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3. Januar trat Fritz seine Stelle als Lehrvikar in Gladbach bei Pfarrer Bungeroth an und schrieb bald sehr befriedigt über die häuslichen Verhältnisse in dem liebenswürdigen einfachen Kreise, mit den vielen Jungen, ein Pfarrhaus, das in Art und Geist unserem wohl ähnlich war. Am 2. März predigte er zum ersten Mal in einer Dorfkirche.

Der Februar brachte uns vielerlei Besuch, erst Hanni Calvino, die schon im Winter nach Deutschland kam, da im April die Hochzeit ihrer Tochter Ada sein sollte. Das war für Mutter besondere Freude, mit der lieben Schwester gemütlich austauschen zu können, was möglich, da der Haushalt kleiner war und Lili ihr treulich zur Seite stand. So konnten wir auch beide mit Hanni zur Halleschen Missionskonferenz in Ruhe fahren. Dann kam Fritz Höhndorf mit seiner Frau und vom 19. - 21.2. Schuchardts, die uns Lili auf einige Wochen nach Völkershausen entführten.

Am 18. März machte Hans in Halle sein Abiturientenexamen, hatte so sein Ziel erreicht ohne Zeitverlust trotz Schulwechsels. Er entschloss sich leider, Jura zu studieren, da ihm der frühere Plan, Theologe zu werden, durch allerlei Einflüsse leid geworden war. Dass ich ihn nicht von der Verlegenheitsberufswahl durch ein väterliches Machtwort abhielt, hat Mutter mir sehr verdacht. Ich freue mich aber heute noch, dass ich meinem Grundsatz treu blieb, keins der Kinder in einen bestimmten Beruf hineinzuzwingen. Hätte ich bestimmen sollen, so hätte ich gerne gesehen, wenn Hans Oberlehrer geworden wäre, da er nicht Pastor werden wollte. Zum Unterrichten hat er zweifellos Geschick gehabt. Hoffentlich kommt es für ihn auch noch dahin, dass sein juristischer Beruf ihn mehr befriedigt als bisher.

Nachdem wir im April nach Ostern Besuch von Joedickes und von Missionar Ernst Johanssen und seiner Frau gehabt, brachte uns der Mai den Tag unserer Silbernen Hochzeit, ein - oder vielleicht der Höhepunkt in unserem Leben, ein Tag reinen, ungetrübten Glücks, ein Tag des Dankes im Rückblick auf 25 Jahre, die nicht nur Sonnenschein aber viel Gottessegen über uns und unser Haus gebracht hatten, ein Tag voll froher Hoffnung im Blick auf die fröhliche, aufwachsende Kinderschar. Lange schon hatten die Kinder Vorbereitungen auf den Tag getroffen, schon im April hatte der Anstreicher in unserer Wohnung das Regiment geführt, wie Mutter schrieb, und die Räume waren in neuem Gewand und festlich geschmückt. Leider fehlten viele, deren Anwesenheit gerade an diesem Tage uns besondere Freude gewesen wäre. Erich konnte von Genua nicht kommen, von den Geschwistern Wiebel kam keins außer Siegfried, aber der liebe Großvater war zu aller Freude gekommen und die liebe Tante Bertha aus Treffurt. Am Festtag selbst kamen Müllers von Lengefeld und Frau Glimm mit meinem Patenkind Dora, dass Fritz von Gladbach und Hans und Martha von Halle kamen, war selbstverständlich.

Um Raum für viele Gäste zu gewinnen, hatten wir unsere große Schlafstube ausgeräumt und die kleine Fremdenstube daneben bezogen, und vier der Söhne (Wisst ihr noch?) hausten in der auf dem oberen Boden aus alten Teppichen abgeschlagenen Kammer sehr lustig und friedlich (?).

Und dann brach der 10. Mai an, der Sonnabend nach Himmelfahrt. Lili hat einen ausführlichen Bericht seinerzeit für die nicht Anwesenden verfasst. Ich will hier nur kurz im wesentlichen nach Mutters Rundbrief vom 16. Mai darüber berichten.

"Es war ein in jeder Beziehung wohlgelungenes Fest, an dem wir nur unseren lieben Erich, die Geschwister und Tanten sehr vermissten. Am Sonnabend fing der Tag so schön an. Die Kinder sangen "Herr, deine Güte reicht so weit", in musikalischer Beziehung auch eine Leistung, wenn man bedenkt, dass die erste Stimme von Kurt, Willi und Meta gehalten wurde. Um 8 Uhr schon sangen die Helferinnen des Kindergottesdienstes, dann ging fortwährend die Klingel, es kamen herrliche Blumen, Grüße und später auch viele Besuche. Um 9 Uhr hielten wir dankerfüllten Herzens unsere Hausandacht mit allen, die gerade da waren, es war sehr schön. 

Zu Tisch waren wir 21, also kein sehr großer Kreis, wenn man bedenkt, dass wir mit unseren Hausgästen schon 13 waren. Wir sind sehr dankbar, dass wir den lieben Vater bei uns haben durften, auch dass ich wenigstens meinen geliebten jüngsten Bruder hier hatte, der sogar seine kranke Frau verlassen hatte. Am Samstagnachmittag kamen dann die Kinder mit allerlei Überraschungen, sie haben wirklich reizende Aufführungen gemacht, die letzte größere verdanken wir ja im Text der lieben Minnischwester ..."

Am Sonntag predigte Siegfried für mich und fand viel Lob bei den Sangerhäusern. Am Nachmittag war Stöcker zu einem Vortrag in einer Volksversammlung im Beyernaumburger Wald, zu der wir alle hinfuhren.

Am Montagfrüh fuhr ich mit Vater und einigen anderen - wohl Siegfried - in den Wald. Herr Hornung hatte uns dazu seinen Wagen zur Verfügung gestellt. Am Nachmittag hatten wir die Amtsbrüder mit ihren Familien bei uns. Mutter berichtet: "Am Montag waren wir mit allen Gästen, die wir aber nicht alle eingeladen hatten, 50 Personen. Es war durchaus nicht zu eng in unseren 3 großen Räumen. Wir hatten unser Schlafzimmer aus- geräumt , frisch tapeziert, es ist ein sehr schönes Zimmer geworden. Wie wir hoffen und auch von mancher Seite hörten, ist auch diese Feier allen zur Freude geworden. Als am Abend nach 9 Uhr die Mehrzahl der Gäste fortgefahren war, saßen wir übrigen noch bis gegen 11 Uhr und ließen uns von Siegfried und Bornhak, der seine Mandoline holte, Musik machen. Am Mittwochabend hatten wir dann noch die Helferinnen des Kindergottesdienstes zu einer kleinen Feier hier."

Dankbaren Herzens ging es dann wieder an die tägliche Arbeit, die das bevorstehende Pfingstfest und die am Donnerstag nach Trinitatis bevorstehende Synode reichlich brachten. Auf der Synode wurde ich zum ersten Male zum Deputierten für die Provinzialsynode gewählt, nachdem früher durch Oswalds Intrigen dies vereitelt worden war. Damals war aber nicht er sondern Pastor Eger von Nienstedt gewählt worden. Dieses Mal aber hatte er in der Erkenntnis der Fruchtlosigkeit seiner Quertreibereien aufgegeben, und ich freute mich , in meiner Wahl ein Vertrauensvotum meiner Amtsbrüder und Synodalmitglieder zu erkennen.

Dann ging ich, da auch noch ein Influenzaanfall mich mitgenommen hatte und ich der Erholung bedurfte, am Montag nach Trinitatis auf einige Tage mit Mutter nach Hagental. Diese Tage haben wir sehr genossen - Wald, Stille und ungestörtes Zusammensein, das uns in Sangerhausen so selten zuteil wurde, tat uns beiden sehr wohl. Mit uns war damals Pastor Fritsch aus Berlin, jetzt Superintendent in Hanau, in Hagental, mit dem wir einmal einen schönen Weg, ich glaube zur Victorshöhe, machten. Er war damals Agent des Zentralausschusses für Innere Mission und daher mit allen maßgebenden Personen in Berlin bekannt und ebenso durch viele Dienstreisen in ganz Deutschland herumgekommen, so war er uns ein interessanter und willkommener Begleiter, zumal er auch Wingolfit war.

