1899


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Das neue Jahr brachte mir in meiner Verwaltungsarbeit erwünschte Hilfe. Während die bisherigen Schreibhilfen recht unvollkommen waren, trat am 1. Januar der Bezirksfeldwebel Holze bei mir ein. Er hat mir längere Zeit wesentliche Dienste geleistet, arbeitete selbständig und hielt das ganze Aktenwesen in mustergültiger Ordnung, so dass ich mich wirklich entlastet fühlte. Aber solche Hilfe wird für die Superintendenten, namentlich auf dem Lande, nur selten zu finden sein.
Am 1. Februar siedelte Erich von Bremen nach Elberfeld über, wo er als Commis im Geschäft des Herrn Merkel unter seinem Onkel Fritz Wiebel arbeitete, das erste der Kinder, das nun - wenigstens zeitweise - auf eigenen Füßen stand.

Während ich noch Rekonvaleszent war, bekam die arme Mutter neue Arbeit und Sorge, da Kurt an Scharlach erkrankte, doch konnte sie am 20. Februar ohne Sorge um ihn ihrer Schwester Minna zur Hilfe eilen. Diese lag seit Mitte Januar nach der Geburt ihres Jüngsten am 15. 1. mit einer hartnäckigen Venenentzündung zu Bett. Ihre Wärterin konnte nicht länger bleiben, so sandte ich - wenn auch mit schwerem Herzen über die Trennung - meine liebe Frau ihrer Schwester zu Hilfe. Aber durch neue Rückfälle im Befinden der Kranken zog ihre Abwesenheit sich länger hin als wir gedacht. Erst nach mehr als drei Wochen kehrte sie endlich Mitte März heim. Gleich nach ihrer Ankunft in Marburg hatte sie einen großen Schrecken durch einen Stubenbrand, den sie zum Glück noch rechtzeitig entdeckte. Seine Entstehung konnte nicht aufgeklärt werden. Sie hatte aber bei aller Mühe der Pflege die Freude, das schöne Marburg und seine nähere Umgebung auf Spaziergängen mit Georg kennenzulernen, das alte Schloss, die herrliche Elisabethkirche u.a. zu sehen, auch einmal mit dem alten Freund und Nachbarn der Geschwister, Prof. Achelis, die Matthäus-Passion zu hören. Sie traf in Marburg auch Karls Frau, Paula, die zur Konsultation eines Professors wegen ihres Ohrenleidens in Marburg war. Mit Kummer sah sie schon damals in das traurige eheliche Verhältnis ihres Bruders hinein, das sich ihr am Ende ihrer Reise bei einem Besuch in Rüsselsheim noch trauriger enthüllte - und das noch viele Jahre zu unser aller Betrübnis sich mehr und mehr verschlechterte, bis es zuletzt zur Lösung der ganz unmöglich gewordenen Ehe führte.

Ich war in dieser Zeit (am 22. 2.) zur Ephorenkonferenz in Naumburg. Diese Konferenzen waren eingerichtet zum persönlichen Verkehr des Generalsuperintendenten mit den ihm unterstellten Superintendenten und zur Besprechung wichtiger, das Ephorenamt betreffender Fragen. Ich habe diese Konferenzen unter drei Generalsuperintendenten (Textor, Holzheuer und Jacobi) mitgemacht, sehr verschieden nach der besonderen Persönlichkeit des Generalsuperintendenten, aber in Beziehung auf die Besprechung der verschiedenen Amtsfragen von wenig Nutzen. Das wirklich Ersprießliche war der Verkehr der Ephoren untereinander, die da sich
kennenzulernen gute Gelegenheit hatten. Damals in Naumburg präsidierte noch Textor - aber schon als Abschiednehmender - er war aus allerlei Gründen abgesägt und zog sich ins Privatleben nach Wernigerode zurück, wo er noch lebt. Im Oktober 1899 waren wir Ephoren wieder zur Einführung seines Nachfolgers Holzheuer in Magdeburg vereinigt. Für die Kirchenprovinz war der Wechsel jedenfalls kein Schade, wenn auch der viel bedeutendere Nachfolger, der in manchen Beziehungen ein Original war, mir nicht viel Segen gestiftet zu haben scheint.

