1906


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Hatte das Alte Jahr für uns alle schwer geendet, so sollte das neue Jahr in mancher Beziehung noch schwerer werden. Zunächst gab's die alte Arbeit, die durch eine neue noch etwas vergrößert wurde. Das war die Einrichtung von sonntäglichen Andachten in der gewerblichen Fortbildungsschule, die wir Geistlichen abwechselnd zwischen den beiden Zeichenabteilungen von 3/4 9 bis kurz nach 9 Uhr hielten. Die Schüler der Fortbildungsschule kamen nie zur Kirche, da sie Sonntagsvormittags Zeichenunterricht hatten. Nun war es eine Freude, ihnen ein gutes kurzes Wort zu sagen. Viele entzogen sich auch dieser Andacht, aber es waren doch sonntäglich 80 - 120 junge Leute anwesend, eine Saat auf Hoffnung, die mir aber Freude machte, wenn sie auch neben der anderen Sonntagsarbeit oft mühsam war.

Am 16. März hatten wir die Freude, zum ersten Mal das Leipziger Solo Quartett des Kontor Roetig in Sangerhausen zu hören. Ich hatte sie kommen lassen und das Risiko übernommen. Aber der Besuch der Gemeinde, die fast die ganze Kirche füllte, deckte bei einem Eintrittpreis von 50 Pf nicht nur die Kosten, sondern ergab einen so großen Überschuss, dass ich bei einem zweiten Mal nur 30 Pf und das dritte Mal nur 10 Pf für das Programm zu erheben brauchte.

Dieser Gesang war für viele wirklich Erbauung, "zur Ehre Gottes", nicht nur für sich zu verdienen, singen sie nun schon viele Jahre, reisen nachts und haben am Tag ihre Arbeit in Leipzig. Über ihren Gesang brauche ich nichts zu sagen, alle Hausgenossen haben sie gehört und die lieben, einfachen Leute auch persönlich liebgewonnen.

Die Osterwoche brachte uns zwei Hochzeiten, am Osterdienstag die unseres Schwagers Hermann in Hilchenbach, der die Tochter aus einem dortigen reichen Hause, Alida Weiss, in zweiter Ehe heiratete. Ich hielt den Geschwistern die Traurede über Psalm 127, 1. Meta war schon vor mir am Sonnabend angereist, ich konnte erst am Ostermontag fort. Otto Lauterburg, der zu Fritzens Hochzeit gekommen war, predigte an dem Tage für mich, ich fuhr mittags über Gießen nach Hilchenbach. Die Hochzeit war sehr fein, aber der Kreis, in dem wir waren, unseren Anschauungen fernstehend, auch die Berührung mit der Familie der Braut zu flüchtig, als dass sie befriedigend gewesen wäre. Gerne hätte ich die Gelegenheit benützt, um das Siegerland näher kennenzulernen, auch Freund Kühn in Siegen zu besuchen, aber wir mussten schon am Mittwoch aufbrechen, reisten nach Gladbach zu Fritzens Hochzeit. Wie ganz anders wohl und behaglich war es uns da im Hause der lieben Greevens, die uns wie Geschwister waren. Am Abend hatten wir Gelegenheit, Rias Geschwister kennenzulernen in gemütlichem Zusammensein, ohne besondere Polterabendveranstaltungen. Am Donnerstag, den 19. April durfte ich den lieben Kindern segnend die Hände auflegen, nachdem ich ihnen ein Wort über das von ihnen gewählte Bibelwort Gal. 6, 2 (Einer trage des anderen Last) gesagt hatte. Fritzens Geschwister waren bis auf Erich, der damals in London war, und die beiden Kleinsten alle anwesend, und wir haben ein sehr fröhliches und befriedigendes Fest gefeiert. Fritz und Ria reisten in ihr Heim nach Mülheim Broich, und wir durften sie dort auf der Heimreise am Sonntag (22.4.) grüßen. Dann noch ein kurzer Besuch bei meiner Cousine Natalie in Kassel und dann nach Hause, wo wir an den folgenden Tagen Besuch von Aug. Schmitz erwarteten. Lili war von Gladbach aus zu langem Besuch ihrer Freunde nach England gereist und kehrte erst Ende Juni nach Sangerhausen zurück.

Am 13. Mai führte ich Pastor Engelke in Hackpfüffel ein, Pastor Lieberoths Nachfolger, ein Gemeinschaftsmann, lieb und gewissenhaft, aber etwas weichlich. Er wie seine Frau uns immer sehr freundlich, aber seine Einwirkung auf die Gemeinde gering und das Verhältnis zum Patron schwierig, so dass er bald das Verlangen hatte, versetzt zu werden. Er blieb wohl bis 1914 in Hackpfüffel.

