1905


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Das neue Jahr fing mit allerlei liebem Besuch an, zweimal war Siegfried Wiebel, der zum 70. Geburtstag seines Schwiegervaters Prof. Kähler nach Halle reiste, kurz und länger bei uns, - er immer ein besonders lieber Gast, da er unter allen Geschwistern Mutter am nächsten stand und noch steht. Dann kam Fritz auf der Reise nach Königsberg und bald darauf Freund Hesse aus Großburschla.

In dieser Zeit begannen die Verhandlungen über den Ankauf des neuen Pfarrhauses. Wir hatten mit Herrn Krumbiegel, der rasch reich geworden war und das Schradersche Haus gekauft hatte, wegen seines alten Hauses an der Promenade verhandelt, es besichtigt, aber als ungeeignet befunden. Als die Kommissionsmitglieder die Promenade hinabgingen, kam Lehrer Nitsche, hatte wohl von unserer Absicht gehört und bot uns sein Haus an. Wir besahen es, in wenigen Tagen war der Verkauf abgeschlossen und fand die Genehmigung der Gemeindevertretung und der Behörden. Aber wir konnten es erst am 1. Oktober übernehmen, da die Mieter Prof. Laue und Lehrerin Frl. Wolf nicht eher ausziehen brauchten. So konnten im Sommer nur die Pläne für den notwendigen Umbau des Hauses gemacht werden.

Am 21. Januar wurde das Legat des verstorbenen Klavierfabrikanten Bornkessel ausgezahlt, ein törichtes Geschenk: das Kapital sollte so lange auf Zins und Zinseszins liegen, bis es reichte, um die Jacobikirche wölben zu lassen, und andere ähnliche Bestimmungen, die nach 100 und mehr Jahren vielleicht erfüllt werden konnten. Niemand der Lebenden freute sich oder dankte es dem Stifter. Wie anders die früher erwähnte Stiftung der Eheleute Böttcher, die sich und vielen anderen eine Freude machten.

Am 7. Februar starb der II. Bürgermeister Schnitzer, Bürgermeister Seedorf trat an seine Stelle. Mit beiden, die ja auch Stiftsverwalter waren und das Dezernat für Armensachen hatten, habe ich viel zusammengearbeitet. Am 18. Februar traute ich die Tochter des Fabrikdirektor Brandt mit dem Buchhändler Wilh. Langewiesche. Wir hatten bis dahin mit Brandts nur Besuch und Gegenbesuch gewechselt. Bald aber kamen wir und unsere Familien in freundschaftlichen Verkehr. An dem Hochzeitsmahl konnte ich nicht teilnehmen, da es an einem Sonnabend war. Bald danach aber (am 27. 2.) schloss sich Ida Brandt, die Johanniterin war und aus Interesse an der Krankenpflege öfter mit Schwester Minna verkehrte, uns an, als wir mit Lili und anderen zur Halleschen Missionskonferenz fuhren. Damals ahnten wir noch nicht, dass sie einmal unsere liebe Tochter werden sollte. In Halle feierten wir Marthas Geburtstag, und Mutter besuchte Joedickes in Lützen.

Im März und Mai führte mich der Trillerprozess mehrere Male nach Leipzig zu Terminen beim dortigen Landgericht, mit Bürgermeister Knobloch zusammen. Der Prozess zog sich lange hin und ging, als ich schon in Edersleben war, in letzter Instanz verloren. Die 12 Studenten haben infolgedessen keine freie Wohnung mehr, nur noch den Freitisch. Ich habe damals viel Arbeit gehabt, die einschlägigen Arbeiten und Schriften zu studieren , um den Rechtsanwalt in Leipzig zu informieren. Für mein Rechtsbewusstsein ist das Urteil unverständlich.

Am 2, April wurde unser Willi konfirmiert, auch Fritz war von Königsberg dazu gekommen, ging von uns dann nach Gladbach. In den Osterferien waren Bernhard und Willi in Treffurt bei Tante Bertha und Lotte Weber, damals Marthas Intima, länger bei uns.

