteilnahme der Gemeinde, viel Gaffer, aber keine leidtragende Gemeinde. Dasselbe ist mir auch bei anderen Fällen von Beerdigungen der Geistlichen entgegengetreten. Die Gemeinden im Osten haben selten das Bewusstsein: Das ist unser Pfarrer, sie haben ihn nicht gewählt, dazu kam in diesem Fall das ärgerliche Verhältnis der Pfarrfrau zu ihrem Mann und infolgedessen die Unlust des sonst trefflichen Mannes, sich um die Gemeinde viel zu kümmern, bei der Zentnerlast von Sorgen und Ärger, die seine Frau ihm aufbürdete. Für unsere Kinder, namentlich Martha und Meta, war das große Ereignis dieser Wochen die Geburt von Gretchen Seyffert, zumal sie eine Riesenzuckertüte mitgebracht.

Ich besuchte die Missionskonferenz in Halle und benutzte die Gelegenheit, mir einmal das Trillersche Konvikt in Leipzig anzusehen, fand die Stuben, in denen immer zwei Studenten zusammen hausen mussten, so schlecht und ungemütlich, dass der Verlust der freien Wohnung für die 12 Triller-Stipendiaten mir mehr als ein Gewinn denn als Verlust erscheint. Freilich wäre nach meiner Überzeugung die Universität moralisch zur Gewährung anständiger Wohnungen verpflichtet gewesen. Bruno Meyer ("der lange Meyer") war damals mein Führer in Leipzig.

Im März waren Tante Bertha aus Treffurt und dann Dorothee mit ihrem Bruder Walther einige Tage unsere Gäste.

Am 30. März wurde mir wieder ein Patenkind geboren, Hilde Bodeschuh in Aken a.E., deren Taufe am 12. 5. uns in das liebe Bodeschuhsche Haus nach Aken führte, wo es uns zwei Tage bei den alten Freunden sehr wohl war. Leider sind später die persönlichen Berührungen seltener geworden - der schriftliche Verkehr hat bis heute nicht aufgehört.

Am 1. April verließ uns unsere treue Stütze Frl. Hempel, um am 8. Mai zu heiraten - damit war die Hausfrau wieder doppelt belastet - für ihr Befinden kein Vorteil, wie sich bald zeigte, da sie ohne Stütze mit 2 Mädchen wirtschaftete, bis unsere Älteste Mutters Stütze wurde.

Zu gleicher Zeit siedelten Belows von Münster nach Marburg und Hermann Wiebel von Hannover nach Bülow über, und Siegfried verließ seine Stelle in Lüttich und wurde im September in Reichenbach an der Nahe angestellt, alle drei uns weiter entrückt.

Für das verwaiste Brücken hatte der Patronatsvertreter, Herr von Wathern, damals wohl in Kassel, den Pastor Girkon aus Ostpreußen, einen ausgesprochenen Gemeinschaftsmann, ernannt, und ich hielt am 2. Mai in Brücken die Lokalpredigt ab, lernte den liebenswürdigen Herrn von Wathern kennen, dessen Tochter und Frau uns später in Naumburg so viel Freundlichkeit erwiesen.

Pastor Girkon beging die Unvorsichtigkeit, in seiner Predigt eine abfällige Bemerkung über die "Lehrer" d.h. den Lehrerstand zu tun. Sofort erhob sich eine wüste Agitation gegen ihn, hinter der m.E. der Kantor Meyer steckte. Es kam zu Massenprotesten, und in einem anberaumten Termine erklärten sich mehr als 2/3 aller stimmberechtigten Gemeindeglieder gegen seine Ernennung, wodurch diese unmöglich wurde. Leider war es unmöglich diejenigen, die die Gemeinde aufgehetzt hatten, zu fassen. Herr von Wathern legte verärgert seine Patronatsvertretung nieder, Herr von Werthern in Sangerhausen, sein Vetter, übernahm sie und ernannte zuerst Br. Joedicke, und als dieser ablehnte, Pastor Überhagen in Großleinungen zum Pfarrer in Brücken, den ich dann am 15. Januar des folgenden Jahres einführen konnte.

