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Am 4. Januar verließ uns Erich, um in Genua seine neue Stelle anzutreten.

Am 22. Januar war ich in Halle, wollte auch Frau Oberstleutnant Gross, die ich krank wusste, besuchen. Als ich unten ins Haus kam, lag da ein Sargdeckel, und es war mir sofort klar, dass sie gestorben war. Als ich oben in ihren Wohnung kam, fand ich nur ihre Nichte bei der Leiche der Tante, von der ich tieferschüttert Abschied nahm. Mit ihrem Tod war eine treue Freundin, die uns und unseren Kindern in Treffurt viel Liebe erwiesen, hingegangen.

Mitte Februar war ich wieder in Halle, mit Meta zur Missionskonferenz. Wir trafen Joedickes dort und freuten uns dieses Wiedersehens, auch mit Hans, der nach Oberprima strebte, waren wir öfter zusammen. Ich erwog damals ernstlich den Gedanken, auch die anderen Jungen nach Halle auf die Latina zu bringen im Blick auf eine mögliche Versetzung, besprach die Sache auch eingehend mit Direktor Rausch. Leider aber kam es nicht dazu, da es mit meiner Versetzung nichts wurde. Leider sage ich um der Söhne willen, ihnen und mir wäre viel Ärger vielleicht erspart geblieben. Im Anschluss an die Hallesche Missionskonferenz fuhr ich nach Naumburg zur Ephorenkonferenz. Es war die letzte in Naumburg. Generalsuperintendent Holzheuer hatte wenig Entgegenkommen für den Gottesdienst im Dom gefunden - so verlegte er fortan die Konferenzen nach Bad Kösen. Ein sehr glücklicher Gedanke, da hier alle Superintendenten im "Mutigen Ritter" zusammen wohnten, wodurch der persönliche Verkehr untereinander sehr gefördert wurde. In Naumburg und später in Magdeburg dagegen wohnten die Herren in der ganzen Stadt zerstreut. Noch schöner wurden die Konferenzen, als auch "die lieben Fauen" nach Kösen mit eingeladen wurden, deren Zusammensein unter der Aufsicht und Obhut der lieben Frau Generalsuperintendent Holzheuer vielleicht noch ersprießlicher war als das der Männer zur Behandlung vieler Fragen "im Fluge", wobei nicht viel herauskam.

Der März brachte uns den Genuss, in Sangerhausen "die Schöpfung" zu hören, eine sehr anzuerkennende Leistung des Gesangsvereins und ihres wackeren Dirigenten, Organist Osterloh.

Am 28. März, dem 7. Geburtstag Kurts, beklagt Mutter in dem Brief an die Geschwister, dass sie keine kleinen Kinder mehr habe und dass ihr Fritz durch kalte Füße und Beine immer leide, damals ahnten sie und ich noch nicht, wovon das der Anfang war.

Am 31. März feierten wir Marthas Konfirmation, schon unter dem Eindruck der bevorstehenden Trennung, da sie die Sangerhauser Schule durchgemacht hatte und noch zwei Jahre in Halle die Höhere Töchterschule an den Frankeschen Stiftungen besuchen wollte. Für Hans und sie war in der Folge der gemeinsame Aufenthalt in Halle große Annehmlichkeit.

Von Gründonnerstag bis Osterdienstag hatten wir die seltene Freude, den lieben Vater aus Elberfeld bei uns zu sehen (4. - 9.4.). An dem Karfreitag starb ganz plötzlich der Pastor der altluther. Gemeinde Seehaver, der Nachfolger Wobesins. Er war auch Wingolfit, aber er hielt sich mehr zurück, so hatten wir wenig verkehrt, waren nun aber durch den so ganz unerwartet durch einen Schlagfluss in kräftigstem Mannesalter Weggerafften tief erschüttert.

Der April brachte uns den Besuch von Mutters Freundin Hanna Heidsieck, das Pfingstfest Tante Bertha und Aug. Schmitz, auch zur Hauptversammlung des Evang. Bundes wieder Freund Gründler aus Barby. Da war es gut, dass Mutters treue Stütze ihr treulich zur Seite stand. Und mir war sie Stütze und Pflegerin auf einer kleinen Harztour, die wir vom 3. - 5. Juni unternahmen, um meinen müden Leib etwas aufzufrischen.