Über die kirchliche Lage schrieb ich am 7. April im Rundbrief: "Mich hat im letzten halben Jahre unsere kirchliche Lage viel innerlich beschäftigt. Dass durch die Herausgabe der Volksbücher von Schiele die negative Richtung ihren Glauben und Unglauben klar darlegt, ist glaube ich nach einer Seite ein Vorteil. Auch die christliche Welt nimmt an dieser deutlicheren Aussprache teil. Jedenfalls sind diese populären Opera von Weinel, Bousset u.a. zum Teil sehr geschickt geschrieben. Von diesen fürchte ich mehr für die Lehrerwelt als für die Theologen. ... Harte Kämpfe wird es noch geben, zwei so betrogene Elemente wie wir und unsersgleichen einerseits und diese Neuesten andererseits vertragen sich doch zuletzt aus einer Glaubens- und Bekenntnisgemeinschaft zu einem Sprechsal werden soll. (??) Das ist mir aber gewiss, dass diese negativen Geister mit all ihrem Anhang unter unseren Gebildeten nicht imstande sind, eine Kirche zu bilden, oder, wenn es ihnen gelänge, die gläubigen Elemente aus der Kirche zu verdrängen, die Kirche zu erhalten. Aber es ist traurig, welch einen Einfluss sie auf unsere theologische Jugend ausüben."

Am 26. April wurde mir einneues Patenkind in dem kleinen Gerhard Ehrke beschert, dessen Taufe wir am 24. Mai sehr fröhlich feierten. Am 1. Mai machte ich mit Bruder Ehrke und Lili eine Tour über die Berge nach Mansfeld, das wir in strömendem Regen erreichten, nicht ahnend, dass da in der alten Lutherstadt unser Hans, der damals für sein Referendarexamen arbeitete, einmal sein Heim haben würde.

Anfang Juli in der Woche vor Pfingsten hatte ich die Freude, die Eiserne Hochzeit des alten Ehepaars Bürgermeister mitbegehen zu können. Die Goldene Hochzeit hatten sie bescheidenerweise gar nicht gefeiert. Nun, da ich viel bei ihrer kränklichen Schwiegertochter einkehrte, hörte ich von dem denkwürdigen Tage, beantragte die Ehejubiläumsmedaille. So kamen die alten Leutchen mit der ganzen Familie in die Sakristei der Kirche, feierten zusammen das Hl. Abendmahl, und ich segnete ihre Ehe ein. Weitere Feier wollte der Alte nicht.

Pfingstdienstag wanderte ich mit den Kindern nach Wippra, durch das Wippertal nach Horla und über Großleinungen zurück. Am folgenden Tage besuchte ich Joedickes in Lützen und dann in Kösen eine Gemeinschaftskonferenz. Am 28. Juni war Vaters 80. Geburtstag in Elberfeld, wir wollten diesen Tag gerne mit ihm und den Geschwistern begehen. So fuhren Mutter und ich Sonntag, den 25. 6. nach Gladbach, besuchten Greevens und Ria und waren am Geburtstag des lieben Vaters mit ihm vereint. Er war damals zu unserer Freude recht frisch, wenn ihn auch das Alter mehr und mehr drückte. Ich glaube, dass wir bei Wittensteins wohnten, die meisten oder alle Geschwister waren zu dem denkwürdigen Tage gekommen.

Nach unserer Rückkehr war Ria vom 3.- 31. Juli bei uns, in den Sommerferien auch Liese Wiebel längere Zeit. In den Ferien machte Bernhard seine Flottenfahrt, Willi und Paul Osterloh reisten nach Thüringen, Lili und Martha waren in Treffurt.