Für die Sommerferien war das Jahr eine gemeinsame Reise ausgeschlossen, da die Kinder unversorgt waren, und sie alle mit an die See zu nehmen, was wir am liebsten getan hätten, fehlte das Geld, das in diesen Jahren steigender Bedürfnisse durch drei auswärtige und alle heranwachsenden Kinder immer knapper wurde. So entschlossen wir uns schweren Herzens, uns zu trennen. Frau Niemann überließ uns freundlich ihr Haus in Treffurt, während sie selbst bei einer schwerkranken Freundin in Hohenziatz abwesend war. So siedelte Mutter mit den 6 Kindern und einem Mädchen nach Treffurt bei Beginn der Ferien über. Mutter litt viel an nervösen Kopfschmerzen, doch war es für sie eine Wohltat, fast immer an der frischen Luft zu leben, das war bei unseren Wohnungsverhältnissen in Sangerhausen nicht möglich. Die Kinder aber genossen die Zeit der Freiheit in vollen Zügen, streiften viel in der schönen Umgegend umher, machten Großburschla und Völkershausen unsicher, ritten auf Hessens und Schuchardts kleinen Pferden, badeten, schwelgten in Obst, und ließen sich auch durch häufiges schlechtes Wetter die Laune nicht verderben. Die gute Mutter hatte manche war bei unseren Wohnungsverhältnissen in Sangerhausen nicht möglich. Die Kinder aber genossen die Zeit der Freiheit in vollen Zügen, streiften viel in der schönen Umgegend umher, machten Großburschla und Völkershausen unsicher, ritten auf Hessens und Schuchardts kleinen Pferden, badeten, schwelgten in Obst, und ließen sich auch durch häufiges schlechtes Wetter die Laune nicht verderben. Die gute Mutter hatte manche Sorge durch Willis Gesundheit resp. Krankheit und Hans' Asthma, genoss aber doch die Zeit größerer Ruhe und wurde durch viel Freundlichkeit der alten Freunde oft erfreut. Den Höhepunkt bildete eine Wagenfahrt nach Eisenach und der Wartburg, die alle lang ersehnt hatten und nun umso mehr genossen. So kehrten alle am 31. Juli befriedigt nach Sangerhausen zurück.

Ich war unterdessen allein in Sangerhausen geblieben, machte viele Schulvisitationen ab (per Rad). Ich hatte die Freude, dass in unserer schönen Jacobikirche im Chor 5 bunte Fenster eingesetzt wurden. Sie waren von Herrn Klavierfabrikanten Bornkessel gestiftet und von der Firma Müller in Quedlinburg nach Erfurter Muster (ich glaube in der Reglerkirche) ausgeführt, mir seitdem oft immer neue Freude, zumal als später in Nachfolge des edlen Vorbildes Herr Rentner Böttcher 2 bunte Fenster im Langschiff gegenüber der Kanzel stiftete.

Dann kam am 10. Juli die zweite Freude: Lili kehrte aus Schönhausen zurück, leistete mir einige Tage Gesellschaft und reiste dann zu den Tanten nach dem Grohn und zum Großvater und Onkel Fritz nach Elberfeld. Meine Freude aber war der Eindruck, wie wohl ihr das Jahr in der Fremde getan und wie günstig sie sich entwickelt hatte.

