1898


Home Nach oben 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899

Das Jahr begann und endete mit Krankheit. Am 3. Weihnachtstage 1897 hatte Mutter auf dem Heimwege von Riestedt sich den Fuß vertreten, musste mit dem Fuß noch eine halbe Stunde bis nach Hause humpeln und dann infolgedessen lange liegen. Das war kein schöner Anfang des neuen Jahres, aber es ging vorüber, und wir konnten Ende Januar zusammen nach Berlin reisen. Vorher brachte mir der Januar noch eine Predigtreise für Innere Mission in der Ephorie, deren Organisation ebenso wie die damit verbundene Kolportage christlicher Literatur viel Arbeit machte, aber auch einen schönen Erfolg bedeutete. Pastor Hochbaum aus Magdeburg und Pastor Simsa aus Halle waren dabei unsere Helfer und Gäste. In jeder Gemeinde fand ein Gottesdienst und ein Familienabend statt, bei denen über die Werke der Inneren Mission geredet wurde - aufklärend und anregend.

Wir hatten schon lange den Wunsch, einmal wieder zusammen in Berlin zu sein. So überließen wir am 31.1. Haus und Kinder der Ältesten und brachten8 schöne Tage in Berlin zu. Seit 18 Jahren waren wir nicht zusammen dort gewesen, wie Vieles hatte sich verändert ! Wir wohnten im Hospiz in der Holzgartenstraße und trieben uns bei Tage viel mit Fritz herum, der in Berlin studierte, im Wingolfshaus wohnte. Die Museen, auch das Hohenzollern- und Kunstgewerbemuseum, wurden besichtigt, Wertheim durchwandert und angestaunt, Besuche bei Vogets und anderen Bekannten gemacht. Der Höhepunkt, für Mutter namentlich, war die Teilnahme an dem Februarkommers des Wingolf, das erste (und letzte) Mal, dass sie solche studentische Festlichkeit zu sehen Gelegenheit hatte. Ich traf dort alte Bekannte, besonders Freund Lenz, und manche von Fritz' Freunden lernte ich da kennen. Besondere Weihe empfing der Abend durch eine sehr packende Ansprache des Prof. Schlatter, und besonderes Interesse für Mutter hatte der Landesvater.

Am 1. April siedelte Pastor Wobesin als Leiter des Predigerseminars nach Kropp in Schleswig über. Wir verloren dadurch liebenswürdige Freunde, Lili ihren Lehrer in deutscher Literatur. Wir haben mit den Nachfolgern Wobesins nicht so angenehmen Verkehr gehabt wie mit ihnen.

Am 21. April führte uns Siegfrieds Hochzeit in Halle mit Vater Wiebel, den Tanten, Hanni Calvino und Karl und Mimmi dort zusammen. Wir wohnten bei Pastor Simsa im Stadtmissionshaus. Die Feier verlief sehr schön. Stöcker, der Onkel der Braut, hielt die Trauung in der kleinen Neumarktkirche, wo ich später Hans und Martha trauen durfte. Nach den festlichen Tagen in Halle hatten wir die Freude, die lieben Geschwister, Tanten und vor allem den lieben Vater vom 22. - 28. April bei uns zu haben, leider seltene Freude bei seiner Beschwerlichkeit, sich einmal aus seinem alltäglichen Trott herauszureißen. Fritz, der seit Ostern Berlin mit Halle vertauscht hatte, konnte auch mit uns feiern.

In der Woche vor Pfingsten reiste Mutter um Erichs willen nach Bremen und blieb dann über das Fest mit Erich bei den Tanten auf dem Grohn. Unterdessen war zum Pfingstfest Fritz mit seinen Freunden Bansa und Kaiser bei uns in Sangerhausen. Er machte dann mit ihnen eine Harzwanderung.

In diesem Jahre (oder schon 1897 ?) hatte ich von Br. Joedicke den Kindergottesdienst übernommen. Ich kannte die Arbeit ja schon, da ich ihn vertretungsweise gehalten hatte, wenn Br. Joedicke beurlaubt war, hätte ihn längst gerne übernommen. Nun wollte Br. Joedicke ihn abgeben, weil er durch eine der Helferinnen verärgert worden war (sie hatte heiraten müssen). So habe ich ihn seitdem gehalten und viel Freude daran gehabt. Besonders wertvoll waren mir die Vorbereitungsstunden mit den Helferinnen am Sonnabendnachmittag. Es lag mir daran, sie nicht nur für den Unterricht der Kinder "abzurichten", sondern auch ihnen selbst etwas für ihr geistliches Leben zu geben, sie tiefer in Gottes Wort einzuführen. Ich glaube und hoffe, dass diese Arbeit nicht vergeblich war. Die beiden großen Tage des Kindergottesdienstes waren der Sommerausflug, meist auf die Brühlsche Terrasse zu fröhlichem Kaffeetrinken und Kuchenessen und dann Spielen auf dem Rasen - dann aber mir noch lieber die Weihnachtsfeier am 1. Weihnachtstage nachmittags. Ich brauche diese Feierstunden nicht zu schildern, ihr habt sie alle miterlebt, bei denen ich mit großer Freudigkeit zu den Kindern und der großen Gemeinde von der großen Weihnachtsgabe in der Krippe zeugen durfte. Und wie habe ich mich selbst an den Chören der lieben Helferinnen, den Liedern der Kinder erbaut.