Am 7. August traten wir unseren Sommerurlaub an, ich reiste mit Mutter nach Bockswiese, wo wir bei Frl. Wedding in der Villa Bocksberg sehr angenehm wohnten. Das Häuschen lag dicht am Wald in großer Stille, nach allen Seiten die schönsten Wege. So war bei guter Verpflegung alles zur Erholung Nötige vorhanden, dazu hatten wir angenehme Gesellschaft, Frau Schulzen aus Hildesheim mit ihrem Sohn, Pastor in Loccum, und ihrer Schwiegertochter, geb. Haccius, - den alten Superintendenten a.D. Borchers aus Hildesheim mit seiner Tochter u.a. Vor allem Pastor Lappe aus Bielefeld, den wir hier nach langer Zeit wiedersahen. Er war der angenehmste Gesellschafter und Erzähler. Wir haben durch ihn viel angenehme Stunden gehabt. Wir durchstreiften täglich die nähere und weitere Umgebung, die reich an Wald und Wasser war, schöne Teiche von herrlichstem Wald umrahmt. Einmal machte ich alleine eine größere Tour über Zellerfeld, Claustal, Kamschlacken nach Haus Kühnenburg und zurück über Altenau, Silberhütte, Mittel- und Oberschulenburg, Festenburg, Schalke, Auerhahn. Da ich aber zu weiten Touren in Bockswiese keinen Begleiter fand, kam am 28. 8. Hans nach Bockswiese und wanderte am folgenden Tage mit mir auf den Brocken über Festenburg, Altenau, Magdeburgerweg, Torfhaus, Goetheweg bis zur Haltestelle. Ich fuhr von da mit der Bahn hinauf, oben trafen wir uns wieder und hatten ziemlich gute Aussicht. Dann ging es im Geschwindschritt hinab nach Harzburg über Scharfenstein und Molkenhaus, von Harzburg mit der Bahn nach Goslar und mit einem Wägelchen zurück nach Bockwiese. (Für Hans: Hinter Altenau Oberbergrat Poppinhaus mit drei kleinen Mädchen, bis Torhaus zusammen gewandert, am nächsten Tag Hilfsprediger Oetting aus Paderborn durch Wingolfitenpfiff im Wald gefunden, nachmittags seinen Vater am Spiegeltaler Teich gefunden).

Am Tag nach unserer Brockentour erkrankte Mutter mit heftigem Fieber, so war weiteren Touren ein Halt geboten, und Hans verließ uns am 26. 8. wieder. Mutter ging es bald besser, so dass sie am 29. 8. wieder aufstehen konnte und wir Donnerstag, den 31. 8. abreisten. Wir kamen um Mitternacht inkognito in Sangerhausen an, von Hans und Lili empfangen, packten am Morgen um und reisten nachmittags zusammen nach Treffurt, wo uns die liebe Tante Bertha am Bahnhof empfing.

Ich war seit 9 Jahren nicht in Treffurt gewesen, fühlte aber durch viele Liebesbeweise von vielen Seiten, dass ich noch unvergessen war. Ich war dort in 8 Jahren fester eingewurzelt als in Sangerhausen in 16 Jahren. Auch das gute Lieschen besuchte uns wieder mit meinem Patenjungen. Am 6. September erhielten wir eine Depesche von Erich, dass er gelandet sei und am 7. 9. in Sangerhausen eintreffen werde. Wir hatten ihn Weihnachten zum Besuch erwartet, aber er hatte sich plötzlich entschlossen, nach Hause zu reisen, um aus den im Inneren Argentiniens ihm unleidlich gewordenen Zuständen herauszukommen. So fuhren wir am Nachmittag nach Hause und hatten am nächsten Tag die Freude, unseren Jungen nach zweijähriger Trennung wiederzusehen, sehr verbrannt, in all dem Harten, was er ertragen, zum Manne geworden. Die zwei Jahre waren für ihn schwere, aber zuletzt reich gesegnete Lehrjahre gewesen. Er fand zunächst Arbeit in der Aktienmaschinenfabrik, trat dort dem neuen Direktor Brandt näher und verkehrte bald mit den anderen Kindern in dem Brandtschen Hause.

Nach unserer Rückkehr kam für uns eine furchtbar unruhige und oft wenig gemütliche Zeit, Umzug und Lutherfestspiele waren die Ursache. Am 26. September zogen die Akten, am 28. 9. wir mit unserem Hausrat in die neue Wohnung. Aber diese war zum Teil noch bewohnt, erst am 4. Oktober zogen die Laues aus. Wir waren zuerst auf drei enge Räume im Parterre beschränkt, Mutter und ich schliefen lange im Archiv bei den Akten, meine Stube daneben war bewohnbar. Als aber das Quartier oben leer war, kamen die Handwerker, Wände wurden weggebrochen, Türen versetzt, alles gestrichen und tapeziert. So dauerte es lange Zeit, bis der letzte Handwerker fertig war und wir uns im neuen Heim wohlfühlen konnten. Am 26. November hatten wir eine kleine Einweihungsfeier für die Freunde und Mitglieder des Gemeindekirchenrates, und dann wurde als letztes das schöne Sommerhaus im Garten gebaut.

