1903


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Das neue Jahr trat ich recht frisch und fröhlich an, wir waren alle gesund und arbeitsfreudig, so war mir auch die große Menge immer neuer Arbeit keine Last, wenn ich es auch immer wieder schmerzlich entbehrte, fast nie einen eigentlichen Ruhetag zu haben.

Der Januar brachte uns den lieben Besuch von Mutter Greeven mit Ria,die persönlich kennenzulernen schon lange mein sehnlicher Wunsch war. Sie waren bald beide mir so lieb wie Mutter bei ihrem Besuch in Gladbach. Ria blieb vom 26. Januar bis 16. Februar bei uns, so dass sie unser Haus und seine Art gründlich kennenlernte, und wir uns miteinander ganz einlebten.

Am 16. und 17. Februar waren Mutter und ich zusammen in Halle zur Missionskonferenz. Da war der von mir so hochgeschätzte und verehrte Missionsinspektor Schreiber noch so frisch und rüstig wie ein Jüngling. Am Dienstagabend war er mit seinem Sohn Gustel Schreiber, dem Bremer Missionsinspektor, noch auf der Wingolfskneipe, wo ich lange mit ihm zusammensaß. Wer ahnte damals, dass er schon nach wenigen Wochen aus seiner reichgesegneten Arbeit abgerufen werden würde!

In dieser Zeit war Tante Minna in Barmen, um ihre am grauen Star kranken Augen operieren zu lassen. Wie gespannt waren wir, ob die Operation gelänge und ihr das Augenlicht wiedergegeben werden würde. Wie froh waren wir, als sie nach schwerer Zeit wieder sehen konnte und mit neuem Lebensmut ihre Liebesarbeit für viele wieder treiben konnte, nun ihr liebes Bild mit der großen Starbrille für uns alle unlöslich verbunden. Wie froh war sie, dass sie nun wieder bis in's höchste Alter sich frei bewegen und reisen konnte.

Anfang März verließ Erich seine Stelle in Genua, besuchte unterwegs Calvinos und war nach zweijähriger Abwesenheit am 6. März wieder bei uns, um vom 12.März bis 7. Mai in Halle die erste Offiziersübung zu machen. So war es möglich, dass zu unserer Freude am Osterfest noch einmal alle neun Kinder im Elternhause zusammen waren.

Else war mittlerweile in der Lungenheilanstalt zu Görbersdorf gewesen, hatte aber auch hier meist Fieber gehabt. Da starb am 9. März ihr Vater - aber man wagte es nicht, ihr mitzuteilen. Da erbot sich Mutter, nach Besprechung mit Erich, nach Görbersdorf zu reisen, um ihr die Trauerbotschaft schonend beizubringen, evtl. sie mit nach Hause zu bringen. Sie reiste über Fellhammer und Friedland nach Görbersdorf, fand dort Else seit acht Tagen etwas wohler, so dass sie die traurige Kunde ertragen konnte, besser, als wir gedacht. Sie reiste dann mit ihr am 26. März bis Görlitz und am folgenden Tage zu uns nach Sangerhausen, wo wir alles zu ihrem Empfang hergerichtet hatten. Ich lernte das liebe Mädchen da erst kennen und gewann sie bald lieb, aber wie traurig dies Begegnen, da sie so krank und matt schon war. Sie blieb dann wohl bei ihrer Mutter in Bernburg, bis sie in den Harz nach Hohegeiß resp. Sorge kam.

In der vergangenen Zeit hatte ich mich viel mit der modernsten Theologie, Schriften von Gunkel, Weinel und Wernle beschäftigt. "Ich muss sagen", schrieb ich am 4. März, "dass ich vor der Theologie Angst habe. Es ist für unsere jungen Theologen schwer, sich damit abzufinden. Wer selbst schon einen festen Standpunkt hat, tut das leichter. Aber diese Entwicklung ist doch nicht mit Gewalt aufzuhalten und wird für unsere kirchlichen Verhältnisse noch viel Schaden bringen. Wenn Leute der Art erst auf Kanzeln stehen werden, wird das nicht zu Spaltungen in den Gemeinden und Zersetzung der Kirche führen müssen ?" Und in demselben Brief: "Der dritte Sohn, von dem ich lange erwartet hatte, dass er Theologe werden würde, erklärte mir kurz vor Beginn des Studiums, dass er das nicht könnte. Was er von moderner Theologie wusste, hat ihn abgeschreckt. Zwei seiner Bekannten haben nach halbjährigem Studium die Theologie verlassen - so studiert er Jura."

Mitte März hatte ich den Schmerz, meinen bewährten Schreiber H. Holze zu verlieren. Er hatte seine 12 Jahre ausgedient, und ich hatte ihm durch meine Empfehlung eine gute Stelle an der Kasse der Frankeschen Stiftungen in Halle verschafft. Ich bekam in der Folge keine Schreibhilfe wieder, die ihn mir ersetzte, kein Feldwebel des Bezirkskommandos war zu gewinnen, sie waren zu vornehm dazu, ich musste oft wechseln und viel selbst tun.

Ostern wurde Bernhard eingesegnet, Martha kam nach Absolvierung der Halleschen Schule nach Hause, und Kurt kam auf die Sexta des Gymnasiums, Hans aber siedelte von Halle nach Bonn über. Ich wollte ihm im Andenken an meine schöne Bonner Studentenzeit auch die Freude gönnen, ein paar Semester am schönen Rhein zu verbringen, und er hat es, denke ich, auch genossen.

