1904


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Am Anfang des Jahres schrieb ich: "Ich war diesen Winter so frisch wie lange nicht mehr." - Aber ein Jahr später: "Es ist mir, als ob meine Arbeit immer mehr anwüchse. Oder nimmt meine Kraft ab, dass es mir beschwerlicher wird durchzukommen. Öfter habe ich das Gefühl, dass ich gerne meine viele Arbeit mit einer leichteren vertauschte." Das Gefühl der Schwachheit hat mich seitdem kaum verlassen, das Jahr 1904 hat mich arg mitgenommen. Ich wurde alt.

Am 1. Januar stellte Pastor Bornhak seine Tätigkeit in Sangerhausen ein und siedelte am 13. 1. mit seiner Familie nach Elberfeld über. War er immer ein Einspänner gewesen, so dass ich ihm nicht so nahe kam wie Bruder Joedicke, so wussten wir uns doch im tiefsten eins, und seine fröhliche, launige Art machte den gesellschaftlichen Verkehr der Familien angenehm.

Am 22. Dezember hatte der Magistrat als Patron gegen den ausgesprochenen Wunsch des Gemeindekirchenrates und gegen die Stimme der beiden Bürgermeister mit einer Stimme Majorität den Cand. Reichardt zum Diakonus gewählt. Das hatte Stadtrat Bosse gmacht, der mit den Eltern der Braut des Cand. Reichardt bekannt war. So werden Pfarrwahlen gemacht. Der Schützling des Herrn Emil Hecker, sein Schwager Kindler in Titleda, unterlag damals noch, wurde später Reichardts Nachfolger. Pastor Reichardt wurde vom Konsistorium bestätigt, und ich führte ihn am Sonntag nach Ostern in sein Amt ein, doch hatte er schon vorher als Vikar die Stelle verwaltet. Es war nicht verwunderlich, dass ich ihm bei der Art seiner Wahl mit einem gewissen Misstrauen entgegenkam. Seine Predigten stachen gewaltig diejenigen Bornhaks ab, aber sie fanden bei den Sangerhausern mehr Beifall, weil sie nicht so ernst waren, sich mehr auf der Oberfläche bewegten. Pastor Reichardt stand auf gemäßigt liberalem Standpunkt, machte ihn aber nie in aggressiver Weise geltend. Ich hatte ihm gegenüber immer das Gefühl, dass wir innerlich weit divergierten. Dazu kam sein mir unsympathischer Verkehr mit ganz unkirchlichen Leuten. Aber er und seine Frau waren stets gegen mich und die Meinen von einer immer gleichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft, und der gesellschaftliche Verkehr mit ihnen war stets angenehm. Er hat mir auch in rührender Treue seine Freundschaft nach meinem Scheiden von Sangerhausen und meinem Scheiden aus dem Amt bewahrt und mich auch seiner Dankbarkeit immer wieder versichert. Ich glaube, er hat im Laufe der Jahre sich wesentlich innerlich gewandelt, und das hat ihn wohl auch von Sangerhausen weggetrieben. Durch Pastor Bornhaks Weggang bekam ich eine Mehrarbeit durch Übernahme der Leitung des Jungfrauenvereins, der mir viel Freude, aber auch manch Kopfzerbrechen machte. Meine liebe Frau und Lili und Martha haben bei dieser Arbeit des Beste getan.

Vom 28. Januar bis 25. Februar war Ria bei uns, nachdem sie vorher einige Tage mit Fritz bei dem Großvater in Elberfeld gewesen war. Ihre Eltern verbrachten einige Zeit in Gardone wegen der Gesundheit des Vaters. So benutzte sie die Zeit, um sich recht in Ruhe bei uns einzuleben. Sie verschaffte auch Martha die Möglichkeit, vom 13. - 22. Februar in Berlin bei Vogets zu sein, wo sie Gelegenheit hatte, viel zu sehen und zu hören. Sie wollte auch zu ihrer Freundin, Tochter des Direktor Damholz, nach Charlottenburg, wurde aber durch ausgebrochenen Scharlach in deren Familie daran gehindert. Mutter schrieb damals: "Ich freue mich sehr, dass sie in Berlin allerlei sehen und hören wird, hier fehlt es ihr doch sehr an der erwünschten und nötigen Anregung. Sie tut im Haushalt treu ihre Pflicht und hat auch Geschick dazu, aber Freude macht ihr die Arbeit nicht. Sie möchte so gerne weiter lernen, und wir möchten sie so ungern noch so viele Jahre aus dem Hause geben. Beides ist so schwer zu vereinigen. Rias Hiersein ist uns allen eine große Freude, sie ist so fröhlich und sonnig, hat sich ganz eingelebt und fühlt sich als unser Kind. " Am 2. 2. feierten wir besonders Mutters 50. Geburtstag - Tag des Dankes und der Freude - aber bald anders ...

