1907


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Das Jahr fing übler an, als es endete - besser als umgekehrt. Arbeitsunfähig ging ich ins neue Jahr. Am 2. 1. fuhr ich nach Merseburg, um mit der Regierung wegen der Abgabe der Kreisschulinspektion zu verhandeln. Es gelang mir, sie am 1. April auf die Schultern des Bruder Ehrke zu legen. Für mich schmerzlich der Abschied von der Arbeit für die Schule, die mir immer neben der Last auch Freude gewesen war. Dazu brachte die Niederlegung des Amtes nicht unbeträchtliche, gerade damals unerwünschte Verminderung meines Einkommens.

Da ich in Sangerhausen nicht zu wirklichem Ausruhen kam, luden die Kinder in Broich mich ein, eine Weile bei ihnen es zu versuchen. So reiste ich am 9. Januar zu ihnen. Aber gleich in der ersten Nacht erkannte ich, dass dort nicht lange meines Bleibens sein konnte. Auf beiden Seiten des Hauses liefen Bahnen, und die ganze Nacht hörte das Fahren und Pfeifen nicht auf. Die Kinder hörten es nicht, mich aber weckte es immer wieder und brachte mich manche Nacht schier zur Verzweiflung. Dazu war das Wetter regnerisch und trübe, die Luft schwer, so dass ich auch am Gehen behindert war und meine Nerven mir keine Ruhe ließen. Die Kinder Fritz und Ria waren rührend lieb mit mir und versorgten mich aufs beste, aber bei dem täglichen Zusammenleben kam die verschiedene Stellung zu allerlei religiösen, kirchlichen, politischen und sozialen Fragen, auch zu der Kunst, die Fritz und ich hatten, mehr als bei flüchtigem Besuch zu Bewusstsein, und bei meiner nervösen Schwachheit und Gereiztheit regte mich das unnötig auf. Fritz hatte natürlich kaum eine Ahnung davon, dass ich darunter litt. Zu meiner Freude kann ich aber sagen, dass wir uns später in unseren Anschauungen über viele Fragen viel näher kamen, nie aber durch solche unliebsamen Differenzen die Liebe und das gegenseitige Vertrauen gestört worden sind.

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Der älteste Sohn Fritz als Oberlehrer in Mülheim/Ruhr 1907

So sah ich bald, dass mein Bleiben nicht lange sein konnte. Doch hatte ich auch die große Freude, zu sehen, wie glücklich die Kinder miteinander waren. Auch ein Besuch bei Ernst Pönsgen in Bochum und bei Ohls in Duisburg war mir zur Freude. Ich musste aber einmal ganz zur Ruhe kommen, äußerlich und innerlich, das fühlte ich mehr und mehr. Verhandlungen mit zwei Sanatorien in Braunlage zerschlugen sich wegen der hohen Preise. Endlich entschlossen wir uns, für längere Zeit nach Kurhaus Palmwald bei Freudenstadt zu gehen, wo Direktor Ruppenbauer uns sehr günstige Bedingungen bewilligt hatte. Am 21. Januar verließ ich Broich, machte in Wilhelmshöhe bei Brandts Station. Ida war vom 29. Dezember bis 16. Januar bei uns in Sangerhausen gewesen, nun nahmen sie und ihre lieben Eltern mich so herzlich bei sich auf, dass die zwei Tage bei ihnen mir in besonders lieber Erinnerung sind. Am 23. 1. war ich wieder bei den Meinen. Nachdem ich bei der Reichstagsstichwahl meiner patriotischen Pflicht genügt, entfloh ich der Kaisergeburtstagsfeier und reiste am 26. Januar schon mit Mutter nach Stuttgart, verbrachte dort den Sonntag, 27. Januar. Bei herrlichem Wetter gingen wir auf die Höhen und freuten uns an der malerischen Aussicht auf die Stadt und an dem fröhlichen Treiben der überall rodelnden Jugend. Am 28. kamen wir in Palmwald an und erkannten bald, dass dieses Mal unsere Wahl die richtige für mich gewesen war. Wir hatten eine nette Stube mit dem weiten Ausblick auf das Tal vor uns, dahinter die schwäbische Alb, den Hohenzollern, alles tief im Schnee. In den acht Wochen meines Aufenthaltes habe ich fast nie den Fuß auf die Erde gesetzt, der Schnee lag meterhoch, doch war nach allen Seiten Bahn gemacht, so dass wir täglich unsere Spaziergänge im Wald und auf den Chausseen machen konnten. Die hohe kräftige Luft tat meinen Nerven bald wohl und verschaffte mir besseren Schlaf.