Die nächste Woche brachte uns dann "den großen Umzug" in unserer Wohnung. Unser altes Schlafzimmer wurde die rote oder gute Wohnstube, die große Mittelstube wurde Wohn- und Esszimmer, das bisherige Wohnzimmer wurde meine Studierstube. Für mich große Verbesserung, da ich mehr Raum und warme Füße hatte, und ich brauchte den Schreiber nicht mehr in meiner engen Studierstube wie bisher arbeiten zu lassen. Die bisherige Studierstube wurde Arbeitsstube der Jungen und des Schreibers, zugleich Archiv, während die dahinter liegende dunkle Kammer, die bisher die Akten beherbergt hatte, nun Schlafstube der Jungen wurde. Diese Umwälzung brachte große Verbesserungen für alle.

In derselben Woche starb Pastor Kleinau in Holdenstedt und wurde von mir am folgenden Montag in Eisleben begraben. Ich hielt ihm dort die Grabrede und am nächsten Sonntag die Gedächtnispredigt in Holdenstedt. Er war nur 7 Jahre in Holdenstedt gewesen. Er war eine zartbesaitete, wenig kräftige Natur, hat kaum tiefere Eindrücke hinterlassen. Seine eine Tochter verheiratete sich mit Dr. Rothmaler, die andere mit dem Sohn des Ortsschulzen in Holdenstedt. Was die wohl für eine Bauernfrau geworden sein mag?

In den Sommerferien gingen Bernhard und Willi zu Schuchardts nach Völkershausen, während Martha bei uns zu Hause war.

Im Juli war das Ephoralmissionsfest in Klosterrohrbach, wobei der Pastor Ullrich sein Talent, durch Veranstaltungen und Reden die Leute zu blenden und zu gewinnen, in reichem Maße zur Geltung brachte, mich aber kalt ließ.

Anfang August trat ich meinen Urlaub an und reiste mit Mutter nach Juist, wo wir diesmal im Dorf in der Apotheke wohnten. Wir hatten die Freude, 14 Tage lang mit Br. Joedicke aus Lützen zusammen zu sein, hatten manchen stürmischen Tag, aber köstliche Bäder,und der viele Regen störte uns nicht allzu sehr. In der dritten Woche besuchte uns Otto Lauterburg einige Tage in Juist, weiß nicht mehr, woher er kam, er fuhr von Juist nach Gladbach, um Fritz zu besuchen. Die vierte Ferienwoche brachten wir dann noch bei den lieben Tanten auf dem Grohn zu, wo wir durch Tante Adeles Krankheit traurige Eindrücke empfingen, aber die Liebe und Gastfreundschaft der Tanten dankbar genossen. Am 3. September waren wir wieder daheim, Lili hatte diesmal keine Sorgen durch Krankheit der Geschwister gehabt, Hans hatte seine Ferien im Werratal verbracht. Im September war wieder die Ephorenkonferenz in Kösen, wohin diesmal mich Mutter wohl begleitet hat. Am 8. September oder bald danach überraschte uns die Nachricht, dass Fritz sich mit Ria Greeven in Gladbach verlobt habe. Zunächst sollte die Sache noch geheim bleiben, bis er Ostern 1903 sein 2. theol. Examen gemacht habe. Da war es uns schwer, dass wir so weit entfernt waren und nicht die Möglichkeit hatten, Fritzens Braut und ihre Eltern kennenzulernen, mussten uns zunächst an ihrem Bild und Briefen genügen lassen, bis Mutter dann im November sich persönlich an der Kinder Glück erfreuen konnte.

Am 1. Oktober war Pastor Voigt pensioniert worden. Zur Verwaltung der Stelle schickte das Konsistorium den Cand. und Hilfsprediger Nitschalk. Am 1.Dezember ging Diakon Kaiser nach Magdeburg als Geistlicher der dortigen Stadtmission - Weihnachten starb dann Pastor Voigt schon, und so mussten für die Ullrichsgemeinde zwei neue Geistliche gewählt werden. Das wurde für die Gemeinde der Anfang einer neuen Zeit. Für die Diakonatsstelle wurde Pastor Nitschalk gewählt und am 22. Februar 1903 von mir eingeführt, für die Pfarrstelle Pastor Ehrke aus Mühlberg a.E., der am 26. April 1903 sein Amt antrat. An beiden hat die Gemeinde tüchtige, arbeitsfreudige ernste Geistliche bekommen, mir liebe Amtsgenossen und Freunde, mit denen wir umso lieber verkehrten, da auch beider Frauen uns sehr sympathisch waren. Br. Ehrkes Frau eine gemütliche Schwäbin, leider nun schon tot. Br. Ehrke war uns schon länger bekannt, er hatte bei seinem Freund Müller in Lengefeld früher seine erste Predigt mit meiner Genehmigung gehalten, da hatte ich ihn kennengelernt, dann sahen wir ihn bei Pastor Müllers Hochzeit. Beide Geistliche arbeiten noch heute an der Ullrichsgemeinde in sichtlichem Segen.

Am 17. Oktober wurde die Provinzialsynode in Merseburg eröffnet. Hiervon aus meinem Rundbrief vom 4. März 1903:

"Ich war zum ersten Mal auf der Provinzialsynode. Wir haben fleißig gearbeitet, aber ich hatte den Eindruck, dass es uns überall an bedeutenden Leuten allzu sehr fehlt. Kein einziger, der die kirchlichen Dinge von wirklich großen Gesichtspunkten aus auffasste. Und dann standen mir die materiellen Fragen, die der Pfarrverein angeregt, so berechtigt jede einzelne Sache an sich war, zu sehr im Vordergrund.

Dass die Pfarrvereine ein Gegengewicht zur Ephorenkonferenz und ihre Herrschaftsgelüste sein sollen, ist mir ganz neu. Unsere Ephorenkonferenzen, an denen ich seit Jahren teilnehme, sind so harmlose Versammlungen, die nicht viel mehr Bedeutung haben, als dass man sich kennenlernt und einen Tag angenehm zusammen ist. Ob es anderswo gefährlicher ist, weiß ich freilich nicht.Ich glaube auch, dass hier im Osten die Zahl der Ephoren, die Herrschergelüste haben, immer kleiner wird. Mein Ephoralamt ist mir, seit ich viel Schreibwerk los bin, sehr lieb durch die seelsorgerlichen Beziehungen zu Geistlichen und Gemeinden, aber darüber geht meine Absicht und mein Einfluss auch nicht hinaus. Im Gegenteil, ich muss immer wieder wehren, dass man mir nicht Entscheidungen und Verantwortung zuschiebt, die Geistliche und Gemeinden selbst tragen sollen, und darin sehe ich eine Hauptaufgabe, die Selbständigkeit und Bewusstsein eigener Verantwortlichkeit zu wecken und zu stärken."

Ich ging also am 17. Oktober mit manchen großen Erwartungen hin, kam in mancher Beziehung enttäuscht wieder, und nachdem ich an drei Provinzialsynoden teilgenommen, war die Enttäuschung noch größer und meine Meinung von der Bedeutung der Synoden noch geringer. Die Verhandlungen fanden in dem prächtigen, sehr zweckmäßig eingerichteten Ständehaus statt, der große Sitzungssaal gerade ausreichend groß und gut akustisch, in den Nebenräumen für Kommissions- und Fraktionssitzungen und für Büro der Synode und Restauration gut gesorgt.

Ich wohnte bei Herrn Sekretär Herzog. Sie war eine geborene Lorenz aus Sangerhausen (ihr Bruder früher in Sangerhausen Lehrer, dann Rektor in Schafstedt, dann in Bütow, zuletzt Stadtschulrat in Hanau). Sie hatte einen starken Redeschwall, sorgte aber gut für die vier Herren, die bei ihr wohnten. Neben einem Salon auf der einen Seite hatte auf der anderen Seite Superintendent Jahr aus Artern ein Zimmer. Morgens nahmen wir für gewöhnlich im Salon unser Frühstück zusammen und verhandelten allerlei kirchliche Fragen. Viel verkehrte ich in den Tagen mit Pastor Schaper aus Möringen, mit dem mich vielerlei verband - Wingolf - gemeinsam die positiv meiste Fraktion und meist gleiche Anschauungen.