Am Tage nach Lilis Abreise durfte ich dann auch meinen Urlaub antreten. Der Wunsch, Fritz in Greifswald zu besuchen und die Ostsee besser kennenzulernen, führte mich nach dem Osten, ich fuhr nach Magdeburg und Berlin, fand, dass Berlin mit jedem Jahr schöner, aber auch entsetzlicher werde, besuchte im Fluge das neue Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das mir wenig imponierte, und das Völkermuseum, um die mich als Missionsgebiete interessierenden Völker resp. ihre Erzeugnisse zu sehen. Dann fuhr ich nach Stettin, wo ich mit meinem Freund Wilhelm Gräber ein paar schöne Tage hatte. Leider war seine Frau nicht zu Hause. Wir machten eine Fahrt auf der Oder bis ins Haff, wo wir das neue damalige Weltwunder, den Riesendampfer "Kaiser Wilhelm der Grosse" anstaunten. Dann ging's weiter nach Greifswald, wo mich Fritz fröhlich empfing. Ich kampierte auf seiner Stube, während er in eine leerstehende Bude im Wingolfhaus auswanderte. Morgens und abends saßen wir in der Laube seiner netten Wirtsleute. Ich besuchte einige Collegia von Prof. Oettli und Cremer, die mich sehr befriedigten, wurde auch von Oettli in seinem Hause freundlich aufgenommen. Abends waren wir auf der Kneipe des Wingolf, wo bei einer Zahl von 100 Aktiven großer Betrieb war. An dem Abend war Prof. Giesebrecht anwesend und las aus Shakespeareschen Dramen vor, "der reine Schauspieler", schrieb ich über ihn. Ich hatte ihn persönlich kennengelernt, aber längst vergessen, als er im Jahre 1906 in Oberhof auftauchte und mich sofort wiedererkannte. Er erlebte Erichs Verlobung mit - war nicht ganz taktvoll -, Erich wird sich seiner erinnern. Ich glaube, er ist inzwischen gestorben.

Mit einigen Bekannten aus der Verbindung machten wir eine Segelpartie, u.a. ein Student Thym. Seine Eltern waren zur Zeit in Sassnitz Crampas. Ich fuhr am 18. 7. mit Fritz nach Stralsund, freute mich mit ihm, meine Erinnerungen aus dem Jahre 1868 aufzufrischen. Wir besahen das Rathaus, die Marien- und Nicolaikirche, schöne Denkmale der norddeutschen Backsteinbaukunst. Ich fuhr dann nach Rügen und ließ mich durch Thyms bestimmen, in Sassnitz Crampas im Hotel Prinz Heinrich über dem Hafen Pension zu nehmen. Das Haus lag sehr schön, vor uns das Meer, im Hafen damals das Schulschiff Nixe - hinter uns der herrliche Buchenwald auf dem hohen felsigen Ufer. Das ist der Hauptvorzug der Ostseebäder: die Verbindung von dem Meer und dem Wald, aber es fehlt der Wellenschlag, und der Boden ist meist steinig, nur an einzelnen Stellen sandig. Die Luft ist auch weniger kräftig als an der Nordsee infolge des geringeren Salzgehaltes.

Ich fand im Hause außer P. Thyms einige Familien, mit denen ich gerne verkehrte, habe aber von keinem einen Eindruck bewahrt. Leider war das Wetter oft ungünstig, hinderte mich aber nicht, viel am Strand oder im Wald zu laufen. Ich machte auch einige größere Touren, nach Stubbenkammer und Lohme, dem Herthasee und nach Arkona, der Nordspitze Rügens. Eine Fahrt nach Kopenhagen und nach der Insel Bornholm musste ich der Kosten wegen mir leider versagen. Oft war ich im Park und Wald von Dwasden, einem Lustschloss des Herrn von Hausemann, das - an der schönsten Stelle gelegen - in liberalster Weise jedem zugänglich war. Da habe ich viel an schönen Plätzchen gesessen, gelesen und geträumt.