Währenddessen bekamen wir ganz unerwartet die uns tief erschütternde Nachricht, dass unsere Schwägerin Clara Wiebel in Hilchenbach, die so lange ja schon leidend war, ganz plötzlich am 20. 2. gestorben sei. Ihr armer Mann, der sehr früh aufgestanden war, hatte sie, als er wieder in die Schlafstube kam, tot vor dem Bette liegend gefunden. Mutter reiste infolgedessen Sonntag, den 21. 2. nachts nach Hilchenbach, um möglichst bald ihrem armen Bruder zur Seite zu stehen, blieb auch noch einige Tage bei ihm, nachdem Großvater Wiebel und ihre Brüder Karl und Siegfried abgereist waren. Sie ging dann noch ein paar Tage zu Siegfried und Dorothea nach Netphen, in deren sehr schönem behaglichen Pfarrhause sie etwas ausruhen und an dieser Geschwister Glück sich freuen durfte. Und da sie nun einmal im Westen war, fuhr sie am 29. Februar nach Elberfeld zum Vater, den sie in Hilchenbach sehr matt und schwach gefunden hatte. In Elberfeld sah sie die alten Freunde und war auch mehrfach bei Bornhaks. Fritz und Ria besuchten sie in Elberfeld. Er hatte damals sich entschlossen, dem Pfarramt zu entsagen und ins Lehrfach überzugehen, suchte deshalb eine Arbeit, die ihn ernährte und Zeit ließe, sich auf das Oberlehrerexamen vorzubereiten. Die fand er damals in Elberfeld als Mentor eines Sohnes der Witwe Frowein und eines anderen Knaben. Er fand Pension im Hause des Pastor Bornhak, die in ihrem großen Pfarrhause Platz für ihn hatten und ihm anboten, ihn bei sich aufzunehmen. Das war auch für den alten Großvater eine Freude, den liebenswürdigen Enkel bei sich oder doch in seiner Nähe zu haben.

Am 5. März kehrte Mutter von Elberfeld zurück - müde von den schweren Wochen, die hinter ihr lagen. Ich schrieb damals den Freunden: "Mein Ältester hat umgesattelt und bereitet sich auf das Oberlehrerexamen vor, weil er glaubt, Pastor nicht werden zu können. Er hat ein Jahr als Hilfsprediger in Broich gearbeitet, und andere, die ihn in seiner Arbeit kennen, hätten ihn gerne darin festgehalten. Aber da ist kein Zwang und Zureden möglich. Traurig ist es, wie schwer unsere moderne Theologie es unseren jungen Leuten macht, zu einer festen Stellung zu kommen. Alles wackelt, nichts steht objektiv mehr fest." Was Fritz aus dem geistlichen Amte trieb, war nicht seine Liebe zur Kunst, sondern seine große, fast übertriebene Gewissenhaftigkeit, in der er sich nicht entschließen konnte, das, was ihm noch zweifelhaft war, vorläufig stehen zu lassen, und das zu verkünden, was ihm gewiss war. Er wäre so wie viele andere auch weitergekommen zu klarerer Erkenntnis und wäre vielleicht vielen zum Segen geworden. Ich füge hier an, was Pastor Bornhak mir nach seinem Tode im Blick auf Fritzens Aufenthalt in seinem Hause im Jahre 1904 schrieb: "Der liebe Fritz! Wie nahe ist er uns gekommen besonders durch sein Wohnen bei uns. Wenn ich seine Persönlichkeit mir vergegenwärtige, so weiß ich nur Liebes und Gutes von ihm. Die stattliche, schöne Erscheinung, das feine, höfliche Wesen, der edle, reine Charakter und dies lebendige Erglühn für alles Wahre, Schöne, Gute! Seine Herzensreinheit und sein Leben und Atmen in der reinen Luft der Kunst haben während seines Aufenthaltes in unserem Hause einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Er war mir darin vorbildlich, ich sah mit Verehrung zu dem jungen Mann empor. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart angeregt, veredelt, gereinigt. Das kann man wohl im tiefsten Sinn einen Segen nennen. Du sollst ein Segen sein! Ach, dass auch das Schöne sterben muss, dass so viel Herzensgüte und adliger Sinn, soviel Geistesgröße und Seelenreichtum durch solch schrecklichen Krieg vernichtet wird ... "

Am 1. April verließ Fritz Broich, war Anfang April noch wohl 8 Tage bei uns, vertrat seinen Schwager in Bombaden 4 Wochen im Pfarramt und siedelte dann nach Elberfeld über. Im Sommer war er gezwungen, 8 Wochen in Mörchingen eine Offiziersübung zu machen, trotzdem hat er schon am 3. Dezember in Bonn sein Oberlehrerexamen bestanden, eine große Leistung bei der Kürze der Vorbereitungszeit.

Kaum war Mutter von ihrer traurigen Reise nach Hilchenbach heimgekehrt, da kam neues, viel größeres Leid über uns. Else Bienert, Erichs Braut, war im Sommer 1903 im Sanatorium für Lungenkranke in Sorge unter Behandlung des Dr. Sobotta gewesen und hatte sich dort über Erwarten gut erholt, sodass bei Erichs Abreise nach Amerika die Hoffnung nicht unbegründet schien, dass sie ihm später dorthin werde folgen können. Sie war dann zu ihrer Mutter zurückgekehrt, mit der sie in Villa Rosa an den dicken Tannen wohnte. Die Mutter hatte dann ein eigenes Haus gekauft, um dauernd mit der Tochter dort bleiben zu können. Aber ehe sie das neue Heim, die "Villa Else" beziehen konnten, verschlechterte sich der Zustand des lieben Kindes merklich.