Ende April wollte ich, nachdem ich Pastor Ehrke eingeführt hatte, mit Mutter auf einige Tage nach Treffurt gehen. Aber da erkrankte mein Kollege Pastor Bornhak ernstlich und musste hernach 6 Wochen Urlaub zu seiner Erholung nehmen. So war ich in Sangerhausen unabkömmlich und musste Mutter mit Martha, die auch erholungsbedürftig war, allein reisen lassen. Sie haben im schönen Monat Mai das liebe alte Nest und das blühende Werratal recht genossen, obwohl es nicht mehr das alte war - Bahn bis Treffurt, elektrisches Licht, ausgebauter Normannstein, - aber damals noch die alte Liebe bei vielen Treffurtern. Heute würden wir dort ganz fremd sein. Sie hatten auch die Freude, einen feinen Vortrag von Rektor Muff aus Pforta zu hören, zu dem auch die alten Freunde aus Großburschla und Völkershausen kamen, die sie dann auch besuchten. Die armen Hesses hatten damals schon das Leid durch die Krämpfe ihrer Tochter, die sich immer wiederholten, aber die Freude über den fröhlich aufblühenden Jungen - und heute dieser im Krieg gefallen und die arme Tochter immer noch so schwer leidend.

Mutter verlebte in Treffurt auch den Tag, an dem ihre Eltern die Goldene Hochzeit gefeiert haben würden, wenn die Mutter noch lebte. Den Tag darauf hatte sie den Besuch von Lieschen Dietzel aus Rambach mit ihrem Jungen, deren Anhänglichkeit rührend treu war und geblieben ist.
Unterdessen war Fritz nach Ostern einige Zeit zu seinem Schwager Wilh. Greeven nach Bombaden gegangen, von da nach Koblenz zu seinem 2. theol. Examen, das er am 3. Mai glücklich bestand. Dann eilte er nach Gladbach, wo nun die Verlobung veröffentlicht und mit einem häuslichen Fest am 7. Mai gefeiert wurde. Er blieb dann noch 3 Wochen bei seiner lieben Braut, die letzten 10 Tage mit ihr und seinen Schwiegereltern in Honnef am Rhein.Die Hoffnung, als Prediger nach Madrid zu kommen, hatte sich zerschlagen, aber schon am 1. Juni kam er als Hilfsprediger nach Broich bei Mülheim, wo er in der großen Gemeinde von 4800 Seelen viel Arbeit fand, da der Geistliche der Gemeinde sehr krank war.

Erich hatte unterdessen seine Übung in Halle abgeschlossen, war aber trotz seiner anerkannten militärischen Tüchtigkeit nicht befördert worden, weil er unter lauter Akademikern der einzige nicht selbständige Kaufmann war. Er hat sich seitdem um jede weitere Übung gedrückt, weil ihm begreiflicherweise das Militär verleidet war. Erst der Krieg hat ihm rasche Beförderung und Anerkennung seiner Leistungen als Soldat gebracht. Er blieb zunächst wieder in Sangerhausen, arbeitete wohl wieder in der Aktienmaschinenfabrik, suchte jedoch nach einer für ihn passenden Stellung, ohne sie zu finden. So entschloss er sich zuletzt, nach Südamerika, nach Buenos Aires zu gehen, um dort eine Stellung zu suchen. Er fuhr, nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, am 1. August von Bremen hinüber. Das war für uns alle eine schwere Trennung, da sie voraussichtlich für lange Zeit sein musste, am schwersten für ihn, da er nicht nur das Elternhaus, sondern auch die kranke Braut zurücklassen musste. Sie hofften freilich damals noch auf ihre Genesung und machten Pläne, dass sie ihm übers Meer folgen sollte, wenn sie genesen sei und er eine Lebensstellung gefunden hätte.

Da ich nach Ostern nicht hatte ausspannen können und bei der vermehrten Arbeit recht müde war, machte ich am Pfingstmontag (im Juni) mit Lili und Martha eine Tour in den Harz. Große Hitze hinderte zu vieles Laufen, aber wir haben es doch recht genossen. Wir wanderten über Gitfelde nach Grund, Wildemann und Hahnenklee, am anderen Morgen hinab nach Goslar (trafen unterwegs den Herrn Rose mit seinem Sohn im Wald), fuhren nach Oker und Romkerhall, gingen dann nach Harzburg, wo uns die vornehme Gesellschaft wenig gefiel, und nach Ilsenburg. Am anderen Morgen erstiegen wir den Brocken. Bei Harzburg hatten wir im Walde Direktor Menge mit seinen Töchtern getroffen, er wohnte dort pensioniert. Auf dem Brocken wurde leider Lili krank, wie ich bei unseren vorigen Reise in Wernigerode. Infolgedessen entschloss sie sich, direkt nach Hause zu fahren, ich ging mit Martha bei großer Hitze über Dreieckig, Pfahl, Oderbrück, Oderteich, am Rehberger Graben nach Andreasberg, wo wir übernachteten. Martha denkt mit besonderer Freude unserer Mahlzeit am Rehberger Grabenhaus, wo wir müde und hungrig ankamen. Wie mundeten uns da die Eier und die frische Milch, zu neuem Marsch uns erfrischend. Am nächsten Morgen ging's dann hinab ins Odertal und hinauf nach Stoberhai, wo Martha außer der herrlichen Aussicht die Freude genoss, zum ersten Mal an der table d'hôte zu essen, dann hinab nach dem Wiesenbecker Teich und nach Lauterberg und ich glaube auch noch nach Scharzfeld per pedes, dann mit der Bahn am Abend heim. So hatten wir die drei Tage gut ausgenutzt, viel Schönes gesehen und uns miteinander und aneinander gefreut. Solche Touren mit den Kindern waren mir oft besondere Freude. Schade, dass schon damals die Mutter nicht mehr mitwandern konnte wie in der Jugendzeit.