Grade als Lili und ich abreisen wollten, kam die Trauerkunde, dass Mutters Bruder Fritz in Salo unter sehr bedauerlichen Umständen, so fern von der Heimat, am 3.6. gestorben sei. Bei der weiten Entfernung konnte keins der Geschwister außer Calvinos zu der einsamen Witwe in Salo kommen. Da ich aber zu der mir notwendigen Ausspannung keine anderen Tage frei hatte, reiste ich mit Lili. Wir fuhren zuerst nach Stöberhai, wo ich, heiß von dem steilen Aufstieg vom Bahnhof, mich auf den zugigen Aussichtsturm setzte. Am anderen Morgen wanderten wir nach Braunlage, besuchten Georgis in ihrem traulichen Heim am Walde, er geleitete uns ein Stück auf dem Weg durch den herrlichen Wald. Dann ging's nach Elend, Schierke, mit der Bahn auf den Brocken, wo wir einen ziemlichen Umblick hatten. Aber als wir abwärts stiegen, fing's an zu regnen, und pudelnass kamen wir im strömenden Regen an der steinernen Reune an und mussten den schönen Tag an den Wasserfällen mit der Bahnfahrt nach Wernigerode vertauschen, wo ich recht elend ankam. Opium und ein von Lili im Hotel mir verschafftes Grützensüppchen brachten mich wieder auf den Damm, und wir konnten am anderen Morgen durch das Mariental nach Elbingerode wandern. Dann zur Baumannsholle nach Altenbrack und von da mit einem Wägelchen nach Treseburg und dann wieder zu Fuß durch das Bodetal mit seinen unzähligen Krümmungen und immer neuen Schönheiten nach Thale, von wo uns abends die Bahn nach Hause brachte. Wie habe ich solche Wanderungen durch den Harz - zumal in der Gesellschaft der Kinder - immer wieder genossen und genieße sie noch heute in dankbarer Erinnerung.

Am 14. Juni war ich zu einer Konferenz der Militärgeistlichen der Provinz Sachsen auf dem Kyffhäuser. Ich war seit Beginn meiner Sangerhäuser Wirksamkeit mit der Militärseelsorge betraut. Zu den Militärgemeinden gehörten die Offiziere und Mannschaften des Bezirkskommandos und die Gendarmen - unnormal, dass sie nicht wie anderwärts den Zivilgemeinden zugewiesen waren. Ich erhielt jährlich 50 Mark, wovon dem Küster 10 Mark zufielen. Alle vier Wochen kamen die Mannschaften zum Gottesdienst, und ich hatte die vorkommende Amtshandlung zu verrichten. Seit einigen Jahren war ich durch Militäroberpfarrer Konsistorialrat Dr. Hermens zu den Konferenzen der Militärgeistlichen eingeladen worden, war aber nie der Einladung gefolgt, da Reise und Aufenthalt in Magdeburg mir zu kostspielig waren. Hermens war mir lange befreundet, war mit mir im Bonner Wingolf gewesen, in Berlin sahen wir uns öfter, als ich dort studierte und er Domhilfsprediger war, ich war auch öfter in Aachen im Hause seiner liebenswürdigen Mutter gewesen. Da nun die Konferenz diesmal auf dem Kyffhäuser war, glaubte ich, es Hermens schuldig zu sein, einmal seiner Einladung zu folgen. Es interessierte mich auch, einmal einen Einblick in diese Kreise zu tun. Ich hatte aber dann nicht den Wunsch, ein zweites Mal an solcher Konferenz teilzunehmen. Der offizielle Teil bot wenig, weder nach der wissenschaftlichen noch nach der praktischen Seite, und die Privatunterhaltungen drehten sich meist, soweit ich zu hören Gelegenheit hatte, um Rangverhältnisse, Ordensverleihung und dergl., der Offizierston und die Offiziersallüren waren mir nicht nach dem Sinn.

Erfreulicher war mir eine andere Zusammenkunft bald darauf: das Wallhäuser Kirchenfest, zu dem Trippenbachs in ihren Kirchberg viele Gäste eingeladen hatten, mit denen wir einen sehr fröhlichen Nachmittag oben am Berge verlebten. Eine Fotografie hat die Erinnerung an die Teilnehmer festgehalten.

