1910


Home Nach oben 1910 1911 1912 1913 1914 1915 1916 1917

Das neue Jahr brachte durch viel Krankheit der Kinder viel Sorge und Leid. Hans hatte seine Examensarbeit zum Assessorexamen. Er wohnte in Halle mit Bernhard zusammen, nachdem Martha Halle verlassen und eine Vertretung an der Sangerhauser Schule übernommen hatte. Aber seine Nervenkraft erlahmte, er konnte nicht arbeiten und sich wenig beschäftigen. Im März ging er nach Hohegeiß zu Frau Bienert, dann war er wieder eine Zeitlang bei uns in Edersleben und arbeitete in unserem Garten, dann war er im April bei den Geschwistern in Bielefeld und dann wieder in Treffurt bei seiner Patentante Bertha. Seine Examensarbeit hatte er verfallen lassen, und Dr. Hoeninger in Halle, der ihn behandelte, hoffte auf Heilung, verhehlte aber nicht, dass es eine sehr langwierige Sache sei.

Am 20. Februar wurde in Mailand Jutta geboren und starb am 25. Februar. Anfang Februar verließ uns Meta und nahm eine Stelle im Hause des Pastor Krause in Neudorf bei Liegnitz an. Als Mutter dann auf Reisen ging, war ich zeitweise in Edersleben allein. Aber Martha kam von Sangerhausen, Georg von Halle auch Bernhard und Hansens Freund Kitzig besuchten mich. Mutter war nach Gütersloh gereist, um sich nach Kurt umzusehen, dann war sie bei den Kindern in Bielefeld, die schon wegen Übersiedlung nach Dresden verhandelten, und endlich fuhr sie nach Bremen zu Tante Minna, die sie in ihrer Einsamkeit tröstete. Unterdessen kam auch ganz unerwartet Fritz auf der Reise von oder nach Dresden zu mir hereingeschneit (am 17. 2.).

Am 1. März wurde in Bielefeld Klaus geboren, Ursache der Freude aber auch zu viel Sorge und Angst für die Eltern und uns. Der Kleine war schwer krank, und nur der allersorgfältigsten Pflege ist es zu verdanken, dass er erhalten blieb und ein kräftiger Bursche wurde. Damals aber war die Sorge um ihn und das Gedenken an die armen Eltern uns recht schwer. Dazu verließ am 1. Mai Fritz Bielefeld, um zunächst probeweise auf zwei Monate in Dresden in den Werkstätten in Hellerau zu arbeiten.

sorry, alt text is missing

1910 im Familienkreise: Besuch von Schwiegertochter Ria mit den ersten beiden Enkeln Diether und Klaus

In der Zeit der Reise der Mutter nach Bremen besuchte mich wie gesagt auch Bernhard von Halle. Da eröffnete er mir, dass er sich in Halle mit der Schwester von Marthas Freundin Lotte Weber, mit Käthe Weber verlobt habe. Er war damals noch nicht 22 Jahre alt, noch in der Lehre, ohne jede Aussicht, in absehbarer Zeit einen Hausstand gründen zu können. Ich erschrak nicht wenig, konnte aber leider an der Sache nichts ändern, konnte mich nur wie früher Erich gegenüber auf den Standpunkt stellen vorläufig die ohne mein Wissen und Willen vollzogene Verlobung als für mich nicht existierend anzusehen. Ich brauche mich hier über langfristige Verlobungen nicht auszusprechen, da alle Kinder meine Anschauungen kennen.

Martha wohnte damals in Sangerhausen bei Frqu Witwe Keil. Mitte März erkrankte sie dort an Blinddarmreizung. Als es einigermaßen besser ging, siedelte sie am 24. März zu uns nach Edersleben über, erholte sich langsam, entschloss sich dann aber, am 21. April in Nordhausen von Dr. Eilers den Blinddarm entfernen zu lassen. Sie lag drei Wochen dort in der Klinik, am 12. Mai konnte ich sie - noch unter viel Beschwernis, aber dankbar, dass die Operation gut verlaufen war - nach Edersleben zurückholen.

Während der Osterferien war Willi bei uns, lag längere Zeit mit Bronchitis zu Bett, konnte aber bei Beginn des Sommersemesters an seine Arbeit, nun in Darmstadt, zurückkehren.

In dem Winter 1909/1910 war die Frau unseres Gartenarbeiters Wachsmut an Tuberkulose schwer erkrankt. Die Ehe war kinderlos aber sehr glücklich, der Mann tat alles, was er konnte, um die Gesundheit der Frau herzustellen, reiste oft zu einem Naturheildoktor auf dem Eichsfeld u.a. So versuchte er es auch mit dem Geheimmittel eines Dr. Mann in Paris, für das er immer wieder große Summen - wohl 80 Mark - hinsandte. Als aber in der Zeitung von der Regierung vor dem Schwindler gewarnt wurde, gingen den armen Leuten die Augen auf, und sie waren bitter enttäuscht. Aber trotz aller angewandten Mittel siechte die nette, fleißige Frau dahin. Es ist unglaublich, was die Leute alles versuchen und welchen Schwindel sie glauben, welche Kosten sie aufwenden und verschwenden, um das Leben zu erhalten.