In dieser Pfingstwoche war in Sangerhausen die erste Rosenausstellung in dem neu angelegten Rosarium, das sich mehr und mehr zu einer Zierde und Freudenquelle für Einheimische und Fremde ausgewachsen hat, wie oft habe auch ich mich und wir alle uns daran erfreut.

Während Mutter mit Martha in Treffurt war, kam mir die Kunde, dass vom 21. Juni an eine Generalkirchenvisitation in meiner Ephorie veranstaltet werden sollte. Ich hatte sie unter den früheren Generalsuperintendenten bisher ferngehalten, da ich mir nicht viel Nutzen davon versprach. Nun kam mir die Anordnung derselben, ohne irgendwelche vorherige Rücksprache mit mir, fix und fertig, und so konnte ich mich ihr nicht mehr entziehen. Ich ging ihr mit einiger Besorgnis entgegen. Das Ganze versprach nach dem aufgestellten Plane eine Hetztour zu werden, da in der Zeit von 14 Tagen alle 29 Gemeinden besucht werden sollten und der Herr Generalsuperintendent in jeder selbst anwesend sein und sprechen wollte. So war für manche kleine Gemeinde kaum eine Stunde Zeit vorhanden, dazu war's die Zeit der Heuernte und politischer Wahlagitation. Aber es ging besser, als ich gedacht.

Die Kommission bestand außer dem Herrn Generalsuperintendenten aus seinem Adjudanten Pastor Karig aus Magdeburg, Superintendent a.D. Möller aus Langenweddingen, meinem alten lieben Freund, Konsistorialrat Scharfe aus Elben, der Dezernent für unsere Ephorie im Konsistorium (leider) war, und einem vom Konsistorium delegierten Pfarrer aus Ostpreußen, einem lieben tüchtigen Mann, dessen Namen ich leider vergessen habe, - und mir.

Von Laien waren dazu ernannt der Landrat von Doetinchen, Bürgermeister Knobloch und Rektor Lembke aus Sangerhausen und Baron von Bülow aus Beyernaumburg. Alles stumme Teilnehmer, keiner hat den Mund aufgetan außer bei den gemeinsamen Mahlzeiten zum Essen und Trinken. Wenn wir doch Laien hätten, die bei solcher Gelegenheit die Freudigkeit bewiesen, ein schlichtes Zeugnis abzulegen! Wie würde das wirken! Die Herren dispensierten sich auch öfter, wenn sie Wichtigeres zu tun hatten.

Generalsuperintendent Holzheuer hatte den äußeren Apparat anders geordnet, als es sonst zu geschehen pflegt. Er ließ den einzelnen Kommissionsmitgliedern die ihnen zustehenden Gebühren nicht auszahlen, behandelte die ganze Kommission wie eine große Familie, für die er in allem sorgte. Die auswärtigen Herren waren im Hotel Kaiserin Augusta untergebracht, von da ging's täglich in die Ephorie mit für die ganze Zeit gemieteten Wagen. Abens kehrten wir dann dorthin zurück und versammelten uns um 5 oder 6 Uhr zu gemeinsamem Mittagessen, wozu auch der Wein geliefert wurde. Am Schluss der Visitation blieb nach Bestreitung aller Kosten ein Rest, der unter die Mitglieder für Abnutzung der Kleider etc. verteilt wurde. Durch diese Anordnung wurde ein Übernachten in den Dörfern resp. den Schlössern der Patronatsherren vermieden, nur an einigen Tagen war die Kommission zur Mittagszeit zum Frühstück eingeladen, so in Beyernaumburg, Klosterrode u.a.

Die Kommissionsmitglieder hatten es verhältnismäßig leicht, da das meiste der Generalsuperintendent selber machte. Uns blieb fast nur eine Unterredung mit den Konfirmierten, der Ortspfarrer predigte, der Generalsuperintendent hielt an die Gemeinde Ansprache und suchte die Erwachsenen zur Unterredung mit ihm zu ermuntern, froh, wenn einer oder eine - oft die Pfarrfrau oder Pfarrerstochter - die ihr in den Mund gelegte Antwort aussprach. Darin sah er dann ein ihn beglückendes Zeugnis.

Am Sonnabend, den 20. Juni war der Eröffnungsgottesdienst, in dem der Generalsuperintendent predigte, danach Abendmahlsfeier, bei der er die Beichte hielt. Danach war bei uns ein einfaches Frühstück, danach Konferenz mit Geistlichen und wohl auch Lehrern und abends um 5 Mittagessen der Kommission bei uns. An dem Tag waren auch der Konsistorialpräsident und Regierungspräsident zu der Eröffnung erschienen.

Am Sonntag war Visitationsgottesdienst in St. Jacobi, wo ich predigte, und in St. Ullrich, wo um 1 Uhr Ehre predigte. Dann täglich in der Regel zwei Gemeinden, aber wenn es passte, auch drei bis vier. So 9 Uhr Blankenheim, 1/2 12 Uhr Klosterrode, 1/2 1 Uhr Liedersdorf, 1/2 Uhr Bornstedt. Oder am 1. Juli 1/2 10 Uhr Lengefeld 1 Uhr Wettelrode, 2 Uhr Obersdorf, 4 Uhr Grillenberg. Dass das große Hetzerei gab, da ja auch die Wagenfahrt von einem Ort zum anderen hinzukam, läßt sich denken. Gut, dass strenger Befehl war: keine Predigt über 20 Minuten!