So hatten wir endlich wieder ein eigenes Haus, das geräumig und bequem war, Sonnenstuben, Badestube, Konfirmandenstube,, die für Jungfrauenverein, Bibelstunde, Missionsverein und allerlei Sitzungen Raum bot. Auch im Giebel nette Räume für die Kinder und unten Fremdenzimmer. Was willst du, liebe Seele, mehr? Wir waren sehr glücklich, endlich unseren langgehegten Wunsch erfüllt zu sehen.

In die Zeit des Umzuges und Umbaus kamen die Vorbereitungen für das herrliche Lutherfestspiel: Rezitator Frey aus Berlin hatte mich aufgesucht, und auf vielfache Empfehlung hin war ich der Sache nähergetreten. Ein Komitee bildete sich, dessen Vorsitz und damit die Hauptarbeit ich übernehmen musste. Da fanden sich viele bereit, mitzuspielen und mitzusingen, und Herr Frey fing mit den Proben an. Aber sollte die Sache Erfolg haben, d.h. Besuch, so galt es, eine lebhafte Agitation zu entwickeln. Da galt es, Zeitungsartikel zu schreiben, Flugblätter und Plakate zu entwerfen, mit allen möglichen Behörden, Ortsvorständen, Lehrern zu korrespondieren. Wir hatten den richtigen Gedanken, durch die Kinder die Erwachsenen für die Sache zu interessieren, so war am Sonntag, den 29. 10. die erste Aufführung, am Sonntagnachmittag für Kinder einer Reihe von Landesschulen. Und mit jedem neuen Tag wuchs der Zulauf aus Stadt und Land. Wir hatten bis zur Schlussaufführung am 10.November eine Einnahme von 6000 Mark und einen Reinertrag von 2110 Mark, von denen die beiden Stadtgemeinden je 900 Mark zur Verbesserung der Kirchenorgeln erhielten. Der Rest wurde einer Landgemeinde gegeben. Die Ausdauer der Mitspielenden und Mitsingenden war bewundernswert, die Aufführungen in vielen Beziehungen mustergültig. Etwa 5000 Schulkinder und etwa ebenso viele Erwachsene hatten die Aufführungen gesehen und wohl viele einen bleibenden Eindruck von der Heldengestalt Luthers empfangen.

Am 1. Oktober kam Fritz als Oberlehrer an das Gymnasium in Mülheim, man hatte ihm 1/4 Jahr seines Probejahres geschenkt.

Am 2. Oktober war die Einweihung der kleinen Kirche in Grillenberg, die m.E. sehr wenig schön und bei fast völligem Neubau zu klein wieder hergestellt worden war. Das alte Elend der Konservatoren!

Am 4. Oktober reisten Mutter und ich nach Kösen zur Ephorenkonferenz. Auf dem Bahnhof in Naumburg begrüßte uns Hans mit der frohen Kunde seines glücklich bestandenen Referendarexamens. Auf meine dem Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten von Hagen mündlich vorgetragene Bitte wurde er dem Amtsgericht Sangerhausen zur Ausbildung überwiesen, so dass er zunächst 3/4 Jahr in Sangerhausen bei uns bleiben konnte

In der nächsten Zeit waren die Nachrichten aus Elberfeld über das Befinden des lieben Vaters weniger günstig. So entschloss sich Mutter, trotz Müdigkeit am 4. Dezember zu ihm zu reisen. Sie fand ihn wenig wohl. Das Gehen wurde ihm schwer, er war willens, auch den letzten Rest seines Geschäftes abzugeben. Er saß meist in seinem Kontor auf dem Sofa, seine Augen waren krank, er konnte nicht viel lesen, rauchte nicht mehr, hatte aber noch Interesse für alles. So war ihm seiner Ältesten Besuch große Freude.

In denselben Tagen entschied sich Siegfrieds Wahl an die Kirche in Unterbarmen, auch das noch eine neue Freude für den Vater, aber leider erlebte er Siegfrieds Übersiedlung ins Wuppertal nicht mehr. Doch kam er während Mutters Anwesenheit in Elberfeld auch dorthin, so dass der Vater seine Älteste und den Jüngsten noch einmal zusammen um sich hatte.

Von Elberfeld aus besuchte Mutter Fritz in Mülheim und sah mit ihm die Wohnung, die er im Frühjahr mit seiner Ria zu beziehen hoffte. Auch Bornhaks und Bauschs, bei denen die todkranke Frau Pastor Quenstedt weilte, konnte sie besuchen. Am 13. Dezember kehrte Mutter schweren Herzens heim, welch trauriger Abschied vom lieben Vater! Jeden Tag konnte sein Ende kommen. Leiblich war er durch die gute Laura gut versorgt, aber er war doch ganz allein und sehr einsam. Schwer war es für uns auch, dass wir nun nur sehr selten und spärlich Nachricht über Vaters Befinden erhielten.