In der Woche vor Ostern wanderten Bernhard und Willi nach Hohegeiß, um Else zu besuchen - zu großer gegenseitiger Freude. Alle Geschwister hatten sie bald liebgewonnen, und sie freute sich jedesmal über ihre Besuche, um die sie immer wieder bat. In der nächsten Woche, am Ostermontag, den 4. April, fuhr ich mit Martha nach Ellrich. Wir besuchten im Sanatorium in Sülzhain die lungenkranke Marianne Glimm und wanderten dann nach Hohegeiß. Da fanden wir Else sehr krank, die Kräfte nahmen schnell ab, der Appetit versagte. Sie konnte aber noch ausgehen und wollte mir gerne das Sanatorium zeigen, wo es ihr so gut gegangen. Sie fuhr, ich ging mit Frau Bienert hin - da eröffnete mir Dr. Sobotta, dass Elses Zustand hoffnungslos sei und dass jeden Tag der Tod eintreten könne, wenn Blutungen entständen, es könne aber bei allmählicher Abnahme der Kräfte auch noch länger dauern. Den Rückweg machte sie noch mit uns langsam zu Fuß, wohl der letzte größere Gang. Sie selbst war sich über ihren Zustand völlig klar, aber ihre Stellung zu ihrem Leid war köstlich. Sie gab sich ganz in ihres Gottes Hand und war immer getrost und oft fröhlich, konnte in ihrer launigen Art auch die anderen durch ihre Bemerkunge lachen machen. Und auch als das leibliche Leiden schlimmer wurde, ja aufs höchst stieg, war sie allen ein Vorbild der Geduld und Gottergebenheit, ja, sie war der Liebe ihres Gottes gewiss, in der fühlte sie sich geborgen. Und sie war dankbar für das, was ihr Gott im Leben geschenkt hatte, besonders für die Liebe ihres Erichs. Aber sie murrte nie, dass ihr versagt war, ganz mit ihm vereinigt zu werden, und sprach immer wieder die Hoffnung aus, dass ihr schweres Leid und Sterben ihm zum inneren Segen werden möchte. Als ich abreiste, bat sie, Martha ihr noch zu lassen. So blieb diese noch einige Tage, und auf Elses Wunsch holte Hans, den sie besonders gern hatte, sie in Hohegeiß ab. Am 16. April besuchte Fritz sie, der bei uns zu Besuch war, und fand sie ziemlich wohl, am 24. April war sie zum letzten Mal zur Kirche.

Vom 27. - 30. April war Mutter bei ihr, und 4 Wochen später besuchte ich sie zum letzten Mal am 30. Mai. Da war ihr Zustand sehr verschlimmert, der ganze Körper war von Wasser angeschwollen, die Atemnot groß, so dass sie nur im Bett sitzen konnte. Schon da mussten wir wünschen, dass ihr Leiden nicht mehr zu lange währen möchte, und sie selbst sehnte ihr Ende herbei. Sie bestimmte ganz genau, wo sie auf dem Friedhof ruhen wollte, bat mich, ihr die Leichenrede zu halten. Ihre Freude waren Blumen, Lili schickte ihr von Cressier, Ria von Gladbach, und uns versorgte der liebe Herr Burghardt immer wieder mit den herrlichsten Rosen, um sie ihr zu schicken. Immer war ihre Stube voll Frühlingskinder, und auch aus dem Ort, wo sie in der kurzen Zeit viele Herzen gewann, wurden ihr viel Liebe und Freundlichkeit erwiesen.

Dann war Mutter wieder vom 14. - 27. Juni bei ihr. Sie war nur mit der Absicht eines Besuches hingereist, aber das liebe Kind ließ sie nicht los. Die eigene Mutter war keine geschickte Krankenpflegerin, war zu unruhig, dabei vielbeschäftigt im Hause. Aber die ruhige, sanfte Art unserer Mutter war ihr so wohltuend, dass die Kranke sie nicht losließ. Die Pflege wurde immer anstrengender. Die arme Else hatte sich aufgelegen und litt dadurch furchtbare Schmerzen. Das Umbetten war große Qual und sehr schwierig. Nur immer neues Morphium gab ihr zeitweise Ruhe. Welch Leid für alle, die das Kind liebhatten, das Elend mitanzusehen und nicht helfen zu können. Da aber nicht abzusehen war, wie lange dieser Zustand noch anhalten würde, kehrte Mutter endlich am 27. Juni heim. Wir hatten uns nach langem Sträuben entschlossen, Marthas Wunsch zu erfüllen und sie das Seminar besuchen zu lassen. Endlich hatte Mutter es in Halle erreicht, , dass man sie im Herbst aufnehmen wollte. Da war noch vieles für ihre Übersiedlung nach Halle vorzubereiten, die Ende der Sommerferien erfolgen sollte. Dazu war Mutter durch alle Gemütsbewegungen und körperliche Anstrengung so herunter, dass sie notwendigerweise Ausspannung brauchte, zumal da es leider unmöglich war , dass sie im August mit mir reiste, da dann keine der großen Töchter zu Hause war und sie keine andere Vertretung hatte. So ging sie auf die freundliche Einladung der Tanten vom 7. - 20. Juli auf den von ihr so geliebten Grohn. Vorher war sie den 6. und 7. noch in Hohegeiß, konnte aber Else wenig sein, da sie meist im Morphiumschlaf lag, doch freute sie sich sehr über Mutters Kommen. Auch ihre Ungeduld, mit der sie früher ihr Ende herbeigesehnt hatte, war überwunden. Ganz willig weiterzuleiden lag sie voll inneren Frieden da. In dieser Zeit war Frl. Stein mit ihrer Mutter in Villa Rosa und stand Frau Bienert und ihrer Tochter treulich zur Seite und blieb auch bei Else bis an ihre Sterbestunde. Die kam endlich am 12. Juli um Mitternacht, und wir konnten bei aller Trauer unserer Herzen für ihre endliche Erlösung danken. Sie war uns in ihrer Krankheit immer mehr ins Herz hineingewachsen, umso schmerzlicher nun das Losreißen. Ich fuhr mit Hans und Martha am 14. Juli nach Hohegeiß und hielt ihr über Petr. 1, 3-9 die Grabrede. Leider ging ihre arme Mutter nicht mit zum Grabe und blieb einsam in dem leeren Haus zurück. Für sie und den armen fernen Erich schrieb ich nachher, so gut es nach meinen Notizen und Frl. Stein Gedächtnis möglich war, die Worte auf.

