1909


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Das Jahr 1909 brachte große Veränderungen in unserem Leben, meine Versetzung nach Edersleben und Vieles, was damit zusammenhing, und Marthas Verlobung mit Georg.

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Fritz und Erich fehlen - sieben der neun Kinder bei den Eltern im Jahre 1909 (?)

Mit Beginn des Jahres verließ uns Lili und trat ihre Stelle in Fürth an, in der sie drei Jahre als Hilfe der Frl. Humbser in der Fürsorge für die weibliche Jugend arbeitete.

Bald danach entschied sich meine Ernennung als Pfarrer von Edersleben. Pastor Hann wurde zum 1. April pensioniert. Da hatte ich längst mit dem Konsistorium verhandelt und bei meinem Besuch in Berlin erreicht, dass der Oberkirchenrat zu meinen Gunsten die Besetzung der Stelle dem Konsistorium überließ. Ich war noch arbeitsfähig, aber das Doppelamt war doch zuviel für meine reduzierten Kräfte, und ich freute mich der Aussicht, noch eine Zeitlang als Pfarrer arbeiten zu können, ohne immer in Unruhe und Hetze leben zu müssen.

Am 22. Februar ging Meta-Mutter nach Bremen zu Tante Minna, die alt und einsam sich ihres Besuches freute. Maria war bei mir, um mich und die beiden jüngsten Söhne zu versorgen. Da kam die Verfügung des Konsistoriums, die meine Ernennung brachte. Ich teilte sie dem Gemeindekirchenrat mit, der sie - ohne ein Wort zu äußern - stumm anhörte, der stumme Ausdruck der Freude, mich endlich los zu werden.

Nun begannen langwierige Verhandlungen wegen Instandsetzung des Ederslebener Pfarrhauses, die sich durch den halben Sommer hinzogen, so dass wir erst Ende August nach Edersleben übersiedeln konnten.

Während Mutter in Bremen war, siedelte Hans nach Naumburg über, um dort 1/2 Jahr beim Oberlandesgericht zu arbeiten.

Mit Maria machte ich mich sofort an die Arbeit, aus meinen Büchern die veralteten und minderwertigen auszusondern, da ich im Ederslebener Pfarrhaus keinen Platz hatte, sie unterzubringen. Wir fertigten mit vieler Mühe ein genaues Verzeichnis an, aber kein Antiquar bot einen einigermaßen anständigen Preis. Schließlich gab ich sie dem Antiquar Krause in Halle, habe aber nie den versprochenen Preis ganz von ihm erhalten. Alte Bücher sind Makulatur! Heute aber bedaure ich, manches Buch fortgegeben zu haben, das ich später vermisste.

Zur selben Zeit verhandelte ich mit Prof. Zander in Gütersloh resp. mit dem Direktor des Gymnasiums über Kurts Aufnahme in die dortige Schule. Ich wollte ihn nicht in der Schule in Sangerhausen lassen, aber das Gütersloher Gymnasium war in den oberen Klassen so überfüllt, dass die Aufnahme dort unmöglich schien. Da hat Fritz durch persönliche Verhandlungen mit dem Direktor Bruns und mit dem Schulrat in Münster es doch durchgesetzt, dass Kurt dort noch aufgenommen wurde. Und ich freue mich heute noch, dass er in Gütersloh war, und ich glaube er auch, wenn er auch in Sangerhausen vielleicht etwas früher fertiggeworden wäre. Während Mutters Abwesenheit hatte ich am Sonntag eine Haustaufe bei unserem Nachbarn Reinicke. Bei dem Essen saß ich neben der Frau Reinicke. Die sagte mir, dass ich vor 5 Jahren bei der Taufe ihres ältesten Kindes den gleichen Text genommen zur Taufrede und dass derselbe auch ihr Konfirmationsspruch sei. Seltsamer Zufall !

Im Anschluss an den Aufenthalt in Bremen bei Tante Minna fuhr Mutter am 2. März nach Bielefeld zu Fritz und Ria und freute sich an dem Glück der Kinder und dem fröhlich gedeihenden ersten Enkel.