Am Sonntagnachmittag war jedesmal Gottesdienst an einem Waldplatze, wo unter hohen Buchenhallen viel Badegäste sich um Gottes Wort sammelten. An einem Nachmittage sah ich am Hafen eine feine Dame von allerlei Schiffervolk umgeben eifrig reden. Es war die Gräfin Schimmelmann, die mit ihrer kleinen Jacht nach Sassnitz gekommen war um zu evangelisieren. Sie war früher Hofdame der Kaiserin Augusta gewesen, lebte nun ganz der Aufgabe, unter den Seeleuten zu evangelisieren. Ich besuchte zwei ihrer Versammlungen, das erste Mal, dass ich eine Frau öffentlich reden hörte, und ich hatte den Eindruck, dass sie die Menschen zu packen verstand, mehr als mancher Pastor. Ihr schicksalsreiches Leben hat sie in einem kleinen Buch geschildert, das ich mit viel Interesse las. Mich interessierte das Erlebnis damals umso mehr, als ich mich gerade mit der Frage der Evangelisation beschäftigte und Johannes Müllers Buch darüber las.

Während meines Sassnitzer Aufenthaltes hatte ich den Schmerz, Bruder Eger in Nienstedt zu verlieren. Er starb nach langem schwerem Leiden am 23. Juli in Halle. Sein Tod war für die Ephorie ein wirklicher Verlust. Wenn er auch zu sehr geneigt war, nachgiebig überall zu vermitteln, wo ein festes, energisches Wort am Platz gewesen wäre, so war er doch immer anregend gewesen, hatte viel wissenschaftliches Interesse und war seinen Freunden ein treuer Freund gewesen.

Am 3. August traf ich mit Fritz in Swinemünde zusammen, besuchte mit ihm Heringsdorf ud Misdroy, von furchtbaren Mückenschwärmen geplagt, und fuhr dann mit ihm über Stettin und Berlin nach Hause zurück., froh, wieder mit den Meinen vereint zu sein.

Aber bald kam eine neue Trennung. Mutters Nerven hatten sich wenig gebessert, die Sorge um Haushalt und Kinder hatte sie in Treffurt nicht losgelassen. So folgte sie schweren Herzens am 2. 9. der Einladung der guten Tanten auf den Grohn, wo sie drei Wochen völliger Ruhe hatte. Sie hatte auch Freude dort mit ihrer Schwester Minni und ihrem Vetter, dem Oberförster Hugo Johannsen, mehrere Tage zusammenzusein. Vor allem aber hatte sie Gelegenheit, Erich oft zu sehen und manche Unstimmigkeiten zwischen ihm und Herrn Henke soweit als möglich auszugleichen. Sie lernte auch die lieben Stoevesandts, bei denen Erich wie Kind im Hause aufgenommen war, kennen und schätzen. So kehrte sie am 23. 9. erfrischt und befriedigt zu uns zurück.

Ich hatte unterdessen sehr viel Arbeit und Ärger gehabt, aber auch eine Freude. Die Kreissynode bewilligte mir 300 Mark Bürokosten. So konnte ich endlich daran denken, mir eine Schreibhilfe zu suchen. Die liebe Mutter hätte gern diesen Posten übernommen, um einen "kleinen Verdienst" zu haben - sie glaubte, dazu Zeit zu haben, da Lili sich im Haushalt trefflich bewährte. Mir schien es wichtiger zu sein, dass sie ihre freie Zeit gebrauchte, um mehr den Kindern zu leben, denen wir uns leider bisher im Gedränge der Arbeit in Amt und Haus viel zu wenig hatten widmen können.

In diese Zeit fielen die Verhandlungen gegen P. Ullrich in Oberöblingen, von denen ich vorher berichtete. Sie haben mich innerlich sehr erregt, umso mehr, da ich sah, welch üblen Einfluss solche Verhandlungen auf die Gemeinden hatten, und ich machtlos war, Pastor Ullrich aus Oberöblingen fortzubringen, was meiner Ansicht nach, mochte er schuldig oder unschuldig sein, die Pflicht des Kirchenregiments gewesen wäre.