Ja, der arme Erich, wie hatten unsere Herzen täglich in Gedanken an ihn gelitten, wie furchtbar schwer für ihn, dies Schwerste zu tragen, zumal er nicht mehr in Buenos Aires, sondern ganz im Inneren von Argentinien in Clodomira war. Dort hatte er nicht wie in B.A. einen treuen Freund in dem evangelischen Pfarrer, sondern war ganz alleine mit seinem Schmerz. Unsere Briefe erreichten ihn erst nach 3 - 4 Wochen. Was er in dieser Zeit durchgemacht, war wohl das Schwerste in seinem Leben, aber auch der Wunsch seiner lieben Else blieb gewiss nicht unerfüllt, dass ihr Leiden und Sterben ihm zum Segen würde - und allen in ihrer Umgebung, uns allen ist sie zum Segen gewesen.

Ostern hatten wir 10 Tage den Besuch von Käthe Voget und Pfingsten kam Hans, der von Bonn nach Halle übergesiedelt war, mit zwei Freunden, Müller und Massner. Mit den drei Studenten und Martha, Bernhard und Willi wanderte ich am 3. Feiertag auf zwei Tage in den Harz. Am ersten Tage liefen wir von Sangerhausen quer durch den Harz bis Mägdesprung, fuhren nach Gernrode, wo wir übernachteten, hatten 10 Stunden gemacht. Anderentags über Alexisbad auf den Auerberg bis Stolberg und Rottleberode und dann mit der Bahn nach Hause. Martha war bis zuletzt frisch und fröhlich, während andere seufzten. Doch war im ganzen die Tour sehr lustig und wohl zu aller Freude.

Der Juni brachte uns eine neue Sorge durch Pastor Müllers schwere Erkrankung, die ihn an den Rand des Grabes führte. Er litt schon lange an Gallensteinen, hatte wieder einen heftigen Anfall durchgemacht, da stellte sich ein andauernder Fieberzustand ein, den man auf dies Leiden schob. Aber als er endlich nach Halle zu Prof. Mehring ging, fand sich Eiterung im Rippenfell, eine schwere Operation brachte langsam Heilung. Ich war öfter damals in Lengefeld bei der armen kleinen Frau Pfarrer - und zu seiner Vertretung - bis er in Cand. Grüning einen Vertreter bekam.

Der Juli war furchtbar heiß, dazu waren zwei der Sangerhauser Geistlichen in Urlaub, so dass ich oft zweimal sonntags zu predigen hatte. Dazu viel Extraarbeit durch die Vakanzen in Gonna und Obersdorf. In Obersdorf war nach Pastor Löfflers Tod der Hilfsprediger Quenstedt als Vikar gesandt, er wurde dann zum Nachfolger ernannt und von mir am 31. Juli eingeführt. Er war mit der Tochter meines Freundes Bausch in Barmen verlobt. Da war diese mehrmals bei uns in Sangerhausen, um ihren neuen Wohnort kennenzulernen, - einmal im Juni war auch mein Freund Bausch mit bei uns.

Für Meta und Kurt erinnere ich an Superintendent Holzhausens Besuch in Lengefeld während Pastor Müllers schwerer Krankheit. Er nahm sie und eine große Zuckertüte für sie im Wagen mit dorthin - große Freude!

In diese viel bewegte Zeit fielen auch Verhandlungen wegen der erledigten Pfarrstellen in Niederbenna und Wanzleben. Ersteres lehnte ich ab, in letzterem wurde ich nicht gewählt. Doch brachten diese Verhandlungen viel Unruhe in unsere Herzen und Leben.

Am 25. Juli verließ uns Martha, wurde nach viel unnötiger Quälerei aufgenommen und wohnte mit Else und Wally Lehmann bei Frau Reinicke, mit deren Tochter Erna sie zeitlang sehr befreundet war. Sie war dort gut aufgehoben und freute sich, ganz den Büchern leben zu können.