Die Synode verlief ganz in parlamentarischen Formen. Es gab drei Parteien, die kleine konfessionelle Fraktion, die stärkste positiv meiste und die Fraktion der Mittelpartei, zu der sich auch die wenigen linksliberalen Elemente hielten. Der Vorsitzende war lange Zeit Graf Wartensleben - Rogäsen, ein parlamentarisch geschulter Mann, der solch große Versammlung vortrefflich leitete. Alle wichtigen Vorlagen und Anträge wurden in Kommissionen vorberaten, die von den Fraktionen im Verhältnis ihrer Stärke beschickt wurden. Ich beging die Torheit, mich in zwei Kommissionen wählen zu lassen, die Verfassungs- und die Kollektenkommission. Ich wünschte, in letztere zu kommen, um die vielen Anträge auf Unterstützung aus vielen Gemeinden meiner Ephorie wirksam unterstützen zu können, bekam dadurch aber eine nicht geahnte Arbeitslast, da es für jedes einzelne Mitglied der Kommission galt, eine große Anzahl von Anträgen vor den Kommissionssitzungen gründlich durchzuarbeiten und zu prüfen. Dazu kamen dann die langen Sitzungen vor und nach den Plenarversammlungen. Vorsitzender dieser Kommission war Landrat von der Recke aus Mansfeld.

Daneben kamen dann die Sitzungen der Verfassungskommission, deren Verhandlungen weit interessanter waren, in der aber selten zeitraubende Vorarbeiten zu den Sitzungen zu leisten waren. Der Vorsitzende war der frühere Hausminister Graf Wedel. Die interessantesten Verhandlungen waren in dieser Kommission die über Privatpatrone, die mir zeigten, wie schwer ihre Beseitigung, wie schwierig und verwickelt die vorliegenden Rechtsverhältnisse sind.
Die Abende waren durch tägliche Fraktionssitzungen ausgefüllt, in der die am folgenden Tage in der Plenarversammlung auf der Tagesordnung stehenden Gegenstände besprochen und die Stellung der Fraktion in vielen Fällen festgelegt wurde. Da hatte man auch Gelegenheit, Bekannte zu sehen und neue Bekanntschaften anzuknüpfen.

Die Plenarversammlungen litten vielfach unter allerlei Rücksichten außerkirchlicher Art, die von den vielen hohen Beamten, die durch königliche Ernennung der Synode angehörten, ausgeübt wurden. Namentlich der Oberpräsident hatte da großen Einfluss, selten wagten Regierungspräsidenten oder Landräte gegen ihn zu stimmen. Dieser Einfluss zeigte sich z.B. in sozialen Fragen, der Duellfrage u.a. Dazu kam eine starke Abhängigkeit vom Kirchenregiment, das kgl. Konsistorium war anwesend und der Kons. Präsident kgl. Kommissar, und diese Herren empfingen wieder ihre Direktive vom Oberkirchenrat, so dass meines Erachtens von einer freien kirchlichen Meinungsäußerung gerade bei den wichtigsten Fragen nicht die Rede sein konnte. Dazu kam auf der Synode die mir unsympathische Wirksamkeit des Pfarrvereins, der in vielen Geistlichen vertreten war. Der Pfarrverein, schrieb ich an meine Frau, gebiert durch seine Mitglieder unheimliche Massen geistlicher Kinder in Gestalt von Anträgen, die alle sehr gut gemeint sind, aber meist das Schicksal haben, abgelehnt zu werden. Hoffentlich sich sie doch nicht ganz wirkungslos. Es ist bei vielen Anträgen zu viel Interessenpolitik für den Pfarrstand.

So bekam ich damals schon und noch mehr bei den späteren Synoden, an denen ich teilnahm, den Eindruck, dass das Ergebnis im Verhältnis zu der aufgewendeten Geistesarbeit und vielem guten Willen und großen Kosten sehr gering war. Viele halbherzige Beschlüsse, die aus allerlei Kompromissen hervorgingen, von denen viele dazu in den Papierkorb des Kirchenregiments wanderten resp. in den Verhandlungen der Generalsynode verschwanden.

Leider habe ich all meine Drucksachen und Akten über die drei Provinzialsynoden, an denen ich teilnahm, in Edersleben vernichtet, so dass ich aus dem Gedächtnis über einzelne behandelte Gegenstände schwer berichten kann.

An dem ersten, in die Tagung der Synode fallenden Sonntag war der Eröffnungsgottesdienst mit Abendmahlfeier, am Abend ein sehr schönes Kirchenkonzert im Dom, am zweiten wollte ich in Sangerhausen predigen, fand aber keine Zeit und Ruhe zur Vorbereitung und bat den Cand. Bruno Meyer um Vertretung, die er mir freundlich gewährte. Nach mehrtägigem Zusammensein mit ihm hatte Mutter aber nicht wie er den Wunsch, dass er zum Diakonus an St. Ullrich gewählt werden möchte.

Ich verbrachte den Sonntag in Halle mit Martha, war nachmittags mit Pastor Schaper bei Glimms, mittags mit Martha bei Frau Pastor Hornburg, Marthas Pensionsmutter.

In den letzten Tagen nahm das Tempo der Verhandlungen der Synode D-Zug-Geschwindigkeit an, da aus Mangel an Mitteln die Tagung nicht verlängert werden konnte. So wurden manche ganz besonders wichtigen Verhandlungen durchgepeitscht.

So kehrte ich am 28. 10. müde und nicht sehr befriedigt heim. In der Zeit meiner Abwesenheit waren die zwei bunten Fenster in der Jacobikirche gegenüber der Kanzel eingesetzt worden, die der Rentier Böttcher und Frau gestiftet hatten. Sie zeigen die Bilder der vier Evangelisten und sind ein würdiger Schmuck der Kirche. Ich hatte besondere Freude daran, weil die Stifter sie bei ihren Lebzeiten herstellen ließen und sich so mit daran freuen konnten.

Am 3. November reiste Mutter nach Elberfeld zu Vater, den sie sehr frisch fand. Am folgenden Tag kam Fritz mit Ria dorthin, Mutter und ihrem Vater zur großen Freude. Vater hat damals die neue Enkeltochter ganz besonders in sein Herz geschlossen - Mutter aber war über Fritzens Wahl vom ersten Augenblick an entzückt, noch mehr, als sie am nächsten Sonntag und Montag in Gladbach auch ihre Eltern und Geschwister kennenlernte und vom ersten Tage an lieb gewann. Sie hatte dort auch die Freude, ihren Ältesten zum ersten Mal im Talar im Kindergottesdienst, den er hielt, zu sehen.

Wieviel trauriger war der Besuch am Tag vorher bei Erichs Braut Else Bienert in der Kuranstalt auf der Höhe. Erich und Else hatten sich während seines Dienstjahres in Bernburg kennengelernt und verlobt. Wir wollten von der Sache nichts wissen, da er uns zu solchem Schritt nicht reif genug erschien und noch keinerlei Lebensstellung besaß oder in Aussicht hatte, auf die hin er ein Mädchen an sich binden konnte. Als aber Else nach eines Vetters Tod, bei dessen Beerdigung sie sich erkältete, schwer erkrankte, suchte Mutter sie am 12. Oktober in Bernburg auf, lernte sie und ihre Eltern kennen und konnte dem fernen Sohn, der um sie bangte, berichten. Nun war sie inzwischen auf schlechten "guten Rat" in eine Naturheilanstalt einer Frau Hoppe in der Nähe von Elberfeld gekommen, die aber für eine Lungenkranke ganz ungeeignet war. Als Mutter sie aufsuchte, fand sie sie in traurigem Zustand, immer Fieber, kein Arzt, der sie behandelte, die Frau Hoppe hatte wiederholt versichert, dass sie kein Fieber hätte und der Arzt keinen Lungenschaden gefunden. Lauter Lügen, dazu lag die Anstalt viel zu hoch und rauh für solche Kranke. Infolgedessen ging Mutter gleich nach ihrer Heimkehr von Elberfeld wieder nach Bernburg, um Frau Bienert zu bestimmen, die arme Else unverzüglich von dort fortzunehmen. Das geschah auch, und bald darauf kam sie nach Gröbersdorf in die Lungenheilanstalt, leider aber ohne den erhofften Erfolg. Wie schwere Zeit war das für den armen Erich und uns alle, die wir mit ihm litten !

Auf der Rückreise besuchte Mutter Natalie von der Becke in Hemer und kehrte am 15. November nach Hause zurück. Inzwischen hatte Willi ohne die Mutter seinen Geburtstag feiern müssen, aber erfreut durch zwei neue Zebrafinken, die Frau Dr. Seyffert ihm schenkte. Wie oft habe ich mich seiner Freude an seinen Vögeln gefreut.