Im Hause war es sehr gemütlich, alles geheizt, gute Verpflegung und anregender Verkehr. Es waren wechselnd 30 - 50 Gäste da. Da das Haus für 200 eingerichtet ist, so konnte man sich immer zurückziehen, wenn mir der Aufenthalt unter den Menschen zu viel wurde. Wir hatten das Glück, uns sympathische Menschen in Palmwald zu finden, von denen wir mancherlei Anregung empfingen. Da waren Herrn und Frau von Below, Bruder und Schwägerin Georgs, liebe feine Menschen, mit denen wir viel verkehrten. Dann Herr und Frau Prof. Plattmacher aus Stuttgart, ein Geologe Dr. Regelmann, mit dem ich manche interessanten Gespräche hatte und oft lief, der Bauunternmehmer Hennisch aus Frankfurt, Herr Assnus, Goldwarenfabrikant aus Pforzheim, eine Lehrerin, Frl. Kost, die Mutter sehr verehrte, und endlich Herr Ing. Schmidt aus Wilhelmshöhe, von dem wir durch Herrn Brandt viel gehört hatten. Ein eigentümlicher Mann, der sich vom einfachen Arbeiter zum Millionär hochgearbeitet, der seine Erfindungen als Gottesoffenbarungen ansah, seine Leibbücher die Bibel und Goethe. Er grübelte damals über der Erfindung eines neuen Dampfkessels, ließ seine Ingenieure von Wilhelmshöhe immer wieder kommen, um mit ihm zu konferieren. So hatten wir auch einmal die Freude, Herrn Brandt mehrere Tage in Freudenstadt zu sehen. Je länger ich aber mit Herrn Schmidt verkehrte, so unsympathischer war er mir. Er wusste immer alles am besten, und die Leute kann ich durchaus nicht leiden. Aber ich hatte manche interessanten und anregenden Gespräche mit ihm.

Während unseres Aufenthaltes machten wir auch mehrere schöne Ausflüge, öfter nach Beyersbronn und dann 4. Klasse abends nach Hause, so war's bei den Schwaben gebräuchlich. Oder nach Alpirsbach, mit dem Schlitten nach Zwieselsberg und zweimal auf den Kniebis. Da lag der Schnee so hoch, dass man von dem Schnee aus direkt in die Fenster der ersten Etage des Gasthauses hineingehen konnte. Unten aber war durch den Schnee ein Tunnel zur Haustüre gegraben! Einmal fuhren wir auch nach Freiburg, wo wir bei Belows auch Hanni Calvino trafen, uns aber wenig wohl fühlten.

Inzwischen hatte Lili zu Hause Haus und Geschwister treulich versorgt und konnte uns von dem guten Verhalten aller berichten, was wesentlich zu unserer Ruhe beitrug. Martha machte am 7. Februar in Halle ihr Examen, wurde dispensiert, litt aber infolge der Überarbeitung sehr an Kopfschmerzen. Sie blieb erst eine Zeit bei Lili, die sich ihrer Hilfe freute. Anfang März ging sie auf 14 Tage zu Brandts, um sich zu erholen. Da aber Lili seit dem 1. März ohne Mädchen war und nur Frau Junge stundenweise hatte, so entschloss sich Mutter, am 8. März nach Hause zurückzukehren, weil sie mich mit Ruhe verlassen konnte. Ich war viel wohler und fühlte mich in der Umgebung von Palmwald behaglich. So blieb ich noch bis zum 20. März und kehrte am 21. dankbar heim. In der Palmwalder Zeit las ich Goethes Briefe und Goethes Leben von Bilschowsky, die mich gleicherweise interessierten. Nachdem mich Mutter verlassen, vertrat ich am 10. März Herrn Huppenbauer im Gottesdienst und am 14. und 15. März in den Andachten, weil er verreisen musste. Mir war die Probe willkommen, ob ich wieder leistungsfähiger sei,
freute mich, dass es ging, wenn auch die geistige Spannkraft noch zu wünschen übrig ließ und ich den Eindruck hatte, einem Wagen zu gleichen, der lange gestanden hatte und nicht geschmiert sei. Diese Ansprachen hatten für mich auch den angenehmen Erfolg, mit mehreren lieben Menschen in Berührung zu kommen. Ich empfand es auch, wie viel leichter es ist, vor solchem Kreis mehr oder weniger angeregter Christenleute über christliche Wahrheiten zu reden als vor der Menge meiner Hörer in Sangerhausen, die so wenig Verständnis für geistliche Dinge hatten.