Viel geärgert habe ich mich auch - nicht nur damals - über die Versammlungen des Evangelischen Bundes. Derselbe war in Sangerhausen entstanden in der Zeit vor meiner Wirksamkeit. An der Spitze stand Prof. Bartsch. Prinzipiell hatte man die Sangerhäuser Geistlichen als zu schwarz von Anfang an ferngehalten mit Rücksicht auf die Sangerhäuser Spießbürger. Die ganze, nicht ungeschickt betriebene Agitation war antiultramontan, aber nicht evangelisch. Alles, was ans Evangelium erinnerte, evangelisches Lied, vollends Gebet, hielt man grundsätzlich fern. Man hielt Vorträge, für die Br. Eger und später Langguth sorgten, aber beide hatten Prof. Bartsch gegenüber nicht den Willen oder die Kraft, das "Evangelischer " Bund zu betonen und zur Geltung zu bringen. So wurden damals gerade bei einer Versammlung Lieder gesungen, die alles andere als evangelisch waren. Gründlich ist das erst anders geworden, als Prof. Bartsch kränklich wurde und Pastor Ehrke die Leitung mehr und mehr in die Hände bekam, und es zeigte sich, dass dadurch die Versammlungen nicht an Zugkraft verloren hatten.

Ärgerlich war mir auch die Wiederbestzung von Nienstedt. Superintendent Osswald setzte es bei Herrn von Bülow, dem alten, der im Dezember 1897 starb, durch, dass er seinen Schwiegersohn, Pastor Graf, damals in Lötzen in Ostpreußen, zum Pfarrer in Nienstedt designierte. Die Stelle hatte ca. 6000 Mark Gehalt, Pastor Graf aber war ein ganz junger Geistlicher. Viele ältere Geistliche sehnten sich vergeblich nach einer besseren Stelle, so machte auch diese Besetzung mit Recht viel böses Blut. Das war die Folge des traurigen damaligen Pfarrbesoldungsgesetzes, nach dem bei Stellen königlichen Patronats alle jungen Geistlichen in Stellen bis 3000 Mark auf 2100 Mark reduziert wurden, in besseren Stellen erst mit entsprechend höherem Dienstalter angestellt werden konnten, während in Stellen privaten Patronats die Herren Patrone an kein Dienstalter gebunden waren, und die Stellen über 4800 Mark keine Abgaben zu leisten hatten. Man wagte sich an die Patrone nicht heran, die immer von Rechtsbruch zeterten, als ob nicht jedes neue Gesetz altes Recht bräche. Das ist erst besser geworden durch das neue Pfarrbesoldungsgesetz, wenn es auch nicht alle Ungerechtigkeiten beseitigte.

Sehr viel Arbeit brachte mir in diesem Herbst das neue Lehrerbesoldungsgesetz, das wegen der mit einem kirchlichen Amte verbundenen Stellen viel Verhandlungen verursachte. Hier ging aber glatt, was der Kirche versagt blieb: die Abschaffung aller Privatpatronate.

Ich schrieb damals über die tagende Generalsynode und das Pfarrbesoldungsgesetz im Briefkränzchen: Ich hatte nicht viel erwartet, aber das Resultat ist leider noch weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben. Die Haltung der Synode in der Duellfrage zeigte einen entsetzlichen Mangel an christlichem Mut und gibt den Feinden gerechten Grund zum Lästern. Die allgemeine Schwenkung in der sozialen Frage im Sinne Stumms hatte ich nicht für möglich gehalten, wenn ich auch von der Majorität nichts erwartet hatte. Das Gesetz über die Besoldung der Geistlichen bringt ja den Geistlichen in Minimalstellen in den mittleren Jahren wie mir bedeutenden Vorteil. Aber es ist ein Unding, vor den Stellen über 4800 Mark haltzumachen. Hier bei den Großen scheut man den Rechtsbruch, den man ohne Bedenken an den Kleinen begeht. ... (Fall Nienstedt). Wenn ein Gesetz, das solche Wirkung hat, nicht unsinnig ist, so weiß ich nicht, was Unsinn und Ungerechtigkeit ist. Hätte man wenigstens von den Patronen gefordert, dass sie sich an die Dienstaltersgrenzen binden müssten, an die sich der König gebunden hat und die Gemeinden bei der Wahl gebunden sind, so wären solche Unzuträglichkeiten vermieden worden. ... Aber vor den hohen Herrn Patronen verliert man den Mut und lässt sich durch das Geschrei "Rechtsbruch" einschüchtern.