Aus Mutters Brief vom 8. April: "Unsere kleine Meta meinte neulich, sie würde sich mal recht früh verheiraten, um recht bald Kinder zu kriegen. Denen wollte sie dann auch jeden Abend Wurstbrot geben. Überhaupt sollten die es mal sehr gut haben, lange aufbleiben, kurz alles genießen, was ihre verständige Mutter ihr einstweilen versagt. Viele Kinder haben ist ihr einstweilen der Inbegriff aller Wonne."

Vom 2. Dezember 1902: "Meta, der wir erst vor kurzem von der neuen Schwester erzählten, war fast unsinnig vor Freude, dass sie nun auch eine Schwägerin habe. Dann meinte sie: Ich kriege doch stets meinen Willen, ich habe doch immer gesagt, wir wollen noch ein zehntes Kind haben. Nun haben wir es wirklich."

Hans war den Winter wieder in Halle. Er war zu unserer Freude in diesem Winter im Wingolf aktiv geworden, ein neues Band, was ihn mit Vater und Bruder verband. Das Weihnachtsfest feierten wir dieses Jahr ohne die beiden ältesten Söhne. Dafür war 14 Tage über Weihnachten und Neujahr Carl Voget, damals Student der Theologie in Halle und auch Wingolfit wie sein Vater in Emden, unser lieber Gast, der sich mit den Kindern sehr anfreundete. Am 29. Dezember kam auch Fritz nach Beendigung seines Vikariatsjahres von Gladbach nach Hause, um sich auf sein 2. theol. Examen weiter vorzubereiten. Er wohnte damals in der Schlossgasse bei Frau Liebold, war aber zu den Mahlzeiten bei uns und gab seinen Brüdern oft Nachhilfestunden.

Nachtrag über die Silberne Hochzeit / Bericht von Lili über die Feier:

"So nun war man glücklich da", so heißt es in einer unserer Aufführungen, und so ist nun alles glücklich vorbei und ich kann allen, die es interessiert etwas von dem wirklich glücklich verlaufenen Fest berichten. Die Festesstimmung fing eigentlich schon Mittwochabend an, als Großvater und Fritz ankamen. Donnerstagnachmittag wanden wir fleißig Girlanden aus Tannengrün, um unserem Flur ein möglichst festtägiges Gewand anzulegen. Die Kinder hatten sich das Grün selbst am Mittwoch aus dem Lengefelder Wald geholt und halfen uns nun auch fleißig beim Zerschneiden. Freitagmorgen machten Fritz und ich uns an die Ausschmückung.

Über dem Gitterpförtchen an der Treppe hatten wir eine richtige Ehrenpforte errichtet und das Geländer war von oben bis unten, wo unser Reich aufhört, mit Tannenreisern durchflochten. Die schlechten Wände schmückte Fritz mit alten, aus Urgroßvater Scheibler Haus stammenden Aquarellen, und so machte sich der Gesamteindruck ganz nett. Mittags waren wir, sehr zum Leid unserer Kochfrau, ganz allein, ohne Besuch. Großvater war morgens um 6 Uhr nach Halle gefahren und Onkel Sis, den wir schon morgens erwarteten, kam erst mit dem Abendschnellzug. Nachmittags um 4 Uhr kamen dann Tante Bertha Niemann aus Treffurt und Martha und Hans an, letzterer ohne Hut, was großen Jubel bei der Sangerhäuser Schuljugend erregte.

Um 6 Uhr war große Probe bei Frl. Stein, doch wurden wir um 1/4 8 von Vater schleunigst nach Hause zitiert, ehe wir fertig sein konnten. Vater konnte absolut nicht begreifen, was wir so lange machten, und dass man an solchem Tage mal etwas Geduld haben muss. Nach dem Abendbrot bauten wir Großen die Geschenke in der Essstube auf, die jetzt zum Unterschied von der hinteren neu eingerichteten Essstube die vordere Essstube hieß. Es war eine solche Fülle von herrlichen Sachen angekommen, dass wir bald an den einen noch einen zweiten Tisch ansetzen mussten. Fritz und Hans, die mit ihren Arbeiten nicht fertiggeworden waren, haben dann noch einen Teil der Nacht gemalt und geschnitzt.

Am Sonnabend, also am Hochzeitstage, sangen wir Kinder (Hans und Fritz ausgenommen) morgens 1/2 7 vor der Eltern Schlafstube: "Herr deine Güte reicht so weit". Es war dreistimmig gesetzt und bot wohl beim Einüben einige Schwierigkeiten, doch sangen wir nachher so frisch und fröhlich, besonders das Halleluja. Zu 1/2 8 war das Frühstück angesetzt, und als wir alle versammelt waren, sangen wir gemeinschaftlich "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren." Hierauf wurden die Eltern in die Essstube geführt, wo ich sie mit Kranz und Sträußchen schmückte, beides ein Geschenk von Frau Helene Wittenstein, Mutters Freundin. Nachdem die schönen Sachen wenigstens etwas bewundert waren und Onkel Sis den Eltern das Geschenk der Geschwister überreicht hatte, ging's hinüber zum Frühstück. Doch kaum hatten wir angefangen, da hörten wir in der Essstube wieder Gesang. Es waren die Helferinnen vom Kindergottesdienst, die den Eltern gratulieren wollten. Zuerst sangen sie "Lobe den Herren", dann überreichte eines der jungen Mädchen mit einem Gedicht das Geschenk, zwei Mappen: die eine Chronik eines fahrenden Schülers von Steinhausen, die andere Cornelius Cartons zum Camposanto, gestochen von Thater. Zum Schluss sangen sie noch "Der Herr ist mein Hirte". Es war sehr schön, so der erste Gruß am frühen Morgen schon. Nach dem Frühstück hielten wir unsere Andacht, sangen "Womit soll ich dich wohl loben" und lasen Psalm 103, gewiss für die Eltern und alle der Höhepunkt unserer Festfeier. "Lobe den Herrn (schrieb ich hinzu) meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat", so klangen die ganzen Tage hindurch unsere Herzen.

Dann ging es den ganzen Morgen fort, nicht wie der erste Gruß, aber sehr, sehr viel Freundlichkeit haben die Eltern von allen Seiten erfahren. Leute, mit denen wir sonst kaum zu tun hatten, schickten Blumen und Karten. So etwas Herrliches von Blumen und Sträußen und Körben und Töpfen habe ich wirklich lange nicht gesehen, unsere Stuben waren bald ganz ausgeschmückt. Der erste Blumengruß war ein Korb mit Maiblumen (Von. H. Hornung), ganz entzückend,, obendrüber ein Band, worauf grüne, silberne und goldene Myrte befestigt war, und auf dem Band die Worte gedruckt: Gott gab es, Gott gibt es heute, und Gott möge es geben.

Um 11 Uhr kamen dann Deputationen von den Pfarrern, die eine schöne Wanduhr überreichten, und von den Lehrern, auch sonst einige Bekannte aus der Stadt. Ganz überraschend war uns der Besuch von Frau Justizrat Glimm mit ihrer Dora, Vaters Patenkind. Um 1/2 2 ging's zu Tisch, da waren wir doch 21 Personen, Müllers aus Lengefeld, die zum Gratulieren kamen, blieben auch, dazu Pastor Bornhaks, Superintendent Langguth und Frl. Stein. Zum Dessert waren auch Hans und Gretchen Seyffert eingeladen. Kurts größte Freude an dem ganzen Essen war das Eis. Schon lange vorher beriet er abends im Bett mit Meta, wie's wohl schmeckte.