Anfang März hatten wir den Besuch des Generalsuperintendenten Jacobi, der an der Pastoralkonferenz teilnahm, um die Geistlichen der Ephorie kennenzulernen.

Am 14. März war ich zur Lokalprobe in Edersleben, am Abend sang zum dritten Mal das Leipziger Quartett in der Jacobikirche in einem wirklichen Volkskonzert - ohne Entree.

Am nächsten Tage machte Willi sein Abiturientenexamen, das er gut bestand, trotz allen vorherigen Unkens. Leider aber wurde ihm der Abschied durch das unqualifizierte Benehmen des Direktors Daunehl ohne seine Schuld vergällt, und ich war froh, Kurt sofort abmelden zu können und nun mit diesem Gymnasium, das mir so viel Ärger bereitet, ein für allemal fertig zu sein. Bald darauf kehrte Meta aus Marienberg heim, um nun der Mutter im Haushalt zu helfen. Am 1. April begann Willi, in der Aktienmaschinenfabrik für 1/2 Jahr praktisch zu arbeiten, so behielten wir ihn zunächst noch bei uns.

Am 18. Februar war den Kindern in Mailand ein Töchterchen geschenkt, die kleine Gisela. Martha wurde nun von den Geschwistern gebeten, Patenstelle zu übernehmen. So entschloss sie sich, über Ostern zu den Geschwistern zu reisen, hin über Lugano, zurück über Fürth, und kehrte Mitte April in der Woche nach Ostern sehr befriedigt heim, um wieder ihre Arbeit in Halle aufzunehmen. Judica, am 28. 3., wurde Kurt an seinem Geburtstag konfirmiert, das letzte der Kinder, die ich alle hatte einsegnen dürfen. Acht Tage danach waren waren wir zur Konfirmation von Hedwig Müller bei den Freunden in Thondorf.

Am Sonntag nach Ostern reiste ich mit Kurt nach Gütersloh. Wir kehrten zuerst bei den Kindern in Bielefeld ein, machten wieder schöne Gänge in die Umgebung nach der Hühnenburg u.a., besuchten Thieles in ihrem neuen Haus und meinen Freund Matthias Liebold in Bethel.

Am Mittwoch, den 21. April fuhren wir nach Gütersloh, wo Kurt bei Frl. Hartert untergebracht war. Ich lernte Direktor Bruns kennen, besuchte Paul Liebold, mit dem ich schöne Stunden hatte, sah auch den alten Freund Dahlhaus, der auch einen Sohn auf's Gymnasium brachte. Ich wohnte bei Prof. Zander, dessen Frau leider damals krank war, Nachdem Kurt in der Schule in Obersekunda aufgenommen und in seinem Heim installiert war, kehrte ich nach Bielefeld und anderentags nach Hause zurück. Hier war unterdessen Mutter mit Willi alleine gewesen, da Meta auf 14 Tage nach Berlin zu ihrer Freundin M. Rose gereist war, von wo sie sehr befriedigt heimkehrte.

Anfang Mai, am 5., war die Ephorenkonferenz in Magdeburg. Im Anschluss daran hatte ich drei Wochen Urlaub genommen, da ich voraussichtlich im Herbst nicht länger herauskonnte. Wir, Mutter und ich, reisten am 6. Mai zusammen nach Wernigerode, Meta und Willi in Sangerhausen ihrem Schicksal überlassend. Wir wohnten wieder in der Pension Harzfriede im Mühlental und waren beide, Mutter nicht minder wie ich, von der Schönheit Wernigerodes entzückt, das im frischen Frühlingsgrün besonders reizend erschien. Im Hause hatten wir angenehmen Verkehr, besonders mit Br. Joedicke und seiner Frau, die wie wir Wernigerode sehr liebten.

Gerne erinnere ich mich an Pastor von Schewen von der Berliner Stadtmission und der Frau San. Rat Holtermann aus Neustadt in Mecklenburg, die - schwermütig und nervös herunter - sich gerne uns anschloss und lange nachher mit Mutter noch in brieflichem Verkehr stand.