Der Schluss jedes Gottesdienstes war der Gesang "Lass mich gehn", unter dem die Gemeinde das Gotteshaus unter Vorantritt des Generalsuperintendenten und der Kommission verließ und sich auf dem Platz vor der Kirche aufstellte, wo dann der Generalsuperintendent meist noch ein kurzes oft treffliches Wort, das packte, an die Gemeinde richtete.

Am Sonnabend, dem 4. Juli war um 1/2 10 Uhr Schlusskonferenz und um 1/2 11 Uhr Schlussgottesdienst in der Jacobikirche, beides im wesentlichen die Ansprachen und Predigt des Generalsuperintendenten. Der Besuch der Gottesdienste war wohl überall gut, die Teilnahme der Gemeinde rege, viel äußere Zurüstung, fast überall Ausschmückung der Kirche mit frischem Grün, Kränze und Schilder in den Dorfstraßen, Ehrenpforten an manchem Dorfeingang. Öfter kamen Schulkinder und Gemeindevorstände mit Lehrern und Geistlichen bis an die Ortsgrenze entgegen, Vereine waren vor der Kirche mit fliegenden Fahnen aufgestellt. Meisterhaft war es, wie der Generalsuperintendent auf die immer neuen Begrüßungen fast immer treffend und kernig antwortete. Höhepunkt der Begeisterung war, als der Älteste Funke in Obersdorf den Generalsuperintendenten in wohlgesetzten Worten begrüßte, und der Generalsuperintendent - gerührt durch die guten treuherzigen Worte des einfachen Mannes - ihn umarmte und küsste.

Den schönsten Schmuck hatten die beiden Sangerhäuser Kirchen angelegt, die Fotografien, die ich besitze, bezeugen es. Baumeister Koebe hatte sich darum in viel Arbeit besonders verdient gemacht. Herrlich war auch das große Hallelujah von Händel, das der gemischtchörige Gesangverein für die Messiasaufführung am 27. September bereits geübt hatte und bei dem Eröffnungsgottesdienst sang.

Ich erwähne noch, dass an manchen Orten der Generalsuperintendent gerne eine Taufe verrichtete, in Holdenstedt auch mit dem Visitationsgottesdienst die Einführung des neu gewählten Pastor Enders verband, der vorher wohl schon einige Zeit uneingeführt amtiert hatte. Charakteristisch war bei solchen Amtshandlungen, dass er sich in keiner Weise an die vorgeschriebene Agende band. Er brauchte kein Buch dabei, machte alles aus dem Kopf - oft in recht freier, von dem Gewohnten und Vorgeschriebenen stark abweichender Weise.

Ich schrieb im Rundbrief vom 19. August:"....Die Visitatoren hatten nur kurze Besprechungen mit den Konfirmierten, der Generalsuperintendent machte das Übrige alles allein, unglaubliche Leistungsfähigkeit für sein Alter, auch er kurz in allem aber oft recht gut. Er hat bei seinem einseitigen Standpunkt eine gewaltige Kraft des Zeugnisses der evang. Wahrheit, immer auf das Zentrum gehend, voll bewunderungswertem, oft staunenerregenden Optimismus, der die Schatten nicht zu sehen scheint. Dabei hat er eine köstliche Gabe, mit den Leuten zu verkehren und zur rechten Zeit das rechte Wort zu finden. Für sein Gefolge ist er oft recht unbequem in seinen sprunghaft wechselnden Entscheidungen. Gott gebe, dass etwas von Segen bleibe! - es war wie ein Platzregen." - Was Generalsuperintendent Holzheuers Optimismus betrifft, so war man oft versucht zu glauben: Er will die Schatten nicht sehen. In jeder Gemeinde war ein ausführlicher Fragebogen über die kirchlichen und sittlichen Verhältnisse mit viel Sorgfalt und Mühe beantwortet. Ich dachte, der Generalsuperintendent würde daraus sich vorher über die Verhältnisse in der Ephorie informieren, aber er wollte sie nicht geschickt haben. Als er kam, übergab ich sie ihm. Als er abreiste, gab er sie mir zurück, ohne sie angesehen zu haben. Auch wenn am Abend das Protokoll über die Arbeit des Tages festgestellt wurde, kam es nie zu einer Besprechung. Er fragte mich nie über etwas, wie es in der Gemeinde stände. Er diktierte das Protokoll für das Konsistorium voll Lobeserhebungen über Schmuck und Besuch etc. Es kam ihm nicht darauf an, die Ephorie kennenzulernen, sondern überall ein kräftiges evangelisches Zeugnis abzulegen, zur Weckung geistlichen Lebens.

Von Holzheuers wechselnden Entschließungen ein Beispiel. Wir waren Donnerstag, den 2. Juli in Morungen und saßen nach dem Gottesdienst am Nachmittag bei herrlichem Wetter auf der Terrasse des Schlosses beim Kaffee. Da war es in der herrlichen Umgebung und bei liebenswürdiger Unterhaltung mit den freundlichen Wirten dem Generalsuperintendenten so gemütlich, dass er sich gar nicht trennen konnte. Um 5 Uhr war ein Gottesdienst für die Kinder des Kindergottesdienstes aus beiden Gemeinden mit ihren Helferinnen angesetzt, in dem der Generalsuperintendent selber sprechen sollte. Alle waren darauf gespannt. Ich erinnerte ihn mehrmals daran, dass es Zeit sei aufzubrechen. Vergebens. Endlich sagt Generalsuperintendent Holzheuer zu Kons. Scharfe: Gehen Sie und sprechen Sie mit den Kindern. Und er blieb in Morungen - und Scharfe fuhr mit uns nach Sangerhausen und enttäuschte die Helferinnen und langweilte die Kinder, die die weite Kirche bis auf den letzten Platz füllten.