Nachdem ich trotz Hitze meine obligaten Schulvisitationen erledigt und am 31. Juli Pastor Quenstedt eingeführt hatte, reiste ich um Mitternacht desselben Tages in die Schweiz. Ich war sehr müde und wäre in diesem Jahre lieber zu besserem Ausruhen an die See gegangen, zumal Mutter mich nicht begleiten konnte. Aber Versprechen macht Schulden - und ich hatte es Lili versprochen, ihr etwas von der Schweiz zu zeigen, und freute mich auch trotz Müdigkeit darauf, mit dem Kind zu laufen und mich mit ihr an Gottes Herrlichkeit zu freuen. Ich fuhr durch bis Luzern und traf dort mit Lili Montagnachmittag zusammen. Wir hatten ein Generalabonnement für die Schweiz genommen, Lili für 14 Tage, ich für 4 Wochen. So waren wir frei, in der Schweiz herumzufahren, wohin wir wollten.

Mit Lili besah ich den Gletschergarten mit den interessanten Gletschermühlen und dem Nationaldenkmal, dem Löwen von Luzern. Am Abend war eine großartige Beleuchtung am Seeufer zu Ehren des Nationalfesttages, ein selten schönes Schauspiel, das große Menschenmassen an das Seeufer gelockt hatte:

Der ganze August war sehr heiß, dadurch wurde unsere Reise oft etwas beeinträchtigt. Am nächsten Morgen fuhren wir über den ganzen Vierwaldstättersee bis Flüelen. Sooft ich die Fahrt gemachte habe, immer wieder bietet sie in ihren wechselnden Bildern neue Schönheiten. Wie manche Erinnerungen tauchten an vielen Punkten des Sees auf, und wie groß war meine Freude über des Kindes Freude, die all die Herrlichkeit zum ersten Mal sah! Nach einer Stunde in Flüelen fuhren wir mit dem nächsten Schiff bis Vitznau zurück und dann mit der Bahn unter Gewitter und Regen auf den Rigi. Wir hatten abends schöne Aussicht vom Kulm, am anderen Morgen noch schönere bei Sonnenaufgang, wenn auch der Blick nach Norden bewölkt war. Plötzlich sang ein Engländer, hingerissen von der gewaltigen Herrlichkeit, ein Hallelujah zu Gottes Lob. Darob große Entrüstung vieler Philister, statt einzustimmen, während über das schauerliche Alphornblasen eines Pseudoälplers sich niemand entrüstete, die meisten vielmehr dem Störer der Ruhe Geld gaben. So ist die Welt !

Um 7 Uhr wanderten wir abwärts über Rigi, Rothstock und Kaltbad nach Vitznau und fuhren nach Luzern zurück, dann mit der Bahn unter dem Pilatus hin über den Brünig nach Meiringen. Am Abend besuchten wir noch die wilde Aarschlucht und sahen die Beleuchtung der Reichenbachfälle. Am anderen Tag (4. 8.) waren wir bald nach 6 Uhr auf dem Marsch auf die große Scheidegg an den Reichenbachfällen aufwärts, vorbei am Rosenhainbad, 5 Stunden steigen. Bald hinter Meiringen holte uns ein einsamer Wanderer ein, entpuppte sich bald als Juwelenhändler Heinemann aus Paris, der Bruder der jungen Frau Bauchwitz in Sangerhausen, gar nicht jüdisch aussehend, von anständigem und freundlichem Wesen. Er wanderte mit uns bis zur Scheidegg, wo sich der Blick ins Grindelwaldtal auftut, das in seiner Lieblichkeit wunderbar zu der kalten Majestät der gewaltigen Bergriesen zur Linken, namentlich des Wetterhorns, kontrastiert. Herr Heinemann wollte weiter aufs Faulhorn, so gaben wir unseren Plan, nach Grindelwald hinabzusteigen, auf und stiegen mit ihm noch 4 Stunden bergan, immer im Anblick der Herrlichkeit der Berner Alpen.Wir waren von Meiringen bis zum Faulhorn fast 2100 m gestiegen, gute Leistung für Lili am ersten Wandertag. Oben war's grimmig kalt, aber wir waren gut aufgehoben. In warme Decken gehüllt genossen wir den schönen Sonnenuntergang und ebenso am nächsten Morgen um 1/2 5 den Sonnenaufgang. Ich hatte in der Nacht wieder Herzbeängstigungen, wohl infolge der Anstrengung und raschen Höhenwechsels. Der steile Abstieg nach Grindelwald, beschwerlich aber lohnend, strengte uns fast mehr an als der Aufstieg, so dass wir gerne die Bahn auf die kleine Scheidegg benutzten. Wie war es da oben alles verändert durch den Bahnbau auf die Jungfrau seitdem ich zum letzten Male dort gewesen, mit Mutter von Wengen aus. Aber der Blick auf die Jungfrau war gleich schön wie früher. Als wir gegen Wengen abstiegen, überfiel uns am Bahnhof Wengenalp ein Gewitter und Regen, die uns zwei Stunden in dem öden Wartesaal festhielten. Dann gingen wir hinab auf oft gewanderten Wegen nach Wengen, aber wie anders war es da geworden. Überall neue Hotels, neue Straßen. Meine alte Pension Lauener fand ich nicht mehr, gedachte aber mit Schmerzen meines lieben Freundes Martin Gräber, der dort ganz vor kurzem ganz plötzlich einem Schlagfluss erlegen war. Seit wir in jungen Jahren gemeinsam Tirol durchwandert haben, hatte ich immer Beziehungen zu ihm gehabt. Vor ein paar Jahren war ich mit Mutter bei ihm in Witten gewesen und hatte ihn in seinem großen Werk, das er geschaffen, neu schätzen gelernt. Mir ist er immer als das Ideal eines Diakonissenvaters erschienen, ein gesegneter Mann, der vielen viel gewesen ist.