Trotz allerlei Krankheiten im Kinderkreise hatten wir auch in diesem Jahr allerlei lieben Besuch. Im Winter Pastor Wobersin und Frau aus Dresden, dann Frau Schmitz aus Halle u.a. Pfingsten war Hans Reitsch unser Gast, der mich freundlich an einem der Festtage in der Predigt vertrat. Wir genossen damals recht den ersten Frühling in unseren neuen Sommerhaus, wo wir meist den Hauptteil des Tages zubrachten. Schmerzlich war mir in Edersleben die immer mehr überhandnehmende Sonntagsarbeit, die nicht nur in Notzeiten, sondern fast regelmäßig namentlich von den kleinen Leuten betrieben wurde. Selbst die öffentlich aufgestellten Dreschmaschinen arbeiteten sonntags. Gleich übel oder noch schlimmer waren die fast alle Sonntage stattfindenden Tanzvergnügen, die Putzsucht, Trunksucht und Unsittlichkeiten förderten. Die Zahl der unehelichen Kinder war Jahreweise sehr groß. Viele ernster Gesinnte missbilligten das alles, schimpften über die Jugend, aber keiner fand sich, der den Mut gehabt, dagegen aufzutreten.

Im Juli machte die ganze Schule auf Anregung des Lehrers Drässig einen Ausflug nach dem Kyffhäuser. Mehrere Landwirte hatten Leiterwagen zur Verfügung gestellt, auch manche Erwachsene beteiligten sich an dem Ausflug, der sich zu einem wohlgelungenen Kinder- und Volksfest gestaltete, an dem teilzunehmen mir Freude machte.

Bald darauf, am 18. Juli, traten wir meinen Urlaub an. Hans und Martha hüteten das Haus und versorgten den Garten. Wir fuhren nach der Erntebetstunde am Montagfrüh nach Nürnberg, das wir mit neuer Freude genossen, fuhren am Mittwoch mit Lili nach München, besahen Museen und Kirchen, auch dem Hofbräuhaus wurde ein Besuch gemacht, viele Eindrücke von meinem Aufenthalte in München mit Martin Gräber lebten wieder auf. Am Freitag machten wir einen schönen Ausflug nach dem Starnberger See, und Samstag ging's über Lindau, den Bodensee nach Zürich. Den Sonntag ruhten wir hier, gingen zur Kirche, fuhren nachmittags auf den Ütliberg. Montag fuhren wir über Glarns nach Linnthal, und Dienstag bei leider nebligem regnerischen Wetter über den Klausenpass, von dessen Schönheit wir nur hier und da eine Ahnung bekamen, nach Unterschächen, dem vorläufigen Ziel unserer Reise, wo wir mit Brandts am folgenden Tage zusammentreffen wollten, um hier in der herrlichen Umgebung einige Zeit auszuruhen und dann die Mailänder Kinder in Prato jenseits des Gotthard aufzusuchen. Kaum hatten wir etwas ausgepackt und uns eingerichtet, da kam eine Stunde nach unserer Ankunft eine Depesche, die uns nach Gütersloh rief. Kurt war erkrankt, am Montag ins Krankenhaus gebracht und Dienstag von Dr. Kranefuß operiert worden. Sofort packten wir unsere Sachen wieder ein, der Wirt besorgte uns einen Wagen, und bald hatten wir uns von Lili getrennt und fuhren über Altdorf nach Luzern, wo wir in der Nacht ankamen. Lili blieb in Unterschächen und hat dort mit Brandts noch schöne Tage gehabt, ebenso nachher mit den Geschwistern in Prato. Die Nacht mussten wir in Luzern bleiben, anderentags ganz früh fuhren wir über Basel, Köln nach Gütersloh, furchtbare Reise in der grausamen Ungewissheit, ob unser Junge noch lebte oder tot sei. Spät abends, wohl um 10 Uhr, kamen wir endlich in Gütersloh an. Prof. Zander empfing uns am Bahnhof, Kurt lebte, aber in großer Gefahr!

Die folgenden Tage waren ein schreckliches Warten, ging's zum Leben oder Tod? Endlich am nächsten Dienstag war die unmittelbare Lebensgefahr beseitigt, ich konnte aber dem Jungen wenig sein oder helfen, so kehrte ich nach Edersleben zurück, während Mutter aus dem Gasthof zu Frl. Sorgemeyer in Kurts Stube übersiedelte, um ihm nahe zu bleiben. Nach acht Tagen, am 9. 8. kehrte auch sie vorläufig heim, der arme Junge aber hat 6 Wochen lang auf dem Rücken gelegen, bis der Eiter aus der Bauchhöhle ganz beseitigt war und der Blinddarm in einer neuen Operation entfernt werden konnte. Am 6. September reiste Mutter wieder nach Gütersloh, am 8. fand die Operation statt. Die Heilung ging gut vonstatten, am 27. September kehrte er zu uns nach Edersleben zurück, um sich dort bis zum Ende der Herbstferien ganz zu erholen. Mutter war schon einige Tage vor Kurt von Gütersloh abgereist nach Wilhelmshöhe zu Brandts, wohin ich auch kam. Wir hatten dort einige schöne Tage in dem lieben, gastlichen Haus, besuchten von dort aus Schuchardts in Lichtenau und freuten uns der schönen Umgebung von Wilhelmshöhe.

