1900


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Das Jahr 1900 war ein ganz besonderes, nicht sofern es Ende oder Anfang eines Jahrhunderts war, das berührte uns wenig. Aber aus diesem Jahre sind keine Briefe von Mutter und mir vorhanden, d.h. wir waren nie länger getrennt.

Am 14. Januar konnte ich meinen Kollegen Bornhak einführen. Sein Freund, Pastor Reinert aus Klostermannsfeld, war dazu mit seiner Frau gekommen, und sie waren unsere Gäste. Wir haben seitdem öfters mit ihnen Berührungen gehabt, und ich habe ihn in seiner Treue und seinem Eifer um das Heil und Wohl seiner Gemeinde schätzen gelernt. Er gehörte wie Bornhak, entschiedener als dieser, zu den Gemeinschaftsleuten und hatte dadurch manche Anfechtungen erfahren, aber seine Arbeit war gesegnet, wenn er auch oft schlechten Lohn dafür bei vielen Elementen seiner Gemeinde erntete. Heute denkt man in kirchlichen Kreisen weit günstiger über die Richtung als damals.

Durch Bornhaks Eintritt wurde ich nach der langen Vakanzzeit und ihrer Mehrarbeit etwas entlastet und benutzte die Freiheit zu einer Reise mit Meta zum Vater in Elberfeld (am 27.1.), der durch ein krankes Bein an seine Stube gefesselt war und sich umso mehr unseres Besuches freute, Metas Bruder Fritz, der schon im vergangenen Jahr leidend gewesen war, war wenig wohl, der Anfang der Kehlkopfschwindsucht, die zu seinem frühen Ende führte. Wir fuhren auch nach Düsseldorf, wo wir nach Erbauung des neuen Bahnhofs uns in dem Gewirr neuer Straßen kaum zurechtfinden konnten - waren dort ganz fremd geworden, aber bei Karschs in Düsseltal und in Kaiserswerth bei Bangerottes fanden wir herzliche Aufnahme und fühlten uns bei den alten Freunden umso wohler. Dann führte uns auf der Heimreise unser Weg zu Freund Pönsgen in Bochum, der einige Freunde zu unserem Beneficium eingeladen hatte, und nach Witten zu Martin Gräber, wo wir mit Staunen das von ihm in 10 Jahren geschaffene Diakonissenmutterhaus bewunderten - mit geheimem Neid, wenn wir an das Hallesche Mutterhaus dachten, mit dem es nicht vorangehen wollte unter der Leitung des Pastor Jordan. Wie kommt es doch bei solchen Werken zuletzt alles auf die leitende Persönlichkeit an ! Es wird freilich nur selten Männer geben, die zu solcher Arbeit geeignet sind wie Martin Gräber in seinem frischen, fröhlichen Wesen, seiner großen Energie und seinem festen Glauben. Wie traurig - menschlich geredet -, dass er so früh durch den Tod seiner Arbeit entrissen wurde.

Nach unserer Rückkehr rüstete Lili zu ihrer Reise nach England, die sie am 19. Februar über Elberfeld antrat. Sie blieb zunächst in London bei Mutters Freundin Frau Aldwinkli und ging dann nach Tavisstok in das Haus der Familie Moon, wo sie wie ein Kind aufgenommen wurde und glückliche Tage verlebte. Das war für uns eine große Freude, da wir sie mit einem gewissen Bangen hatten in die Fremde ziehen lassen. Solcher Aufenthalt im Ausland ist für junge Leute von ganz besonderem Wert, das haben wir bei allen drei Töchtern und mehreren Söhnen erfahren. Es weitet den Blick, macht selbständiger und lässt Licht- und Schattenseiten der Heimat klarer erkennen und gerechter beurteilen. Ich habe immer bedauert, dass es mir in der Jugend nicht möglich war, ins Ausland zu gehen.

Nachdem ich im Februar mit Fritz die Hallesche Missionskonferenz besucht, reiste ich Mittte März zur Ephorenkonferenz nach Naumburg, die dismal der neue Generalsuperintendent Holzheuer leitete. Er leitete sie ein durch einen Abendgottesdienst im herrlichen Dome, der aber von den Naumburgern wenig Teilnahme fand, die Verhandlungen waren kurz, fast überstürzt, viel Diskussion war ihm nicht erwünscht, Kritik war ihm überall verhasst. Er war ein unverbesserlicher Optimist, der die Schattenseiten der kirchlichen Verhältnisse nicht gerne sehen wollte, Persönlich war er sehr liebenswürdig, am meisten gegen die Gegner auf theologischem und kirchlichem Gebiet. Ich glaube, dass er für mich nie Sympathien hatte, wenn er mir auch nie unfreundlich begegnete.