"Mutter, jetzt ist Schlagsahne mein Schönstes, aber dann vielleicht Eis." Er hatte überhaupt noch keine derartige Festlichkeit mitgemacht und meinte, nun essen wir doch immerzu bis zum Abend. Metas dagegen tat sehr überlegen, sie hatte ja schon zwei Hochzeiten miterlebt. Nach dem Essen machten wir eine kleine Pause und begannen dann gleich die Aufführungen wegen der auswärtigen Gäste und wegen der Kinder, die am Abend zu müde gewesen wären. Zuerst erschien Willi und begrüßte das Brautpaar und die Gäste mit einem von Frl. Stein nach einem anderen umgeänderten Gedicht. Er sagte es ganz reizend her, bedauerte nur immer, kein richtiges Heroldskostüm zu haben. Bernhard hatte übrigens schon am Morgen eine reizende Truhe, von Erich gearbeitet, mit einem ebenfalls von Erich verfassten Gedicht überreicht. Dann, von Willi gerufen, kamen die Geister Meta, Martha und Lili als Sangerhausen, Treffurt und Düsseldorf; Treffurt und Sangerhausen in richtigem Bauernkostüm, eine mit dem schwarzen Thüringer Mützchen und eine mit einem um den Kopf gewundenen bunten Tuch. Düsseldorf hatte das schöne gestickte Kleid der Urahne an mit einem Fichu von Chiffon darüber, dazu ein netter passender Hut und Sonnenschirm, das künstlerisch geniale Düsseldorf gegen die Landstädtchen. Das ist ganz von Frl. Stein verfasst.

Viel Spaß und Freude machte uns das Einüben mit den Kindern, allerdings auch viel Mühe. Meta sollte nicht so steif sein, und Frl. Stein machte ihr einige Handbewegungen vor, die machte sie aber so energisch nach, dass Kurt meinte: "Na, da hauste wohl gleich Vatern und Muttern eins runter". Kurt und Willi saßen nämlich bei der Probe als Brautpaar da, und Meta kam mit ihrer Handbewegung Kurt etwas sehr nahe. Sonst hatte Meta wirklich sehr fleißig gelernt und sagte auch alles sehr nett her.

Nr. 3 nach unserem Programm hieß "Papier und Tinte" und ist aus dem Frauendaheim 1896 zur Silberhochzeit eines Superintendenten. Martha als Papier hatte ein langes weißes Gewand mit allem möglichen Aktenpapier benäht, Aktenschwängen, Aktencouverts und auch ein rosa Briefchen waren angebracht. Kopfbedeckung war ein riesiges Couvert. Tinte war ganz schwarz mit Gürtel, einen Kork als Kopfbedeckung hatten wir aus Pappe gefertigt, vorne auf dem Rock ein großes Schild "Deutsche Reichstinte". Das Ganze war sehr originell und gefiel sehr. Martha überreichte ein weißes Deckchen, worauf sämtliche Festteilnehmer ihren Namen schreiben sollten, und ich gab einen riesigen Bleistift dazu. Das Aussticken der Namen - 45 - steht uns nun noch bevor.

Nun kam zum Schluss und als Schönstes vom Ganzen die Ehestandsgeschichte in Lied und Deklamation gedichtet von Frau Professor von Below, sonst auch Tante Minni genannt. Hans deklamierte, und Martha, Meta und Kurt sangen, angekleidet wie so richtige Jahrmarktsbänkelsänger. Fritz lieferte die dazugehörigen Bilder, allerdings so eben, in allerletzter Minute. Er kann es eben nicht anders. Das Lernen der vielen Verse machte den Kleinen doch erst einige Schwierigkeiten, sie hatten an jedem , ihnen nicht ganz geläufigen Worte etwas auszusetzen. "Heut sind es 25 Jahr, seit ihr vereinet wallet." Da behauptete Kurt: "Seit" ist überhaupt kein Wort, da sage ich: da ihr ... Und "wallet", was das nur für ein Quatsch ist! Und so ging es fort. Ich hatte so viel im Haus zu tun, dass ich mich unmöglich Zeit fand, mich auch noch mit den Kindern abzugeben. Das übernahm dann freundlicherweise Frl. Stein, was bei ihrer vielen Arbeit sehr dankenswert war. Da lernte Kurt dann auch: "Und das Töchterlein, hold verblüht, über die See nach England zieht." Als Frl. Stein ihm vorstellte, das wäre nicht richtig, meinte er: Immer nehmt ihr auch so schwere Worte, erblüht, das kann ich nicht lernen, verblüht llernt sich viel leichter." Und dabei blieb es. Kurt hatte auch eine herrliche Idee von einer Arbeit, die er den Eltern machen wollte. Tante Stein sollte ihm auf einen Karton Vater und Mutter malen, ringsum alle 9 Kinder mit weit offenem Munde, "als wenn sie singen". Das wollte er ausmalen. Als Frl. Stein meinte, das ginge über ihr Können, meinte er: das ist doch ganz leicht so von hinten, einfach so ungefähr, dann kann man auch schon erkennen, wer's sein soll.

Meta machte ihre Sache einfach prachtvoll, in den Proben noch besser als nachher. "Nur nicht zu fein", sagte sie, "solche Leute, die sind und sprechen nicht fein." Ihre Stimme war herrlich, und dabei war sie, obwohl sie dies und "Sangerhausen" zu lernen hatte, ganz sicher.

Über den Aufführungen war der Nachmittag hingegangen, und schon um 7 Uhr fuhren Glimms fort. Kurz vor dem Abendbrot überreichte Fritz noch Mutter im Namen des Wingolf das Band. Nach Tisch saßen wir noch ein Weilchen gemütlich beisammen und gingen dann, nach gemeinsamer Abendandacht, auseinander, sehr befriedigt von dem wirklich schönen Tag. Am Sonntag hatte Vater wirklich Ruhetag, da Onkel Siegfried für ihn predigte. Frl. Stein hörte, aus der Kirche kommend, einige Männer über die Predigt sprechen. "Tausend Sapperlot", sagte der eine, "war das aber 'ne Predigt!, Ne, ich wollte nur, die ganze Kirche wäre voll gewesen. Da denkt man immer, 's ist nichts, wenn so ein fremder Pastor herkommt, aber es war doch was." Nachmittag um 2 Uhr fuhren Vater, Onkel Sis und die Geschwister ohne Meta und Kurt nach Riestadt und gingen von da nach Beyernaumburg, wo Stöcker predigte und redete, wie immer sehr schön und interessant. Da es verhältnismäßig gutes Wetter war, wurde die Nachversammlung im Freien abgehalten.

Montag begann früh gleich ein allgemeines Auf- und Umräumen für die Festlichkeiten am Nachmittag. Da waren sämtliche Pastoren eingeladen, d.h. wir hatten durch einen der Herren sagen lassen, dass jedermann herzlich willkommen wäre. Zu unserer (Mutters und meiner) großen Freude wurde uns am Morgen von Freunden (Herr Hornung) ein Wagen angeboten, um unsere Gäste etwas spazieren zu fahren. Großvater wollte erst nicht recht, weil es doch noch recht kühles Wetter war, aber schließlich fuhr er doch mit, dazu Tante Bertha Niemann, Onkel Sis, Fritz, Hans und Martha. Eingepackt waren sie wie zu einer Schlittenpartie in Pelze, Fußsäcke, Decken und Mäntel. Die Fuhre sah wirklich drollig aus. Wir konnten nun friedlich weiterkommen. Die vielen Hände halfen doch verhältnismäßig wenig, und meistens standen die lieben Leute einem im Wege. Alles, was an großen und kleinen Tischen da war, wurde zum Kaffee gedeckt, Tassen, Teller und alles, was dazugehört, gleich darauf, damit am Nachmittag möglichst wenig Arbeit war. Wir hatten für 60 Personen fertiggemacht. In der hintersten Stube hatten wir auf dem Büffet Teller mit Messer, Gabel und Serviettchen aufgestapelt schon für den Abend. Bei der Engigkeit des Raums musste dafür gesorgt werden, dass alles möglichst einfach für den Einzelnen war. Dies mit dem Fertigmachen der Teller und noch vieles andere, war natürlich ein Einfall meines praktischen Vaters. Als wir glücklich mit unseren Vorbereitungen fertig waren, kamen auch die anderen von der Spazierfahrt wieder, ganz entzückt von all der Schönheit draußen, obwohl es doch noch fast gar nicht grün war. Es war dann auch höchste Zeit für unser Mittagessen geworden, die Essstube musste ja nach Tisch auch noch aufgeräumt und da gedeckt werden. Dann ging's ans Umziehen. Um 1/4 4 kamen die ersten Gäste; sehr praktischerweise kamen nicht alle auf einmal, um 5 Uhr kamen wohl die Letzten. Man saß ganz gemütlich beim Kaffee, die sich gerne zusammensetzen wollten, konnten das ja nach ihrem Gefallen tun, da die vielen Tische da waren. Das Kaffeetrinken zog sich bis gegen 6 Uhr hin, dann wurde schleunigst alles abgeräumt, und die Gäste versammelten sich alle in der großen Stube. Wir waren im ganzen gerade 50, 37 Freunde und wir 13. Sieben Pastoren fehlten, und 1 oder 2 waren ohne ihre Frau gekommen. Nun wurden die Aufführungen alle wiederholt. Bei dem letzten Stück hatte Onkel Sis eine famose Neuerung gemacht. Der große Bogen mit Bildern wurde nicht an der Wand, sondern an einem Draht mitten in der Stube aufgehängt, und dahinter kam unser Harmonium. Die Zuschauer sahen nur einen kleinen Teil der Hinterwand vom Harmonium, und die sah einem Leierkasten nicht ganz unähnlich. Onkel Sis begleitete diesmal die Lieder auf dem Harmonium, und Hans drehte an der sichtbaren Seite, wenigstens tat er so. Alles, Musik und Drehen, wurden so täuschend nachgeahmt, dass ein Herr fragte, wo wir nun den riesigen Leierkasten herhätten, und eine Dame meinte, seit wann wir an unserem Harmonium eine Vorrichtung zum Drehen hätten. Alles wirkte noch viel schöner und besser mit dieser herrlichen Leierkastenmusik. Hans vergaß auch nicht, ab und zu aus seiner Schnapsflasche, die er vorne in der Brusttasche hatte, einen Schluck zu nehmen, oder einem der Kinder, wenn sie ihre Sache nicht gut machten, eins herunterzuhauen. Dann bat er sich auch öfters "Ruhe im Publikum" aus, wenn diese zu sehr lachten oder "laut, laut" riefen. Das alles wirkte natürlich auch mit. Jedenfalls fanden die ganzen Aufführungen großen Anklang.