Bei der Fahrt nach Naumburg lernte ich den Superintendenten Jahr von Arlern näher kennen und bin ihm bei diesen Fahrten noch öfter begegnet, - ein bedeutender Mann, ganz aus der alten Schule, der Senior der Ephoren, der für alle neuen Bewegungen auf kirchlichem Gebiet wenig Sympathie hatte, der aber im persönlichen Verkehr immer anregend wirkte, von großer Gelehrsamkeit und gesellschaftlichen Gaben, der aber in seiner Gemeinde und Ephorie auf das geistliche Leben kaum fördernd gewirkt haben dürfte. Die Folge unserer Berührungen waren gegenseitige Besuche, wobei ich einmal seinen vorzüglichen Weinkeller, den er sehr pflegte, bewunderte. In Naumburg besuchte ich damals meinen Vetter, Lehrer Fritz Höhndorf, der damals in voller Manneskraft stand. Ich wurde von ihm und den Seinen sehr herzlich aufgenommen und fühlte mich wohl bei ihnen. Leider war er, als wir 1914 nach Naumburg zogen, kurz vorher gestorben.

Naumburg hat mir damals sehr gefallen. "Da möchte ich wohl einmal wohnen", schrieb ich an meine Frau, - ahnte nicht, wie der Wunsch einmal in Erfüllung gehen sollte.

Aus einem Briefe ersehe ich, dass damals Bernhard 1,50 m - Willi 1,42 m - Meta 1,28 m - Kurt 1,19 m groß war, vielleicht für eins von ihnen von Interesse.

In einem anderen Brief schreibe ich über meine Predigt am 26. 2. über Luk. 10, 17 - 20: "Die rechte Christenfreude, nicht über Gaben und Erfolge sondern über die Gnade, dass unsere Namen im Himmel angeschrieben sind." Damals suchte ich damit mich selbst zu trösten über Mangel an Gaben und Erfolgen - heute nach Abschluss meines Lebens noch viel mehr - aber wie schwer wird dem armen Herzen der Verzicht - wie schwer, im Glauben den Trost zu fassen und festzuhalten. Gott gebe es mir und allen, die es brauchen, immer mehr !

Ostern wurde Hans eingesegnet und machte sein Einjährigen-Examen.

Bald danach fuhr Mutter zu ihrem Vater, um ihm den Umzug aus der Lucasstraße 8 zur Wilbergstraße 3 zu besorgen, wieder eine schwere Liebesarbeit für sie wie vorher die Pflege der Schwester. Der gute alte Vater kümmerte sich nicht gerne um dergleichen. So hatte sie viel zu tun, um alles in Gang zu bringen, hatte dann aber, als sie den Umzug vollendet hatte, die Freude, dass der Vater sich in den neuen Räumen wohl und gemütlich fühlte. Ihr war der Abschied von dem Hause, in dem wir so viel Glück, Verlobung und Hochzeit zusammen erlebt hatten, in dem wir so oft zu Besuch bei den lieben Eltern waren und viel Liebe erfahren hatten, in dem die liebe Mutter gestorben war, sehr schwer. Umso froher kehrte sie am Tage nach Himmelfahrt in das eigene Heim zurück.

Gleich nach ihrer Rückkehr trat Lili eine große Vetternreise nach Marburg, Hanau, Rüsselsheim, Reichenbach, Elberfeld und Herford an, so hatte die Mutter, ihrer Stütze beraubt, auch zu Hause umso mehr Arbeit, aber zu der Zeit war ihr die Arbeit kaum zuviel, zumal wenn sie dem Kinde die Freude der Reise dadurch verschaffen konnte.

Nach Pfingsten ging ich auf einige Tage nach Hagental, wo ich zuerst mit Rektor Friez aus Halle und seiner Familie, dann mit Pastor Müller und Frau aus Lengefeld angenehmen Verkehr hatte und schöne Wege in den herrlichen Wäldern machte, Solche Tage habe ich nach der langen Arbeitszeit des Winters und der Festzeit besonders genossen und kehrte neu angefrischt in der Hoffnung des Sommerurlaubs zur Arbeit zurück.