Die Osterzeit brachte uns verschiedenen lieben Besuch: Frau Niemann, die mehrere Kinder zu den Sommerferien einlud, dann den Sohn meines lieben Tübinger Freundes Claus Brüning, der leider so früh verstorben war. Der Sohn war in Halle im Wingolf und besuchte uns mit Matthias Kiagh. Endlich war Ende April Pastor Max Braun von der Berliner Stadtmission unser Gast. Ich glaube, er war zu einem Fest für Innere Mission gekommen. - Für die Hausmutter, die nur mit einem Mädchen wirtschaftete und keine andere Stütze hatte als Martha, die noch Schulkind war, war der viele Besuch nicht nur reine Freude, sondern auch vermehrte Arbeit.

In diesen Wochen siedelte Fritz Wiebel mit seiner Frau nach Gardone am Gardasee über, wo er Heilung für seinen Hals erhoffte. In der Folge gab er seine Stellung bei Merkels in Elberfeld auf und fing in Salo ein Familienpensionat an, um dauernd in der milden Luft zu bleiben und den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber alles vergebens. Das Übel war bereits zu weit fortgeschritten. Für die ganze Familie war seine Krankheit ein schwerer Druck und Schmerz um den schaffensfreudigen, lebensfrohen, liebenswürdigen Mann. Welcher Schmerz besonders für den alten, einsamen Vater, den Sohn von Elberfeld scheiden und so früh hinwelken zu sehen!

Ende April (29.4.) führte ich Pastor Alicke in Emseloh ein, nachdem Pastor Müller zu meiner Freude versetzt war. Welcher Gegensatz zwischen den beiden. Bei Pastor Müller war alles auf den äußeren Schein berechnet, ein begabter Mann, aber ohne inneren Halt und Würde, ohne Verständnis für geistliches Leben. Pastor Alicke dagegen ein schlichter, ängstlicher Mann, der es herzlich gut meinte, wohl kindlich fromm, der es aber vor lauter Bedenklichkeiten zu nichts brachte. Er hat gewiss nach besten Kräften gearbeitet, aber bei seiner Art und Begabung gelang es ihm nicht, eine bessere Stelle als sein Vorgänger zu erlangen, die ihm bei seiner großen Kinderzahl und völligen Mittellosigkeit zu wünschen gewesen wäre. Und nun ist er so früh durch Schlaganfälle dienstunfähig geworden und wird auch heute noch durch die Hilfe der Amtsbrüder im Amte erhalten, um ihn vor der Mittellosigkeit der Pensionierung zu bewahren. Und dazu nun der Verlust seines Ältesten im Kriege, ein furchtbar schweres Lebensgeschick.

Pfingsten hatten wir den Besuch von Käthe Voget aus Berlin, der wir die Herrlichkeiten des Kyffhäuser zeigen durften. Am 2. Juli traten wir unseren Sommerurlaub an und reisten mit Hans und Frl. Stein nach Juist.

Fritz war nach Erlangen gefahren, um sich zum Militärdienst zu melden, reiste dann zum Großvater nach Elberfeld, wo er fleißig auf sein 1. theol. Examen arbeitete. Erich war noch in Bernburg, Lili in England, Martha fuhr mit den Bremer Tanten nach Sophienhof, die 4 Kleinen blieben unter der Obhut von Frl. Laube zu Hause, waren zeitweise in Lengefeld und Großleinungen im Pfarrhause eingeladen.

Wir fanden in Juist angenehmes Quartier ziemlich am Ende des Dorfes mit dem Blick auf die weiten Wiesen und das Watt. In demselben Hause wohnte der Amtsgerichtsrat Haccius aus Hannover mit einem Sohn in Hansens Alter und einer Tochter, einem wilden, frischen Mädel, mit denen Hans viel verkehrte. Nun haben wir ihn hier wiedergesehen, ein vielbeschäftigter, auch in christlichen Liebeswerken an leitender Stelle mitarbeitender Mann. Auch mit einer Bremer Familie Noltenius hatten wir Verkehr. Mit ihnen waren wir an einem Abend ins Loog im Ostland gewandert. Da wurde uns die Freude, Meerleuchten in seltener Schönheit zu sehen. Eine Segelpartie mit mancherlei Fährlichkeiten führte uns nach Norderney, wo wir das moderne vornehme Badeleben sahen und uns der größeren Einfachheit Juists erfreuten. Aber auch Juist und Borkum hatten schon damals viel von ihrer früheren Gemütlichkeit und Einfachheit eingebüßt. . Zum Schluss unserer Ferienzeit fuhr ich mit Mutter über Norderney nach Helgoland, das wir zugleich mit dem Kaiser und seiner Familie besuchten, und dann über Hamburg nach Hause.