Inzwischen war im Nebenzimmer, das ja so lange ganz frei war, alles zum Abendbrot fertiggemacht. Die am Morgen fertiggemachten Teller wurden auf den großen Tisch auseinandergesetzt, und auf dem Büffet und einem daneben stehenden Tisch standen die Schüsseln mit dem Essen. Kurz vor 7 Uhr bat Vater, dass jeder Herr sich mit einer Dame versähe und dann natürlich beide sich mit Essen. Es ging auch alles trotz der unvermeidlichen Enge sehr gut und ruhig ab. Gläser, Wein, Bowle, Bier standen auch auf Tischen bereit, und die Söhne spielten Kellner und versahen alle nach Wunsch mit Getränken. Später brachte Herr Superintendent Osswald einen Toast auf das Jubelpaar aus, und Vater ließ die Pfarrhäuser der Ephorie leben. Man hatte den Abend besonders den Eindruck, dass alle sehr vergnügt waren und sich wohl fühlten. Verschiedene, die schon früher mit den Zügen fort wollten, blieben noch und nahmen sich später einen Wagen. Um 9 Uhr mussten aber die meisten doch fort, teils zu Fuß, teils per Bahn. Mutter hatte Onkel Sis veranlasst, ein Hoch auf Frl. Stein, unsere treue Helferin, auszubringen. Diese wiederum bat Pastor Bornhak "aus Rache" auf die "3 Städte" ein Hoch auszubringen. Da sagte Meta am nächsten Tage bei Tisch: "Na, so ein Unsinn, daran war doch nur Tante Stein schuld, Kinder lässt man nicht hochleben, das ist überhaupt höherer Blödsinn." - Später am Montagabend, als der große Kreis mehr zusammengeschmolzen war, haben wir noch musiziert, d.h. Onkel Sis spielte Klavier, Pastor Bornhak und Frau sangen Duette, Pastor Bornhak spielte Mandoline, 6 aus der Gesellschaft sangen ein schönes Quartett, bestehend aus 6 verschiedenen Volksliedern, die zusammen wie ein 6stimmiger Gesang klingen. Zum Schluss sangen alle zusammen die beiden Verse "Breit aus die Flügel beide" und "Auch euch, ihr meine Lieben". - Dienstag war Ruhe- und Räumetag, morgens um 6 Uhr früh fuhr Onkel Sis nach Halle, um 8 Uhr auch Martha und Hans, um 7 Uhr reiste Großvater ab, so blieben nur noch Tante Bertha und Fritz. Aufzuräumen gab es genug. Nach Tisch fuhr Tante Bertha nach Potsdam, von wo sie in etwa 14 Tagen noch wieder zurückkommt, dann hoffentlich für länger.

Mittwochabend zum Tee hatten wir als Schlussfeier die Helferinnen des Kindergottesdienstes eingeladen. Da Martha und Hans schon fort waren, konnten wir die Aufführungen leider nicht wiederholen, was allgemein bedauert wurde. Aber auch ohne das war es ein sehr netter Abend. Am 3. Pfingstfeiertag hat Herr P. Trippenbach uns in unseren Kostümen fotografiert. Aus allem Erzählen können die lieben Verwandten und Freunde merken, dass wir in der Tat ein sehr schönes wohlgelungenes Fest gefeiert haben. Mancher wird es vielleicht jetzt bedauern, nicht mit dabei gewesen zu sein. Wir haben das auch getan und die Abwesenheit unserer Lieben sehr bedauert. Aber es war doch schön, und noch lange werden wir Kinder mit Freude an den Glücks- u. Ehrentag der lieben Eltern zurückdenken."

So weit Lilis Bericht.

Kranzgedicht

1.

Sei mir gegrüßt vom Herzensgrund
Du liebe Silberbraut
In dieser schönen Feierstund
In Freundes Kreise traut.
 

2.

Was damals dir der frische Kranz
Verhieß so hoffnungsreich
Das ist erfüllt im Silberglanz
So herrlich ja für Euch
 

3.

Die Liebe, die Euch da vereint,
hielt Euch umschlungen treu.
Dass sie nur reicher Euch erscheint
An jedem Morgen neu.
 

4.

Ihr schaut voll Dankbarkeit zurück
Auf jene heil'ge Stund,
Da Ihr zu Eurem größten Glück
Schlosst Euren Herzensbund.
 

5.

Ihr könnet dankbar vorwärts schaun
Geführt von Gottes Hand.
Ihr wisset, dass, wer ihm vertraut,
Spürt Segen unverwandt.
 

 

(Vers 6 fehlt)

Zu Erichs Truhe, von Erich verfasst (Bernhard)

Erinnerung, das ist wohl die schönste der Gaben,
die wir von Gott empfangen haben.
Wir schwelgen im Schönen, das Schwere wird leicht,
Wenn der Becher "Erinnerung" uns wird gereicht.
Ihr Eltern, Ihr denkt wohl in jetziger Zeit
Gar manchmal der Wochen, da Ihr gefreit.
Und wie bald liegt fern auch der heutige Tag.
Dann jeder sich dessen erinnern mag.
Drum schickt mich, Ihr Lieben, Euer Erich jetzt her,
Der viel lieber selber gekommen wär.
Doch das ging nicht, so sendet durch mich er an Euch
Diese Truhe - wozu? Das sag ich Euch gleich:
Darin sollt die Dinge Ihr alle verwahren,
Die Euch in fernen späten Jahren
In's Gedächtnis rufen die schönen Stunden,
Die heute in Liebe uns haben verbunden.
Und Bruder Erich lässt aus der Ferne Euch sagen,
Dass nah er Euch ist an allen Tagen
Und in ganz besonderer Liebe denkt heute
Der lieben Eltern und Hochzeitsleute.

Prolog (Willi)

1.

Seid mir gegrüßt, so festlich im Silberschmuck heut,
Ihr lieben, guten Eltern! Wir sind so hoch erfreut,
Dass Gottes Treu und Güte Euch bis hierher geführt,
Dass Euer ganzes Leben so herrlich er regiert.
 

2.

Auch Euch, Ihr lieben Gäste, die Ihr von nah und fern
gekommen zu dem Feste, begrüß ich froh und gern.
Vereint lasst uns begehen mit frohem Herzensschlag
Das Fest der Silberhochzeit, der Eltern Ehrentag.
 

3.

Vor fünfundzwanzig Jahren, da war der Kreis nur klein,
Als Gott Eur' Ehebündnis dereinst gesegnet ein,
Doch heute schaut Ihr glücklich auf Eure Kinderschar.
Neun frische, frohe Kinder. Ist das nicht Glück, fürwahr?
 

4.