Im Juni hatte ich die Trauung der Frau Pastor Gräser mit dem Pastor Maeker - sie 6 Jahre älter als er, hatte drei erwachsene Kinder, aber da sie frisch und lebensfreudig, ging es gut in der Ehe. Wir haben öfter die Freude gehabt, ihren Besuch zu haben, und haben uns jedesmal an der originellen, lebendigen Frau erfreut.

Auch dass ich mir das neue amerikanische Harmonium damals kaufte, weil ich mein altes im Saale der Marienkirche zu den Bibelstunden hatte, will ich anmerken.

Am 1. Juli traten wir unsere Sommerreise nach dem Riesengebirge an. Frl. Stein hatte sich uns angeschlossen, und wir trafen uns in Brückenberg bei Krummhübel mit Aug. Schmitz, der mit seiner Frau und Kindern sich auch dort aufhielt. Ich war von der Lungenentzündung im Winter genesen, aber meine Lunge ermüdete bei längerem Sprechen leicht. Da riet mir Dr. Seyffert Atemgymnastik durch Bergsteigen. Wir wählten das Riesengebirge, weil ich es nicht kannte und es höher als die anderen deutschen Gebirge ist. Gutes Wetter, das Zusammensein mit den lieben Freunden, schöngelegenes Quartier im Waldhaus an der reißenden Lommatsch ganz nahe am Wald machten uns den Aufenthalt angenehm. Nur das Essen war uns wenig sympathisch, wenig und nicht nach unserem Geschmack. "Wir wohnen hier", schreibt Mutter in ihrem Rundbrief, "grade unter der Schneekoppe, und wenn diese sich keine Nebelkappe aufsetzt, was freilich oft der Fall ist, können wir von unserem Balkon aus mit dem Fernglas die Leute sehen, die oben ankommen. Außerdem sehen wir in lauter Tannenwald, ein wohltuender Anblick für Städter, und die köstliche harzige Luft tut uns wunderbar gut ... Am Montag früh (17. 7.) um 6 Uhr machten wir drei, Fritz, Frl. Stein und ich, uns auf, um die Schneekoppe zu ersteigen. Es war lachender Sonnenschein, so dass wir uns freuten, wenn der Wald uns in seine Schatten aufnahm. Etwa um 3/4 9 kamen wir an der Riesenbaude am Fuß des steilen Koppenkegels an, 35 Minuten später war der entsetzlich steile letzte Anstieg vollführt und wir standen - in den Wolken ! Leider ! Es schien, alle Mühe war umsonst. Freilich hatten wir auf dem Wege schon manche schöne Aussicht gehabt, sowohl nach der böhmischen als nach der preußischen Seite, aber es war doch kein Rundblick. Wir warteten oben eine Stunde lang vergeblich, dass die Nebel sich zerteilen möchten, und traten den Rückweg an, ohne viel gesehen zu haben. Kaum 6 Minuten waren wir fort, da brach ein so entsetzliches Unwetter los, wie wir es noch nie erlebt hatten. Der Donner rollte, und die Blitze zuckten, der Sturm peitschte uns den Regen und die Hagelkörner gegen den durch den Schirm nur notdürftig geschützten Körper, nirgends war Schutz zu finden auf dem steilen, sofort in einen reißenden Bach verwandelten Weg. Es war wirklich schrecklich und nur ein Glück, dass nach 10 Minuten das Unwetter vorbei war, und wir, wenn auch völlig durchnässt, uns besannen, dass wir noch Leben hatten, und abwärts stiegen. Einen Augenblick lang genossen wir ein entzückend schönes Bild, die Wolken zerrissen, und vor uns lagen das Gebirge und die Ebene so hell und klar, als ob nichts vorgefallen wäre. Wir waren so nass, dass wir weiter wandern mussten, um nicht zu frieren. Der Wind und die Sonne halfen uns, auf dem Gebirgskamm die Kleider zu trocknen, und ganz vergnügt kamen wir nach einer Stunde in der Heinrichsbaude an, wo wir unser Zeug trocknen lassen konnten, Strümpfe kaufen und uns bald ganz behaglich fühlten. Frl. Stein und ich blieben dort über Nacht, um am anderen Morgen, wo wir weiter wandern wollten, gleich auf der Höhe zu sein. Fritz machte noch einen anderen Gang und schlief hier im Waldhaus. Früh 1/2 7 holte er uns oben ab, und wir wanderten zunächst im Nebel auf dem Kamm weiter. Als wir 1400 m hoch waren und der Nebel auf dem Kamm noch nicht wich, stiegen wir abwärts durch den Wald bis Agnetendorf und von da auf den Kynast. Der ist nur 600 m hoch, aber man hat einen sehr schönen Blick auf das Riesengebirge und in die Ebene, auch ist die gut erhaltene Burgruine sehr interessant und und noch mehr die kolossalen Felsen, auf denen sie steht. Nachher kamen wir nach Hermsdorf und da per Gasbahn nach Warmbrunn, wo wir uns das moderne Badeleben ansahen, und dann nach Hirschberg und von da wieder nach Krummhübel zurück."