Was aus dem Beschluss der Generalsynode über die Evangelisationsfrage werden wird, ist mir nicht klar. Ich habe auf unserer letzten Pastoralkonferenz ausführlich über die Frage gesprochen und mich vorher so eingehend wie möglich damit beschäftigt. Ich fürchte, dass eine Verkirchlichung der Evangelisation ihr ebenso gefährlich ist wie der Inneren Mission ... Wenn der Oberkirchenrat es versuchen sollte, die verschiedenen Evangelisationsarbeiten unter sein Regiment zu bringen, so werden viele das nicht dulden und Spaltungen erst recht eintreten. Dass in dem immer allgemeiner werdenden Ruf nach Evangelisation ein schwerer Vorwurf für viele Pfarrer liegt, ist leider wahr, leider auch in manchen Fällen berechtigt, soweit meine Erfahrung reicht. Schwerer aber ist der Vorwurf gegen unsere Landeskirche, deren Verhalten leider die Massen in allen Kreisen mit Misstrauen und Vorurteil gegen Geistliche erfüllt hat, das wir gewiss meist nicht verdienen, und die Haltung der Generalsynode kann leider nur das Vorurteil stärken. ...

Der Anschluss der neuen Provinzen an die preußische Landeskirche ist durchaus nicht mein Ideal, noch weniger eine kirchliche Einigung des protestantischen Deutschlands. Ich glaube, dass die preußische Landeskirche für einen kirchlichen Organismus viel zu groß ist. Es braucht nicht Gotha zu sein, aber durch die Größe der Kirchengemeinschaft wird das Ganze viel schwerfälliger und die Abhängigkeit von allerlei nicht kirchlichen Potenzen liegt noch näher als bei kleinen Kirchen. Die sächsische Landeskirche ist groß genug, um sich gesund zu entwickeln. Für Rheinland und Westfalen ist der Zusammenschluss mit den östlichen Provinzen auf kirchlichem Gebiet kein Vorteil."

Im Herbst des Jahres machte uns Hans' Asthma immer wieder Sorge. Das veranlasste uns, Dr. Wagner in Halle für ihn zu konsultieren, der Polypen in seiner Nase feststellte und ihn mehrfach operierte. Das hat ihm und uns viel Schmerz bereitet, doch leider sein Asthma nicht beseitigt.
Mit Beginn des Wintersemesters siedelte Fritz nach Berlin über, für seine weitere Entwicklung ein wichtiger Schritt. Er kam dort - leider - unter den Einfluss von Johannes Müller, dessen maßloser Subjektivismus und Judiadualismus jede objektive Wahrheit wankend, wenn nicht unmöglich macht. Für eine Natur wie Fritz, der schon zu Kritik und Zweifel geneigt war, wurde dieser Einfluss verhängnisvoll. Ich habe mich viel mit Joh. Müllers Schriften - den grünen Blättern u.a. - beschäftigt, bin aber je länger je mehr innerlich von ihm abgerückt, weil ich seinen Einfluss auf viele für verderblich halte. Er regt viele wohl religiös an, bringt aber nicht zu fester religiöser Stellung.

Vom 30. November bis 13. Dezember war Mutter wieder mit Kurt in Elberfeld beim Großvater, ihm zur Freude, ihr zum Ausruhen, aber uns war die neue Trennung besonders schwer. Ich vermisste Mutter nie mehr als samstags, wo ich ihre Nähe bei meiner Predigtarbeit brauchte, bis ich ihr am Abend das Predigtkonzept vorlesen konnte.

Weihnachten hatten wir noch einmal die Freude, alle neun Kinder um uns zu haben und mit ihnen fröhlich zu feiern.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04