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Als die Weihnachtsgäste wieder an ihre Arbeit gegangen waren, waren wir beiden Alten Ende Januar ganz allein in Edersleben. Meta hatte uns auch wieder verlassen, um Pastor Krause, der inzwischen mit seiner Familie nach Karwe übergesiedelt war, im Hause zu helfen.

Aus meinem Rundbrief vom 23. Januar: "Augenblicklich sind wir beiden Alten ganz allein. So wird's wieder still, wenn man alt wird, und das ist auch gut. Ich bin für meine hiesige Arbeit dankbar, freue mich der einfachen Verhältnisse und besonders darüber, mit dem hohen Kirchenregimente nichts mehr zu tun zu haben. Es war mir oft nicht leicht, seine Intentionen vertreten oder wenigstens dazu schweigen zu müssen. Wenn selbst Bruder Gr. (Mitglied des Konsistoriums) anfängt zu kritisieren, dann ist mir das eine Beruhigung und Entschuldigung, wenn in mir oft heißer Unwille aufsteigt. Wozu ist das Gesetz über Lehrirrungen gemacht, wenn es so wenig wie das Expropriationsgesetz in den Ostmarken zur Anwendung kommt....Soviel ist jedenfalls klar, dass mit der jetzigen Kirchenregierung unserer armen Kirche nicht aufgeholfen wird .... Meine Frau las mir an stillen Abenden das Leben Stöckers vor ....Wie gewaltig tritt einem doch der Mann entgegen. Ich habe mich in seinem Leben an vielem gestoßen, manches nicht gebilligt, aber wie groß steht er da gegenüber allen seinen Feinden - auch im Kirchenregiment. Es ist ein tragisches und doch reich gesegnetes Leben."

Ende Januar waren wir einige Tage in Hellerau im Kinderhaus und feierten dort den Geburtstag der Mutter und Großmutter. Die Reise war mein Geburtstagsgeschenk für sie. Die Kinder bewohnten ein behagliches Häuschen im Wald gelegen und freuten sich ihres eigenen Heims, die beiden Buben gediehen zu ihrer und unserer Freude.

Gleich nach unserer Rückkehr war Frau Niemann 14 Tage unser lieber Gast, müde von der langen Pflege der kranken Marianne Glimm in Halle. Wir freuten uns, dass sie bei uns sich ausruhen und erholen konnte.

Am 8. Februar starb unser Nachbar Pastor Rödiger in Riethnordhausen, nachdem ihm seine Frau am 22. Januar im Tode vorausgegangen war. Schmerzlicher aber war für uns der am gleichen Tage erfolgte Tod unsees lieben Freundes Pastor Müller in Thondorf. Wir fuhren sofort am 9. Februar zu seiner armen Frau, ich übernahm die Beerdigung seinem Wunsche gemäß, war am Abend noch in Mansfeld, wo an demselben Tage der neue Superintendent durch Generalsuperintendent Jacobi eingeführt wurde, um mit dem Superintendenten das Nötige wegen der Beerdigung zu verabreden. Ich ahnte damals nicht, wieviel Freud und Leid sich in den kommenden Jahren für uns mit Mansfeld verbinden würden. Am 11. Februar war ich dann wieder in Thondorf zur Beerdigung des lieben Freundes, der trotz aller seiner Schroffheiten und Härten ein aufrichtiger und treuer Mann war. Seinem Wunsche gemäß hielt ich keine Gedächtnisrede, sondern nur ausgedehnte Schriftverlesung und Gebet, abwechselnd mit Gemeindegesang an seinem Sarg in der Kirche.

Neue schmerzliche Eindrücke hatten wird bald darauf, als dem Pastor Schroer in Catharinenrieth, mit dem wir Besuche gewechselt hatten, rasch hintereinander zwei blühende Kinder starben. Wir waren beide Male am 23. 2. und 4. 3. zur Beerdigung, und unsere Teilnahme verband fortan das Schroersche Haus mit uns in guter Freundschaft. Er hat später in meiner schweren Leidenszeit in Edersleben uns immer wieder seine Teilnahme bewiesen und mich treulich besucht.

Im Februar waren wir am 20. und 21. zur Missionskonferenz in Halle und feierten mit Georg und Bernhard das glücklich bestandene Examen Georgs, aber wieder wurde die Hoffnung des Brautpaares auf Vereinigung hinausgeschoben, da Georg für diensttauglich befunden wurde. Er trat dann wohl am 1. April in Erlangen ein.