Im September besuchten wir zusammen Georgis auf zwei Tage in Braunlage, im Oktober Gründlers in Barby, und dann hatten wir vom 18. - 20. Oktober den lieben Besuch von Siegfried und Dorothea, die uns ihre einjährige Eva brachten. Mutter Meta hätte sie gewiss gerne behalten - ihr Jüngster war ja schon 6 Jahre und Ostern zur Schule gekommen. Meta-Tochter aber sagte Weihnachten, als Tante Joedicke ihr eine riesige Puppe schenkte: Nun sind wir unser zehn. Gut, dass Evchen ihren Eltern treu blieb und Klein-Metas Kind nicht lebendig wurde.

Am 1. Oktober wurde Erich in Bernburg mit seinem Dienstjahr fertig. Da er keine Stelle im Ausland gefunden hatte, arbeitete er bis Ende des Jahres als Volontär in der Maschinenfabrik in Sangerhausen, ging dann Anfang 1901 als Commis nach Genua zu Leupold Fratelli, von Mutters Vetter, Herrn Ali Lampe, sehr freundlich aufgenommen. Fritz, in Erlangen als untauglich abgewiesen, war von Herrn Sanitätsrat Nürnberg in Sangerhausen zu allen Waffengattungen tauglich erklärt worden und trat am 1. Oktober in Marburg bei den Jägern ein, machte von da aus am 8. Oktober in Koblenz sein 1. theol. Examen.

In diesem Herbst wurde Schwager Hermann von Below nach Hilchenbach als Seminardirektor versetzt, für uns eine gewisse Beruhigung, da nun wieder eins der Kinder in erreichbarer Nähe des lieben Vaters in Elberfeld war.

Aus meinem Kränzchenbrief in diesem Jahre (geschrieben auf Anregung von anderer Seite): Ich halte hier Bibelstunde in einem Saale, die Hörerinnen (wenige Hörer) sind eine kleine Schar, dem Mittelstande angehörig, die gerne tiefere Kenntnis und Erkenntnis aus der Schrift wollen. Ich suche, die Schriftkenntnis durch fortlaufende Betrachtung eines bibl. Buches zu fördern, jetzt Johannisevangelium. Ich suche, möglichst einfach zu sprechen, auch tritt das erweckliche Element mir dabei nicht in den Vordergrund. Es sind alles Menschenkinder, die schon ein wenig angefasst sind. Leider sind die kleinen Leute hier so gar unkirchlich und gleichgültig wie die Oberen (5.3.1900).

Das Leben läuft in der gewohnten Weise weiter. Was ich aber am liebsten sehen möchte: das Aufgehen der Saat, gar das Ernten, davon ist leider wenig zu sehen. Ich bin auch nicht überzeugt, dass Generalkirchenvisitationen Wesentliches zu leisten vermögen. Die Eindrücke gehen zu rasch vorüber und haben zu wenig Möglichkeit, sich zu vertiefen. Den Eindruck habe ich auch immer wieder bei meinen Kirchenvisitationen ebenso wie bei den meisten christlichen Festen. Es fehlt zu sehr die Möglichkeit der Weiterpflege, weil es uns hier an regelmäßigen Kirchenbesuchern fast ganz fehlt.

Ob längere Evangelisationsarbeit in einer Gemeinde fruchtbarer ist, kann ich aus Erfahrung nicht entscheiden. In einer ländlichen Gemeinde in hiesiger Gegend ist die Frucht einer achttägigen Evangelisationsarbeit wenigstens, dass der Geistliche jetzt eine wohlbesuchte Bibelstunde hat, die er vorher nicht zustande brachte.