Auch ruhte Gottes Segen auf Euren Müh'n und Fleiß,
Dem Herrn im Himmel droben sei dafür Lob und Preis.
Und Eurer Kinder Liebe und Eurer Kinder Dank
Soll's lohnen tausendfältig, das ganze Leben lang.
 

5.

Wir acht sind froh und fröhlich, dass wir hier dürfen sein
Und wollen dess' gedenken,,  der heute nicht daheim,
Im Geiste aber bei uns, ob ihn die Pflicht auch bannt,
Im herrlichen Italien, im sonn'gen schönen Land.
 

6.

Zum heut'gen Freudenfeste da haben wir nun noch
So manche kleine Scherze in petto hier; jedoch
Bitt' ich um güt'ge Nachsicht, sollt manches nicht genau
Mit dem Vergangnen stimmen, die Zeit macht vieles grau.
 

7.

Wo Wahrheit sich mit Dichtung im rechten Maße paart,
Da hat's im Freudentrubel derweil die rechte Art.
Auf, auf, nunmehr ihr Geister aus der Vergangenheit,
Heraus aus grauem Nebel zur Festes Herrlichkeit!
 

 

Die drei Städte - Düsseldorf, Treffurt und Sangerhausen verfasst von Frl. Stein(Lili, Martha, Meta)

D.

Mich schickte heute Vater Rhein,
er sagt, hier sollte Silberhochzeit sein.
Da dacht ich: das ist gewiss das Paar,
das jetzt vor 25 Jahren bei dir war.
Und schnell lenkt ich hierher die Schritte,
denn gar zu gern weilt ich in Eurer Mitte.
Es sollte Düsseldorf bei diesem frohen Feste
vor allem ja nicht fehlen in dem Kreis der Gäste.
 

Tr.

Na höre du, o prahle nicht zu sehr!
Wohl keiner passte besser heut hierher
als ich, das alte Treffurt, oft genannt.
Nicht wahr, ich bin am besten Euch bekannt?
Wohl stolz und stattlich ist dein Vater Rhein,
viel traulicher doch meine Werra klein.
 

Sg.

Ihr redet da von großen Flüssen,
da werde ich wohl schweigen müssen,
denn meine Gonna ist nur winzig klein,
doch möcht ich ohne sie wohl nimmer sein.
Bei mir stets ein und aus Ihr geht.
Ich denke, Sangerhausen Euch am nächsten steht.

Tr.

Wir wollen uns doch hier nicht streiten!
Lasst uns erzählen von den Jubelleuten,
die jetzt zwar dir (Sg.) am nächsten stehn,
doch auch uns beide gern gesehn.
 

D.

Da kann ich manches Euch berichten,
doch jetzt davon nur zwei Geschichten,
die schon passiert, als Meta Braut
und Fritz voll Sehnsucht nach ihr schaut.
Er war bei mir und wünschte oft,
dass Meta käme unverhofft.
Und weil er gar so sehr konnt bitten,
hat's Meta auch nicht lang gelitten
in Elberfeld, sie macht die Reise
zu mir auf schnelle, kurze Weise.
Da war sie nun, ich war entzückt,
der Bräutigam war hochbeglückt.
Doch leider hatt' er wenig Zeit.
Die Schule rief, das tat ihm leid.
Da saß er im Gymnasium
und lehrt' die Jungen, die so dumm.
Doch hielt er's nimmer lange aus,
Um zehn Uhr will er schnell nach Haus.
Er hat sein Frühstück dort vergessen,
So gibt er vor, doch unterdessen
will er nur seine Meta sehn,
das deuchte ihm so wunderschön.
 

Sg.

Das hätte nimmer ich gedacht,
dass er als Lehrer solche Sachen macht.
Bei mir kam so etwas nicht vor.
Da war er Kreis - Schul - Inspektor.
 

Tr.

Ihr hieltet ihn als Lehrer wert.
Ich habe Pfarrer stets verehrt.
Ich denk noch gern der lieben Leut,
die ich noch grad so liebe heut
wie damals, als sie bei  mir waren.
Das war nun schon vor dreizehn Jahren.
 

D.

Lasst mich nur weiter Euch berichten,
jetzt kommt die zweite der Geschichten.
Die sagt uns, wie man einst verehrt
Frau Meta, die man hielt so wert,
dass man sich vor die Kutsche spannt,
wie in der Sage dir bekannt.
Denn bei dem Fest in Elberfeld,
wo Höhndorfs waren hinbestellt,
sollt Meta doch vor allem sein.
Drum packt der Doktor schnell sie ein
und setzt sie, weil sie gar nicht wohl,
in eine Kutsche, und die soll
sie schleunigst zu dem Bahnhof bringen.
Weil zum Perron die Pferd nicht gingen,
so zogen sie der Männer vier
bis hin an des Coupe'es Tür.
 

Sg.

Das Reisen scheinen sie zu lieben.
Drum sie auch selten bei mir blieben,
wenn freundlich lockt die Sommersonne.
Dann ging's mit neuer Lust und Wonne
in's Nordseebad, in's Schweizerland
zum Berg der Riesen, wohlbekannt.
Das frischt die armen Nerven auf;
denn Arbeit gab's bei mir vollauf.
Drum freut ich mich, wenn dieses Paar
nach aller Müh auf Reisen war.
 

Tr.

Wenn du dich aber ganz von ihnen müsstest trennen,
so würdest du dich nicht mehr freuen können.
Wie öd und leer komm ich ohn Euch mir vor.
Ich war sehr traurig, als ich Euch verlor.
Mit Stolz sah ich stets in dem Pfarrhaus draußen
unsern Herrn Pfarr' mit Frau und Kindern hausen.
Und was war er für'n prakt'scher Mann!
Ich sage euch, was der nicht alles kann.
Ein Meter tief grub er die Steine aus,
damit der Weinstock vor dem schönen Haus
in humusreicher Erde könnt' gedeih'n,
jetzt noch muss jeder sich darüber freu'n.
Unser Herr Pfarrer bebaut auch selbst den Acker,
doch dabei half ihm treulich, brav und wacker
Frau Meta, die in Treffurt gründlich lernte,
wie man Kartoffeln legt zur guten Ernte,
wie man die Enten mästet, Schweine füttert,
die Hühner Eier legen lässt, den Zaun eingittert,
damit sie, was so mühsam beide steckten,
nicht wieder aus dem Winterschlafe weckten.
Ich glaub, sie war die praktischste der Frauen.
Noch etwas sag ich euch von ihr ganz im Vertrauen:
Zum Schneider sah ich sehr oft sie wandeln.
Ich dacht: Was hat die nur zu verhandeln?
Da sah ich denn, als ich durchs Fenster lugte,
was sie bei dem Herrn Hoffmann so oft suchte:
Sie lernte Hosen machen, um zu sparen;
denn denkt auch in den acht so kurzen Jahren
da hatten Höhndorfs noch drei kleine Kinder
zu denen, die aus Düsseldorf, fast noch gesünder.
Und ganz wie dort: ein Mädchen und zwei Knaben,
die alle große, braune Augen haben.
 

D.

Was sagst du? Braune? Die Düsseldorfer Schar
ist ganz blauäugig, so recht deutsch fürwahr.
 

Sg.

Das Kegelspiel ward voll im kleinen Städtchen.
Hier hatten Höhndorfs noch zwei Knaben und ein Mädchen
mit Augen, weder blau noch braun zu nennen.
Ihr werdet wohl die Farbe selber kennen.
 

D.

Jetzt wird es mir auf einmal klar,
welch guter Mathematiker der Vater war:
3 Düsseldorf, 3 Sangerhausen, Treffurt drei.
Auf jedes Mädchen kommen der Knaben zwei.
6 Augen blau, 6 braun, 6 undefinierbar.
Nicht? Das Exempel stimmt und ist auch völlig klar.
 

Tr.

Da hast du recht, doch meine ich:
so ganz allein ist sein Verdienst das nicht.
Frau Meta war im Rechnen stets ein Held,
drum reichte sie auch lange mit dem Wirtschaftsgeld.
Und welcher Jubel war im traulichen Pfarrhaus,
wenn liebe Gäste gingen ein und aus.
Ja, Höhndorfs Gastfreundschaft war weit bekannt.
Und keiner ging von Treffurt aus, der nicht bekannt,
dass er für Seel und Leib Erholung dort gefunden.
Ein jeder denkt noch gern der frohen Stunden.
 