Am 23. 6. wurde Pastor Freund in Rotha anstelle des ausgeschiedenen Pastor Thiemann gesetzt, der nach Trenstedt versetzt war. Die Einführung brachte mir wieder eine schöne Fahrt nach Rotha. Der Wechsel aber brachte der Ephorie keinen wesentlichen Gewinn. Pastor Freund, durch Verwandtschaft mit einer Rothaer Familie gewählt, war ein gutmütiger Mann, in seinem Äußeren etwas bäuerlich und in seiner Weise wohl für eine ländliche Gemeinde geeignet. Er verstand die Leute und sie ihn, aber zu tieferer Einwirkung war er wohl nicht geeignet. Ich aber war dankbar, dass ich durch ihn nicht so manche Schwierigkeit wie mit seinem Vorgänger hatte.

In den Sommerferien reiste Willi mit Meta nach Treffurt, Hans mit seinem Freund Rose nach dem Riesengebirge, ich aber fuhr mit Mutter am 27. Juli nach der Schweiz, wohin uns diesmal die Silberne Hochzeit der Geschwister Calvino führte. Die Kinder blieben unter Lilis Obhut, Paul Rose übernahm die Beaufsichtigung der Schularbeiten der drei Gymnasiasten.

Montag 29. 7. fuhren wir nach Marburg zu den Geschwistern, Dienstag nach Brunnen und Mittwoch nach Lugano. Hier trafen wir Vater Wiebel und von den Geschwistern nur Karls Frau Paula mit ihrer Tochter Gertrud, um derentwillen sie sich längere Zeit in der Nähe von Lugano aufhielt. Eine Überraschung war es, den Pastor Adolf Hermann aus Furtwangen in Baden zu treffen, dessen Verlobung mit Ada Calvino bekanntgegeben und gefeiert wurde.