In den Osterferien waren nur Willi und Kurt bei uns, ersterer heldenhaft bemüht, seines Magenleidens durch täglich dreimaliges Auspumpen Herr zu werden, was ihm auch gelang. Osterdienstag reiste er nach Darmstadt zurück. An demselben Tage, 18. 4., wurde uns in Mailand zu unserer großen Freude ein neuer Enkel geschenkt, Erich jr., "ein prachtvoller Junge", der er auch geblieben ist.

Im Mai fing es wieder an, "Taubenschlag" im Edersleber Pfarrhaus zu werden. Zuerst kamen drei von dem werdenden Dutzend der Kinder von Ernst Johanssen. Seine Frau erwartete in Bethel das 12. Kind. Um sie zu entlasten, hatten wir drei eingeladen, Bertha 13 1/2 Jahre ale, Heide 5 1/2 und Hanni 4 Jahre alt. Bertha sorgte mütterlich für die kleinen Schwestern. Da das Wetter gut war, waren sie meist in der Laube und im Garten, und wir hatten unsere Freude an den Kindern, die uns keine Last waren. Sie waren vom 4. 5. bis 2. 6. bei uns, und wir sahen sie mit Bedauern scheiden, als sie zur Taufe des Neugeborenen ins Elternhaus zurückkehrten.

Am 19. Mai war die Wahlsynode in Oberröblingen a. See, auf der ich wieder als Deputierter zur Provinzialsynode gewählt wurde, mir wertvoll als Zeichen des Vertrauens meiner Amtsbrüder, das um so wertvoller war, da ich nicht mehr Superintendent war. Bald darauf hatten wir die lieben Eltern Greeven auf zwei Tage bei uns, wohl das letzte Mal, dass wir sie sahen.

Am 1. Juni kehrte Martha aus Frankreich zurück, wo sie seit dem 20. Oktober in Mazamet und zuletzt einige Wochen in Paris gewesen war. Sie machte zuerst in Barmen bei Siegfried und Dorothea Station, fuhr dann nach Bremen und brachte uns von dort die liebe Tante Minna mit. Da gab's viel zu erzählen, und wir genossen mit Freude das Zusammensein. Aber der Juni brachte noch viel Anderes. Vom 6. - 10. reiste ich zum kirchlich sozialen Kongress nach Nürnberg. Lili in Fürth hatte mich besonders zu der Reise bewogen. Ich freute mich, sie in ihrem Heim dort zu sehen und ihre Freundin und Mitarbeiterin Frl. Hofmann kennenzulernen. Der Kongress unter Leitung des Prof. Seeberg bot viel Interessantes und Anregendes. Ich traf dort auch meinen alten Freund Dekan Hopfmüller, besuchte mit Lili Georg in Erlangen ein paar Stunden, und zum Schluss war ich mit ihr einen Tag in Rothenburg, ein Städtebild aus dem Mittelalter, wie es sonst wohl nirgends so rein und unverdorben erhalten ist.

Mit mir zusammen kam Willi nich Edersleben, er kam von der Wartburg, wo er das Wingolfitische Wartburgfest mitgemacht hatte. Dann kam, als er nach Darmstadt zurückkehrte, Ria mit Diether und Klaus aus Hellerau für drei Wochen, während Fritz in Mörchingen eine Übung machte. Dann wieder 14 Tage nach Pfingsten am 18. 6. das Ephorialmissionsfest in Edersleben, das uns viele Tagesgäste brachte. In der Woche darauf der Besuch von Ernst Johanssen und endlich am Schluss des Monats die Freude über das wohlbestandene Assessorexamen unseres Hans, der dann mit Maria selbst sich unsere Glückwünsche holte. Wahrlich ein vielbewegter, freudenreicher Monat!

Der Juli war etwas ruhiger, einige Tage der Besuch von Hans Fritzsch (8. - 11.) und dann von Mutters Freundin, Frl. Hanna Heidrick, gegen Ende des Monats. Dann kamen wieder die Kinder, Willi aus Darmstadt, Erich und Ida mit ihren Kindern aus Mailand, dann Lili und Kurt und zuletzt Meta, die am 11. 8. von Karwe zurückkehrte. Als dann auch Maria und Georg noch einkehrten, hatten wir am 13. August einmal wieder 7 Kinder, 3 Schwiegertöchter und 2 Enkel bei uns, reiche Eltern, die im Winter so einsam gewesen waren.