Acht Tage darauf machte ich nach getaner Sonntagsarbeit einen Ausflug mit unserem Jungfrauenverein nach Morungen. Ob die Anstrengung des Tages zu groß gewesen oder nur der letzte Tropfen war, der das übervolle Gefäß zum Überlaufen brachte, am Montag, den 21. Mai bekam ich morgens nach dem Frühstück ganz plötzlich und unerwartet einen schlimmen Anfall von Herzschwäche, so dass die Meinen glaubten, meine letzte Stunde sei gekommen. Aber der Anfall ging vorüber, und die erste Schwäche war so bald überwunden, das ich am Himmelfahrtstage nachmittags in Blankenheim die Beerdigung der Frau Pastor Hübner halten konnte, auch meine laufende Arbeit leisten konnte.

Pfingstmontag ging ich auf einige Tage mit Martha nach Hagental um auszuruhen. Mutter konnte mich nicht begleiten, da Tante Minna am 6. Juni zu längerem Besuch erwartet wurde. Wir trafen in Hagental Direktor Fries von Halle mit seiner Frau, machten manche schönen Wege ohne allzu große Herzbeschwerden. Aber sowie ich an die Arbeit zurückkehrte, fehlte die nötige Kraft, immer müde, geistig schlaff, war ich wenig leistungsfähig. So entschloss ich mich am Montag nach Trinitatis (11. 6.), allein nach Bockswiese zu gehen, wo ich von der höheren Luft und völligen Stille Kräftigung erhoffte. Ich traf dort Superintendent Rathmann mit seiner Frau, mit denen ich gern verkehrte, auch die Oberin des Kinderkrankenhauses in Elberfeld, Schwester Nötel, die mit Bornhacks, früher Fritz Wiebel bekannt war, - auch andere liebe Menschen. Und doch fühlte ich mich in meiner Schwäche einsam, wurde von Heimweh geplagt. Unterdessen waren Fritz und Ria, die nachträglich ihre Hochzeitsreise zur Kunstausstellung in Dresden gemacht hatten, in Sangerhausen, Tante Minna genoss in vollen Zügen unser Gärtchen und den "Rosengarten", ja wanderte oder fuhr mit Mutter zum Kyffhäuser, und Mutter genoss die liebe Tante.

Aber Mutters Sorge um mich und das Drängen von Hans und Minna hatten sie bestimmt, ohne mein Wissen nach Magdeburg zu fahren, um Generalsuperintendent Holzheuser zu bewegen, mir einen Vikar zu schicken, um den ich bisher vergeblich gebeten hatte. Der Generalsuperintendent nahm sie sehr freundlich auf, noch mehr seine liebe Frau. Er versprach alles Mögliche und schrieb mir einen Brief über die Sache nach Bockswiese. Der regte mich sehr auf, ebenso der Briefwechsel mit Mutter darüber, so dass ich eher als gewollt packte und am 19. 6. nach Hause zurückkehrte. Der versprochene Vikar aber kam nicht, und ich musste wohl oder übel meine Arbeit weiter treiben.

Nach den Briefen aus dieser Zeit bewegte mich damals schmerzlich das Leid der Hohlstedter Pfarrersleute Friedrich. Die Söhne waren mit unseren auf der Schule gewesen. Nun war der Älteste während seiner Dienstzeit lungenkrank geworden und musste nach Davos. Schwere Sorge für die armen Eltern, die uns beide lieb waren. Er war schon seit 1881 in der Ephorie und ist heute, 1917, noch in Hohlstedt, hat aber seinen Verkehr stets mehr in der Rosslaer Grafschaft gesucht als in Sangerhauser Pastorenkreisen. Mir aber ist er immer mit Vertrauen und viel Freundlichkeit begegnet und hat mir bis zum heutigen Tage die Treue bewahrt. Nun ist er ein einsamer Mann, dessen ich mit wehmütiger Teilnahme gedenke, seine Frau ihm genommen, die Kinder alle 4 aus dem Elternhause.

Anfang Juli siedelte Hans nach kurzem Urlaub, den er in Treffurt verbrachte, nach Halle über, wo er am Landgericht und bei der Staatsanwaltschaft arbeitete.