Am Sonnabend, 3. August feierten wir das Silberpaar. Sonntag predigte ich für Paul im deutschen Gottesdienst im Gartensaal des Hotel du Paris und nachmittags machten wir eine schöne Fahrt auf dem See als Nachfeier. Montag fuhren wir über den Gotthard nach Luzern und Sarnen, ich glaube bis Luzern mit Vater, und fuhren den nächsten Tag nach Melchtal und stiegen hinauf nach Melchsee Frutt, steiler Weg von drei Stunden auf einem Saumpfad. Melchsee Frutt liegt fast 1900 m hoch in einem kahlen Hochtal mit dem Blick auf den Titlis und seine Umgebung. Die Ansiedlung bestand nur aus Sennhütten und zwei sehr primitiven Hotels mit guter Verpflegung. Ich glaube, Otto Lauterberg hatte uns den Aufenthalt dort empfohlen, er kam auf einige Tage zu uns. Ich machte mehrere schöne Wege auf den Boui, Balmeregg und vor allem den Hohenstollen mit großartiger Aussicht. Aber schon Sonnabend ereilte mich mein Geschick. Ich wurde krank. Ein Arzt, der in dem anderen Hotel war, ein Dr. Lublinski, nahm sich freundlich meiner an und erklärte, die Luft sei für mich da oben nicht zu ertragen, ich müsse so bald als möglich in tiefere Lage. Aber der Montag und Dienstag brachten so dichten Nebel, dass an einen Abstieg nicht zu denken war. Endlich war ich Mittwoch, den 14. 8. imstande, den Abstieg zu unternehmen, und kam glücklich, wenn auch mit großer Anstrengung, nach Melchtal und abends nach Brienz, traurig, dass ich manche noch geplante Tour nicht hatte ausführen können, froh aber, dass ich mich wieder wohl fühlte. Wir ließen uns nun in Goldswyl bei Interlaken nieder in der Pension Helvetia, wo wir vom 15. - 21. August weilten und täglich Gänge in die Umgebung machten: nach Ringgenberg, durch das Habkerntal nach Habkern, auf den Harder, den Abendberg mit seinem Blick auf den Thunersee. Hier war ganz kurz vorher ein Fotograf aus Mannheim an einer ganz ungefährlichen Stelle beim Blumensuchen auf einem Abhang ins Rutschen gekommen, abgestürzt und sofort gestorben. Man hatte eben seine Leiche geborgen, "wer weiß, wie nahe mir mein Ende". Der Sonntag führte uns am Vormittag in die Kirche nach Tinggenberg, am Nachmittag über den Brienzer See nach dem Gissbach. Der Höhepunkt aber war der Besuch der Schymige Platte. Mutter fuhr mit der Bahn hinauf, ich pilgerte den 4 Stunden weiten Weg von Gsteig hinan, um 10 Frs. zu sparen. Es war ein selten schöner Tag, so dass der Weg sich wohl lohnte. Oben die bekannte gewaltige Aussicht auf die ganze Kette der Berner Alpen, die man vielleicht nirgends schöner in einem Blick vor sich hat (wenn nicht etwa der Blick vom Faulhorn, noch 700 m höher, noch umfassender ist), dazu die herrlichste Beleuchtung, die man sich denken kann. So war dieser Tag einer der schönsten aus allen meinen Schweizerreisen, umso schöner, da ich ihn mit Mutter zusammen genießen durfte. Der nächste Tag brachte uns den Besuch Lauterburgs, mit dem wir seinen Freund, den Pfarrer in Ringgenberg, besuchten. Mittwoch (21. 8.) fuhren wir nach Bern, waren mittags bei L. zu Gast, besuchten am anderen Morgen Pastor Bovet und seine Frau (einen Vetter meiner Mutter, Vorsitzender des Weltbundes des blauen Kreuzes) und fuhren nachmittags nach Mainz, wo wir einen gemütlichen Abend mit Hermann W., der dort eine Offiziersübung machte, verbrachten. Am Freitag (23.8.) überfielen wir Siegfried und Dorothea in Reichenbach und blieben in ihrem gemütlichen Heim 4 Tage, leider das einzige Mal, dass ich die Freude hatte, bei ihnen einzukehren. Reichenbach liegt hoch über dem Nahetal, von Station Kronweiler führt eine steile Straße hinan. Oben viel Wald und schöne Berge. So wurden die Tage zu vielen Gängen in die Wälder und Berge genutzt, auf die Frauenburg, den Feldberg. Das Schönste aber war die Freude an dem jungen Glück dieses Geschwisterhauses, damals die kleine Eva die alleinige Besitzerin der elterlichen Liebe. Wie reizend der junge Vater mit Klein-Eva auf der Schulter (in unserem grünen Foto-Album). Am 27.8. kehrten wir dann noch bei dem einsamen Karl in Rüsselsheim ein (seine Frau war noch mit Trude in Lugano), am Mittwoch fuhren wir über Frankfurt nach Nauheim, hatten dort einige Stunden mit Ali Lampe und seiner Frau aus Genua, die dort zur Kur waren, um mit ihm über Erich zu sprechen, und waren abends bei Georg und Minni in Marburg. Und Donnerstag, den 29. 8., heim - ich wenigstens, Mutter blieb noch zwei Tage bei den Geschwistern. Das war eine schöne Reise, reich an den herrlichsten Naturgenüssen, reich an viel erfreulichem Verkehr mit allen Geschwistern, und dazu zu Hause alles wohlversorgt, - da konnten wir ausruhen und Leib und Seele erquicken. - Die nächste Zeit brachte wieder mancherlei Unruhe und Abwechslung.

In den ersten Tagen des September erschien plötzlich Matthias Liebold aus Bethel mit 5 seiner Söhne, alle zu Rad, alle mit einem Horn bewaffnet, und bliesen ein lustiges Lied. Nach kurzer Rast bei uns fuhren sie nach Brücken zu Frl. v. Trebra, mit der sie befreundet waren. Sie hatten eine Radtour durch Norddeutschland gemacht, die alte Heimat des alten Pastor Liebold in der Provinz Sachsen aufgesucht und landeten nun unter dem Kyffhäuser. An einem der folgenden Tage lud uns Frl. v. Trebra zu einer gemeinsamen Tour auf den Kyffhäuser ein, ein großer Partiewagen aus Sangerhausen brachte uns nach Brücken und von da mit Trebras und Liebolds zum Fuße des Kyffhäuser. Seitdem wurden wir mit Frl. v. Trebra bekannt, und in Naumburg haben wir die alten Beziehungen neu angeknüpft. Jener Tag mit den fröhlichen Liebolds war für alle eine Freude.