Die Gemeinschaftsbewegung, die so eng mit der Evangelisationssache verbunden ist, scheint ja bedeutende Fortschritte in Deutschland zu machen. Es wundert mich auch nicht. Charakteristisch für unsere kirchlichen Zustande ist der zähe Konservativismus in Beziehung auf Konfirmationspraxis wie auf kirchliche Baudenkmäler. Es ist jetzt schon in letzter Beziehung eine wahre Manie herrschend, das Alte, und mag es noch so abscheulich sein, zu erhalten. Ich habe da eine alte enge Dorfkirche (in Bornstedt), deren Emporen seit Jahren polizeilich gesperrt sind. Die Männer, die dort saßen, haben sich inzwischen ganz der Kirche entwöhnt. Die Gemeinde will neu bauen. Die Herren in Berlin aber wollen konservieren, und wenn's nicht anders geht, wenigstens die eine Längswand der Kirche, und über den Verhandlungen gehen die Jahre dahin.

Wichtiger ist ja freilich die Frage der Konfirmation. Es ist mir erstaunlich, wie viele sich über ihren Wert täuschen, ich meine nicht des Unterrichts, sondern der Konfirmationshandlung. Ich glaube, sie ist im ganzen genommen, ein Fluch für unsere Kirche.
Es mag in vielem kirchlichen Handeln Schein statt Wesen und Wahrheit sein, aber nirgends so viel wie hier. Je länger ich beobachte, umso mehr exorbitante Beispiele begegnen mir (2. 9. 1900).

Über die Konfirmationspraxis will ich nicht weiter schreiben. Es liegt mein (von dem Eurigen abweichendes) Urteil wohl daran z.T., dass ich vielleicht kritischer und pessimistischer angelegt bin als mancher andere, vielleicht auch daran, dass wir hier ungünstigere Verhältnisse haben. Ich habe viele Kinder, bei denen es an jedem sittlichen Ernste fehlt, auf die ein Einfluss zu gewinnen mir unmöglich ist. Die Hauptschuld liegt fast allemal am Elternhaus. Es ist doch nicht Lust an Neuerungen oder bloß Unverstand, wenn seit Wicherns Tagen die Klagen über die Konfirmationspraxis nicht verstummen wollen und viele der ernstesten Geistlichen behaupten, dass sie in ihrem Gewissen durch diese Sache schwer bedrückt seien (31. 3. 1901).

Weihnachten fehlten diesmal Fritz und Lili im Kreis unserer Kinder. Fritz hatte in Marburg keinen Urlaub bekommen, erst am Heiligen Abend meldete uns ein Telegramm, dass er gar nicht kommen dürfe. So war auch kein Paket an ihn abgegangen, da wir ihn am ersten Festtage erwartet hatten. Er durfte in Marburg im Hause der Geschwister Below mitfeiern - doch packte ihn plötzlich das Heimweh, und am 2. oder 3. Festtag erschien er plötzlich bei uns ohne Urlaub. Der Schreck war groß, aber der gute Feldwebel Holz hielt reinen Mund, und am nächsten Tag reiste er nach Marburg zurück. Zum Glück verlief der törichte Streich ohne üble Folgen für ihn. Lili hatte mit Schmerzen Abschied von ihren geliebten Moons genommen und feierte das Fest im Hause der Frau Lejeune in Manchester. Sie kehrte am 7. Februar 1901 zu uns zurück über London und Elberfeld, wo sie länger blieb.

Unsere Weihnachtsfeier beschreibt Mutter in ihrem Rundbrief: 
"Mein lieber Fritz überraschte die Kinder mit dem großen Schönherrschen Transparent. Er hatte es in dem Esszimmer vor dem Fenster aufgehängt, dahinter brannte eine große Lampe, im übrigen war das Zimmer dunkel, so dass die wunderschönen Farben und Lichteffekte des Bildes zur vollen Geltung kamen. Wir sangen zusammen, die Kinder sagten ihre Lieder und Sprüche und die Festgeschichte auf, während einer der großen Söhne die Lichter am Baume entzündete. Im Glanz von mehr als 80 Lichtern erstrahlte die wirklich herrliche Edeltanne, die ihre breiten Äste weit hinten nach allen Seiten ausstreckte. Erich hatte einen sehr hübschen Aufbau für den Bethlehemsstall und die Hirten mit den Engeln gemacht, auf einem Waldwege ziehen die Weisen aus dem Morgenland heran. Er hatte sich viel Mühe gegeben, und es ist ihm sehr nett geglückt."

Mutter erhielt zu diesem Weihnachtsfest das blaue Ess-Service, das sie selbst vorher in Leipzig gekauft hatte. Das Weihnachtsfest feierte Fritzens Freund Percival Booth mit uns.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04