Sonntags pilgerten wir hinauf zur Kirche Wang, eine uralte norwegische Holzkirche aus dem Dorfe Wang, die König Friedr. Wilhelm IV hierher aus Norwegen verpflanzt hatte.

Einmal wanderten wir auch über den Kamm des Gebirges bis zur Schneegrubenbaude, hinab an den Zackenfällen nach Schreiberhau und von da per Bahn heim. Jeder Weg aber, kleine und große, war lohnend.

Als Schmitzens und Frl. Stein uns verließen um heimzukehren, wanderte ich mit Mutter übers Gebirge nach Spindelmühle durch den prächtigen Weißwassergrund, und wir durchstreiften dort die Gegend noch einige Tage. Wir waren da in Böhmen im Gebiet der Los-von-Rom-Bewegung. Unser Wirt war übergetreten, und sein Vater sagte: "Wenn man uns wieder einen tschechischen Geistlichen gibt, werden wir alle evangelisch." In dem benachbarten Hohenelbe und Langenau waren schon 800 übergetreten. Ich hatte den Eindruck, dass in der Los-von-Rom-Bewegung ein verzweifeltes Ringen um die Erhaltung deutschen Wesens die Triebkraft war. Die böhmischen Magnaten suchten, alle katholisch und tschechisch zu machen. Der in Spindelmühle hieß Graf Harrach, aus einem alten gut deutschen Geschlecht. Aber katholisch und tschechisch ist dort so identisch wie in Polen katholisch und polnisch.

Von Spindelmühle fuhren wir über das Elbtal hinab nach Hohenelbe und dann mit der Bahn nach Prag. "Der Hradschin", schreibt Mutter, "ist ganz wunderbar, wird freilich manches von seinem alten Gepräge verlieren, wenn der neue Dom fertig ist. Das schönste aber war ein Rundblick auf Prag und Umgebung, den man von einem hohen Turm gegenüber dem Hradschin (der Pehinwarte) genießt. Leider wird die früher deutsche Stadt ganz vertschecht, man sieht kaum deutsche Inschriften mehr an Straßen und Straßenbahnen, so dass es schwerfällt, sich zurechtzufinden."

Auf mich machte deswegen Prag einen unangenehmen Eindruck - auch die mit Stuck angeputzten Häuser stachen übel ab von Dresden, wo alle öffentlichen Gebäude in dem schönen Elbsandstein erbaut waren. Aber die Lage ist schön. Wir trafen in Prag Karafiat nicht an, der noch auf einer Reise nach Schottland begriffen war. Von Prag ging's dann nach Bodenbach und durch die Sächsische Schweiz, durch die Edmundsklamm, Prebischtor nach Herrnskretschen und von da nach Dresden, wo wir wieder wie auf der Ausreise Station machten. Die deutsche Kunstausstellung (in der wir plötzlich neben uns den kleinen Maler ... sahen) und die Museen fesselten uns von neuem. Als wir durch die Gemäldesammlung gingen, stand plötzlich Karafiat neben uns. Er war in Sangerhausen gewesen, hatte Lili, die mit den drei Kleinen dort Haus hielt, aufgesucht, und da er uns nicht fand, war er, uns zu suchen, in Dresden geblieben, als er gehört, dass wir dahin kämen. So hatten wir dort noch einen Tag zusammen, und wir kehrten dann am 2. August nach Sangerhausen zurück. Auch die drei Treffurter, die Tante Bertha in ihre Heimat eingeladen hatte, waren wieder zur Stelle und so alle zu neuer Arbeit gestärkt, dankbar wieder vereint.