Vom 10. bis 28. September war Lili in Marburg, um Minni und Georg bei ihrem Umzuge nach Tübingen zu helfen. Am 1. Oktober war Fritz in Marburg nach seinem Dienstjahr entlassen, blieb eine Zeit lang zu Hause, besuchte im November und Dezember 6 Wochen das Seminar in Rheydt und trat am 1. Januar als Lehrvikar bei Pastor Bungeroth in Gladbach ein.

Vom 10. - 11. Oktober war ich zur Ephorenkonferenz nach Kösen, vom 14. - 16. war ich im Westen, unruhige Tage zwischen zwei nächtlichen Reisen. Ich hatte bisher meine Bank in Elberfeld, und Fritz Wiebel hatte mir meine geschäftlichen Sachen besorgt. Er hatte mir ein größeres Kapital in drei Hypotheken angelegt, ich kannte aber die Schuldner nicht. Um nun besser orientiert zu seine und meine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, da Fritz gestorben war, fuhr ich nach Elberfeld. Ich überraschte Vater, machte viele geschäftliche Wege, befuhr mit Vater die neue Schwebebahn und besuchte mit ihm die Müngstener Brücke, die beiden neuen Sehenswürdigkeiten Elberfelds, beide wirklich sehenswert, und fuhr nach Mönchen-Gladbach, um P. Bungeroth und seine Frau kennenzulernen, da Fritz vom 1. Januar an ihr Hausgenosse werden sollte. Von Freunden sah ich nur Pastor Bausch, fuhr dann nach Gütersloh zu Prof. Zander und anderentags nach Bielefeld, um die Anstalten in Bethel kennenzulernen und meinen lieben alten Pastor Liebold, der pensioniert in Bethel neben seinem Sohne Matthias lebte, noch einmal zu sehen. Er und ich waren alt geworden, wie lange, seit ich als Schüler in seinem Pfarrhause ein und aus ging, seit er mich in Schildesche konfirmierte! "Wie oft bin ich als Kind", schrieb ich über meinen Besuch in Bethel im Briefkränzchen, "dort auf dem Sparen- berg gewesen. Und nun dort auf der mir so wohl bekannten Stätte unter dem Sparenberg diese Stadt christlicher Liebe. Wie viele schmerzliche Eindrücke von der überwältigenden Fülle des Elends und zugleich welche herzstärkenden Eindrücke von der Macht christlichen Glaubens und christlicher Liebe."

In der Nacht vom 18. zum 19. Oktober kehrte ich heim. Vom 20. - 29. Oktober fand dann in der Ephorie wieder eine Missionspredigt statt, bei der u.a. Pastor Strümpfel aus Sachsenburg und Missionar Düring aus Transvaal uns freundlich dienten. Die wiederholten Predigtreisen und die jährlichen Missionsfeste hatten den Erfolg, dass sich die Gaben für die Mission mehrten, ob aber auch das Interesse für die Missionsarbeit wuchs, ist nur zweifelhaft, wenigstens waren die Versuche, Missionsblätter einzuführen, erfolgreich. Missionsschriften und -schriftchen wurden gekauft und wohl auch gelesen.

Am 12. November fuhr Meta-Mutter zu den Tanten nach Bremen, nicht um selbst auszuruhen oder Erholung zu suchen, sondern um sie in ihrer Trübsal zu trösten, da Tante Adelheid an Gürtelrose schon lange krank darniederlag. So war Mutters Reise für die Tanten ein Liebesdienst, für uns beide die Trennung ein Opfer, das wir gerne für die Tanten brachten, die uns so viel Liebe erwiesen hatten. Sie hatte in Bremen auch die Freude, viel liebe Bekannte: Henke, Augeners, Stoeversandt, Noltenius zu begrüßen, auch am Bußtagabend ein geistliches Konzert im schönen Dom zu hören. Am Freitag vor dem Totenfest (22. 10.)kehrte sie heim und hatte die Beruhigung, dass Tante Adelheids Zustand sich inzwischen wesentlich gebessert hatte.