Der Sommer war furchtbar heiß, monatelang kein Regen, alles verdorrt, und alle seufzten und stöhnten. Ich war nach der Unruhe des Sommers und bei der großen Hitze müde und matt und sehnte mich hinaus. So nahm ich Mitte August Urlaub. Wir überließen Haus und Hof den Kindern und gingen mit Lili in die Berge nach Oberhof. Auf dem Bahnhof in Erfurt trafen wir mit Erich und Ida zusammen, die eine kleine Reise gemacht hatten. Erich ging von da wieder in sein Geschäft, Ida kehrte nach Edersleben zu den Kindern und den Geschwistern zurück.

In Oberhof hatten wir selten schöne Wochen, liebe Gesellschaft, Idas Eltern waren 10 Tage mit uns dort, im Hause trafen wir Reichsgerichtsrat Happich mit Frau, und wieder durch sie lernten wir ihre Freunde, Ökonomierat Blume aus Kassel kennen. Happich, ein einfacher schlichter, aber scharfdenkender, tiefgebildeter und überall anregender Mann, Blume das Bild der behäbigen Gutmütigkeit und Freundlichkeit, auch beider Frauen sympathische Persönlichkeiten. Endlich die originelle Frau Major Jacob aus Halle mit ihrer musikalischen Tochter, hielt sich zu unserem Kreise. Ich habe selten oder nie in der Sommerfrische so angenehmen und anregenden Kreis von Bekannten gefunden als damals in Oberhof. Auch Herr und Frau Altenburg, Bankier aus Naumburg, lernten wir damals als unsere Tischnachbarn in Oberhof kennen und verkehrten mit ihnen. Mit all den Bekannten machten wir bald in größerem oder kleinerem Kreise viele schöne Wege. Wir hatten auch dort den Besuch von Hans, der mit Lili ein paar Tage im Thüringer Wald herumlief, und zum Schluss unseres Aufenthaltes war Kurt einige Tage bei uns. Da in Edersleben viel Krankheit und Sterben war, so kehrten wir noch vor Ende meines Urlaubs am 8. September nach Hause zurück, dankbar für die schönen Tage in den Bergen - erfrischt an Leib und Seele.

Der September brachte uns Einquartierung, Hauptmann Bergmann, den wir früher in Sangerhausen als Adjudanten beim Bezirkskommando kennengelernt hatten, und sein Freund von Loesecke, der auch schon ein Opfer des Krieges geworden ist. Beides feine und bescheidene Herren, so dass die Einquartierung keine Last war. Ende des Monats kehrte Willi nach Darmstadt zurück, nachdem er vergeblich in Lübben und Altenburg versucht hatte, zum Militärdienst angenommen zu werden.

Erich, der bei der lange anhaltenden Hitze sich in seinem Urlaub nicht erholt hatte, konnte nun die stramme Arbeit in dem heißen Süden, zumal er dabei viel Ärger hatte, nicht aushalten, konnte nicht mehr schlafen, so dass er um neuen Urlaub bitten musste. Er kam wieder nach Deutschland, war Anfang Oktober mit Ida kurz bei uns und ging dann auf Rat eines Nervenarztes in ein Sanatorium in Wilhelmshöhe, während Ida mit den Kindern bei ihren Eltern blieb. Erst Ende November konnten sie nach Mailand zurückkehren.

Das gab manche Sorge, aber schlimmer war neue Sorge um Hans. Er hatte nach seinem Examen zunächst Rechtsanwalt Hecht in Sangerhausen vertreten und suchte nach einer Stellung, auf die er bald heiraten könnte, aber lange vergeblich. Er wohnte bei uns und fuhr täglich nach Sangerhausen. Da wurde er Ende September krank, Blinddarmentzündung. Eisblasen, Liegen, Fasten half nicht so entschloss er sich, nach Nordhausen zu Dr. Eilers zu gehen und den Blinddarm entfernen zu lassen. Am 7. Oktober wurde die Operation gemacht, die glücklich verlief. Maria war bei uns und besuchte ihn fast täglich von Edersleben aus. Bis Ende des Monats blieb er in der Klinik, und erst Anfang November konnte er wieder arbeiten, zunächst am Amtsgericht in Artern, wohin er von Edersleben aus täglich fuhr.

Am 11. Oktober starb nach längerem Kranksein die gute alte Frau Pastor Stein, uns allen eine treue Freundin, für viele unserer Kinder wie eine liebe Großmutter, uns allen ein Vorbild kindlich einfältigen Gottvertrauens, das sie nicht zu Schanden werden ließ. Wie unsere Kinder an ihr hingen, zeigte sich daran, dass Fritz auf die Nachricht von ihrem Tode von Hellerau zu ihrem Begräbnis kam, so hatten wir die Freude seines Besuches in Edersleben auch.