Ich erwähnte oben die Reichstagswahl. Ich schrieb damals im Blick darauf im Briefkränzchen: Der freikonservative Kandidat ist wiedergewählt, aber die Sozialdemokraten nehmen zu und haben hier in Sangerhausen eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet. Namentlich ist mir sehr betrübend, dass sie sozialdemokratische Jugendvereine gegründet haben und die Kinder schon im letzten halben Jahr vor der Konfirmation in die Mache nehmen. So ist von meinem Konfirmandencoetus von den Knaben der Volksschule keiner zu unserem Jugendverein gekommen. ... Unsere nationalen Parteien hier aber tun nichts. Hilfe für unsere Jugendverbände finden die Geistlichen fast nie bei den Laien, bei den nationalen Schreiern, die bei den Wahlen schreien, am wenigsten. Man hat von der Seite immer wieder den Argwohn gegen die Arbeit der Kirche, dass die Jugend zu viel religiöse Einwirkung erfahre. ...

Bei Schulschluss verließ Meta die Schule und wurde nun Mutters Stütze, als am Sonnabend vor Ostern Lili unser Haus verließ, um vom 2. April an im Bremer Diakonissenhaus 1/2 Jahr als Johanniterin sich in der Krankenpflege auszubilden. In den Osterferien waren Bernhard und Willi in dem allezeit gastlichen Hause in Wilhelmshöhe.

Am 31. März, dem 1. Ostertag, durfte ich zum ersten Male wieder predigen und tat es vorläufig, solange ich den Vikar noch hatte, alle 14 Tage.

Aus dieser Zeit erwähne ich zwei Todesfälle, die mir besonders nahegingen, weil ich die Verstorbenen vielfach seelsorgerisch besucht hatte. Frau Klingenberg, eine Holländerin, wunderliche Frau, aber offen für Gottes Wort, ihr ein und alles auf Erden ihr einziger Sohn, - und der ist elend durch Selbstmord untergegangen, als er den Halt an der Mutter nicht mehr hatte. Und die andere, die Mutter des Bürgermeisters, Frau Taggesell, eine sehr liebe alte Dame, kindlich glaubend und kindlich zufrieden, die ich oft und gerne besucht hatte. Sie lebte ganz für ihren Sohn und er nur für sie, so war's ein schmerzliches Scheiden.

Der Sommer brachte nicht viel Besonderes, im Mai und Juni ungewöhnliche Kälte, so dass wir wenig unser Gärtchen genießen konnten, aber es wurde die Ernte doch reif - Trost für diesen kalten Frühling (1917).

Freude war uns im Mai Idas Besuch auf der Rückreise von Leipzig, wo sie im Diakonissenhaus zum letzten Male gepflegt hatte, und dann der Besuch von Maria und Bertha Schmitz auf ihrer Reise nach Riga. Im Juni machte ich den vergeblichen Versuch, in Wegeleben gewählt zu werden, vergeblich wie viele frühere. Erfreulicher war am 18. Juni die glückliche Geburt des ersten Enkels in Broich. Nun waren wir wirklich alt, da wir Großeltern geworden waren.