In Verbindung mit dem Kindergottesdienst stand auch die Frage des Gemeindehauses. Br. Joedicke hatte schon lange ebenso wie mein Vorgänger und ich die Notwendigkeit eines Gemeindehauses, namentlich für unsere Vereine: Missions-, Jünglings-, Jungfrauenverein u.a. erkannt. Aber es fehlten die Mittel und die Erkenntnis des Bedürfnisses bei den meisten Sangerhäusern. So hatte Br. Joedicke die Sammlungen der Kinder im Kindergottesdienst für das Vereinshaus bestimmt und ein hübsches Sümmchen in der Sparkasse angelegt. Es wollte mir aber nicht scheinen, dass es zweckmäßig sei, die Kinder sonntäglich für einen Zweck sammeln zu lassen, dessen Erreichung in weiter Ferne lag und dem Interesse der Kinder ganz fremd war. So vereinbarte ich mit den Helferinnen, die Sammlungen für die Mission zu bestimmen und den Kindern öfters von der Mission zu berichten, um ihre Teilnahme dafür zu gewinnen. Umso mehr aber suchte ich nun auf andere Weise die Sache des Vereinshauses zu fördern. Es wurden Besprechungen in Versammlungen gehalten, und es kam so weit, dass Ende des Jahres eine Genossenschaft "Vereinshaus" mit Statuten und Vorstand ins Leben trat, dann wurden Pläne gemacht allerlei Art. Namentlich hat Herr Baumeister Koebe sich darum verdient gemacht. Aber die beste Gelegenheit: den Ankauf der alten Post hatte man aus Zaghaftigkeit sich entgehen lassen - und fand sich dann kein passendes Grundstück wieder. Endlich 1916 ist das Vereinshaus eingeweiht worden, aber durch die größere Energie des Geistlichen von St. Ullrich mitten in die Ullrichgemeinde gelegt worden.

In den Sommerferien nahm ich Urlaub und reiste mit Mutter und Willi, der eine Kräftigung sehr nötig hatte, nach Borkum, wo wir diesmal wieder bei de Haans wohnten. Martha Stein und Käthe Voget begleiteten uns. Wir hatten letztere in Berlin wiedergesehen, sie war im April bei uns in Sangerhausen gewesen und hatte sich mit Martha Stein angefreundet. Sie wohnten mit uns bei de Haans und lebten ganz mit uns. Auch Superintendent Holzhausen aus Freiburg war damals in Borkum und verkehrte viel mit uns. Wir hatten im Juli Septemberwetter, keine Hitze und herrlichen Wellenschlag, für unsere Erholung sehr günstig. Aber wir bedauerten, dass der Menschenschwall von Jahr zu Jahr wuchs, die alte Einfachheit und Gemütlichkeit mehr und mehr schwand. Eine Freude war uns die schöne neue Kirche, aber leider war damals schon die Agitation im Gange, die nicht aus Gewissensbedenken, sondern aus geschäftlichen Rücksichten eine Spaltung in die Gemeinde brachte. Während früher eine Gemeinde bestanden, besannen sich mit einem Male einige, dass sie lutherisch seien, und es wurde eine luth. Kirche gebaut. Ich habe mich aber nach wie vor zu dem guten Sluyter gehalten und seiner nun nicht mehr evangelischen, sondern reformierten Gemeinde.

Auf der Rückreise waren wir einige Tage in Bremen und auf dem Grohn, um die Tanten zu sehen, fuhren auch mit Erich nach Geestemünde und Bremerhaven, wo wir den sehr interessanten Fischereihafen, die Fischhalle und den großen Lloyddampfer 'Wilhelm den Großen' besichtigten. Ich machte dann von Herzberg aus noch einen Abstecher in das schöne Siebertal - wohl um mich einmal auszulaufen - und langte dann neugestärkt Anfang August in Sangerhausen an. Hans und Martha hatten die Ferien benutzt, um Tante Minni in Marburg, Segers in Koblenz und den Großvater und Onkel Fritz in Elberfeld zu überfallen, hatten viel erlebt und viel Neues gesehen. Lili aber hatte Meta und Kurt unterdessen pflegen müssen, da sie an den Masern erkrankten. Zum Glück nur leicht, so dass wir ohne Sorge fern sein durften.