Bald danach kehrte Freund Schmitz mit seiner Frau bei uns ein, dann reiste ich am 20. Oktober nach Merseburg zur Provinzialsynode. Sie brachte nicht viel Besonderes und erweckte nicht den Wunsch, noch öfter solche Versammlungen mitzumachen, weil zu wenig dabei herauskommt. Das Wertvollste ist die persönliche Berührung mit alten und neuen Bekannten und manchen interessanten Menschen. Zeitweilig war Mutter bei mir in Merseburg, den ersten Sonntag waren wir zusammen in Halle bei den verschiedenen Freunden, am 2. Sonntag war ich in Edersleben, um dort den Gottesdienst zu halten. Meta besuchte von Merseburg aus Joedickes in Lützen, ihren Bruder in Leipzig und die kranke Maria in Halle. Am 31. Oktober wurde die Synode geschlossen, nach kurzem Besuch in Lützen kehrte ich am 1. 11. nach Hause zurück.

Ende Oktober siedelte Martha nach Sangerhausen über, wo sie eine Vertretung an der Schule hatte und bei Frl. Wapler wohnte. Mitte November fuhr Meta über Bremen - Hull nach England, wo sie eine Stelle in Manchester antrat. Böse Überfahrt, aber seetüchtig, und auch die Stelle nicht recht für sie passend. Aber bald fand sie dann eine andere in dem Haus O'Hanlow (?), wo sie sich bald sehr wohl fühlte und wie Kind im Hause gehalten wurde.

So waren wir beiden Alten nach dem unruhigen aber reichen Sommer wieder allein, nur abends Hans bei uns, wenn er von Artern heimkehrte. Da war es uns eine liebe Unruhe, als uns zu meinem Geburtstag Ria auf der Reise nach Gladbach Diether brachte, den sie dann auf ihrer Rückreise am 19. Dezember wieder abholte.

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Schwiegertochter Ria mit Klaus und Diether zu Besuch aus Hellerau 1911

Weihnachten verlebten wir still in kleinem Kreis, Martha aus Sangerhausen und Kurt waren gekommen. Hans war noch immer bei uns. Es wollte ihm nicht gelingen, eine Lebensarbeit zu finden. Aber wir waren froh, dass er wieder ganz gesund war, wenn ihm das lange Warten auch oft die gute Laune verdarb.

Aus meinem Briefkränzchen: "Ich wollte ich wäre auch erst Freiherr wie Bruder Schmitz (pensioniert). Ich sehne mich oft danach, man hat zu sehr den Eindruck der vergeblichen Arbeit bei unseren traurigen kirchlichen Verhältnissen hier. Gerne möchte ich auch, solange ich noch lebe, mich einmal mehr meinen Kindern widmen können. Man sieht die zerstreuten Kinder immer nur flüchtig bei kurzem Besuch. Wenn ich den lebhaften Wunsch, mich pensionieren lassen zu können, habe, so trägt dazu auch nicht wenig unsere kirchliche Lage bei, die mir heilloser erscheint als manches aus unserem Kreis. Ja wenn's nur Jatho und Traub wären, aber wie viele andere stehen hinter ihnen, wie viele, die geradezu frech die kirchlichen Behörden herausfordern und dann einen gelinden Rüffel bekommen oder auch nicht. Wo bleibt da kirchliche Ordnung ? Die Umsturzpartei auf kirchlichem Boden wird von Tag zu Tag frecher, und überall beim Kirchenregiment wie in den Synoden kein Mut und Energie, das Bekenntnis der Kirche und den Glauben zu schützen, Das ist die Schattenseite des Staatskirchentums..... Das ist unser aller Schuld, dass es so weit gekommen ist. - Und im staatlichen Leben: Hier in Edersleben hatten wir bei der letzten Reichstagswahl 110 sozialdemokratische Stimmen neben 80 - 90 bürgerlichen. Da müssen neben den Fabrikarbeitern nicht nur die ländlichen Arbeiter, sondern auch eine ganze Reihe kleiner Bauern sozialdemokratisch gestimmt haben. Welche Zerrissenheit und dabei die nahe Kriegsgefahr, die nicht einmal die inneren Gegensätze mildert. Wir Deutschen sind wahrhaftig ein toll und töricht Volk. Ich las in letzter Zeit viel von und über Bismarck, auch Koser "Leben Friedrich des Großen". Gott gebe wieder solche Männer unserem Volk!"

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© Dr. Andreas Furbach,

Letzte Änderung 17.04.04