1908


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Das neue Jahr brachte fast allen Hausgenossen Influenza, die aber überwunden wurde. Dann allerlei lieben Besuch, Karl mit seinem Sohn Walter Wiebel, Dora und Maria Schmitz aus Halle, dann Tante Bertha im Februar und Herr und Frau Brandt aus Wilhelmshöhe.

In dieser Zeit siedelten Müllers aus Lengefeld nach Thondorf über, für Pastor Müller große Erleichterung , für uns alle aber ein Verlust des häufigen und herzlichen Verkehrs im Lengefelder Pfarrhaus. Neuen Verkehr bekamen wir mit Superintendent Baarts in Artern, der an die Stelle des verstorbenen Superintendenten Jahr getreten war. Namentlich in der Ederslebener Zeit haben wir öfter und gern mit ihnen verkehrt, beide Eheleute feine Menschen, viel gereist und fein gebildet, mit uns auf dem gleichen Boden in Beziehung auf die religiösen Dinge stehend.

Bernhard hatte sich entschlossen, nach dem Abiturientenexamen sich dem Bankfach zu widmen, wir hatten für ihn eine Lehrstelle bei Steckner in Halle gefunden. Gegen alles Erwarten und die ausdrückliche Versicherung seines Direktors wurde für ihn und mehrere Genossen durch den Schulrat, der wohl dem Direktor die Zähne zeigen wollte, das Examen zu einem Misserfolg, über den wir uns zunächst betrübten, ich und bald auch er uns aber trösteten, da für seinen Beruf nichts darauf ankam und er die gründliche Bildung, die er genossen, mit ins Leben nahm. Ich meldete ihn sofort ab und schickte ihn zu Tante Bertha nach Treffurt, damit er einmal ganz heraus käme. Am 30. März überraschte ich ihn dort und hatte ein paar schöne Tage mit ihm. Ich erfreute mich auf manchen Wegen trotz des schlechten Wetters wieder an dem schönen Werratal und genoss die Gastfreundschaft der lieben Tante Bertha, - zum letzten Mal. Ich bin nicht wieder in das liebe alte Nest gekommen. Am 29. März feierten wir Metas Konfirmation, sie war von Marienberg gekommen für die Ferien und blieb vier Wochen zu Hause, nun schon die vorletzte so weit! Am 3. April verließ uns dann Bernhard und siedelte nach Halle über.

Ostermontagnachmittag fuhr ich für einige Tage nach Wernigerode. Ich wandte mich diesmal dorthin, weil dort das Hospiz der Berliner Stadtmission bereits eröffnet war, fand es dort aber so schön und angenehm, dass wir öfter dorthin zurückkehrten. Das Haus liegt so schön am Walde mit dem Blick auf das gegenüberliegende Schloss. Die Einrichtung einfach aber behaglich, die Verpflegung reichlich und dazu sehr billig. Ich fand schon allerlei nette Menschen dort, nach einigen Tagen kam auch Superintendent Joedicke aus Lützen, mit dem ich nun manchen schönen Weg machte. Einmal gingen wir zur steinernen Rame, langsam empor durch den schönen Wald an dem über Felsen hinabstürzenden schäumenden Bach, der immer neue Wasserfälle bildet, und dann hinauf zum Ottofels mit seiner herrlichen Aussicht, mächtige übereinander getürmte Felsblöcke, die in grauer Vorzeit vulkanische Gewalten emporgehoben haben. Am nächsten Sonntag waren wir zur Kirche, wo Pastor Blau, jetzt Generalsuperintendent in Posen, eine vortreffliche Wichern-Gedächtnispredigt hielt. Am Nachmittag besuchte ich Frau Maler Schütz, die zur Beerdigung ihrer Schwester Eugenie Tafel von Düsseldorf gekommen war. Wie viele alte Erinnerungen an die Düsseldorfer Zeit lebten da auf. Sie nun Witwe, und wir beide alt geworden, seit wir uns nicht gesehen, aber unser Wiedersehen beiden zu wehmütiger Freude.

Montagmorgen fuhr ich nach Magdeburg zur Ephorenkonferenz. Am Abend waren alle Ephoren zu Generalsuperintendent Jacobi eingeladen, dazu auch das ganze Konsistorium. Da traf ich auch Erich Petersilie, der damals als Hilfsarbeiter beim Konsistorium arbeitete. Am Dienstagnachmittag fuhr ich nach Helmstedt, wo eben vorher auch Meta angekommen war. Ich sah mit großem Interesse das alte Kloster, die Kirche, lernte Frl. Kulten und Frau Domina oder deren Schwester (?) kennen, fuhr am Abend spät nach Halle, um Bernhard zu besuchen, und dann anderentags heim. Dieser kurze Aufenthalt in Wernigerode hatte mir mehr als mein erster Besuch mit Lili dort die Schönheit der Lage und Umgebung gezeigt und es keimte in mir der Wunsch, da einmal meine Tage zu beschließen, wenn ich nicht mehr arbeiten könnte. Aber was sind menschliche Wünsche!!