Im Laufe des Jahres hatte ich drei neue Amtsbrüder einzuführen. Im April Pastor Graf in Nienstedt, ein theologisch unbedeutender, aber praktisch wohl brauchbarer Pastor, der mir, ebenso wie seine Frau, die Tochter von Superintendent Osswald, mit der Zeit immer lieber wurde. Sie haben uns viel Anhänglichkeit bewiesen bis in die Naumburger Zeit.

Dann im Juni Pastor Peter in Großleinungen, als Nachfolger Überhagens, - ein zarter Mann, körperlich und geistig, - hatte eine kräftige, tüchtige Frau, nette Kinder. Wir haben gerne und viel mit ihnen verkehrt. Er kam von Sierakowitz (wohin Pastor Koetzschke hatte verbannt werden sollen), verließ uns schon 1913 wieder, da ihm die Arbeit in zwei Gemeinden zuviel wurde.

Der dritte war Diakonus Kaiser von St. Ullrich, den ich am 14. August ordinierte und einführte. Er war in seiner Arbeit sehr eifrig und fleißig, nahm sich treulich der Gemeinde an, hatte wohl auch mit Pastor Voigt ein erträgliches Verhältnis, da er sehr friedfertig war. Er trat in unser Kränzchen ein, und so haben wir die vier Jahre, die er in Sangerhausen blieb, viel und gerne mit ihm verkehrt, oft auch in seiner Junggesellenwirtschaft seine Gastfreundschaft genossen. Er kam 1902 an die Stadtmission nach Magdeburg, ist jetzt in KleinOschersleben.

Um die Haushaltskasse etwas zu stärken und Hilfe zu bekommen, nahm Mutter im Herbst zwei Pensionärinnen. Wir haben nacheinander verschiedene gehabt - sie waren aber keine Erholung der Gemütlichkeit des Familienlebens - doch haben wir, soweit ich mich erinnere, es meist nicht schlecht getroffen mit ihnen. Am 7. September machte ich mit Lili einen Lauf nach Stolberg und der Josephshöhe, um sie ein wenig für ihre Mühsal während der Ferien zu entschädigen. Ich soll nach Lilis Behauptung in Stolberg so geniest haben, dass oben im Hause ein Stuhl umfiel, - sicherlich ein Zeugnis guter Kraft.

Mitte Oktober besuchte uns Direktor Rausch von den Frankeschen Stiftungen, mit dem wir in Halle immer wieder verkehrt hatten. Ich lief mit ihm nach Wippra an einem schönen Herbsttage - wie oft habe ich den Weg mit immer neuer Wonne gemacht! Die damalige Wanderung mit Dr. Rausch hat sich mir besonders eingeprägt.

Am 27. November feierten wir meinen Geburstag mit acht unserer Kinder, besondere Freude machte uns damals die fabelhafte körperliche Entwicklung unseres Hans, der nach mehrfachen Operationen viel wohler war und so rasch in die Länge und Breite wuchs wie keines unserer Kinder. Seine Mutter klagte, dass er immer mit zu kurzen Jacken und Hosen gehen musste, er selbst hat gewiss noch viel mehr darunter geseufzt. Am Tag nach meinem Geburtstag reiste Mutter wieder zu ihrem Vater nach Elberfeld. Sie traf dort Erich, der als Abgesandter des Vereins junger Kaufleute zu einem Verbandsfest nach Barmen gekommen war. Er wurde von Fritz Wiebel als Commis nach Ende seiner Lehre am 1. 2. 1899 für das Merkelsche Geschäft engagiert, in dem Fritz als Prokurist tätig war.