Ich habe mich über die Gemeindekirchenvisitationen in meinem Bericht auf der Provinzialsynode am 16. September ausführlich ausgesprochen. Siehe das gedruckte Protokoll vom 16. Sept., Seite 5. Natürlich tritt da die Kritik zurück und ist das Erfreuliche besonders hervorgehoben. Einige Sätze daraus: Es war erfreulich zu sehen, wie überall die Visitationskommission von Tag zu Tag in wachsendem Maße mit herzlicher Freude aufgenommen wurde. ... Das war die Hauptsache: dass die Visitationstage unseren Gemeinden und vielen Einzelnen durch das vielstimmige Zeugnis aus Gottes Wort, namentlich durch das glaubensstarke Wort unseres Herrn Generalsuperintendenten eine Stärkung und Förderung des inneren Lebens gebracht hat. Es war kein anderes Evangelium, als das was sonst auch in unseren Gemeinden verkündet wird, aber doch lag eine besondere Weihe auf diesen Gottesdiensten, doch spürte man oft mehr als sonst, wie das Wort des teuern Oberhirten an die Herzen herankam, und wie die Kraft des Glaubens und der Liebe, die sein Wort erfüllte, in manchen schlummernde Funken des Glaubenslebens weckte. ... Mit den einzelnen religiösen und sittlichen Verhältnissen der einzelnen Gemeinden hat die Visitation sich nicht befasst, konnte es auch nicht bei der Kürze der Zeit. Sie wollte immer wieder in den Mittelpunkt evangelischen Glaubens führen, wollte den Glauben an den für uns gegebenen, am Kreuz für uns gestorbenen und doch seiner Gemeinde lebendig nahen Heiland wecken und beleben. ... An uns allen wird es liegen, dass wir die ausgestreuten Samenkörner pflegen und dazu helfen, dass die Saat nicht alsbald zertreten werde. ..." Ich bitte nun, den ganzen Bericht dort nachzulesen, wen die Sache interessiert.

Für einen hatte die Visitation eine üble Folge:

Pfarrer Rückmann in Gonna hatte sich innerlich ablehnend gegen die Visitation verhalten und das darin dokumentiert, dass er in seinen beiden Gemeinden sich jeder Vorbereitung für sie enthalten hatte. So waren die Kirchen schmucklos, der Empfang kalt, die Teilnahme der Gemeinden im Gegensatz zu allen anderen gering. Das frappierte natürlich alle und ärgerte wohl den Herrn Generalsuperintendenten. Bald danach kamen, wie sich nach den Worten des Generalsuperintendenten bei Feststellung des Protokolls erwarten ließ, Anfragen des Konsistoriums über Pastor Rückmann, seine Tätigkeit etc. Danach Verhandlungen, die zu seiner Pensionierung führten, die in Gnaden unter Verleihung des roten Adlerordens IV. Kl. bewilligt wurde.

Das war für die Gemeinden kein Schade, mir nicht unerwünscht, da Pastor Rückmann bei seiner kalten Art Verständnis für geistliches Leben fehlte und er kaum in seiner Gemeinde wirklich pastorale Arbeit tat, dazu war das Pfarrhaus bei der Art der Pfarrfrau für die Gemeinde fast verschlossen. Aber leider kamen die armen Gemeinden aus dem Regen in die Traufe. Der Oberkirchenrat ernannte ohne jede Rücksicht auf die geistlichen Bedürfnisse der Gemeinden den schon bejahrten Divisionspfarrer Heindorf aus Hagenau, der beim Militär unmöglich geworden war und im Zivildienst versorgt werden musste, zum Pfarrer von Gonna, und ich führte ihn im Juli 1904 in sein Amt ein. Er war ein herzensguter Mann, aber er litt an zwei schweren Gebrechen: er hatte den Bauspleen, dem er bei seiner guten Vermögenslage in Hagenau gefrönt hatte, und der ihn alsbald zum jahrelangen Umbau des Gonnaer Pfarrhauses auf eigene Rechnung führte. Noch schlimmer aber war sein Leiden und Leid durch seine hysterische Frau, die seine Stellung in der Gemeinde oft schier unmöglich machte. Nun war das Pfarrhaus für alle Gemeindemitglieder ganz verschlossen - die kinderlosen Leute hausten jahrelang in zwei Stübchen, während im Haus immerfort gebaut wurde. Er hatte wohl ein Herz für die Nöte in der Gemeinde, besuchte auch die Leute und tat manchem Gutes, aber das traurige eheliche Verhältnis ließ keine Achtung vor dem Pfarrhaus und auch dem Pfarrer zu. Charakteristisch ist, dass bei einer Kirchenvisitation, die ich in Gonna abhielt, er mich zum Mittagessen im Gasthofe einlud !!
Nun ist er endlich pensioniert und soll einen sehr tüchtigen jungen Nachfolger erhalten haben, den die Gemeinden gewählt haben. Ich kann aber nicht ohne tiefe Wehmut an die armen Gemeinden Gonna und Pölsfeld zurückdenken, und die dortigen Verhältnisse haben mir manche bittere Stunde bereitet.