Zunächst ging's wieder an die Arbeit, und ich war dankbar, dass ich die beschränkte Arbeit ohne Schwierigkeiten leisten konnte.

Anfang August, als die Ferien zuende waren, reiste ich mit Mutter an die See nach Wangerooge. Zu Hause waren Willi und Kurt und Hans, für die sorgte Mutters Stütze, Frl. Lieschen Dolge, gut. Sie war so zuverlässig, dass wir ihr getrost das Haus überlassen konnten. Lili war in dem Sommer in Hannover, dann in Kassel und Bremen in verschiedener Arbeit, Martha noch in England, Meta in Marienberg. Wir reisten über Bremen, holten dort Tante Minna ab und fuhren mit dem Schiff die Weser hinunter über Bremerhaven nach Wangerooge. Die Insel ist klein, bietet nicht viel, aber es war nicht so ungemütlich überfüllt wie Borkum. Wir hatten meist schönes Wetter und angenehme Gesellschaft. Mutters Schwester Minni war mit ihren Kindern auch dort, wohnte am anderen Ende der Insel. Längere Zeit war auch Schwager Karl dort, der zwar nicht mit uns wohnte, aber sonst ganz mit uns lebte. Viel verkehrten wir mit dem Oberlehrer Kriege aus Bielefeld, der mit Fritz bekannt geworden war. Seine Frau, eine geborene Hann aus Rossla, freundete sich sehr mit Karl an. So verlebten wir dort einige angenehme Wochen. Gegen Schluss unseres Aufenthaltes besuchte uns Erich einige Tage. Er kam von London, wo er geschäftlich zu tun gehabt hatte, hatte sehr schlechte Überfahrt gehabt, aber wir freuten uns ebenso wie er des kurzen Wiedersehens.

Auf der Heimreise kehrten wir bei Fritz und Ria in Bielefeld ein und freuten uns ihres gemütlichen Heims. Wir machten schöne Wege in die nähere Umgebung Bielefelds, alte Erinnerungen lebten auf dem Sparenberg auf, wo ich als Kind oft geweilt. Auch Matthias Liebold konnte ich in seinem schönen Haus am Walde grüßen und in Bethel einen Besuch bei Herzogs machen. So kehrten wir Anfang September sehr befriedigt heim.

In jenen Tagen schrieb ich im Briefkränzchen im Blick auf die kirchliche Lage: "Manchmal wird mir Angst, wenn ich das Anwachsen der immer weiter nach links sich entwickelnden theologischen Richtung sehe und die Früchte an manchem jungen Theologen im Amte beobachten muss. Da habe ich in so manchem Fall den Eindruck: Viel Gabe und viel sittlicher Ernst, aber das Beste, was zuletzt allein helfen muss und kann, fehlt. Wenn ich dann denke, dass solche Leute mehr und mehr auf allen Kanzeln stehen werden, dann wird mir Angst um die geistliche Verarmung unseres Volkes. Charakteristisch ist auch, dass man von links her früher immer Parität für beide Richtungen in den theol. Fakultäten forderte. Heute, wo man von der Rechten so bescheiden ist, wenigstens Gleichberechtigung für beide Richtungen zu fordern, da weist die christliche Welt die Forderung als unberechtigt zurück: lediglich die Qualität, die wissenschaftliche Tüchtigkeit müsse ausschlaggebend sein. Bald wird es heißen: wir sind allein existenzberechtigt.

In Beziehung auf das Patronat glaube ich auch, dass einzelne Patrone die Besetzung einer Pfarrstelle wohl sachgemäßer und besser vollziehen als Gemeindewahl. Aber es sind eben sehr einzelne, die man bald an den Fingern herzählen kann. Aber das Gegenteil ist auch wahr, dass viele Patrone ihr Patronatsrecht wenig würdig gebrauchen. Aber das in der Idee und Praxis Übelste ist das städtische Patronat auch in kleinen Städten, weil die Magistrate trotz alles historischen Rechts nicht im Blick auf Pfarrbesetzungen gewählt sind. Ich habe nur den einen Wunsch, dass das städtische Patronat abgeschafft würde und dass das Patronat im übrigen in demselben Maße wie das königliche Patronat beschränkt würde, damit allmählich unsere Gemeinden zum Bewusstsein ihrer Verantwortung und zu Selbständigkeit erzogen werden. Dass bei dem Gemeindewahlrecht auch große Schatten zutage treten, ist ja offenbar; deshalb sollten sie durch entsprechende Kantelen möglichst beschränkt werden, z.B. in gewissen Grenzen ein Vorschlagsrecht der Kirchenbehörden oder dergl. ...."