Unterdessen hatten wir wieder allerlei neue Sorge und Leid gehabt. In Edersleben war Frl. May, unser damaliges Mädchen, erkrankt, und Martha hielt allein mit Hilfe von Lotte Weber, die vom 1. - 7. August ihr zu Hilfe kam, den Haushalt über Wasser.

Hansens Krankheit dauerte fort, es ging zeitweise besser, er fühlte sich wohl in Edersleben, war aber durch seine Untätigkeit deprimiert. Unter der Behandlung von Dr. Hoeninger war er endlich Anfang Oktober so weit erstarkt, dass er nach Halle übersiedelte, um seine Examensvorbereitungen wieder aufzunehmen, klagte aber noch viel über die Schwäche seines Kopfes.

Während Kurts Krankheit erkrankte Anfang August auch Meta in Neudorf, so dass sie ihre Stelle dort aufgeben und heimkehren musste. Das veranlasste Mutter, früher als sie es sonst getan hätte Kurt zu verlassen, traf Meta in Halle, konsultierte dort einen Arzt und brachte sie mit heim. Sie blieb zunächst in Edersleben, und als am 20. Oktober Martha nach Mazamet reiste, um dort eine Stelle anzutreten, wurde Meta Mutters Hilfe im Hause.

Traurige Eindrücke brachten auch der Tod der Frau Pastor Ohl in Duisburg, der ihr Mann bald darauf im Tode folgte Ende 1911. Dann Mitte August der Tod von Frl. Rose in Sangerhausen, der ich bis zuletzt sehr nah gestanden hatte, die ich lange Jahre in ihrer schweren Krankheit besucht und liebgewonnen hatte. Vor allem aber die schwere Erkrankung meines lieben Freundes Schmitz in Hanau, der durch einen Schlaganfall lange Zeit arbeitsunfähig war und infolgedessen sich frühzeitig pensionieren lassen musste.

Im Spätherbst hatten wir die Freude, unseren Enkel Diether lange (vom 6. 10. - 13. 11.) bei uns zu haben. Fritz hatte in Hellerau feste Anstellung gefunden, ein Häuschen dort gekauft. Da es aber erst im November fertig wurde, so siedelte Ria mit Klaus zu Fritz nach Klotzsche bei Hellerau über, und wir behielten Diether bei uns.

Willi war in den Herbstferien fleißig gewesen, hatte in Aschersleben in der Fabrik gearbeitet und siedelte Ende Oktober wieder nach Darmstadt über.

Aus meiner Arbeit in Edersleben erwähne ich noch, dass wir in diesem Herbst den Missionsfrauenverein in Edersleben gründeten, die lieben Frauen kamen gern und zahlreich, tranken gerne ihren Kaffee und strickten fleißig Strümpfe und hörten zu, wenn ich ihnen von dem Werk der Mission vorlas. Wir sind da manchen der Frauen näher gekommen und haben treffliche unter ihnen gefunden und wertgeschätzt.

Meine freie Zeit benutzte ich, um Material zu einer Geschichte der Gemeinde Edersleben zu sammeln. Ich habe alles, was ich in Edersleben und Sangerhausen (zum Teil mit Hilfe des Lehrers Schmidt) über die Vergangenheit Ederslebens auffinden konnte, zusammengestellt und manche interessanten Blicke in die Geschichte der Gegend und der Gemeinde getan. Leider ist es mir nicht mehr vergönnt gewesen, das gesammelte Material zu einer Geschichte der Gemeinde Edersleben zu verarbeiten.

Zum 27. November waren Georg, Hans, Maria, Bernhard und Erich Petersilie bei uns, am 1. Dezember reiste dann Bernhard nach Mailand ab, wo sein Bruder Erich ihm eine Stelle bei den Schuckertwerken verschafft hatte. Weihnachten feierten wir mit den drei Jüngsten, dann kamen Hans und Maria und nach Weihnachten auch Lili von Fürth. So schloss das Jahr 1910, reich an viel Krankheit und manchem Schweren, aber auch reich an viel Durchhilfe und Freundlichkeit Gottes.

Home Nach oben 1910 1911 1912 1913 1914 1915 1916 1917


Wegen des enormen Spamaufkommens ist die Email-Adresse ab sofort nur noch mit eingeschaltetem JavaScript sichtbar:

© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04