Ich erwähnte meinen Bericht auf der Kreissynode vom Jahre 1903. Das gibt mir Veranlassung, ein Wort über diese jährlichen Berichte zu sagen:

Als ich nach Sangerhausen kam, wurde der jährliche Synodalbericht über die kirchlich sittlichen Verhältnisse der Ephorie auf der Synode verlesen und dann mit dem Protokoll der Synode ganz oder auszugsweise dem Konsistorium übersandt. Auf der Synode hörten natürlich viele nicht zu oder behielten naturgemäß wenig von dem Vorgetragenen. So blieb der Bericht für die Ephorie wirkungslos. Vom Rhein her war ich gewohnt, dass die Berichte gedruckt, in dem eigenen Bezirk verbreitet und zwischen den Kreissynoden ausgetauscht wurden. In der Provinz Sachsen waren es erst wenige Synoden, die drucken ließen. So beantragte ich, dass die Synodalprotokolle gedruckt würden. Das wurde bewilligt, zuerst in geringer Zahl für die Mitglieder der Synode und der Gemeindekirchenräte, dann 1000 Exemplare für weitere Kreise und endlich wohl 3500, so dass in jede Familie der Ephorie ein Exemplar kommen konnte. So kam mein Bericht in alle Häuser, und ich hatte den Vorteil, nicht nur zu wenigen Synodalen sondern zu allen Gemeindemitgliedern meiner Ephorie mich über wichtige Fragen des kirchlichen Lebens äußern zu können. Zugleich war dabei der Vorteil, dass das synodale Leben des Bezirks aus dem gedruckten Protokoll bekannter wurde. Manche der Berichte werden natürlich den Weg allen Fleisches gewandert sein, viele aber lasen die jährlichen Berichte gerne und mit Interesse. Ich tauschte auch mit anderen Superintendenten, die drucken ließen, die Berichte aus, wodurch ich einen Einblick in das kirchliche Leben anderer Kirchenkreise erhielt. Leider gelang es mir nicht, es durchzusetzen, dass Drucklegung und Austausch der Protokolle obligatorisch wie am Rhein gemacht wurde.

Durch die Drucklegung und Verbreitung meines jährlichen Berichtes wuchs natürlich meine Arbeit. Ich konnte bei Wiederholungen nicht auf die Vergesslichkeit der Hörer rechnen und musste den Bericht gründlich durch Berichte aus den einzelnen Gemeinden vorbereiten, um nur wohlbegründete Urteile abgeben zu können. Aber so groß alljährlich die Arbeit für den unscheinbaren Bericht war, mehr als man es ihm ansieht, so hat sie mich nie gereut. Auch die am Ende jährlich beigefügte Statistik schien mir der Mühe wert zu sein.

Ich habe mich im Laufe der Jahre über die mannigfachsten Fragen in den Berichten ausführlich ausgesprochen, so über das Leben der Jugend und Jugendpflege, Sonntagsheiligung, Spinnstubenunwesen, kirchl. Patronat, soziale Arbeit der Geistlichen, über Bordelle, Werke der Inneren Mission und vieles andere. Wer sich dafür interessiert und sich die Mühe nimmt, meine Berichte aus dem Sammelband der Synodalprotokolle von 1892 bis 1912 nachzulesen, wird darin meine kirchliche Stellung kennenlernen. Leider hat mein Nachfolger nur noch drei Jahre lang drucken lassen, dann aber das Drucken der Synodalprotokolle wieder abgeschafft. Warum? Mir sehr schmerzlich.

Nach der Generalkirchenvisitation hatte ich im Juli viele Landschulen zu besuchen, deren Visitation über viel anderer Arbeit bisher unterblieben war. Dann kam der Abschied von Erich mit seiner schmerzlichen Gemütsbewegung, endlich am 2. August konnte ich mit Mutter meinen Urlaub antreten. Das Haus überließen wir Lili und Martha, die Lilis englische Freundin Hilde Moon zu dreiwöchentlichem Besuch hatten. Unser Ziel war Freudenstadt, aber wir konnten erst gegen den 20. August dort ankommen. So wollten wir unterwegs allerlei mitnehmen. Unser Weg führte uns zuerst nach Hemer und Sundwig zu Natalie v. der Recke und ihrer Schwester Pauline, dann nach Elberfeld zu Vater, wo wir in Erinnerung des denkwürdigen Donnerstag in der Festwoche von 1877 die Festwoche besuchten und mit Vater auf die Königshöhe und Barmer Anlagen wanderten.

Dann ging's nach Gladbach, wo ich Vater Greven kennen-, schätzen und liebenlernte. Seine einfache, freundliche, gediegene Art, seine schlichte, herzliche Frömmigkeit, dazu die liebe Mutter Greeven in ihrer überströmenden warmen Herzlichkeit ließen es uns von der ersten Stunde an in ihrem Hause wohl sein und erhöhten meine Freude, dass Fritz aus solchem Hause die Braut gefunden. Wie gut, wenn bei solcher Verbindung zweier Herzen auch die dazugehörigen Familien so ganz zueinander passen!

Von Gladbach aus besuchten wir in Rheydt unseren alten Pensionär Rudolf Herzog, der jetzt selbst wohlbestallter Hausvater war.

Montag, den 10. August fuhren wir nach Bonn zu Hans. Er war dort geblieben, um unseren Besuch zu erwarten, während das Semester geschlossen war und die Kommilitonen abgereist waren. So sah ich leider von meiner alten Verbindung nichts als das Wingolfhaus. Wir machten aber mit Hans und einem Freunde eine schöne Fahrt nach Rolandseck und Königswinter, wo wir ein gemütliches Böwlchen tranken und ich mich alter Erinnerungen und gegenwärtiger immer wieder neuer Schönheit des alten Vater Rhein erfreute - wohl das letzte Mal.