Am 22. Juli war in Gonna unser Missionsfest, bei dem Pastor Fiedler aus Eisleben, der in seiner Jugend in Gonna gelebt (sein Vater war dort Pfarrer) uns die Festpredigt hielt. Er kehrte bei der Gelegenheit bei uns ein, wir ahnten beide nicht, dass er einmal mein Nachfolger werden würde. Am Tag darauf trat ich meinen Urlaub an, den ich mit Mutter in Oberhof verbrachte. Wir wohnten zuerst sehr unruhig in der Zellaer Straße, nachher in der Krawinkler nahe dem Wald. In der ersten Zeit besuchte uns Martha 4 Tage vor dem Ende ihrer Ferien. Ich wanderte einen Tag mit ihr zur Schmüdke, soweit war ich damals noch leistungsfähig. Mit uns zugleich waren Brandts aus Sangerhausen mit ihrer Tochter Ida in Oberhof, und wir verkehrten oft und gerne mit ihnen. Gegen Ende unseres 5wöchentlichen Aufenthalts kam Erich zu uns. Er war für sein Londoner Geschäft in Italien und Spanien gereist und sollte sich, ehe er eine neue Reise nach dem Orient antrat, bei uns in der frischen Gebirgsluft und ungestörter Ruhe von den Strapazen der Reise und der spanischen Hitze erholen. Er verkehrte viel mit Brandts, die Herzen fanden sich oder hatten sich schon früher in Sangerhausen gefunden, und er verlobte sich mit Ida am 24. August, eine uns sehr willkommene Wahl, über die wir uns heute noch mehr freuen als damals, wo wir die liebe Tochter noch nicht so genau kannten. Am 26. August, Erichs Geburtstag, gab Vater Brandt noch ein kleines gemütliches Verlobungsfest bei Anackers, und am 27. reiste ich mit Mutter heim. Auf der Rückreise blieben wir einen Tag in Weimar, wo wir das Schiller- und Goethehaus, das wir beide nicht kannten, gründlich besahen.

Trotz der langen Ruhezeit war ich nicht so weit gekräftigt, dass ich meine ganze Arbeit wieder tun konnte, ich musste aber wieder ins Amt, und nach 14 Tagen wiederholte sich der Anfall von Herzschwäche zweimal, wenn auch nicht so stark wie im Mai. Ich bat wieder das Konsistorium um Hilfe, bekam endlich nach langem Warten das Versprechen eines Vikars zum 1. Oktober, aber es wurde der 15. Oktober, bis einer kam.

Am 15. September hatten wir die Freude, die Eltern Greeven bei uns zu haben, leider nur kurze Tage. Wir machten mit ihnen eine sehr schöne Tour nach Wippra und Rummelburg, ein Weg, den ich so oft gemacht und der immer neue Schönheiten zeigt. Das war einer der größten Vorzüge Sangerhausens: Die herrliche Umgebung, und wie sehr haben wir sie genossen!

Als Kuriosität erwähne ich heute aus einem Brief von Mutter, dass Greevens sich damals schöne Winteräpfel für 8 Mark den Zentner kauften und dass Zwetschgen damals 1 Mark der Zentner frei ins Haus kosteten. Da wurde Mus zentnerweise gekocht, kostete ca. 5 Pf das Pfund! Gute Zeiten noch!

Dr. Seyffert hatte zu meiner Wiederherstellung eine völlige Ruhe von 6 Monaten und zur Stärkung meines Herzens eine Kur in Nauheim gefordert. Da mein Schwager Karl ihm zustimmte, nahm ich wieder 6 Wochen Urlaub und fuhr Anfang Oktober nach Nauheim.

Ende September zogen Brandts von Sangerhausen nach Wilhelmshöhe. Während des Umzuges waren Mutter Brandt und Ida zwei Tage unsere Gäste, zum ersten Mal die neue Tochter als die unsrige bei uns. In Kassel begrüßte sie mich dann auf der Durchreise nach Nauheim auf dem Bahnhof mit köstlichen Rosen, Erdbeeren und Trauben.

In Nauheim war es schon öde und leer, keine Kurmusik und keine Kurtaxe mehr, mir beides nicht unlieb. Aber das Wetter war fast den ganzen Oktober außergewöhnlich sonnig und warm, so dass ich viel im Freien sein konnte, wenn die Kur mich nicht in Anspruch nahm. Ich wohnte bei einer Frau Riso geb. Becker (bei deren Eltern früher Georg v. Below in Düsseldorf gewohnt hatte), war da gut aufgehoben und verpflegt. Auch die Gäste, die noch im Hause waren, waren z.T. angenehm. Unter ihnen ein Hauptmann Drolshagen aus Metz, mit dem ich öfters wanderte, auch einmal nach Friedberg fuhr. Die Umgegend von Nauheim ist nach den Bergen zu schön, und die großen Parkanlagen der Stadt bieten schöne Wege. Aber je länger ich in Nauheim war, umso matter wurde ich, konnte oft nicht schlafen und fühlte mich recht elend. Und den ganzen Tag nur immer an seine Gesundheit zu denken, war mir oft unleidlich.