D.

Ach, da hätt'st du bei mir erst seien sollen,
wenn Gäste, die zur Ausstellung gern wollen,
zur Stadt hinkamen, ging's zu Höhndorfs Haus.
Da sah es manchmal wie im Gasthof aus.
Den ganzen Sommer war dort der Besuch.
Und das war ihnen beinah nicht genug.
Auch sah ich oft in trauter Abendstunde
die Freunde aus der Näh' in solcher Runde.
Das war das Kränzchen, das bei ihnen tagte,
das immer, neu anregend, sehr behagte.
Da ward gelesen, froh geplaudert hier und da,
und bei dem allen fehlte nicht Frau Musica.
 

Sg.

Ein nettes Kränzchen gibt's auch noch bei mir.
Dazu gehören der Pastorenleute vier.
Ob Regen strömt, ob kalter Wind auch weht,
das Kränzchen haben Höhndorfs nie verschmäht.
 

Tr.

Da sind sie wohl stets stolz zu Fuß gegangen?
Ich wollte das von ihnen nicht verlangen.
Drum sorgte selber ich für Pferd und Wagen,
und stolz durft's Ross den Reiter tragen.
Das gab ein Staunen dann bei Jung und Alt,
wenn Ross und Reiter flogen durch den Wald.
So etwas hatte Treffurt nie gesehn,
die frühern Pfarrer mussten stets zu Fuße gehn.
Und wenn der Wald in tiefem Schweigen stand,
wenn kaum im Dunkel sich ein Pfad noch fand,
wenn nur das Hirschgeschrei den Wald belebte
und lichter Vollmond überm Dunkel schwebte, wenn
Vogelsang und Waldgetier verstummet waren,
dann sah man Höhndorfs durch den Wald noch fahren.
 

Sg.

Die Poesie verlernt sich gar zu bald.
Bei mir ging's nur am Tage durch den Wald.
Oft sah ich auch ganz früh um sechs Uhr schon
Herrn Pastor radeln zu der Inspektion.
 

D.

Das kann er ? Da will ich 'nen Vorschlag wagen:
In allen Straßen steht jetzt angeschlagen,
dass in der Künstlerstadt am schönen Rhein
jetzt wieder soll 'ne Ausstellung wohl sein.
Da möchte ich so recht von Herzen bitten:
Kommt wieder doch zu mir, Ihr seid stets wohlgelitten.
Ihr könnt's ja praktisch noch überschlagen,
er kommt per Rad, sie muss das Dampfross tragen.
Ich bleibe heut auch gerne hier im Kreise,
wenn ihrs's erlaubt, nach meiner weiten Reise.
Doch jetzt will ich vor allen Dingen
Euch viele treue Wünsche bringen.
Gott, der Euch fünfundzwanzig Jahr geführt,
der Euer Leben herrlich stets regiert,
schenk Freude Euch an Kindern groß und klein
und lass Euch lange noch beisammen sein.
 

Sg.

Viel reichen Segen auch ich erflehe Euch.
Gott schütze Euch und mach in ihm Euch reich.
 

Tr.

Auch ich will herzlich gratulieren.
Der liebe Gott möge Euch ferner führen.
Und wird einst Goldne Hochzeit sein,
dann stellen die Städte sich wieder ein.
 

 

Papier und Tinte (Martha und Lili)

1.

Wir sind ein treues Schwesternpaar, erratet unsre Namen!
Genau, bekannt sind wir fürwahr den Herrn und auch den Damen.
Dass wir uns drängen heut hier ein, darf wahrlich nicht befremdlich sein.
Wir sind Papier und Tinte.
 

2.

Wer immer in das Leben trat, wir haben ihn empfangen.
Durch uns nur konnte er im Staat sein Bürgerrecht erlangen.
Und in der ganzen Lebenszeit hat Kirche, Schul und Obrigkeit
bestanden stets auf ihrem Schein, kein Schritt soll Menschen möglich sein
ohn uns: Papier und Tinte.
 

3.

Und wer nun gar dem Studium geweihet hat sein Leben,
was muss in Schul, Kollegium er schriftlich von sich geben.
Was er erreicht hat und erstrebt, was ihn bedrückt und ihn erhebt,
Examensarbeit und Zensur, je selbst des Rüffels dunkle Spur,
es bringt's Papier und Tinte.
 

4.

Wie könnt' Herr Superintendent uns beide je entbehren?
Wir sind sein Lebenselement; Verweise, Trost und Lehren,
die seiner Herde er erteilt, und was von oben ihn ereilt
in eines einz'gen Jahres Lauf, ein riesengroßer Aktenhauf.
Was ist's? Papier und Tinte.
 

5.

Doch heute wollt er ganz und gar uns leid'ge zwei vergessen,
ob auch der Glückwunschbriefe Schar sein Teil ihm zugemessen.
Der Aktenstaub werd abgefegt, die Amtsmien' gänzlich abgelegt.
Regierung, Konsistorium und was so hänget dran und drum.
Weg! Samt Papier und Tinte.
 

6.

Die Geister, die so oft er rief, er kann sie heut nicht bannen.Wenn auch der
Wunsch ihn überlief: Aug, hebet euch von dannen!
Wir treten in der Gäste Kreis und möchten bringen schwarz auf weiß
dem künft'gen Glück 'nen Passepartout, von Leid 'nen Freibrief auch dazu.
's braucht nicht Papier und Tinte.
 

7.

Das Glück, es wohn in diesem Haus seit fünfundzwanzig Jahren.
Manch Brieflein flog herein, hinaus, drin sich's tät offenbaren.
Wir wissen drum, was niemand sieht, was still nur durch die Herzen zieht,
was flüstert leis von Mund zu Mund, die Liebe, die der Welt nicht kund,
die kennt Papier und Tinte.
 

8.

Und die geliebte Silberbraut ist dein Teil an uns beiden,
des Brautstands Glück und Sehnsuchtslaut, der Mutter Freud und Leiden.
Was Euch in Eurem Ehestand zusammenwob mit festem Band
steht auf manch stillverschwieg'nem Blatt, das ew'gen Wert doch für Euch hat,
ob's bloß Papier und Tinte.
 

9.

Doch wollen Tinte und Papier langweilig Euch nicht scheinen,
drum dünkt mich müssen eiligst wir zum Glückwunsch uns vereinen.
Und dieses weiße Deckchen hier werd diesen Tag ein Souvenir.
Ein jeder Gast schreib Euch im Flug darauf seinen vollen Namenszug.
Nehmt hin Papier und Tinte.
 

 

Die Ehestandgeschichte in Lied und Bild

gedichtet von M. von Below

(fehlt leider)

 

Zum Geschenk der Helferinnen v. Frl. Stein

1.

Was ist es, das die Herzen so bewegt?
Was lenkt den Blick so dankerfüllt nach oben?
Die Huld und Gnade Gottes lasst uns loben,
der Euch bis her und bis ins Alter trägt.
 

2.

Mit Glück und Segen hat er Euch bedacht.
Durch 25 Jahre reich an Freude
habt Ihr gemeinsam gehen dürfen beide,
von seiner Lieb und starkem Arm bewacht.
 

3.

Darum lasst heute an dem Hochzeitsfest
erinnern Euch an alle Lieb'sbeweise,
gestattet es auch unserem kleinen Kreise,
zu wünschen Euch für Leib und Seel das Best.
 

4.

Wir waren in Gemeinschaft hier bereit,
aus Deinem Munde Gottes Wort zu hören,
das Du uns gabst, die Kleinen zu belehren,
damit sie Früchte brächte für die Ewigkeit.
 

5.

Nimm unsern Dank, den wir Dir bringen hin,
und diese Gab, als unserer Liebe Zeichen,
möcht sie zur kleinen Freude Dir gereichen,
Dir und auch unsrer lieben Helferin.
 

6.

Und schaun wir heut am Silberhochzeitstag
mit dankerfülltem Herzen gern zurück,
so richten wir doch vorwärts auch den Blick,
voll Freudigkeit auf das, was kommen mag.
 

7.

Der gute Hirt hält Euch den Tisch bereit,
erquickt die Seelen, führt auf rechter Straße.
Sein Lieb sei mit Euch ohne alle Maße
und leite Euch zur Goldenen Hochzeit.
 

 

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Letzte Änderung 17.04.04