Mitte August reiste Mutter wieder auf einige Tage nach Elberfeld zur Ordnung von Erichs Verhältnissen, der, uns sehr überraschend, zu dem Entschluss gekommen war, schon am 1. Oktober in Bernburg sein einjähriges Dienstjahr zu machen und seine Stelle in Elberfeld bei Merkel aufzugeben.

Anfang September verließen uns Joedickes, da er zum Superintendenten in Lützen ernannt worden war. Für mich war es ein großer Verlust, den Amtsbruder zu verlieren, mit dem ich 10 Jahre lang in ungetrübter Gemeinschaft gearbeitet hatte und der mir zum treuen Freunde geworden war. Aber bei seiner Befähigung war es mir eher verwunderlich, dass er nicht schon längst zu leitender Stellung berufen worden war. Auch für die Frauen und Kinder war das Scheiden Verlust. Ich glaube, es hat selten ein idealeres Verhältnis von Kollegen gegeben, das sich bis auf die Kinder erstreckte. Umso wichtiger war uns natürlich die Frage: Wer wird sein Nachfolger werden? 72 Bewerber um die Stelle machten die Wahl schwer - 4 wurden zu Probepredigten aufgefordert. Einer der 4 Hilfsprediger, Bornhak in Merseburg, wurde auch zu einem Vortrag aufgefordert (über seine Reise nach Italien) und dieser gewählt. Mir war die Wahl sehr willkommen, Bornhak war ein überzeugt gläubiger Mann, hochbegabt, guter Redner, der wie wenige die Hörer zu packen wusste, eine fröhliche, heitere Natur, der namentlich auf die Jugend leicht Einfluss gewann, aber im Amtsleben Einspänner, der seine eigenen Wege ging, bei dem Zusammenarbeiten mit den Kollegen nicht Bedürfnis war. So haben wir die vier Jahre seiner Sangerhauser Wirksamkeit gern und viel miteinander verkehrt, aber wenig zusammen gearbeitet, und das war mir oft schwer.

Schon mit Bruder Joedicke hatte ich öfters die Frage der Teilung der Gemeinde in Seelsorgebezirke besprochen, aber er war dafür nicht zu haben, da er seine Beziehungen zu allen Teilen der Gemeinde nicht aufgeben mochte. Nun aber benutzte ich die Vakanzzeit, die Parochialeinteilung gründlich durchzuführen, worin die kirchlichen Gemeindeorgane mit mir einverstanden waren. Der Oberpfarrer bekam einen Bezirk mit 1/3 der Gemeinde, der Diakon 2/3 zugewiesen. Gemeinsam waren die Predigtgottesdienste, die nun aber ganz gleichmäßig wechselten, und die Konfirmanden aus der ganzen Umgegend wurden nach Geschlechtern getrennt, abwechselnd von beiden unterrichtet und konfirmiert. So hatte ich bedeutende Mehrarbeit durch alle Amtshandlungen in meinem Bezirk, die früher fast ausschließlich dem Diakon zufielen, dafür aber war ich erleichtert, da ich nicht mehr das Gefühl der Verantwortung für die ganze Gemeinde zu tragen brauchte, welches früher mich oft sehr bedrückte.

Im Sommer bekam Mutter plötzlich einen Gruß ihrer ersten Jugendfreundin Adele Gründler geb. Sachse, mit der sie vor langen Jahren in Elberfeld gespielt hatte. Ihr Mann, den ich aus meiner Berliner Studentenzeit her kannte, war in Barby Seminardirektor geworden. Wir hatten sie bei unserem Berliner Besuch im Jahre 1880 dort begrüßt, seitdem aber nichts voneinander gehört. Nun bahnte sich ein Verkehr an. Sie besuchte uns im Oktober in Sangerhausen, und wir waren ein Jahr später in ihren fürstlich großen Räumen im alten Schloss in Barby bei ihnen zu Gaste. Und als er in Merseburg Schulrat wurde, wurde der Verkehr noch häufiger. Sie war eine geistreiche feine Frau, die ihren nicht bedeutenden Mann überragte, an der man immer etwas hatte, sooft man mit ihr zusammen kam.