In Sangerhausen hatte Mutter nun alle Hände voll zu tun, allerlei gesellschaftliche Verpflichtungen und die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest nahmen sie ganz in Anspruch. Wie hatten wir uns auf das erste Weihnachtsfest im eigenen Haus gefreut, und unter dem Weihnachtsbaum sollten alle 9 Kinder vereinigt sein. Fritz wollte vor seiner Verheiratung zum letzten Mal im Elternhaus mitfeiern. Er musste auch nach Neujahr noch einmal nach Königsberg (ob wegen eines preisgekrönten Entwurfs für die Dresdner Ausstellung?). So feierten wir dankbar und fröhlich den Heiligen Abend und den 1. Feiertag, - da kam am 2. Festtag eine Depesche von Laura , die mitteilte, dass Vaters Zustand bedenklich geworden sei. So reiste Mutter sofort ab und war am 27. wieder am Krankenbett des Vaters. Er lag ganz zu Bett, war meist teilnahmslos gegen seine Umgebung. Auch Hermanns waren gekommen, mussten aber wieder abreisen, da das Herannahen des Endes deutlich sichtbar, das Wann aber gar nicht zu erkennen war. Hermann hatte sich gerade mit Alida Weiss in Hilchenbach verlobt und die Anzeigen veröffentlicht, als die Depesche ihn nach Elberfeld rief.

In den nächsten Tagen kamen alle Geschwister an, auch Calvinos und Hermann und Karl kamen sobald als möglich zurück. Auf Augenblicke kehrte dem Kranken das Bewusstsein zurück, so in besonderer Weise, als Pastor Bornhack ihn besuchte, meist aber lag er bewusstlos, tagelang ohne zu sprechen oder Nahrung aufnehmen zu können, mit dem Tode ringend, ohne jedoch nach Versicherung der Ärzte Empfindung davon zu haben. Für die Kinder waren das qualvolle Tage. Der 29. Dezember brachte noch einmal zu aller Überraschung ein schwaches Wiederaufleben, aber in der Nacht vom 29. zum 30. Dezember kurz vor Mitternacht machte der Tod seinem langen, reich gesegneten Leben ein Ende. Alle seine Kinder waren um sein Sterbebett vereinigt.

Ich erhielt am 30. die Nachricht von seinem Scheiden und reise in der nächsten Nacht nach Elberfeld. Ich durfte dem geliebten Vater in dem Hause die Gedächtnisrede halten am Dienstag den 2. Januar. Auch Vater Greeven und Hermanns Braut Alida waren zu dem Tage gekommen. Ich sprach über 1. Mos. 12, 1 u. 2. "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein", Gottes Überschrift über sein Leben, und 1. Mos. 32, 11 "Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit" etc., des Entschlafenen Unterschrift unter sein Leben.

Mir war er seit dem Tage meiner Verlobung wie ein rechter Vater gewesen, und ich danke ihm übers Grab hinaus, was er und sein Haus mir gewesen sind. - Schmerzlich war, dass sofort nach der Beerdigung die äußeren Angelegenheiten, Erbschaftsregulierung und Teilung des Inventars erfolgen mussten, da alle Kinder anwesend waren, und so die Sache wesentlich erleichtert wurde. Ich stellte aus Vaters Büchern die Abrechnung auf, und Hermann besorgte die Erledigung der nötigen Geschäfte. Überaus erfreulich und vorbildlich war der Geist der Eintracht und Liebe unter den Geschwistern, mit dem die Teilung vollzogen wurde. Jeder war bereit, des anderen Wünsche auf Kosten der eigenen zu erfüllen. Ich kehrte am 5. Januar nach Sangerhausen zurück, Mutter am 9. Januar, nachdem sie noch den Sonntag in Gladbach bei Greevens gewesen war und am Montag die Auktion des Restes des Mobiliars gehalten hatte.

So endete das Jahr 1905 für uns mit bitterem Leide, und die Kinder mussten zum ersten Male ohne die Eltern aus dem alten ins neue Jahr hinübergehen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04