Am 20. Juni fand in Magdeburg die Einführung des neuen Generalsuperintendenten Jacobi statt und in Verbindung damit die Ephorenkonferenz, die Jacobi leider von Kösen nach Magdeburg verlegte, weil er die Superintendenten in seinem Haus bei sich sehen wollte. Gemütliche Abende, aber kein Ersatz für das schöne Zusammensein mit den Amtsbrüdern in Kösen. In Magdeburg lief alles auseinander, und die lieben Frauen fehlten. Der Tausch, der in der Generalsuperintendantur eingetreten war, war ohne wesentliche Bedeutung für die Provinz, - anstelle eines Originals ein Mann, wie es noch viele gibt. Ich glaube aber, dass beide einen tieferen Einfluss auf das kirchliche Leben nicht ausgeübt haben.

Unruhige Tage brachte der Juli: da war gegen Ende des Monats Erich bei uns, der vor seiner Verheiratung noch einmal gemütlich im Elternhaus sein wollte. Gleichzeitig waren Maria und Bertha Schmitz auf ihrer Rückreise von Russland 5 Tage unsere lieben Gäste und Wilhelm Gräber, mit dem ich auf den Kyffhäuser wanderte. Das Wichtigste aber, dass mir am Sonntag, 21. Juli, als ich von der Kirchenvisitation in Nienstedt zurückkehrte, unterwegs Hans auflauerte und mir mitteilte, dass er sich mit einer anderen Maria Schmitz in Halle verloben wollte. Er hatte, durch Marias Bruder mit der Familie bekannt geworden, vielfach dort verkehrt. Dr. Schmitz und Sabine waren schon Anfang Juli einige Tage unsere Gäste gewesen. Nun aber kam uns Hansens Eröffnung sehr überraschend. Das einzige Bedenken, dass er als Referendar noch lange an Heiraten nicht denken konnte. Im August, während wir in Borkum waren, kam es dann zu der Verlobung, und auf unserer Rückreise durften wir in Halle unsere neue Tochter und ihre Mutter kennenlernen, ich denke zu gegenseitiger Freude.

Zunächst waren in unserem Hause alle Gedanken auf die bevorstehende Hochzeit Erichs in Kassel gerichtet. Alle Kinder durften daran teilnehmen, nur Fritz und Ria fehlten leider. Ich hatte die Freude, die lieben Kinder in der schönen Kirche in Wilhelmshöhe zu trauen. Als Text hatten sie selbst sich 1. Kor. 13, 7 u. 8 gewählt. Über diese glänzende und doch so gemütliche Hochzzeitsfeier im Kreis so vieler lieber Verwandter und der Brandtschen Familie brauche ich nichts zu schreiben, da alle unsere Kinder sie miterlebt und in gutem Gedächtnis haben. Von unserer Familie war nur die liebe alte Tante Minna aus Bremen da, die mit Lili zusammen gekommen war.

Von Wilhelmshöhe fuhren Mutter und ich am Tag nach der Hochzeit (3. August) nach Broich, um hier am Sonntag, 4. August, Diethers Taufe zu feiern, zu der auch die lieben Eltern Greeven gekommen waren. Die Taufe fand im Hause statt, ich sprach über die Losung des Tages 2. Mos. 33, 18 und Apostelgesch. 2, 32, und dann taufte ich den lieben Diether, den einzigen meiner Enkel, den ich taufen durfte.

Von Broich reisten wir dann nach kurzem Aufenthalt im Kinderhaus nach Borkum, wo wir 3 1/2 Wochen im alten Quartier bei de Haans sehr still verbrachten. Zu Hause schaltete Martha und versorgte die Geschwister. Dieser Aufenthalt an der See hat mir sehr wohlgetan, ich schlief besser und hatte die Hoffnung auf neue Kraft zu der alten Arbeit, die ich ohne Vikar zu tun hatte. Verkehr hatten wir sehr wenig in Borkum. Ich erinnere, dass der junge Hans Angener dort war, der uns im Strandzelt fotografierte, und Superintendent Schmidt aus Lissen mit Familie, den wir ab und zu sahen.

Ende August fuhren wir nach Bremen, verbrachten den Sonntag, 1. September, mit Lili, sahen das Diakonissenhaus. Wir logierten im Vereinshaus, weil bei Tante Minna ihre Schwester, Frau Johanssen, sterbend lag. Mutter und Lili sangen der Kranken vor der Tür ein Lied zu ihrer Freude, konnten aber sonst nicht mehr mir ihr verkehren. Sie starb auch bald darauf bei Tante Minna.