Nachdem uns am Himmelfahrtstag Bernhard und Hans besucht hatten, siedelten wir am Tag danach nach Hohegeiß über, wo wir im Hause der Frau Bienert noch 8 schöne Tage verbrachten und uns an den weiten Blicken da oben und der frischen Luft dankbar freuten, auch hier die Umgegend täglich unsicher machten. Bis Braunlage erstreckten sich unsere Ausflüge, wo wir zum letzten Male die schwerkranke Frau Sup. Georgi grüßten.

In diese Urlaubszeit fiel am Tage vor Himmelfahrt, am 19. 5., Marthas Verlobung mit Georg in Halle. Martha hatte Georg in Halle kennengelernt durch ihre Brüder und hatte viel mit ihm verkehrt. Als wir Mitte Februar zur Missionskonferenz in Halle waren, lernten wir ihn kennen, sahen ihn zuerst in den Thalysiasälen, dann abends auf der Wingolfskneipe. Am nächsten Sonntag, 20. Februar war Martha mit Sabine Schmitz, Bernhard, Berron und Georg bei uns in Sangerhausen, und am Tage, an dem die Leipziger Sänger bei uns waren, am 14. März, war Georg zum zweiten Male unser Gast. Als wir dann von Hohegeiß heimkehrten, kam Martha von Halle und am Tag darauf, Samstag vor Pfingsten, auch Georg. Wir freuten uns des Glücks der Kinder, wenn auch der Gedanke, wie weit noch ihre dauernde Verbindung liegen würde, uns schwer war, schwerer bald das Verhalten von Georgs Mutter, die sich nicht darin finden konnte, dass die Verlobung ohne ihr Wissen und Zustimmung erfolgt war. Je länger wir aber Georg kennenlernten, umso lieber wurde er uns, und er fühlte sich bald bei uns ganz zu Hause wie unser eigenes Kind. Vom 7. - 12. Juni und dann wieder vom 17. - 24. Juni war er mit Martha bei uns, half auch beim Kauf des Flügels. Vom 19. bis 21. war auch sein Freund Hans Fritsch zum ersten Mal unser Gast. Wer hätte damals geahnt, dass er einmal - und unter welchen Umständen - uns auch als Sohn nähertreten sollte.

Zwischendurch vom Samstag den 12. Juni bis zum 17. war Mutter in Halle zu der Konferenz der Jungfrauenvereine der Provinz Sachsen. Sie hörte viel Gutes, sah viel Schönes, erfuhr viel Freundlichkeit im Haus von Frau Prof. Schmitz und freute sich des täglichen Verkehrs mit den drei Kindern.

Anfang Juli war ich zur Versammlung der positiven Union in Halle und nahm gleichzeitig an der Nachversammlung des Stiftungsfestes des Wingolf in Heide mit Martha und Georg fröhlich teil. Von Mitte Juli an kam wieder sehr unruhige, aber sehr schöne Zeit. Am 17. Juli kam Erich mit Ida und Gisela auf drei Wochen, Lili von Fürth und Martha von Halle, 8 Tage später kam Ria mit Diether auf 14 Tage, während Fritz in Mörchingen eine Übung machte. Sonntag, den 25., hatten wir 7 Kinder (nur Fritz und Kurt fehlten), 3 Schwiegertöchter und 2 Enkelkinder um uns - welch reiche Eltern ! - Erich hatte seinen Geschwistern nichts mitgebracht, wollte ihnen eine Freude machen und bestellte für Sonntag, den 25. Juli zwei große Wagen zu einer Fahrt in den Harz. Im letzten Augenblick kam noch Erich Petersilie und nahm an unserer Fahrt teil. Kuchen und Abendbrot wurden mitgenommen und im Walde verzehrt. Auf einer Wiese wurden einige Bilder geknipst, die recht gut gelungen sind. So wird der fröhliche Tag bei allen Teilnehmern der Fahrt in schöner Erinnerung sein.

Am nächsten Sonntag wurde die restaurierte Kirche in Beyernaumburg von Generalsuperintendent Jacobi wieder eingeweiht, und mit feierlichem Diner auf dem Schloss bei Herrn von Bülow der Tag beschlossen.