Der alte Weg nach Lauterbrunnen hinab war sehr verfallen, alle Welt fuhr jetzt mit der Bahn. In Lauterbrunnen blieben wir zur Nacht im Adler und wanderten am 6. 8. über Zweilütschinen nach Interlaken. Wir spürten es sehr in unseren Gliedern, dass wir am Tage vorher 2900 Meter abgestiegen waren, so durchwanderten wir in Interlaken nur den Höhenweg, verzichteten bei großer Hitze auf weitere Gänge, hatten wir doch das Herrlichste des Berner Oberlandes vollauf genossen. So fuhren wir über den Thunersee und mit der Bahn von Schärzlingen nach Bern. Der Sonntag war Ruhetag in dem trefflichen Hospiz: dem eidgenössischen Kreuz. Die Predigt im Dom bot leider sehr wenig, das Schönste war der Dom selbst. Da Freund Lauterburg noch verreist war und erst Montagfrüh zurückkehrte, entschlossen wir uns, den Montag noch in dem immer gemütlichen Bern zu bleiben, freuten uns an den Briefen aus der Heimat und hatten schöne Stunden mit Lauterburg und abends auch in seinem Elternhaus, wo ich auch vor drei Jahren mit Mutter freundlich aufgenommen worden war. Dienstag (9. 8.) mit der Bahn nach Lausanne, dann nach Ouchy und mit dem Schiff auf den Genfersee nach Vevey mit seinen Erinnerungen an die erste Schweizerreise mit Aug. Schmitz und den langen Aufenthalt mit Mutter und Paul nach meiner Mutter Tod. Über Villeneuve ging's dann ins Rhonetal aufwärts nach Martigny und dann per pedes in furchtbarer Hitze den schattenlosen Weg bergan auf den Col de Forclas, ein saures Stück Arbeit 1050 m in drei Stunden. Mit einem Leutnant aus Ingolstadt brachen wir am 10. 8. früh um 1/2 5 Uhr auf, hinab nach Trient und wieder hinauf zum Col de Balme auf der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich, wo sich die berühmte Aussicht auf die Mont-Blanc-Kette vor uns auftat. Nach kurzer Rast steil hinab auf schlechtem Weg nach Le Tour, dann die Fahrstraße über Argentière an dem furchtbar zerklüfteten Gletscher vorbei bis Tines. Dort trennten wir uns von unserem Leutnant, der nach Chamonix weiterwanderte. Wir stiegen noch 3 Stunden in unzähligen Zickzackwindungen hinauf auf die Flégère, ein Bergvorsprung nördlich von Cham, wo man noch viel näher als vom Col de Balme eine umfassende Aussicht auf die ganze Mont-Blanc-Gruppe hat. Wir übernachteten oben, berechneten, dass wir an dem Tage 1365 m hinauf und 1719 m hinabgestiegen waren und freuten uns der wohlverdienten Ruhe. Am Morgen lohnte uns gute Aussicht für unsere Mühe, früh brachen wir auf hinab nach Chamonix, wo wir im Hotel Suisse Quartier fanden. Cham war sehr unruhig und ungemütlich, viele Engländer und vornehmes Volk. Nachmittags machten wir einen Spaziergang talabwärts gegen den Glacier de Boissons, der von der Mont-Blancspitze ins Tal abfällt. Für den anderen Tag hatten wir die berühmte Tour zum Mer de Glace geplant, um Lili auch eine Gletscherwanderung machen zu lassen, aber mein Hals fing an zu rebellieren. Um ihn nicht durch Überanstrengung schlimmer zu machen, verzichteten wir auf die Gletschertour und wanderten Freitagmorgen wieder talaufwärts nach Argentière, dann links hinan zu dem Col de Montets, dann hinunter bis Chatelard und wieder hinauf und hinunter, an der Téte noir vorbei, nach Finhaut mit schönem Blick auf die Mont-Blanc-Gruppe, tief unten die Schlucht des Trient. Dann langer heißer Weg bis Salvau und in vielen, immer neuen Windungen bis Vernagaz, 8 1/2 Stunden von Chamonix, auf dem ganzen Weg überall Spuren des kühnen Bahnbaus, der an der steilen Wand im Rhonetal sich emporwindend nun Chamonix dem Rhonetal ganz nahe gerückt hat.