sorry, alt text is missing

Friedrich (Fritz) und Marie-Luise Höhndorf ca. 1899 / 1900

Vater Wiebel hatte seine Häuser in der Lucasstraße an Herrn Lucas verkauft, und Mutter half ihm, eine neue Wohnung zu suchen, die er in dem lutherischen Pfarrhause ganz nahe der Lucasstraße fand. Sie sollte sein letztes Heim auf Erden sein, ein altes Häuschen, für Vaters Bedürfnisse gerade ausreichend. Ich hatte unterdessen wie das ganze halbe Jahr sehr viel Schreibwerk durch die Durchführung des Pfarrbesoldungsgesetzes, dann wieder Arbeit durch die Aufstellung von Bauplänen für ein neues Pfarrhaus. Seit fast 50 Jahren war das alte Pfarrgehöft, das vor dem Kirchturm auf dem Superintendanturplatz gestanden hatte, abgebrochen worden. Der damalige Superintendent, kinderlos, fühlte sich in der Mietswohnung am Markte mit den großen Vorderzimmern wohler als in einem engen Pfarrhaus, und so hintertrieb er den Neubau auf dem alten Platze. Und so war es dann geblieben bei Markt 17 II. Nun hatte der Gemeindekirchenrat den Plan ausgeheckt, das Diakonat, Organisten- und Küsterhaus abzubrechen und von der Stadt die zwei dazwischen liegenden Polizistenhäuschen zu erwerben durch Umtausch gegen den bisher an die Stadt als Marktplatz vermieteten Superintendanturplatz. Auf dem Platz sollte ein großes, zu der Kirche passendes Gebäude für Oberpfarrer, Diakonus und Küster gebaut werden, der Organist sollte Mietentschädigung erhalten. Die Firma Knoche und Kallmeyer in Halle hatte ein schönes Projekt ausgearbeitet, die kirchliche Gemeindevertretung 78 000 Mark für den Bau bewilligt, der Magistrat den Austausch der Polizistenhäuser gegen den Superintendanturplatz genehmigt. Aber alle Mühe war vergebens, als Mitte Dezember die Stadtverordneten den Austausch ablehnten. Ich hatte und habe den Verdacht, dass der Organist Osterloh, der nicht gerne aus seinem Haus herauswollte, und die mit ihm verbundene Loge dahintersteckten. Vielleicht wirkte auch die Absicht mit, auf diese Weise die notwendige Erhöhung der Kirchensteuer in der Jacobigemeinde zu verhindern. Nun musste das baufällige Diakonat erneuert werden, was nach Joedickes Weggang 1899 geschah, und zur ungewollten Rache für den vereitelten Bau der schönen Pfarrhäuser entstand der scheußliche Hinterbau am Diakonat - bis heute ein Schandfleck auf dem schönen alten Marktplatze.

Als Mutter am . Dezember von Elberfeld zurückkehrte, war ich ganz unverhofft an demselben Tag schwer erkrankt. Eine böse Influenza wurde zur Lungen- und Rippenfellentzündung, die mich dem Tode nahe brachte. Gottseidank wurde aber das Schlimmste abgewendet, und ich konnte Weihnachten wieder stundenweise auf sein und mit allen neun Kindern dankbar aber still bei einem kleinen Bäumchen feiern. Und meine lieben Helferinnen aus dem Kindergottesdienst kamen und sangen mir die schönen Weihnachtslieder. Mitte Januar konnte ich wieder ausgehen und an sonnigen Tagen frische Luft genießen. Am 6. Februar war ich endlich wieder soweit, dass ich predigen konnte. Es dauerte aber noch lange, bis die Folgen der Krankheit ganz überwunden waren und ich meine alte Kraft wiederhatte. In dem Briefkränzchen schrieb ich im Rückblick auf das Jahr 1898: "Wenn Br. Schmitz sich über das Wachsen der Sozialdemokratie in ländlichen Kreisen wundert, so wundere ich mich über das Gegenteil, dass sie nicht viel rapider wächst, was gewiss nicht nur ein Beweis von dem gesunden Sinn unseres Landvolkes ist, sondern Beweis von der Macht der Besitzer über ihre Leute. Leider ist hierzulande der sittlich religiöse Fond sehr gering und wohl nicht imstande, gegen die Sozialdemokratie einen starken Damm zu bilden.
Dass aber jüngere Geistliche sich wenig von den ordentlichen Mitteln des geistlichen Amtes versprechen, verstehe ich wohl, man kommt mit diesen Mitteln an viele absolut nicht heran. Ich stehe täglich in meiner noch übersehbaren Gemeinde vor der Frage: Wie soll ich an viele herankommen, die nicht mehr zur Kirche kommen? Ich habe früher gehofft, unser Arbeiterverein würde dazu hier und da die Gelegenheit bieten, aber die Hoffnung war vergebens. Böse Sitten, eingerissene Unkirchlichkeit zu ändern, ist unendlich schwer, und dass man da wohl hofft, Evangelisation werde helfen, begreife ich, wenn ich auch glaube, dass man diese Hoffnung nicht überspannen soll. Evangelisation ist eine Sache, die man nicht machen kann, dafür muss Zeit und Stunde kommen."

Home Nach oben 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899

 


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04