Wir hatten in diesem Jahre das Glück, von Krankheit verschont geblieben zu sein, ich fühlte mich so frisch und leistungsfähig wie lange nicht - nur der arme Hans hatte viel durch sein Asthma zu leiden. Im Frühjahr hatte er wieder eine böse Nasenoperation zu überstehen, war danach 14 Tage zu Hause, im Mai hatte er sich das Knie beim Radeln verletzt und war von dem Halleschen Anstaltsarzt verkehrt behandelt, zu Hause aber bald durch Dr. Seyffert hergestellt worden. Im November schreibt Mutter von Bremen, dass er wieder einen Unfall gehabt und am Bein verletzt sei.

In diesem Jahr starb in Sangerhausen Frau Staatsanwalt Schrader, die mir nahe gestanden, und Herr Gasanstaltsdirektor Baumeister Linke, mit dem ich viel im Gemeindekirchenrat zusammengearbeitet hatte. Er war ein liebenswürdiger, immer entgegenkommender Mann in glücklichen häuslichen Verhältnissen, das traurige Opfer der ärztlichen Kunst des Dr. Nürnberg, der eine lange schleichende Rippenfellentzündung als Fettsucht diagnostiziert hatte!!

Auch der Tod von zwei Freunden unserer Jungen ging uns sehr nahe. In Marburg erschoss sich Fritzens Freund, ein Theologe, und in Halle Hansens Freund, der jüngste Petersilie, beide aus religiösen Gründen.

Am 30. Dezember feierten wir mit allen Kindern außer Erich sehr froh und dankbar in stillem häuslichen Kreis unseren 25jährigen Verlobungstag als Vorfeier des 25jährigen Hochzeitstages im Mai 1902.

Aus dem Briefkränzchen vom 31. März 1901:

Ich lese jetzt in einem Kränzchen mit einigen Amtsbrüdern Harnecks Wesen des Christentums und bin bei aller Anerkennung der feinen Diktion und auch des Inhaltes mancher Stellen doch erschrocken über diese Entleerung des Christentums und über die Anerkennung, die die Schrift in weiten Kreisen findet, erschrocken auch über manche Artikel, die die "Christliche Welt" in letzter Zeit brachte, in denen von dem sagenhaften Charakter mancher Patriarchengeschichten als von etwas völlig Feststehendem gehandelt wird. Am meisten erschrocken war ich, als ich kürzlich in einem längeren Gespräch mit Prof. Loofs in Halle hörte, dass nach seinem Urteil in einer Generation junger Dozenten eine Richtung erwache, die bald dominieren werde, die auf neutestamentlichem Gebiete dieselbe Stellung einnehme, wie Wellhausen auf dem alttestamentlichen. Er glaubte, dass an eine Umkehr in der Theologie noch lange nicht zu denken sei und dass er und Seinesgleichen bald als zu reaktionär zum alten Eisen getan sein würden. Das sind freilich böse Aussichten, wenn er recht hat (und er hat leider allzu recht gehabt).

Ich las kürzlich Wicherns Briefe. Das Buch hat mich sehr gefesselt. Es ist höchst interessant, in das Werden solchen Mannes, wie es sich in seinen Tagebüchern und Briefen offenbart, hineinzusehen.

Brief vom 2. Dez. 1901: "In meiner Gemeinde scheint die Arbeit meines Amtsbruders Bornhack an der Jugend nicht ohne Erfolg zu sein. Fast wäre er nach kurzem Hiersein uns nach Halle als Leiter der dortigen Stadtmission entführt worden. Ich freue mich, dass er bleibt, Gott gebe, zu weiteren Wegen. Es ist etwas Großes, wenn einer wie er die Gabe hat, auf die Jugend belebend einzuwirken."

Von dem sächsischen Pfarrverein kann ich nicht viel mehr sagen, als die Zeitungen berichten. Ich gehöre nicht dazu und habe manche ernste Bedenken, wenn ich auch nicht zweifele, dass ein solcher Zusammenschluss manchmal von Nutzen sein kann. Hier scheint mir oft, als ob die äußeren Dinge zu viel im Vordergrund ständen, auch scheint die Abneigung gegen alles, was Kirchenregiment heißt, in ihren zu florieren.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04