Sonnabend (13. 8.) wieder mit Bahn und Schiff nach Lausanne und am Abend nach Genf. Der Abend führte uns noch an den Quai Montblanc und Jardin public - auf die Roussoninsel. Am Sonntag waren wir in dem Gottesdienst in Oratoire, der Kirche der Eglise Libre, hörten eine sehr gute Predigt über das Thema: " Ist müde sein eine Sünde? Lasset uns Gutes tun - faire bien - faire du bien - faire le bien - "So nimm den meine Hände" und "Ein feste Burg" wurden in französischer Übersetzung gesungen. Ob heute noch ? Nachher waren wir in Saint Pierre, Calvins Kirche. Da es furchtbar heiß war, brachten wir den ganzen Nachmittag auf dem Dampfschiff zu bis Evian am südl. französischen Ufer und freuten uns bei relativer Kühle an den lieblichen Ufern des Sees.

Montagfrüh fuhren wir nach Neuchâtel , hatten dort ein paar Stunden am Quai schönen Blick über den See, wohltuend ruhige Stadt gegen Genf, dann nach Cornaux, wo wir zu Mittag aßen und Bertha Schmitz, die dort in Pension war, aufsuchten, die uns mit ihren fröhlichen Augen anstrahlte. Dann gingen wir zu dem sehr schön gelegenen Château, wo ich Lili wieder ablieferte. Die Herren, Vater und Söhne, waren nicht da, Madame und ihre Tochter sehr liebenswürdig gegen mich. Nachdem wir im Garten Kaffee getrunken und Lili mir das fein und gemütlich eingerichtete Haus gezeigt hatte, ließ Madame uns um 4 Uhr zur Bahn fahren. Schwerer aber rascher Abschied (Bobbi!) von dem lieben Kind und Wandergenossen. Dann führte die Bahn mich wieder nach Bern. Da blieb ich über Nacht und fuhr den anderen Morgen über Thun nach der Beatenbucht und von da hinauf nach Beatenberg. Ich hatte dieses ausgewählt für längeren Aufenthalt, weil ich da recht auszuruhen hoffte. Es liegt lang hingestreckt am Berghang mit schönen Blicken auf den Thuner- und Brienzersee und weiterhin auf die Berner Alpen, bietet viel Gelegenheit zu Spaziergängen, auch in schönem Wald, aber keine Versuchung zu großen anstrengenden Gebirgstouren, und davor wollte ich bewahrt bleiben. Da habe ich 10 Tage in kleiner guter Pension Beatus zugebracht, las und schrieb viel, hatte leider keine angenehme Gesellschaft, wechselndes Wetter, öfter wunderbare Beleuchtung der Berge und der Seen. Als dann aber am 22. August ein plötzlicher Sturz der Witterung eintrat, weit und breit alles mit Schnee bedeckt war, entschloss ich mich rasch und reiste über Bern, Luzern, über den Gotthard nach Lugano zu den Geschwistern Calvino. Die waren ganz allein ohne Kinder und Dienstmädchen, so habe ich da ein paar stille schöne Tage verbracht, sah den See so herrlich wie nie zuvor, machte mit den Geschwistern kleine Wege, so nach Sorengo, Melide zu den alten Bengels. Am Abend des 29. 8. reiste ich in der Nacht über den Gotthard zurück, verbrachte den 30. mit Lauterburg in Basel (besahen die Böcklinausstellung), fuhr abends nach Heideberg, am 31. nach Hanau zu kurzem Besuch bei Schmitz und kehrte Donnerstag, den 1. 9. nach Hause zurück, körperlich recht frisch und froh, wieder bei den Meinen zu sein.

Inzwischen war Hans vom 8. - 23. August in Treffurt bei Tante Bertha gewesen, Mutter allein mit den vier kleinen Kindern hatte Hausputz in großem Stil gehalten, die große Stube hatte ein rotes Kleid bekommen, alles war frisch und behaglich. Aber die gute Mutter hatte sich viel zu müde gemacht, so dass ich fürchten musste, sie zur Erholung noch einmal fortschicken zu müssen. Aber bald sollte noch viel traurigere Veranlassung zu neuer Trennung kommen.

Am 13. September war die Hochzeit des Pastor Quenstedt mit Frl. Bausch in Barmen, zu der wir auch geladen waren. Natürlich konnte ich nicht hin, nachdem ich eben meine Arbeit wieder aufgenommen hatte. Auf der Hochzeitsreise bekam die junge Frau, die bei ihres Mannes Einführung mit Mutter noch frisch und fröhlich zugegen gewesen war, einen Blutsturz, kam krank heim, hat dann noch lange in Barmen krank gelegen und ist im nächsten Jahr gestorben. Tragisches Geschick !

Am 26. September wurde die umgebaute und schön erneuerte Kirche in Bornstedt eingeweiht, bei welcher Gelegenheit ich die Altersquittung in Gestalt des Roten Adlerordens erhielt, so alt schon, schmerzlich aber wahr ! Vom 3. Oktober war ich einige Tage in Dresden zur Generalversammlung des evangelischen Bundes. Vom 12. - 22. Oktober war Ria wieder bei uns, mit Mutter besuchte sie den Kyffhäuser, frohe Tage. Am 19. - 20. Oktober war ich mit Mutter wieder in Kösen zur Ephorenkonferenz.