Mit Beginn der Herbstferien hatte Fritz sein Studium in Halle beendet und siedelte für den Winter nach Sangerhausen über, um sich auf sein erstes theol. Examen zu rüsten. Da in unserer Wohnung für ihn kein Platz zu ruhigem Arbeiten war, mieteten wir wir ihn, uns gegenüber, bei Frau Witschel ein, mit ihm durch eine elektrische Klingel quer über den Marktplatz verbunden. Zu den Mahlzeiten kam er zu uns. Wir waren damals mit Kindern und Pensionärinnen meist 12 zu Tische, dazu oft noch liebe Gäste.

In diesem Herbste starb Herr Lejeune aus Manchester in Zürich. Uns ging ein guter Freund verloren, mit dem wir seit seiner Verheiratung im Sommer 1877 verbunden waren. Schmerzlich war uns auch die schwere Erkrankung von Tante Adelheid in Bremen, der Anfang ihres schweren Leidens, das 1904 zum Tode führte (Arterienverkalkung).

Am 27.11. wurde mein 50. Geburtstag in größerem Freundeskreis gefeiert. Ich bekam den Eindruck, über die Höhe des Lebens hinaus zu sein, bekam auch mehr und mehr das Gefühl des Altwerdens, was ich bisher wenig gehabt hatte. Aber doch war auch dieser Festtag ganz besonders ein Tag des Dankens für viel erfahrene Güte Gottes in 50 langen Jahren - reich gesegnet, wenn auch nicht in den Erfolgen, die ich gewünscht hatte. so doch in der Liebe all der Meinen, die mir Gott gegeben und erhalten hatte, und in treuer Freundschaft vieler guter Menschen.

Am 7. Dezember brachte ich Hans nach Halle auf die Latina in die Pensionsanstalt. Das war das Ende vieler höchst unangenehmer Verhandlungen mit dem Direktor Dannehl. Hans hatte mit seinem Freund Rose zusammen eine Karambolage mit einem Sangerhäuser Spießbürger gehabt. Der hatte sich an seinen Ordinarius Gnau gewandt, und dieser hatte, ohne den Jungen Glauben zu schenken, auf das Wort des betr. Mannes hin die beiden Jungen bestraft. Darauf ging ich mit Herrn Rose zum Direktor, um mich zu beschweren. Dieser gab zunächst alles zu, sprach sich wenig freundlich über seinen Kollegen Gnau aus, und wir hofften, die Sache würde in unserem Sinne erledigt werden. Aber bald war Direktor Dannehl anderer Meinung geworden und bestrafte die Jungen, ich glaube mit Karzer, mit der Begründung, man könnte den Schülern nicht Glauben schenken, da sie alle lögen. Das entrüstete mich so, dass ich Hans sofort von der Schule abmeldete, eine lange Beschwerdeschrift an das Provinzialschulkollegium richtete, und durch die freundschaftlichen Beziehungen zu Direktor Rausch gelang es mir, Hans mitten im Semester dort Aufnahme zu verschaffen. Für Hans war der Wechsel gewiss zum Segen, da er in Halle alle seine Kräfte anspannen musste, um ohne Zeitverlust Versetzung und Abiturientenexamen zu erreichen, was ihm auch gelang. Aber sehr schmerzlich war es uns, dass er das Elternhaus mit dem öden Leben in der Pensionsanstalt vertauschen musste. Ich habe aber seit der Zeit durch das Verhalten des Direktors Dannehl, das ich im einzelnen hier nicht schildern kann und mag, ohne harte Worte zu gebrauchen, einen unaustilgbaren Ingrimm gegen das Sangerhäuser Gymnasium behalten. Leider haben die jüngeren Söhne die Schule weiter besuchen müssen und manch bittere Erfahrung in der Folge gemacht.

Weihnachten durften wir noch einmal alle 9 Kinder unter dem Weihnachtsbaum um uns versammeln, dankbar, dass ich in diesem Jahre gesund mit ihnen feiern konnte.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04