Am 11. führte uns das Dampfschiff den Rhein hinauf, an so manch lieben erinnerungsreichen Stätten vorüber nach Mainz, wo wir Karl Wiebel trafen, dann am anderen Morgen weiter nach Freiburg, wo die Geschwister nicht anwesend waren, durch's Höllental nach Hinterzarten, ich auf den Feldberg. Dann über Donaueschingen am 13. und Furtwangen am 14. nach Neueck im Schwarzwald, wo wir einige Tage mit Hermann und Clara zusammmen sein wollten. In Furtwangen war damals Pastor Hermann, Ada Calvinos Mann, mit dem wir mehrfach zusammen waren. Sie war nicht zu Hause.

Neueck ist ein einsames Gasthaus auf der Wasserscheide an der Straße von Furtwangen ins Simonswalder Tal, 985 m hoch mit freier Aussicht. Leider hatten wir dort wenig günstiges Wetter, viel Regen, doch durchstreifte ich mit Schwager Hermann und den Damen, einige Male auch mit dem Neffen Pastor Hermann die weitere und nähere Umgebung. Leider war ich durch den südlichen Schwarzwald etwas enttäuscht. Aus meiner Studentenzeit hatte ich die Erinnerung an die prachtvollen alten riesenhohen Tannen in den Wäldern. Jetzt fand ich viele Berge kahl oder mit jungem Holze bestanden. Das lag an dem badischen Forstgesetz, das den Bauern erlaubte, ihren Wald nach Belieben zu schlagen. Nun war die Zeit hoher Holzpreise in den Jahren des gewaltigen Aufschwungs auch die Zeit der Waldverwüstungen im südl. Schwarzwald auf badischer Seite, während der schöne Wald im Württembergischen, bei Freudenstadt und am Kniebis und anderwärts erhalten war. Doch uns war unser Aufenthalt in Neudeck trotz Wetters und Wald nicht leid, das Zusammensein mit den Geschwistern sehr gemütlich und das viele Laufen im Wald sehr wohltuend.

Am 21. August gingen wir, ein Stück Weges von den Geschwistern geleitet, nach Triberg, vorbei an den berühmten Triberger Wasserfällen, und von dort über Hausach und Schiltach durch das Kinzigtal nach Freudenstadt. Da hat es uns im Kurhaus Palmwald von Anfang an sehr gut gefallen. "Wenn man absieht", schreibt Mutter, "von dem für Herren etwas lästigen Zwang der Hausordnung, so ist das Kurhaus Palmwald wirklich eine ideale Sommerfrische, Wohnung, Verpflegung, Bedienung, alles gut und die Hauptsache, der schöne Wald, so nahe, die Luft so herrlich und viele, liebe Menschen dort, mit denen man bekannt wird. Zu unserer großen Freude besuchte uns Georg mit seiner Hertha einen Tag, wir konnten einen schönen Waldspaziergang mit ihnen machen." Zu unserer Freude trafen wir meinen Freund, Pastor Hopfmüller aus Bayern, dort, mit dem ich viel lief in die nähere und weitere Umgebung, auch andere Bekannte schlossen sich uns öfter an. So führten uns unsere Ausflüge mehrmals nach Zwieselsberg und darüber hinaus bis nach Rippoldsau, wo ich vor langen Jahren mit meiner Mutter mehrere Wochen geweilt. Dann wieder auf den Kniebis und ein andermal über Reinerzan und Schenkenzell nach Alpirsbach, wo die alte Kirche, eine Säulenbasilika mit schönem Kreuzgang, unser Interesse weckte. Sie ist die Grabstätte des ältesten Grafen von Zollern. Am Sonntag waren wir zum Gottesdienst in der Stadtkirche, einem originellen Bau, zwei Schiffe, die im rechten Winkel zueinander stehen, im Scheitelpunkt Kanzel und Altar, über diesem ein riesiger Kruzifixus aus Holz geschnitzt. Von der einen Seite gesehen erscheint der Heiland lebend, geht man herum, so ersterben die Züge immer mehr, bis der Körper von der entgegengesetzten Seite gesehen den Eindruck des Leichnams macht.

Die Seele des großen, für 200 Gäste berechneten Hauses, ist der Hausvater Huppenbauer, früher Baseler Missionar, der ein trefflicher praktischer Verwalter, aber ein noch trefflicherer geistlicher Vater des Hauses ist. Seine täglichen Morgen- und Abendandachten waren vorzüglich, leider zuweilen etwas zu lang. Aber durch den Reichtum seiner Gedanken, die auf tiefer christlicher Erfahrung ruhten, boten sie immer wieder neue Anregung und Stärkung. Das Haus ist wohl einzig in seiner Art und ist vielen zum Segen geworden.

Wir schieden am 2. September mit schmerzlichem Bedauern, dass unser Aufenthalt nicht hatte länger sein können, und mit dem Wunsch und Vorsatz, bald wiederzukommen.

Auf der Heimreise machten wir noch kurz Station in Rüsselsheim und waren am Abend des 3. September wieder daheim, dankbar für all das Schöne, das wir gesehen, und die Erholung, die wir gefunden.

Der Herbst brachte uns die Teilnahme an zwei Hochzeiten, am 22. September die von Lilis Freundin Jula Hornung mit Herrn Ltn. Fulda und am 16. November die von Frl. Flügel mit Herrn Dr. Dönitz, letztere vor ihrer Ausreise nach Tsingtau.

Dann am 27. September die Aufführung des Messias, bei der auch Lili mitsang, eine gute Aufführung für die Kleinstadt.