Ende September waren Maria und Ria und Anfang Oktober Ida zu längerem Besuch bei uns. Am 1.Oktober kam Lili von Bremen auf 1/4 Jahr nach Hause. Sie war nun wieder für die Zeit Mutters Stütze, und schweren Herzens trennten wir uns von Frl. Dolge, die sich in unserer Reisezeit sehr bewährt hatte, aber zwei Stützen waren Mutter zu teuer. Frl. Dolge ging von uns nach Freiburg zu Belows.

Am 9. Oktober fuhr ich zur Provinzialsynode nach Merseburg, musste aber schon Sonntag wieder nach Sangerhausen, da eben Superintendent Langguth in Riestedt nach langem schweren Leiden gestorben war und am Sonntagnachmittag beerdigt wurde. Und Dienstag, den 13. Oktober musste ich schon wieder nach Sangerhausen, da Frl. Magdalene Kromphardt gestorben war und ihre Mutter wünschte, dass ich auf dem Friedhof in der Leichenhalle ihr ein Wort des Gedenkens widmen sollte. Das waren beides Todesfälle in uns so nah befreundeten Häusern, die mich schmerzlich bewegten.

In Merseburg fand ich viele alte Bekannte, so Pastor Hermann aus Altenweddingen, Holzhausen u.a. An einem Tage kamen Mutter und Bruder Joedicke, um mich zu besuchen. Mutter hatte zugleich den Wunsch, ihre Freundin, Frau Gründler, die ihren Mann verloren hatte und schwer krank war, zu besuchen. Es war ihr auch von Interesse, einmal einer Synodalversammlung als Zuschauerin beizuwohnen. Ich war bei dieser Tagung klüger gewesen als das erste Mal und nur in einer Kommission, der Verfassungskommission, so dass ich mich nicht überarbeiten brauchte.
Am 2. Sonntag, den 18. 10., war ich bei Bernhard in Halle, war aber leider nicht in Sangerhausen, als Martha von England heimkehrte. Als aber am Dienstag, 20. 10., die Synode geschlossen wurde, traf ich sie in Halle auf der Straße, hätte sie fast nicht wiedererkannt, so dick war sie geworden. Sie bekam dann in Halle Vertretungen an der Töchterschule der Frankeschen Stiftungen und lebte mit Bernhard zusammen sehr gemütlich im Hause der Frau Rüdiger. Sie hatte auch noch Zeit, an der Universität Vorlesungen zu hören, hoffte, später ihr Oberlehrerinnenexamen zu machen.

Über die Synode schrieb ich im Briefkränzchen: " Im Herbst war ich dann auf der Synode in Merseburg. Es war wenig Wichtiges zur Verhandlung. Die Bestrebungen der Pfarrvereine zur Nachahmung der rheinisch- westfälischen Superintendentenwahl scheinen wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Die Bestrebungen, eine Resolution gegen den Religionsunterricht auf höheren Schulen in modernem Geist zustande zu bringen, endeten in wirkungslosen Kompromissen. Da stehen die überaus günstigen Urteile der Generalsuperintendenten im Wege, die viele Schäden nicht sehen oder sehen wollen. Hat man selbst seine Söhne auf der Schule, so sieht man mehr von dem unheilvollen Einfluss moderner Theologie auf der Schule. Hier wenigstens ist es so, und nach vielen Stimmen, die auf der Synode laut wurden, auch anderswo."

Weihnachten waren die Kinder von Halle und Meta bei uns, am 27. Dezember kamen Fritz und Ria, die einige Tage nach Berlin wollten und uns ihren kleinen Diether für 8 Tage zur Aufbewahrung brachten. Ich fuhr dann mit Martha, Fritz und Ria am 28. Dezember nach Berlin, wo ich beim Oberkirchenrat wegen meiner Zukunft Rücksprache nehmen wollte. Wir logierten in dem Hospiz in der Holzgartenstraße, besuchten das Warenhaus Wertheim, schöner Bau und erstaunlicher Massenbetrieb, sehr bequem, aber durchaus unsozial. Am anderen Tag standen wir zusammen an Vaters Grab, für mich das letzte Mal, besuchten das sehr interessante Gewerbemuseum. Abends waren wir in einem Theater, das mir wenig imponierte. Dann eilte ich nach Hause. Martha (von Heimweh ergriffen?) folgte am nächsten Tage. Und so waren wir beim Beginn des neuen Jahres wieder zu Hause vereinigt, dankbar wie an so mancher Jahreswende, dass Gott der Herr trotz aller Schwachheit durchgeholfen hatte, und wir getrost dem neuen Jahr entgegensehen konnten.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04