Wir blieben auf der Rückreise noch einen Tag in Hildesheim, das mit seinen herrlichen alten Bauten uns sehr entzückte, dann ging's nach Halle zu Frau Prof. Schmitz und dem glücklichen Brautpaar. Maria fuhr mit uns nach Sangerhausen und blieb einige Tage bei uns, ehe sie nach Bendendorf zurückkehrte. Gleich nach unserer Rückkehr kamen Bornhaks mit allen 5 Kindern auf einige Tage, ein sehr fröhlicher Besuch.

Im September hatte Martha die Vertretung einer erkrankten Lehrerin (wohl Frl. Wolf?) übernommen, so war Mutter der einen Stütze beraubt. Am 1. Oktober kam Lili von Bremen nach Hause. Am 9. Oktober aber brache Mutter Meta nach Marienberg, am 12. Oktober reiste Martha nach England und am 14. Oktober ging Lili nach Hannover zur Teilnahme an dem Kursus im evang. sozial. Frauenseminar. Dafür kam im November Hans nach Sangerhausen zurück, dazu mancherlei Besuch, im Oktober Siegfried mit Frau, Prof. Schmitz, im November Liese Wiebel und Dorothee mit drei Kindern, dann Natalie von der Recke, dazu eine sehr wenig stützende Stütze, so dass Mutter im Hause schwere Zeit hatte. Aber wir waren dankbar, dass ich wieder arbeitsfähig war, und wir freuten uns, dass von allen Seiten von den auswärtigen Kindern immer gute Kunde kam.

Erich und Ida waren nach langer Reise in den Orient nun glücklich in Mailand im eigenen Heim, Lili und Martha schrieben befriedigt über ihre Arbeit.

Das Weihnachtsfest dieses Jahres war ein köstlicher Abschluss des so traurig begonnenen Jahres. Fritz und Ria mit Diether, Lili, Meta, Hans und Maria, dazu zeitweise Erich Petersilie und seine Schwester kehrten bei uns ein. Die Konfirmandenstube war als Wohn- und Esszimmer eingerichtet, acht Feuer waren täglich zu unterhalten. Viel Unruhe und Arbeit, aber viel größer die Freude über den lieben Besuch, und ich durfte nur danken und loben, dass ich die Unruhe und Festarbeit so gut überstanden. Auch die fernen Kinder hatten fröhlich Weihnacht gefeiert, Erich und Ida in Lugano, und Martha hatte sich an dem Bäumchen, das ich ihr mit Zubehör geschickt hatte, wenn auch einsam, gefreut. Übrigens hatte sie es ja ebenso wie früher Lili in dem engl. Pfarrhause sehr gut getroffen und fühlte sich dort in ihrer Arbeit wohl, aber deutsche Weihnachtsfeier kennen die Engländer nicht.

Im Rückblick auf die Generalsynode im Winter 1907 schrieb ich damals: Über die Beschlüsse der Generalsynode habe ich mich im Blick auf mein und vieler Amtsbrüder Interesse, die Minimaleinkommen haben, sehr gefreut. (Das Minimaleinkommen war wesentlich erhöht worden), aber im Blick auf die Kirche ist mir diese Entwicklung sehr bedenklich. Diese Besserung unserer Verhältnisse wird mit einer umso festeren Bindung der Kirche an den Staat erkauft, und um der Kirche willen müsste man wünschen, dass das Band loser, nicht fester würde. Und was das staatliche Regiment in unserer Kirche bedeutet, das zeigen eben wieder die Berufungen von Drews und Deissmann nach Halle und Berlin, die Fakultäten werden bald ausschließliches Herrschaftsgebiet der liberalen Theologie sein. Ich seufze oft, dass keiner von meinen sechs Söhnen bis jetzt Theologe ist. Und doch, wenn morgen einer käme und mir sagte: "Vater, ich will Theologie studieren." -, so würde ich wohl einen Schrecken bekommen. Wie schwer ist es heute, dass sie nicht in das negative Fahrwasser kommen.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04