In dieser Zeit sind mit unsere köstlichen Kirchenlieder ein großer Trost gewesen, und wieviel mehr in der langen Leidenszeit der letzten Jahre. Wenn doch unsere Kinder auch solchen Schatz besäßen, wie sie mir meine Mutter und meine Schule mit ins Leben gegeben! Wie dankbar bin ich heute dafür. Aber heute heißt's: Die Kinder nichts Unverstandenes lernen lassen! Das Gedächtnis nicht überlasten! Und ähnlicher Unsinn. Und die Kinder bleiben arm und haben später nicht solchen Halt und Trost, wie wir Alten sie noch an unseren Liedern und Psalmen besaßen.

Von Nauheim besuchte ich einige Male Friedberg, eine interessante alte Stadt mit großem Schloss und schöner gotischer Kirche. Ein andermal Homburg und die Saalburg, eine Rekonstruktion eines altrömischen Lagers, doch in der Hauptsache Phantasie und Spielerei.

Am 12. Oktober traf in Sangerhausen Vikar Uding ein und wohnte zunächst bei uns im Hause. Die Kinder hatten allerlei Besuch, Kitzig, Lotte Weber, mit denen sie in den Herbstferien Touren machten. So hatte ich ernste Bedenken, als Mutter den Wunsch äußerte, zu mir nach Nauheim zu kommen, um mich in meiner Einsamkeit zu trösten. Ich fürchtete das üble Gerede, wenn Lili und der Vikar Uding ohne Mutter zusammen leben müssten. Aber Mutter zitierte Tante Bertha, die allezeit Hilfsbereite, und am 17. Oktober kam sie zu mir. Aber trotz der Freude des Zusammenseins mit ihr und ihrer Pflege wurde ich immer elender, meine Nerven versagten völlig, ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass Nauheim nicht das rechte für mich sei.
Um mich noch etwas von der angreifenden Nauheimer Kur zu erholen, folgte ich gerne der freundlichen Einladung meiner Cousine Natalie, die damals in Braunlage sich aufhielt. Wir waren in Nauheim öfter mit ihrer Nichte, der ältesten Tochter von Pauline v.d. Becke, zusammen gewesen. Sie war dort auch zur Kur. So mag durch diese Natalie wohl von meinem elenden Zustand gehört haben. Ende Oktober fuhren wir zu kurzem Besuch nach Rüsselsheim, nach Hanau und Wilhelmshöhe, ich von da nach Braunlage, Mutter nach Hause. Ich blieb vom 5. - 14. November im Harz, von Natalie aufs herzlichste aufgenommen und aufs beste verpflegt, aber trotzdem sehnte ich mich nach Hause. Wenn ich von meinem Fenster aus die Häuser von Hohegeiß und Stöberhai sah und an die Zeiten dachte, wo ich noch fröhlich mit den Kindern wandern konnte, überkamen mich Wehmut und Heimweh. Nun schlich ich müde umher, untätig, ohne Lust zu geistiger Beschäftigung. Und was lange Zeit der Untätigkeit für mich bedeutete, verstehen die, die mich kennen. Erleichternd war mir nur, dass ich von vielen Seiten reiche Liebe erfuhr, auch von vielen, von denen ich es nicht erwartet hatte. Schwester Hanni Calvino lud mich ein, nach Lugano zu kommen. Ich schrieb: Nächstes Jahr vielleicht, wenn ich mich nicht muss pensionieren lassen. So nah stand mir der Gedanke an völlige Aussichtslosigkeit meines Zustandes.

So reiste ich endlich Mitte November nach Hause zurück. Der Vikar Uding versah mein Pfarramt, ich machte die Schreiberei für Superintendantur und Kreisschulinspektion. Aber das tägliche Angelaufenwerden wurde mir schon zu viel, und als ich dem Provinzialfest des Vereins für Innere Mission an meinem Geburtstag die Morgenandacht hielt, spürte ich, wie diese kleine geistige Arbeit mich überanstrengte. Sechs Monate völlige Ruhe war immer wieder des Arztes Forderung. Aber zunächst war ich froh, wieder zu Hause bei den Meinen zu sein. Weihnachten war auch mein Kollege Reichardt infolge einer Operation an der Nase nicht imstande zu predigen und musste sich vertreten lassen. So hatte die Gemeinde zwei Geistliche und doch keinen!

Das Ende des Jahres brachte uns noch ein wichtiges Ereignis: den plötzlichen Tod des Generalsuperintendenten Holzheuser. Wer wird sein Nachfolger werden? Für das kirchliche Leben der Provinz eine Lebensfrage und auch für mich persönlich wichtig genug.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04