Mittlerweile hatten sich die Verhandlungen mit Gemeinde und Regierung wegen der Erneuerung des Pfarrhauses sehr in die Länge gezogen. Endlich waren die Arbeiten so weit gefördert, dass meine Abschiedspredigt in Sangerhausen auf den 22. August und die Einführung in Edersleben auf den 5. September festgesetzt werden konnten. Nun galt es, Abschied nehmen, in Sangerhausen war der Kreis derer, mit denen wir enger verbunden waren, nicht groß, und der Abschied von Sangerhausen, wo wir 20 Jahre gelebt, war mir nicht zu schwer. Ich war bei den eigentlichen Sangerhausern nie heimisch geworden.

Schwerer war es mir, aus dem Ephoralamt zu scheiden, wenn auch in Aussicht stand, dass die freundschaftlichen Beziehungen zu vielen Amtsbrüdern durch mein Verbleiben in der Ephorie nicht zerrissen werden würden. Am Mittwoch, den 11. August luden wir noch einmal alle Amtsbrüder mit ihren Frauen zu einem Abschiedsfest ein. 41 folgten unserer Einladung, und wir verbrachten in dem liebgewordenen Kreis noch einen schönen Nachmittag in unseren gemütlichen Räumen, von denen es nun auch scheiden galt, deren wir nur so kurze Jahre uns hatten freuen dürfen. Dann ging das Räumen und Packen los, bei dem uns Willi und Hans zeitweise - namentlich beim Einladen der Möbel - treulich halfen.

An dem freien Sonntag zwischen Abschied und Einführung fuhr ich mit Mutter und den Kindern zu dem Lohkonzert nach Sondershausen. Nie hatte ich früher Zeit und Weile gehabt, unsere Söhne waren oft mit dem Rad hinübergefahren und hatten schöne Konzerte genossen. Nun durften wir uns an einem sonnigen Sommertag dort unter den alten Bäumen ungetrübt und ungestört dem lange entbehrten Genusse hingeben.

Am Tag darauf wurden dann die Möbel verladen, es wurde immer unwirtlicher im alten Heim, wir aßen mittags im Schützenhaus und waren froh, als wir ohne Sang und Klang, ohne ein Wort des Abschieds, im großen Kremser der Unordnung entfliehen und nach Edersleben übersiedeln konnten, den Rest der Arbeit in Sangerhausen den Kindern überlassend.

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Das Pfarrhaus in Edersleben

In Edersleben wurden wir freundlich und festlich empfangen, die Lehrer mit den Schulkindern, die Gesang- und Kriegervereine waren erschienen und begrüßten uns mit Gesang und freundlichen Ansprachen. Ich lud hernach all die Männer zu einem Bierabend ein, zum Dank für ihren freundlichen Empfang, was bei manchen die freundliche Gesinnung gegen uns förderte.

Nachdem unter Hilfe der Frl. Dolge im Laufe der Woche das Haus einigermaßen in Ordnung gebracht war, fand am Sonntag, den 5. September meine Einführung durch unseren Nachbarn, Superintendent Baarts in Artern, statt - mit dem üblichen Essen für die Mitglieder des Gemeindekirchenrates und die anwesenden Geistlichen Pastor Hann und Pastor Rüneke als Assistenten des Superintendenten Baarts.

Auch nach dem Einführungstag gab es noch viel Arbeit und Unruhe, im Haus noch die Handwerker, die erst Anfang Oktober in der Wohnung fertig wurden. Im Garten gab es zu ernten und das Geerntete zu verwerten, und ich hatte außer meiner pfarramtlichen Arbeit noch längere Zeit die Verwaltung der Superintendantur fortzuführen, am Mittwoch nach der Einführung die Synode abzuhalten und Ende des Monats, am 26. September den Nachfolger des verstorbenen Superintendenten Langguth, den Pastor Emmelmann in Riestedt einzuführen. Das waren meine letzten ephoralen Handlungen, bis ich endlich die ganze Arbeit meinem Nachfolger, Superintendent Fiedler, abgeben konnte. Ihm gegenüber habe ich mich genauso verhalten wie vor 20 Jahren Superintendent Burkhardt in Bornstedt zu mir, d.h. ich habe mich gänzlich allen weiteren Arbeitens und Redens in der Ephorie enthalten, auch den Eintritt in den Synodalvorstand oder eine Kommission oder Vereinsvorstand abgelehnt und mich ganz auf mein Pfarramt beschränkt. So ist mein Verhältnis zu Superintendent Fiedler ungetrübt und freundschaftlich geblieben.