Am 1. Oktober verließ uns Lili, um in Cressier in der französischen Schweiz eine Stellung im Hause der Familie Kanjaquet anzutreten. Nachdem sie in England gründlich Englisch gelernt wollte sie auch des Französischen Herr werden, und auch die Schweiz lockte sie. Sie blieb in Hanau wohl 14 Tage im Hause ihres Patenonkels Schmitz, besuchte von dort aus auch den Onkel in Rüsselsheim und trat am 15. Oktober die Stelle an, fand freilich dort nicht so angenehme Verhältnisse wie bei Moons in England, hat aber doch ihren dortigen Aufenthalt nicht zu bereuen.

Nun war Martha Haustochter, hatte so gründlich Gelegenheit gehabt, Haushalt und Kochen zu lernen, ohne darüber die Lust und Liebe zu den Büchern zu verlieren. Sie soll öfters mit einem Buch am Kochherd gestanden haben, wurde aber von ihrer Mutter bald wegen ihrer Tüchtigkeit auch in häuslichen Dingen gerühmt.

Am 5. Oktober war ich mit Meta-Mutter in Kösen, schöne Tage, die den Kindern Kösener Trauben verschafften. Auf der Hinreise waren wir bei Superintendent Holzhausen in Freiburg, blieben eine Nacht und lernten auch seine kranke Frau kennen. Bei der Rückreise war in Sangerhausen die mehrtägige Versammlung des Lehrervereins der Provinz Sachsen im Gange. Ein oder zwei Lehrer aus Magdeburg wohnten bei uns, ich hatte auch eine Aussprache bei einer Versammlung. Interessant war mir, in solche Versammlung einen Blick zu tun und die Agitationsweise aus eigener Anschauung kennenzulernen. Welche Ziele wurden da als Lockmittel aufgestellt, Universitätsstudium, Gehaltsverbesserung etc., Forderungen, an deren Erfüllungsmöglichkeit für alle Lehrer die leitenden Männer am wenigsten glaubten. In dieser Tagung machte sich stark der Gegensatz zwischen Stadt- und Landlehrern fühlbar, der dann zur Gründung des neuen Lehrervereins führte, in dem sich wesentlich Landlehrer zusammenfanden. Das wird auch wohl mit der Zeit der Gang der Entwicklung sein, dass sich zwei Arten von Volksschullehrern herausbilden, gewöhnliche und Mittelschullehrer stehen sich jetzt schon gegenüber.

Im Oktober wurde Pastor Bornhak als Pfarrer an die Christuskirche in Elberfeld gewählt und siedelte im Laue des Winters dahin über, für mich und für Sangerhausen ein schwerer Verlust.

Im November war Fritz acht Tage bei uns, dann Tante Bertha 14 Tage (auch über das Weihnachtsfest), daneben brachte der Winter allerlei Krankheiten der Kinder, die nicht gefährlich waren, aber die Mutter immer wieder belasteten, so wechselte Freud und Leid im Haus.

Der Dezember brachte uns noch zwei Veränderungen in der Ephorie. Am 16. 12. starb Pastor Löffler in Obersdorf und wurde von mir am 19. beerdigt. Am 20. führte ich Pastor Eckler in Großleinungen ein. Pastor Löffler wurde von seiner Gemeinde geschätzt und sein Tod betrauert. Ich übernahm die Pflegschaft über die geisteskranke Frau und die Sorge für die Kinder, hatte viel zu tun, um die Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Als die Familie nach Halle zog, war ich froh, meine Verpflichtungen dem Bruder des Verstorbenen, Lehrer an den Frankeschen Stiftungen, übertragen zu können.

Mit Pastor Eckler hatte die Ephorie keine hervorragende Erwerbung gemacht. Das Beste an ihm war seine Frau, Tochter des Sparkassenrendanten Richter, die, leider kinderlos, sich treulich der Nöte in der Gemeinde annahm. Er war ein herzlich unbedeutender Mann. Ich litt unter ihm durch seine grenzenlose Bummelei in allen geschäftlichen Dingen: die Kirchenrechnungen kamen immer so spät, oft 1/2 Jahr und mehr zu spät, dass dadurch die Arbeit der Rechnungskommission aufgehalten wurde. Er wurde nie mit seiner Arbeit fertig und war unpraktisch und voll Bedenklichkeiten. Die Ebersteinsche Familie war durch seine beiden Vorgänger Pastor Überhagen und Pastor Peter verwöhnt und empfand den Wechsel bitter.

Auch ein anderer Todesfall, der des Superintendenten a.D. Dr. Burckhardt in Halle, meines Vorgängers im Amt, bewegte mich schmerzlich. Ich war zu seiner Beerdigung am 3. Dezember in Halle. Er war der Onkel von Frl. Stein.

Als Nachtrag erwähne ich noch eine Tour nach Stolberg und der Josephshöhe, die wir am 15. Oktober mit den Kindern in ihren Herbstferien machten. Die Erinnerung daran wird den Kindern, die teilnahmen, Freude machen, besonders Martha, die der grausame Vater nötigte, mit ihm den eisernen Aussichtsturm zu besteigen, an dem das große Kreuz befestigt war und der aus durchbrochenem Gitterwerk besteht. Ich hoffte, dass sie das Schwindelgefühlt durch Willenstärke überwinden würde - anderes hilft nicht dagegen. Jedenfalls war oben der Blick auf die Herbstwälder ringsum sehr lohnend und die ganze Tour sehr fröhlich, allen zur Freude. Wie habe ich solche Tage mit Weib und Kindern dankbar genossen!

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Aussichtsturm Josephshöhe

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04