Am 26. Oktober wurde die Moltkewarte eingeweiht, ein Denkmal, das Bürgermeister Schnitzer zustande gebracht, das Letzte, was er für Sangerhausen tat. Schon während meiner Schweizerreise hatte Tante Adelheid auf der Fahrt vom Grohn nach Bremen einen sehr bösen Anfall von Herzschwäche gehabt, seitdem lag sie in Bremen krank. Die Nachrichten wurden von Woche zu Woche immer betrübender, Tante Minnas Kräfte waren am Ende. Da entschlossen wir uns schweren Herzens dazu, dass Mutter ihr zur Hilfe eilte. Sie war vom 22. - 30. November in Bremen und teilte mit der armen Tante Minna sich in die schwere Pflege bei Tag und Nacht. Der Zustand der Kranken war hoffnungslos. Da aber das Ende nicht abzusehen war und eine Pflegerin gefunden wurde, kehrte sie am 30. 11. heim. Aber schon am 3. Dezember starb Tante Adelheid, und so reiste Mutter wieder nach Bremen, um Tante Minna in den schweren kommenden Tagen treu zur Seite zu sein, und blieb bis zum 10. Dezember dort. Dass die Aufregung und körperliche Anstrengung dieser Zeit sie arg mitnahmen, war nicht zu vermeiden, aber traurige Liebespflicht.

Inzwischen hatte Fritz am 3. Dezember in Bonn sein Oberlehrerexamen glücklich bestanden, und am gleichen Tage kehrte Lili aus der Schweiz zurück, nachdem sie noch schöne Tage in Lugano verlebt hatte.

Während Meta in Bremen weilte, hatten wir den Besuch des Missionars Hoppe aus Wartburg in Südafrika. Er war im Juli zu unserem Missionsfest in Wallhausen gewesen, und ich hatte ihn daraufhin gebeten, wiederzukommen und auch in Sangerhausen neue Anregung zu geben. So erzählte er am Nachmittag etwa 1000 Kindern in der Jacobikirche von der Mission und sprach abends im Schützenhaus interessant und fesselnd, wie ich selten einen Missionar habe reden hören.

In Oberröblingen war zu meiner Freude Pastor Ullrich abgegangen, er war von der Gemeinde in Rossleben trotz oder wegen seiner Vorgeschichte gewählt. An seine Stelle trat Pastor Hünecke aus Calenberge (Hünecke wurde erst am 19. Februar 1905 eingeführt). Er ist uns sehr nahe getreten, sonderlich in der Edersleber Zeit. Er ist ein innerlicher ernster Mann, der im Lauf der Jahre ausgereift ist. Wenn er in geschäftlichen Dingen etwas schwerfällig ist, so ist das für andere kein großer Schaden, aber als Prediger und Seelsorger seiner Gemeinde ist er mit reichen Gaben ausgestattet und treu. Dass er trotzdem wohl nicht so wie sein Vorgänger von der Gemeinde geschätzt wird, ist ihm sehr schwer, aber nicht verwunderlich. Pastor Hünecke ist zweifellos unter den Geistlichen, die in der letzten Zeit in die Ephorie kamen, der bedeutendste und wird auch von den Amtsbrüdern sehr geschätzt. Ich bin ihm besonders zu Dank verpflichtet für die unermüdliche und liebenswürdige Hilfe und Vertretung, die er mir in der Zeit meiner Krankheit erwiesen hat.

Noch einiges aus unserem Erleben dieses Jahres:

Am 3. 12. starb in Südrussland der Leutnant Hugo Ludwig. Er war von mir konfirmiert, so kannte ich seinen tüchtigen und liebenswürdigen Charakter. Mir ging sein Tod nahe im Blick auf ihn und die armen Eltern. Seine Leiche wurde nach Sangerhausen gebracht, und ich beerdigte ihn am 17. Januar 1905.

Während ich in der Schweiz war, wurde die Frau unseres Nachbarn Schander, eine Tochter von H. Ernst Hoffmann, geisteskrank und wurde in eine Heilanstalt gebracht. Zur Führung des Haushaltes war im Winter Frau Bienert bei Herrn Schander, so dass wir sie in dieser Zeit oft bei uns sahen.

Im Laufe des Jahres wurde Amtsgerichtsrat Krieg nach Sangerhausen versetzt, uns und unseren Kindern bald ein befreundetes Haus, in dem wir, wenn auch leider nicht oft, so stets gerne verkehrten. Was noch wichtiger für uns wurde: im Jahre 1904, ich weiß nicht wann, zogen Brandts nach Sangerhausen, aber erst 1905 traten wir uns näher.

Zum Weihnachtsfest war Tante Bertha wieder unser lieber Gast, und als am 4. Januar Fritz auf der Reise nach Königsberg, wo er sein Probe- und Seminarjahr abmachen wollte, bei uns einkehrte, waren noch einmal 8 unserer Kinder bei uns. "Wir sind doch reiche Eltern" schrieb ich am 27. 11. an Mutter im Bewusstsein der reichen Liebe all unserer Kinder.

So war das Jahr 1904 reich an Leid und Freud gewesen, beides hatte uns viel Trennung gebracht, und wir waren beide ein gut Stück älter geworden. Wir fühlten beide, dass es für uns stark bergab ging.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04