Bald fühlten wir uns in Edersleben ganz heimisch, das Haus war gemütlich eingerichtet, der Garten gab mir immer wieder willkommene körperliche Arbeit, ich lebte nicht mehr in der Hetze, war Herr meiner Zeit. In den Herbstferien war Kurt bei uns bis Anfang September, dann Martha und ab und zu die Söhne aus Halle.

Anfang Oktober (4. 10.) ging ich auf einige Tage nach Oberhof, wo ich mit August Schmitz zusammentraf. Leider konnte Mutter mich nicht begleiten, da Haus und Garten sie nicht losließen. Im Hof, in der Waschküche und in der neuen Laube im Garten waren immer noch die Handwerker tätig, und der Garten musste abgeerntet und für das nächste Jahr vorbereitet werden.
Ich wohnte in Oberhof bei Quakers, wo wir schönes Quartier und gute Verpflegung hatten. Leider war das Wetter sehr unbeständig, schon recht kalt, hinderte uns aber nicht, manchen schönen Weg zu machen, nach dem Triefstein, auf dem Prinzenweg ins Silbertal bis zur unteren Schweizerhütte oder zum ausgebrannten Stein und Hohenfels, auch nach dem Schneekopf und von da nach Oehlberg und der Oehlberger Mühle. Der Wald war in seiner bunten Herbstfärbung entzückend, und trotz manchen Regengusses war unsere Stimmung nie gedrückt, weil für unsere Erholung die frische Herbstluft sehr förderlich war.

Als am 10. Oktober August Schmitz mich verließ, kamen Willi und Meta zu mir. Willi hatte am 1. Oktober das halbe Jahr praktische Arbeit hinter sich und reiste über Oberhof und Fürth nach Stuttgart, um dort an der Techn. Hochschule zu studieren. Mit Meta machte ich noch zwei schöne Wege: an einem Tage zum Kammerbacher Pirschhaus, hinab zur unteren Schweizerhütte, durch Silbertal und Prinzenweg nach Oberhof. Am anderen Tag nach der Schmücke und Schneekopf, und am letzten Tage wanderten wir noch über den Veilchenbrunnen zum gebrannten Stein mit dem herrlichen Blick in das ...? -Tal. Am 14. 10. fuhren wir nach Erfurt, am 15. waren wir in Weimar. Ich zeigte Meta alle Sehenswürdigkeiten, dort die Lutherstätten, hier die Goetheerinnerungen.

In Oberhof erhielt ich von Mutter die Nachricht, dass ein neuer Orden für mich angekommen sei, der am 27. 9. mir verliehene Kronenorden III. Klasse für meine Dienste als Superintendent. Als wir am 15. Oktober nach Hause kamen, hatten wir die Freude, auf einige Tage Lili bei uns zu sehen, die auf der Durchreise von Fürth nach Hannover einen Abstecher machte, um unser neues Heim kennenzulernen.

In der nächsten Zeit hatte ich außer Konfirmandenunterricht und Predigtvorbereitung mit Ordnen des Pfarrarchivs, das auch hier sich in grenzenloser Unordnung befand, und Anlegung eines Familienregisters der Gemeinde Arbeit genug. Nachmittags machte ich mit Mutter täglich einige Besuche in der Gemeinde, die wir, den Hausnummern folgend, allmählich in allen Familien und Gliedern kennenlernten. Wir wurden bei diesen Besuchen überall freundlich aufgenommen, oft schon erwartet (da wir den Hausnummern folgten) und fanden dann alles in festlicher Ordnung. Diese Besuche haben uns rasch den Gemeindegliedern nahe gebracht und bei vielen Vertrauen erweckt.

Damals war Meta bei uns. Hans war nach Erledigung der Arbeit am Oberlandesgericht zeitweise nach Berlin übergesiedelt, um zum Assessorexamen zu arbeiten, Martha hatte noch Vertretung in Halle, und Georg wartete dort von einem Monat zum anderen auf seinen Examenstermin. So lebten wir, wenn nicht Besuch kam, recht still mit unserer Jüngsten, dankbar der Gemeinschaft mit allen unseren fernen Kindern uns freuend.

In dieser Zeit (oder etwas früher) wurde in den Kreis unserer Briefkränzchenfreunde eine schmerzliche Lücke gerissen. Bruder Kühn in Siegen starb nach schwerer Krankheit. Meine Begegnungen mit ihm waren immer nur kurz, aber doch habe ich tiefe Eindrücke seiner bedeutenden markigen Persönlichkeit empfangen und mich stets seiner gesegneten Arbeit erfreut. Er hatte mir auch auf seinen Reisen nach Haus Hagental mehrmals die Freude gemacht, mich in Sangerhausen zu besuchen.

Am Montag und Dienstag vor Bußtag (15. u. 16. 11.) war Mutter in Leipzig bei ihrem Bruder Karl und mit Meta in Halle. Als sie am Nachmittag nach Hause kommen wollten, war ein furchtbarer Schneesturm entstanden, der allen Verkehr hinderte. Stunden waren die Ärmsten von Halle nach Sangerhausen unterwegs und saßen dann stundenlang auf dem Bahnhof im kalten Wagen. Der Zug konnte nicht ausfahren, da die Weichen verschneit und vereist waren. Ich saß unterdessen vier Stunden in Oberröblingen vor Ungeduld fast vergehend, und morgen Bußtag! Endlich machte ich mich auf den Heimweg, konnte kaum durchkommen und legte mich todmüde zu Bett. Mitten in der Nacht kurz vor 2 Uhr kamen die beiden Ärmsten endlich an, hatten in Oberröblingen kein Unterkommen und keinen Begleiter gefunden und hatten sich alleine durch den tiefen Schnee und furchtbaren Sturm durchgearbeitet. Ich, erschrocken über ihr Kommen, bereitete ihnen keinen fröhlichen Empfang, aber hernach waren wir alle dankbar, dass die üble Affäre keine bösen Folgen hatte.

Acht Tage danach kam Fr. Niemann, um den 17. 11. mit uns zu feiern, auch die drei Hallenser Kinder mit ihnen Fritz und Diether kamen zu dem Tage. So war unser Haus wieder für einige Tage voll Freude und Leben. Weihnachten waren die fünf Jüngsten und Georg zu Hause, am 1. Festtag kamen ganz unerwartet auch Hans und Maria - sie war damals in Genf und war zu Hansens und unserer Freude beauftragt, ein Kind aus der Pension nach Halle zu bringen. Und dann kam am 29. 12. auch Lili, die leider in den Festtagen in Fürth unabkömmlich gewesen war.

Zum Schluss noch ein Wort über meine Predigtweise: Ich schrieb damals: "Das schwerste Problem bleibt mir immer und wird es mir immer mehr, so zu predigen, dass die Leute verstehen, worauf es ankommt, am meisten gelingt es mir in den Bibelstunden. Wenn doch unsere Professoren der praktischen Theologie auf der Universität praktischer wären und weniger sich in hohen Theorien ergingen, dann würden auch vielleicht manche Pastoren es eher lernen, praktischer zu reden."

In Sangerhausen hatte ich immer meine Predigten möglichst genau gearbeitet und war dadurch weniger frei in meinem Reden. In Edersleben habe ich meine Predigten meist nur skizziert, wie früher meine ephoralen Predigten bei Kirchenvisitationen, und war dadurch freier im Ausdruck und der Einzelausführung. Mutter und andere glauben, dass meine Predigten dadurch einfacher und praktischer und verständlicher geworden seien. Jedenfalls hatte ich, soweit ich es von meiner hohen Edersleber Kanzel beobachten konnte, dort aufmerksame Zuhörer. Aber auch in Sangerhausen konnte ich nicht über viele Schläfer klagen. Was an Segen hier und dort geblieben ist, weiß Gott, hoffentlich mehr, als ich in meiner kritischen Stimmung zu hoffen den Mut hatte.

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04